Wissenschaft und ethische Verantwortung

Germar Rudolf

1. Im Spannungsfeld evolutionärer und idealistischer Ethik

Ethik ist die Lehre von dem, was man tun und was man unterlassen soll. Sie versucht allgemeine und spezielle Richtlinien aufzustellen für das, was man als gut und was als böse ansehen soll. Seit nun fast 3 Jahrtausenden sind die verschiedenen Gedankengebäude der Ethik tradiert, und es ist nicht übertrieben festzustellen, daß es ebenso viele Ethiken gibt wie es je Philosophen auf Erden gab. Je mehr sich die Ethik von allgemeinen Aussagen entfernt, um so verschiedener werden die Ansichten über richtiges und falsches Handeln. Bereits so allgemeine Sätze wie der des Volksmundes: » Was Du nicht willst, das dir man tu', das füg' auch keinem andern zu« oder der etwas intellektueller formulierte kategorische Imperativ Kants »Handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum allgemeinen Naturgesetz werden sollte« finden noch weitgehend allgemeine Anerkennung.[1] Richtet man jedoch spezielle Fragen an die Ethik, so hört man schnell ein babylonisches Stürmengewirr.

Grundlage der Ethik ist die Einsicht, daß der Mensch von seinem Willen her frei ist, sich für oder gegen ein Tun zu entscheiden, und daß er fähig ist, die vernünftige, d.h. ethisch richtige Handlungsweise zu erkennen. Auf die Frage, ob es überhaupt so etwas wie Gut und Böse gibt, wer mit welcher Machtvollkommenheit dessen Festlegung trifft bzw. getroffen hat und warum der Mensch sich überhaupt an solche Vorgaben halten soll, antwortet die idealistische Ethik mit dem Verweis auf transzendente Mächte, seien es nun konkrete theologische Gottesbegriffe, pantheistische Vorstellungen oder anders geartete Gedankengebäude, so zum Beispiel auch die marxistische Idee vom Menschen als letztem Maß und Ziel aller Dinge.

Genau an dieser Stelle setzt die Kritik an der idealistischen Ethik an, denn die als letzte Begründung vorgeschobenen Ideale wurden in der Menschheitsgeschichte allzu oft zu Ideologien, in deren Namen große Verbrechen begangen wurden. Der Grund dafür liegt darin, daß die idealistische Ethik nicht danach fragt, was man von einem Menschen überhaupt erwarten kann, sondern im Extremen völlig realitätsferne Handlungsmaximen aufstellen kann.

An dieser Stelle kommt die evolutionäre Ethik ins Spiel, die als Ableger der Evolutionsbiologie versucht aufzuklären, was der Mensch von seiner Biologie her ist und zu welchen Handlungen und Unterlassungen er daher überhaupt fähig ist, was jede Ethik berücksichtigen muß. Grundlage hierfür ist die Erkenntnis der Biologie, daß der Mensch, wie jedes andere Lebewesen auch, ein Produkt einer viele Millionen Jahre währenden Evolution ist, die nicht nur sein Äußeres, sondern auch sein Verhaltensrepertoire entscheidend geprägt hat. Diese Prägung erfolgte über Hunderttausende, ja Millionen von Jahren in der Sozietät stein- und vorsteinzeitlicher Sippen. Daher lebt der Mensch als soziales Wesen im Spannungsfeld egoistischer und altruistischer, das heißt das Familien- und Sippenwohl fördernder Antriebe. Zu diesem Erbe gehört auch die Moralfähigkeit des Menschen, die in erster Linie zur Regelung des sippeninternen Lebens entstand.

Die evolutionäre Ethik unterliegt bei der Analyse des menschlichen Seins jedoch keineswegs dem naturalistischen Fehlschluß, daß aus dem Sein auf das Sollen geschlossen werden könnte, sondern macht sich auch über das ethische Sollen durchaus intensive Gedanken. Hier bildet die Grundlage die Erkenntnis, daß die Evolution grundsätzlich nicht zielgerichtet ist, sondern lediglich nach dem Gesetz von Zufall (Mutation) und Auswahl (Selektion) auf die Umweltbedingungen reagiert. Das Ergebnis einer solchen Entwicklung, hier das Wesen Mensch, ist somit in keiner Weise als gut oder schlecht zu bewerten. Somit ist auch das biologische Verhaltenserbe des Menschen nicht als ethische Kategorie zu begreifen, sondern es handelt sich hier schlicht um das Material, was die menschliche Ethik vorfindet und nun auf ein Sollens-Ziel hin bearbeiten soll. Die Ethik ist somit eine Art Vorschrift für die zielgerichtete SelbstEvolution des Menschen - ein in der Natur bisher einzigartiger Vorgang. Doch was ist das Ziel der Evolution? Wie- oben schon erwähnt, gibt es kein verbindlich definierbares Ziel, doch lassen sich aus der zwei Milliarden Jahre währenden Evolution Grundlinien herauslesen:

  1. Die Evolution führte im ganzen gesehen zu immer komplexeren, von der Umwelt unabhängigeren und erkenntnisfähigeren Lebenwesen.[2]
  2. Auf jede einzelne Art bezogen führte die Evolution in fast allen Fällen in Sackgassen, d.h. nur wenige Arten blieben vom Aussterben bedroht, und viele der heute noch existierenden Arten durchschritten in den letzen Jahrmillionen keine Entwicklung im unter Punkt 1 aufgeführten Sinne. Bakterien, Insekten, aber auch einige Amphibien und Fische sind heute annähernd so, wie sie vor Jahrmillionen waren, ja es gibt sogar einige Arten, die sich bezüglich Komplexität und Erkenntnisfähigkeit zurückentwickelten. (Wuketits, Mohr, Lütterfelds)

Aus diesen Zusammenhängen ergibt sich, daß es wahrscheinlich in Zukunft eine weitere Entwicklung in Richtung auf komplexere, erkenntnisfähigere Lebewesen gibt, an deren imaginären und möglicherweise unendlich weit entfernten Ende ein völlig von der Umwelt unabhängiges, allerkenntnisfähiges Wesen steht.[3] Jedoch ist es nicht möglich vorauszusagen, welche Art durch welche Anpassungsprozesse „das Rennen machen" wird.

Diese Überlegungen bringen nicht nur den Hauch der Transzendenz zurück in unsere Überlegungen, sondern zeigen uns auch auf, welche Chancen der Mensch besitzt, ein quasi unendlich entfernter Vorfahre dieses Wesens zu sein: Sie ist vorhanden, aber sehr unwahrscheinlich.

Fruchtbares Ergebnis dieser Gedankenübung ist zudem die Einsicht, daß der Mensch, wenn er den Gang des Lebens als Ganzes erhalten will, diese Evolution nicht stören darf. Dies bedeutet, daß die ethischen Maximen der Menschen über ihr Erbe (Erhalt und Förderung von Familie und Sippe) hinaus auch auf das Überleben der Spezies Mensch an sich gerichtet sein soll. Ferner verlangt diese Einsicht, daß wir andere Arten sowie deren überlebensnotwendige Umfelder (Biotope) in ihrer Vielfalt erhalten. Vielfalt ist eine notwendige Voraussetzung für Evolution, denn nur da, wo es viele Auswahlmöglichkeiten gibt, kann durch Selektion ein „Besseres" im Sinne von Komplexität, Unabhängigkeit und Erkenntnisfähigkeit entstehen. Damit ist zugleich schon ein Konflikt angesprochen, denn Evolution setzt auch immer die Ausselektion, also den Tod des Unangepaßteren bzw. der unangepaßteren Art voraus. Die Existenz einer Art ist also kein Wert an sich, genauso wie der Tod einer Art kein Unwert darstellt. So mag man das durch den modernen Menschen bedingte massenhafte Artensterben zwar als eine katastrophale Verminderung irdischer Artenvielfalt ansehen, jedoch ergibt sich für die Natur dadurch gleichfalls eine Chance, da viele ökologische Nischen frei werden, die durch neue Arten in Zukunft besetzt werden können[4] - vorausgesetzt, daß der Mensch der Natur dazu in Zukunft eine Chance läßt.[5]

Diese biologischen Überlegungen lassen sich ohne weiteres auch auf soziale, kulturelle und wirtschaftliche Phänomene übertragen. Während die hier erarbeiteten Prinzipien bezüglich wirtschaftlicher Vorgänge seit vielen Jahrzehnten anerkannt sind (sozialverträgliche Wettbewerbswirtschaft, Monopolvermeidung), können sie sich im sozialen und kulturellen Bereich aus Gründen, die nachfolgend beleuchtet werden, nicht immer durchsetzen.

Als Quinteszenz vom Standpunkt der evolutionären Ethik läßt sich also sagen, daß alles, was die Evolution nicht behindert, als positiv anzusehen ist. Hindern würde sie, wenn man Artenvielfalt dauerhaft unterdrücken würde, zum Beispiel durch wirtschaftliche Monopolstrukturen, durch die politisch oder wirtschaftlich forcierte Einebnung der sozialen und kulturellen Vielfalt. Behindert würde sie auch durch eine allzu aggressive Konkurrenz der Wettbewerbsteilnehmer, durch die möglicherweise das Gesamtsystem, sei es wirtschaftlich, sozial oder kulturell, existentiell bedroht wäre.[6]

Die evolutionäre Ethik beschreibt daher, welche Verhaltensweisen nicht angebracht sind, wenn man die Entwicklung auf ein Ziel hin nicht gefährden will. Sie kann und will im Gegensatz zur idealistischen Ethik jedoch keine Aussagen über das Ziel selber machen.

Die Vielfalt menschlicher Zielsetzungen ist vielmehr eine der Voraussetzungen der Evolution, weshalb die Zielvorgabe selbst somit nicht Inhalt einer allgemeingültigen Ethik sein kann.

2. Die ethische Verantwortung des Wissenschaftlers

Schon in der antiken Philosophie galt die Kenntnis der Wahrheit als Grundlage für die Befreiung des Menschen von Umweltsachzwängen, also als Grundlage der Freiheit schlechthin, und somit als hohes Gut. Wissenschaft wurde begriffen als die Entdeckung der Gesetze in der Welt. Das Vermögen zu dieser Erkenntnis gibt uns die Vernunft. Die Ethik war nach damaliger Auffassung die per Wissenschaft erfaßbare Rückführung des Seins und Sollens auf einen letzten (evt. transzendenten) Grund. Wissenschaft um ihrer selbst Willen, also die Theorie, war die höchstmöglich denkbare Befreiung von äußeren Sachzwängen, war somit die höchste Freiheit, das höchstes Gut.

René Descartes erweiterte diesen Wissenschaftsbegriff, indem er nicht mehr nur die Kenntnis der Wahrheit (im Sinne des Gesetzes), sondern bereits die Fähigkeit zur Wahrheitserkenntnis und die Wissensvermehrung selbst als hohes Gut ansah. Damit war der Weg gewiesen zur produktiven Forschung. Noch heute findet man eine Abstufung im Ansehen von Wissenschaftlern, je nach der Entfernung von der reinen, theoretischen Wissenschaft: Forscher > Lehrer > Anwender.

Biologisch gesehen ist die möglichst wirklichkeitsgetreue Erkenntnis der Umwelt sowie der kausalen Zusammenhänge der Ereignisse Voraussetzung für die optimale Überlebenschance einer Art. Das Primat der Erkenntnis ist evolutionsbiologisch gesehen also etwas Gutes. Beim Menschen spielt der genetisch determinierte Drang nach Erkenntnis[7] eine größere Rolle als bei jedem anderen Wesen und bedingt seine Überlegenheit (Fitness). Der Erkenntnistrieb ist zudem eine Eigenschaft, deren Früchte grundsätzlich die Fitness der Gesamtgruppe erhöhen. Wissenschaft ist also keine egoistische Tätigkeit, sondern vielmehr auf die optimalere Anpassung der Sozietät bzw. Art gerichtet. Da unser Erkenntnisstreben jedoch gegenüber anderen lebenserhaltenden Trieben sekundär ist, ist er auch vorübergehend ausschaltbar.

Aus dem oben Gesagten ergibt sich direkt, daß die Wissenschaft in erster Linie dem Ethos der Wahrhaftigkeit verpflichtet ist, wenn sie für die Sozietät wahre und somit vorteilhafte Erkenntisse liefern will. Der Wissenschaftler ist somit verpflichtet, seine Erkenntnisse zumindest der jeweiligen Sozietät mitzuteilen, wobei er ihr ermöglichen muß, seine Arbeit bezüglich ihrer Wahrhaftigkeit zu überprüfen.[8]

Aus der Unterordnung des Erkenntnistriebes unter die vielen anderen menschlichen Triebe ergeben sich jedoch auch Probleme, die dieses Ethos zu untergraben drohen.

Hier ist zuallererst die Gefahr der Politisierung der Wissenschaft zu nennen, daß heißt die Instrumentalisierung wissenschaftlicher Arbeit oder Erkenntnis für außerwissenschaftliche Zwecke, wozu nachfolgend einige wichtige Beispiele erläutert werden. Aus der Tatsache, daß jeder Wissenschaftler auch immer ein homo politicus, also ein in der Sozietät eingegliedertes Wesen ist, ergibt sich für ihn - je nach Forschungsobjekt mehr oder weniger - die Gefahr, daß er selber (bewußt oder unbewußt) außerwissenschaftliche Motivationen in seine Tätigkeiten einfließen läßt - ganz abgesehen davon, daß Außenstehende bisweilen versuchen, ihm solche Ziele aufzudrängen.

Da die Sozietät sich darauf verlassen können muß, daß die Erkenntnisse des Wissenschaftlers tatsächlich der Wahrheit entsprechen, liegt es also ferner in der ethischen Verantwortung des Wissenschaftlers, die Prämissen seiner Forschung stets mit anzugeben, damit die Umwelt erkennt, ob und in welchem Ausmaß möglicherweise außerwissenschaftliche Einflüsse die Arbeit des Wissenschaftlers beeinflußt haben könnten. Zudem hat jeder Wissenschaftler die Pflicht, die Einschränkung möglicher Fragestellungen als auch jeden Einfluß außerwissenschaftlicher Interessen auf die Ergebnisse der Forschungen abzuwehren, also das Grundrecht auf Freiheit der Wissenschaften an vorderster Front zu verteidigen. Heute ist die Wissenschaft in weiten Bereichen die Grundlage für die Gestaltung und Führung menschlichen Lebens. Allein schon dadurch wächst ihre Verantwortung. Außerdem hat die Schadensfähigkeit der umgesetzten Erkenntnisse der Wissenschaft enorm zugenommen. Es stellt sich daher die Frage, ob die Wissenschaft über die oben aufgestellten sittlichen Normen hinaus nicht noch viel mehr Verantwortung zu übernehmen hat. Zunächst einmal gilt es festzuhalten, daß die ihren sittlichen Nonnen gerecht werdende Wissenschaft für mittels ihrer Erkenntnissen begangene „böse" Taten ebensowenig verantwortlich ist, wie Gott für seine in Freiheit entlassene „bösen" Menschen verantwortlich gemacht werden kann. Allerdings steht natürlich jeder Wissenschaftler als politische Person (im grundlegenden Sinne) immer auch in der Verantwortung, und gerade heute kommt vielen Wissenschaftlern in politisch bedeutsamen Fragen, die ihr Fach berühren, auch eine politische Rolle zu, die er Kraft seiner politischen Kompetenz - die er freilich stets von seiner wissenschaftlichen trennen muß! - annehmen sollte. Um diese Rolle jedoch ausfüllen zu können, wünscht man sich bisweilen bei so manchem Wissenschaftler eine höhere soziale Kompetenz, und man wünscht sich von der Öffentlichkeit, daß sie diese nicht mit der wissenschaftlichen verwechselt. Notwendig wäre also zum einen eine bessere universale Ausbildung gerade der naturwissenschaftlich-technischen Eliten, zum anderen eine Aufklärung der Öffentlichkeit über die menschlichen Fehler der „Götter in den Elfenbeintürmen der Wissenschaft".

Abzulehnen ist auf jeden Fall jede Form von Wissenschaftsfeindlichkeit, denn diese bedeutet das Ende der geistigen Evolution des Menschen hin auf höhere Erkenntnis und Erkenntnisfähigkeit, mithin eine evolutive Degeneration.

3. Konventionelle ethische Konflikte der Wissenschaft

3. 1. Technikfolgenabschätzung

Technische Innovationen, wie die maschinelle Revolution oder die Einführung elektronischer Datenverarbeitungssysteme, brachen über die Menschheit immer wie Naturgewalten herein. Diese Anfangs zumeist unscheinbaren Neuerungen wurden und werden zur Zeit ihrer Erfindung zumeist nicht richtig eingeschätzt. Die Ursache dafür liegt schlicht in dem Umstand, daß die Zukunft nicht voraussehbar ist, auch nicht bezüglich der Konsequenzen technischer Neuerungen. Es ist daher prinzipiell zuviel verlangt, von einem Wissenschaftler eine korrekte Abschätzung der Konsequenzen seiner Erkenntnisse und Erfindungen zu erwarten, ganz besonders dann, wenn es sich um Dinge handelt, die anfangs nur in geringem Umfang in das Leben des Menschen und seiner Umwelt eingreifen. Ihre problematische Seite offenbaren Erfindungen meist erst, wenn sie zu einem Massengut geworden sind, wenn sie also aus dem Herrschaftsbereich des Wissenschaftlers in den des freien wirtschaftlichen Marktes übergegangen sind. Korrigierende und regulierende Einflüsse auf die Mechanismen des Marktes aber obliegen der Politik, die freilich zwecks richtiger Lagebeurteilung auf das Fachwissen der Wissenschaftler zurückgreift bzw. greifen sollte.

Etwas anders sieht die Abschätzbarkeit der Folgen von Großprojekten aus, deren Einflüsse auf die Umwelt von Anbeginn an merklich sind und die nur in Grenzen den Gesetzen des Massenmarktes unterworfen sind, wie zum Beispiel die Kernenergie. Hier ist der Wissenschaftler von Anbeginn an als Gutachter gefragt, und hier muß sich sein Ethos der Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit bewähren, soll sein Ruf als Wahrheitssucher und -verkünder nicht Schaden erleiden. Gerade hier aber tut sich für die Öffentlichkeit bemerkbar eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit auf,[9] denn wer wüßte nicht, daß zu umstrittenen Projekten viele jeweils (unterstelltermaßen) sachlich richtige Gutachten erstellt werden, die sich aber dennoch im Ergebnis häufig widersprechen. Da es immer nur eine Wahrheit geben kann, deuten die widersprüchlichen Gutachten darauf hin, daß viele Gutachter zwar eine korrekte Arbeit anfertigten, daß sie aber aus Kompetenzmängeln oder aus Voreingenommenheit nur einen Teilaspekt der Problematik untersucht haben. Durch diese Verbreitung lediglich partikularer Wahrheit, etikettiert als ganze Wahrheit, kann der Ruf der Wissenschaft ernsten Schaden nehmen. Hier mangelt es häufig an der oben erwähnten Pflicht des Wissenschaftlers, die Prämissen seiner Arbeit offenzulegen, also die Grenzen seiner fachlichen Kompetenz und seinen persönlichen Standpunkt.

3.2. Rüstung

Ein Engagement des Wissenschaftlers für die militärische Rüstung wird teilweise rigoros abgelehnt, da Rüstung zumindest durch den Export immer auch dem Morden diene. Diese Position ist jedoch unrealistisch, denn sie orientiert sich nicht an der menschlichen Natur, die durch ihre ethnozentrische Prägung immer wieder Ursache kriegerischer Auseinandersetzungen ist. Solange dieser Umstand nicht überwunden ist, wird es sich keine Gesellschaft leisten können, auf militärischen Selbstschutz zu verzichten, wozu eben auch militärische Forschung nötig ist. Entscheidend für ein Engagement des Wissenschaftler für militärische Forschung ist die Frage, ob der Staat oder das Bündnis, dem er mit seiner Forschung dient, den grundlegenden Prinzipien evolutionärer Ethik entspricht oder nicht. Ist die Obrigkeit nach des Wissenschaftlers Erkenntnisstand darauf aus oder unterstützt es die Intention anderer, durch militärische Gewalt bzw. Gewaltandrohung die konkurrierende Vielfalt menschlicher Sozialsysteme zu verarmen oder gar zu zerstören, so darf sich kein Wissenschaftler dieser Forschung widmen. Dient seine Obrigkeit dagegen dem Erhalt und der Förderung der Vielfalt menschlicher Sozial-, Wirtschafts- und politischer Systeme, so ist eine Engagement ethisch vertretbar.

 3.3. Medizin

Daß der Segen der modernen Medizin zugleich ein Fluch ist, erkennt man an den Folgen, die sie dank ihrer lebenserhaltenden Funktion bezüglich der Überbevölkerurig in der Dritten Welt zeitigt.[10] In den Industrieländern ist die Kritik an der Intensivmedizin, deren Aufwand stellenweise in keinem Verhältnis mehr zum Nutzen zu stehen scheint und die den Menschen schlicht als Maschine zu begreifen scheint, seit langem unüberhörbar und zeigt einige Wirkung, z.B. in der verstärkten Zuwendung der Mediziner zum Patienten als geistigem Wesen und in der verstärkten Anerkennung homöopathischer Therapien durch die Krankenkassen.

Der Komplex Intensivmedizin rührt noch an einem anderen empfindlichen ethischen Punkt, nämlich der Sterbehilfe. Zwar ist der Arzt verpflichtet, menschliches Leben zu retten und zu erhalten, doch stellt sich immer wieder in Grenzfällen die Frage, ob eine passive oder eventuell sogar aktive Sterbehilfe erlaubt sein soll. Dieser Komplex führt geradewegs zum Streitpunkt Euthanasie, die als aktive Sterbehilfe ohne Zustimmung des Betroffenen beschrieben werden kann, und die sich damit in mittelbarer Nähe zur Tötung, ja zum Mord befindet. Tatsächlich gibt es immer wie er Fälle, bei denen der Mediziner ein geistig und körperlich völlig verkrüppeltes Wesen vor sich sieht, das er kaum mehr Mensch zu nennen wagt. Wenn in solchen Fällen von einigen Medizinern im Namen dieser Menschen das Recht auf einen Gnadentod gefordert wird (Singer, S. 208f), so wird dies nicht etwa sachlich diskutiert, sondern stößt aufgrund der Geschichtsschreibung über die Euthanasie im Dritten Reich, die als direkte Vorstufe für die Massenvergasungen angesehen wird, meist auf helle Empörung.

Ähnliche Affekte überkommt die öffentliche Diskussion, wenn es darum geht, zur Aids-Prävention das Bundesseuchengesetz anzuwenden, um einer Masseninfektion besser vorbeugen zu können. Unter dem (unbewiesenen und falschen) Hinweis, daß diese Maßnahmen radikalen rechten Gruppen dazu dienen könnten, bestimmte gesellschaftliche Gruppen (Homosexuelle) auszugrenzen und zu stigmatisieren, lehnen es selbst viele Mediziner, die bezüglich der Euthanasie jedes Leben, und sei es noch so verkrüppelt, verteidigen, ab, Millionen von Menschen vor einer mit Sicherheit tödlichen Seuche effektiver zu schützen. Schließlich wisse man ja, wohin solche anvisierten Stigmatisierungen (um die es tatsächlich ja gar nicht geht) früher schon einmal geführt haben...

Bezüglich der Abtreibungsdiskussion sieht sich der Mediziner in einer Rolle des Symptomkurierers einer Gesellschaft, die nach Jahrzehnten der Propagierung egoistischer Werte, wie Selbstverwirklichung, Emanzipation, Antiautorität, sexuelle Befreiung, Konsummaximierung bis zum Hedonismus, den Altruismus bezüglich ihrer schwächsten Glieder auf Kosten ihrer eigenen Überlebensfähigkeit, aber auch auf Kosten der altruistischen Triebbefriedigung jedes einzelnen Menschen, verloren zu haben scheint. Hier gegenzusteuern wäre Aufgabe von Pädagogik, Soziologie und Politik. Die Verantwortung der Medizin kann nur so weit gehen, auf dem biologisch unbestreitbar vollwertigen Charakter des werdenden Lebens zu bestehen, auf die psychischen Schäden der verhinderten Mutter und der Gesellschaft allgemein hinzuweisen sowie nach Möglichkeit jede Mithilfe beim millionenfachen Massenmord im Mutterleib zu verweigern.

Wie grotesk kommt einem die hunderttausendfache jährliche Abtreibung vor, wenn man sich vergegenwärtigt, daß parallel dazu die Medizin durch aufwendige Techniken neues menschliches Leben durch künstliche Befruchtung erzeugt. Tatsächlich tun sich hier völlig neue Dimensionen wissenschaftlicher Verantwortung für die Mediziner auf, zumal sie zumindest anfänglich Herr sind über die Zahl und Verwendungsweise der künstlich gezeugten Embryonen. Hier hat allerdings der deutsche Gesetzgeber dem Mißbrauch menschlicher Embryonen durch die Forschung einen Riegel vorgeschoben (anders dagegen im Ausland, etwa in den USA). Die ethischen Gesichtspunkte der Handhabung und Manipulation menschlicher Keimzellen soll im nächsten Abschnitt näher untersucht werden.

4. Neuere Problemfelder

4. 1. Gentechnologie

Die Manipulation natürlicher Gene ist ein Vorgang, der in der Natur seit Jahrmillionen gang und gäbe ist, nicht nur durch die Mutation, sondern auch durch zellinterne Mechanismen bzw. durch Schmarozer vom Typ der Viren. Auch der Mensch bewirkt bereits seit Jahrtausenden, als er seßhaft wurde, durch die Zucht von Kulturpflanzen und Haustieren ein gezielte Veränderung der Erbanlagen der Geschöpfe seiner Umwelt. Neu an der Gentechnik ist daher im Prinzip nur, daß der Mensch nicht mehr nur durch äußere Eingriffe manipulierend wirkt, sondern sich die zellulären Mechanismen der Erbgutveränderung zu eigen gemacht hat.

Die Segnungen dieser Technologie sind heute allgemein anerkannt: Preiswerte, resourcenschonende und ökologisch verträgliche Massenerzeugung spezifisch hochwirksamer biologische Pharmazeutika und anderer Chemikalien, Einsatz für die medizinische Diagnostik erbbedingter Krankheiten und auch im Bereich der Kriminologie. Auch die gezielte Verbesserung von Pflanzen hin zu höherem Ertrag, Nährstoffgehalt und/oder Resistenz gegen Umweltbedingungen und Krankheiten wird gemeinhin begrüßt.[11] Die Grenze der Zustimmung wird jedoch meist erreicht, wenn es um die Manipulation des Genmaterials höherer Tiere geht (bei Insekten scheint sich noch niemand aufzuregen). Je näher sich die Gentechnologie also in der Manipulation der Erbanlagen dem Menschen nähert, um so umstrittener wird sie. Tatsächlich besteht jedoch, wie bereits angemerkt, kein prinzipieller Unterschied zwischen der Manipulation von Viren- oder Säugetier-Genen, sei es durch die Natur oder durch den Menschen. De facto verhält es sich bezüglich der Gentechnologie so wie anfangs beschrieben: Sie unterliegt als einfach zu beherrschende und wenig aufwendige Technologie den Gesetzen des Massenmarktes. Es kann sich also nicht die Frage stellen, ob wir die Gentechnologie wollen oder nicht, sondern nur noch, was wir mit ihr anfangen, ob der Mensch die Geister, die er gerufen hat, auch beherrschen kann. Technisch sind wir noch lange nicht in der Lage, auch nur ein primitives Virus aus dem Nichts zu erschaffen, geschweige denn gezielt das Erbmaterial des Menschen zu verändern. Doch gesetzt den Fall, daß wir dazu einst in der Lage wären, wie sollen wir dazu stehen?

Die moderne Medizin hat in den letzten Jahrhunderten dazu beigetragen, daß auch solche Menschen überleben und sich fortpflanzen konnten, die ohne sie nicht über lebensfähig gewesen wären. Durch diesen Prozeß, der sich in Zukunft noch verstärken wird, wird die natürliche Selektion größtenteils ausgesetzt, die Mutation sorgt hingegen für eine zunehmende Diversifizierung des Erbmaterials. Da statistisch gesehen nur ein geringer Anteil der Mutationen für die Fitness des Menschen vorteilhaft sind, hat dieser Vorgang unweigerlich eine zunehmende erbliche Degeneration des Menschen zur Folge.[12] Will der Mensch diesen Prozeß, der über kurz oder lang unweigerlich zum Untergang seiner Kultur führt, aufhalten, so muß er entweder die natürliche durch eine gezielte Selektion ersetzen oder aber die negativen Mutationen des Erbguts selber korrigieren. Eine gezielte Selektion, daß heißt die u.U. auch staatlich erzwungene Sterilisierung oder gar Tötung erbkranken Nachwuchses (negative Eugenik), wie sie bis in die dreißiger Jahre in vielen auch demokratischen Ländern diskutiert und in Einführung war, ist spätestens seit dem Untergang des Dritten Reich ein Tabu. Wie wir heute wissen, ist sie zudem ein untaugliches Instrument, da es annähernd unmöglich ist zu definieren, ab welchem Grad genetischer Degeneration wer welchen Zwangsmaßnahmen unterliegen soll - ganz abgesehen von dem zur Durchsetzung solcher Politik notwendigen Gewalt und dem ethisch nicht vertretbaren Eingriff in die Würde des Menschen.

Anders dagegen ist die Perspektive, die eine positive Eugenik bietet, also eine gezielte Veränderung des Erbgutes in den menschlichen Keimzellen. Hier allein liegt ein ethisch vertretbarer Weg, um die in der humanen Gesellschaft größtenteils ausgeschaltete Selektion in ihrer degenerierenden Wirkung zu kompensieren. Es ist daher nicht übertrieben, wenn man angesichts dieses Problems voraussagt, daß der Mensch in Hochkulturen in Zukunft auf Gedeih und Verderb auf die Gentechnologie zur Korrektur seiner Degenerationstendenzen angewiesen sein wird.

Daß die Gentechnologie in Zukunft auch mißbraucht werden könnte, etwa zur Serienerzeugung genetisch identischer Menschen, kann zwar nicht ausgeschlossen werden, jedoch würde gerade ein solches Vorgehen die Vielfalt des menschlichen Genpools verarmen lassen und somit die biologische Fitness reduzieren. Derartige Mißbräuche würden sich also über kurz oder lang selber regulieren.

Ein etwas anders gelagertes Problem zeigt sich bereits heute. Die Gentechnologie ist einer der wachstums- und profitträchtigsten Zweige der Wirtschaft. Dadurch ruht auf dem von der Wirtschaft vereinnahmten Wissenschaftler ein ungeheurer Druck nicht nur bezüglich der Erfolgserwartung, sondern bereits bezüglich der Fragestellungen seiner Forschung. Dies hat schon heute einerseits zu vielfältigen Verstößen gegen das Wahrhaftigkeitsethos aus Profit- und Geltungssucht seitens der Wissenschaftler als auch zu einer Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit durch industrielle und industriepolitische Vorgaben geführt. Hierauf sollte die Öffentlichkeit wesentlich größere Aufmerksamkeit richten als auf rational zumeist unbegründete Ängste vor grausamen Aliens aus dem Reagenzglas.

4.2. Biologische Psychologie

Eysenck (1985) hat ausführlich dargelegt, daß die Freudschen Thesen zur Psychoanalyse ein Analogon zu den Marxschen Thesen zur Wirtschaft sind. Beide sind größtenteils unfundierte und somit pseudowissenschaftliche Gedankengebäude, die leider mangels Konkurrenz großen Einfluß erlangten und großen Schaden zufügen konnten. Freuds Thesen von der Beeinflussung des Menschen vor allem durch in der Kindheit Erlebtes fand besonders in der behavioristischen Schule der Psychologie, großen Anklang, die das Verhalten und Fehlverhalten von Menschen lediglich oder doch überwiegend auf Einflüsse der Umwelt zurückführen. Demnach müssen nur die Umweltbedingungen derart gestaltet werden, damit der gute Mensch entstehen kann. Es gelte, die Entfremdung des Menschen von seinem guten Kern durch negative Umwelteinflüsse abzubauen. Diese Auffassung werden wir im nächsten Abschnitt näher besprechen.

Die moderne, auf Erkenntnissen der Biologie vor allem in der Hirnforschung, der allgemeinen Neurologie, der Hormonchemie u.a.m. fußende Psychologie hat dagegen längst erkannt, daß die Thesen Freuds nichts als Hirngespinnste sind. Ausgangspunkt der modernen biologischen Psychologie ist die für eine exakte Naturwissenschaft unumgängliche Feststellung, daß auch sämtliche Vorgänge in einem Menschen dem Kausalitätsprinzip und somit den allgemeinen Naturgesetzen gehorchen. Bewußtsein, Selbstreflektion, Gefühl.e, der freie Wille: All diese Dinge sind keine transzendenten, von den Naturgesetzen abgehobene Komponenten des Menschen, sondern Bestandteil seiner Natur und als solche im Laufe der Evolution entstanden.[13] Dank dieses Denkansatzes konnte die moderne Psychologie enorme Erfolge in der Erklärung, Heilung, aber auch Manipulation psychischer Phänomene für sich verbuchen. Fraglich bleibt aber, ob es dem Menschen je gelingen kann, sich selber voll zu erkennen und zu erklären. Rein logisch kann man nämlich argumentieren, daß es zur Erkenntnis einer komplexen Struktur eines Erkenntnisapparates bedarf, der komplexer sein muß als die zu erkennende Struktur. Eine volle Selbsterkenntnis wäre mithin nie möglich.

Die Auffassung des Menschen als zumindest hypothetisch naturwissenschaftlich erklärbarer Maschine hat zurecht auch starke Kritik hervorgerufen, denn wenn all unsere Handlungen kausal begründet sind, dann kann es keinen freien Willen geben, und ohne freien Willen gibt es auch keine Schuld, keine Verantwortung. Da jeder Naturwissenschaftler aus eigener Erfahrung um die (lediglich) subjektiv wahrgenommene Tatsache seines eigenen freien Willens weiß, steht er hier, wenn er die Maximen der Naturwissenschaft nicht über Bord werfen will, vor einem unlösbaren Problem (Aporie). Das hier angesprochene Leib-Seele-Problein ist schon von antikem Charakter und wird sich auch in diesem Rahmen nicht lösen lassen. Der von Rensch vorgeschlagene Ansatz, der Materie mehr als ihre bloße Existenz zuzugestehen, also eine Art Protopsyche, aus der bei hochkomplexen Systemen so etwas wie ein Bewußtsein entstehen kann, läßt sich durchaus mit der häufig anzutreffenden Beobachtung in Deckung bringen, daß in der Natur das Zusammenfügen von Dingen, denen man beispielsweise den Wert eins zugesteht, selten ein Ding des Wertes zwei, sondern eines mit gänzlich neuen, unvorhergesehenen Eigenschaften ergibt. Das liegt schlicht daran, daß auch die Naturwissenschaft selten alle Eigenschaften ihrer Untersuchungsgegenstände kennt.

Auch das Dilemma der vermeintlich von der Naturwissenschaft negierten Existenz eines freien Willens läßt sich entschärfen, wenn man sich bewußt ist, daß schon bei einfachen gekoppelten Systemen, wie etwa dem Doppelpendel, die Naturwissenschaft keine exakte Vorhersage mehr über das Verhalten des Systems machen kann, da es unmöglich ist, alle dafür notwendigen Parameter in Erfahrung zu bringen: Die Bestimmung der Parameter würde dieselben unkontrollierbar beeinflussen. Da die Hauptursachen für die Handlungen des weitgehend autarken, extrem hochkomplexen Menschen aus ihm selbst kommen, macht es mir zumindest keine Schwierigkeiten, von einer gänzlich kausal bestimmten Handlungsweise des Menschen auszugehen.

Neben der zu vermeidenden Gefahr, den Menschen als schuldunfähiges, da willenloses Wesen einzustufen, drohen die Erkenntnisse der modernen Psychologie zwecks Beeinflussung der Menschen mißbraucht zu werden. Die Einsicht in die Mechanismen beinahe unbegrenzter Manipulierbarkeit der menschlichen Psyche hat etwas extrem Erschreckendes an sich und verlangt gerade vom Psychologen, sich jeder solchen Tätigkeit zu enthalten und die Öffentlichkeit über die seinen Erkenntnissen innewohnenden Gefahren aufzuklären.

4.3. Soziobiologie

Der Mensch ist unter den Geschöpfen dieser Erde dasjenige Wesen, dessen Verhalten mit der Geburt am wenigsten festgelegt ist, er ist ein Anpassungsgenie und wird zum Menschen erst durch seine Sozialisation in der menschlichen Gesellschaft. Der Umkehrschluß: der Mensch ist bezüglich seines Verhaltensrepertoires genetisch überhaupt nicht festgelegt, geht jedoch, wie die Erkenntnisse der Verhaltensforschung der letzten Jahrzehnte zeigen, völlig fehl.

Neben den bereits zu Anfang aufgezählten Eigenschaften des den Egosimus bremsende, auf, die Sippe bezogenen Altruismus inklusive der Moralfähigkeit und dem explorativen Trieb erfolgte in der Jahrtausende währenden Evolution unseres genetischen Erbes eine gewisse Prägung zur Territorialität, d.h. zur Revierinbesitznahme und -verteidigung, ein ethnozentristisches Verhalten gepaart mit der Ablehnung fremder Sippen, die Ausbildung sozialer Hierarchien, begleitet von Machtstreben, Dominanzverhalten, Statusbewußtsein und einer sozialen Rollenverteilungen (auch in begrenztem Maße unter den Geschlechtern), sowie der Drang nach Konformität mit den Verhaltensnormen der eigenen Gruppe.

Darüber hinaus hat die Beobachtung getrennt aufgewachsener eineiiger Zwillinge ergeben, daß geistige Eigenschaften wie die Intelligenz nur in sehr geringem Umfang von Umweltfaktoren abhängig sind. Man spricht heute davon, daß 80% unserer geistigen Kapazität genetisch prädestiniert sind, und nur die restlichen 20% können von der Umwelt beeinflußt werden. Die Unterschiede zwischen den Menschen lassen sich also nur unwesentlich durch Umwelteinflüsse erklären oder verändern, sie sind überwiegend genetisch fixiert. Auch die moderne Hirnforschung hat ergeben, daß die Strukturen unseres Hirns erstaunlich weitgehend durch erbliche Prädispositionen festgelegt sind, wobei auch hier statistisch relevante Abweichungen zwischen den Geschlechtern beobachtet werden können, die u.a. im Sozialverhalten zum Ausdruck kommen.

Wenn man diese Erkenntnisse der modernen Biologie versucht zur Anwendung zu bringen, das heißt als neue Grundlagen einer Soziologie zu nehmen versucht, so muß man sich der anfangs gemachten Schlußfolgerungen gewahr sein: Aus den Tatsache, daß der Mensch z.B. für den Ethnozentrismus prädestiniert ist und Xenophobie eine - je nach Individuum mehr oder weniger ausgeprägt - genetisch fixierte Eigenschaft ist oder daß es statistisch betrachtet merkliche Verhaltensunterschiede zwischen Mann und Frau gibt, folgt noch nicht notwendig, daß wir dies als gut hinzunehmen haben. Es folgt lediglich, daß wir diese Tatsachen als zur Zeit unveränderlich zu akzeptieren und in unserer Politik zu berücksichtigen haben.

Das von uns vorgefundene genetische Verhaltenserbe kann jedoch bei entsprechender Konditionierung als vorteilhaft empfunden werden. So ist es z.B. nur natürlich und vernünftig, daß Mann und Frau allein schon aufgrund ihrer biologischen Unterschiede und der sich daraus ergebenden Rollen auch im Verhalten anders geprägt, sind. Wie sehr sich dies allerdings letztlich ausprägt, bleibt der jeweiligen Partnerschaft überlassen. Die Ideologie von der Gleichheit von Mann und Frau jedenfalls widerspricht nicht nur den Tatsachen, sondern schadet über kurz oder lang beiden Partnern. Freilich dürfen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht als Begründung für ungerechtfertigte Benachteiligungen bieten.

Auch der Hang zum Ethnozentrismus hat positive Aspekte, fördert sie doch die Bildung einer Vielfalt miteinander in Konkurrenz tretender Sozietäten, die notwendige Grundlage jeder sozialen und kulturellen Evolution. Ebenso kann das Revierverhalten durchaus funktionell sein, wenn man berücksichtigt, daß die Fortentwicklung einer Sozietät nur gelingen kann, wenn diese durch eine einigermaßen stationäre Bevölkerung überhaupt erst zu einer Identität und darüber zu einer Kooperation kommen kann. Der Ethnozentrismus schlägt jedoch ins Negative um, wenn er andere Ethnien bedroht oder zur Abschottung von der Außenwelt führt, also zur Ausschaltung der Konkurrenz.

Die genetisch fixerte Varianz der körperlichen wie geistigen Fähigkeiten der Menschen, also ihre Ungleichheit, kann man prinzipiell als Vorteil ansehen, da diese genetische Streubreite gerade die in der biologischen Evolution wichtige genetische Elastizität, also die Fähigkeit zur Reaktion auf Umweltveränderungen bedeutet.

5. Wissenschaft im Sog der Politik

5.1. Soziologie, Politologie, Zeitgeschichte

Sobald sich der Mensch wissenschaftlich um seine eigene Sozietäten (Polis) bemüht, ist er zugleich Forschungssubjekt wie -objekt. Er wird zum politisch engagierten Wissenschaftler, das Wahrhaftigkeitsethos steht hier auf dem schwierigsten Prüfstand. Man sollte sich dieses Umstandes immer bewußt sein, wenn man über jene Disziplinen spricht, die sich um die menschliche Polis bemühen: Soziologie, Politologie und (Zeit-)Geschichte.

Die modernen Erkenntnisse der Biologie über die Grundlagen menschlichen Seins und Verhaltens sollten z.B. die Soziologie dazu bewegen, einige ihrer veralteten Positionen zu überdenken, ja zu revidieren. Tatsächlich ist die Soziologie in weiten Bereichen noch geprägt von den Thesen der unbegrenzten oder doch weitgehenden Formbarkeit des menschlichen Verhaltens. Getrieben und gestützt wird diese Ansicht vor allem von marxistisch-sozialistischen Ideologien, die die Ursache für soziale oder auch geistige Unterschiede zwischen den Menschen überwiegend in ungerechten Umwelteinflüsse sehen und über eine mehr oder weniger radikale Gleichmachung dieser Umwelt[14] und die Auflösung traditioneller Bindungen jene Ungleichheiten beseitigen wollen. Schoeck sowie v. Cube und Alshuth haben an einigen Beispielen berichtet, welche Schäden diese Ideologie anrichten kann und welche politisch extremistische Ziele häufig dahinter stecken. Gerade die menschlichen Organisationsformen, die an altruistische Verhaltensweisen appellieren, wie Familie, Sippe, Stamm[15] und Volk, sehen sich z.T. heftigsten Angriffen ausgesetzt. Hochgehalten wird dagegen der bindungslose, höchstens am abstrakten Menschheitsideal ausgerichtete Individualismus. Der tieferer Grund für die Propagierung und Praktizierung der bisweilen rücksichtslosen Selbstverwirklichung des Individuums auf Kosten des Gemeinwesens und auch auf Kosten der altruistischen Anlagen jedes Menschen wird dabei allgemein erkannt: Die Beschwörung vermeintlicher Folgen radikaler Sprüche im Stil von: „Du bist nichts, Dein Volk ist, alles" und „Schenk dem Führer ein Kind" sind die Ursache dafür, daß der eigentlich ethisch hochwertige Gemeinsinn besonders in Deutschland ein schlechtes Omen hat.

Interessant ist, wie sich die etablierte, politisch links dominierte Soziologie gegen die naturwissenschaftlichen, in ihrer Substanz bisher unangefochtenen Erkenntnisse wehrt: Sie wirft ihr vor, sie sei reaktionar, rassistisch, sexistisch, ja faschistoid. Ihre These von der genetisch fixierten Ungleichheit des Menschen sei eine veraltete Ideologie, die die Welt schon einmal in einen Abgrund gestürzt und geradewegs in die Gaskammern von Auschwitz geführt habe. Interessant ist dieser Vorwurf deswegen, weil weit und breit kein Vertreter der biologisch orientierten Soziologie oder der menschlichen Verhaltensforschung auch nur in der Nähe rechtsextremistischer oder rassistischer Ideologien eingeordnet werden kann, daß im Gegenteil alle ihre Vertreter immer wieder jedem möglichen Mißbrauch ihrer Erkenntnisse vorbeugen, indem sie darauf verweisen, daß die Ungleichheit der Menschen weder Ungerechtigkeiten rechtfertigen kann noch die These stützen könne, die Menschen wären von unterschiedlichem Wert (Wert für was?), sondern nur darüber, wie man den verschiedenen Bedürfnissen ungleicher Menschen am besten gerecht werden kann.

In der Tat lebt heute die gesamte Gemeinschaft der Wissenschaftler unter dem Schock der Berichte über das Dritten Reich, so daß die Unterstellungen der linken Soziologie nicht als ernstgemeinte Vorwürfe akzeptiert werden können, sondern lediglich, als ein im Laufe 50-jähriger Umerziehung antrainierte Pawlow'sche Reflexe oder - weitaus wahrscheinlicher - als Kampfmittel, denn wer ist schon in der Lage, sich gegen die moralisch alles erschlagende Auschwitz-Keule argumentativ zu verteidigen? Da diese Vorwürfe wahrscheinlich unehrlich, auf Jeden Fall aber außerwissenschaftlicher Natur sind, liegt es in der Pflicht besonders der biologisch orientierten Soziologen, diese unwissenschaftlichen Methoden als solche bloßzustellen und sie zu bekämpfen.

Die Politologie setzt zum großen Teil um, was die Soziologie über das Zusammenleben der Menschen meint erkannt zu haben. Daher trifft auf die Politologie in großem Umfang zu, was oben bezüglich der Soziologie ausgeführt wurde. Wo liegt nun aber die Verantwortung des Politologen?

Die Politiologie sollte nach dem anfangs Ausgeführten als Grundlage die soziale, kulturelle und politische, sich gegenseitig respektierende, konkurrierende Vielfalt auf Erden, aber auch in den jeweiligen Regionen unterstützen, wenn sie die Evolution auch in jenen Bereichen nicht behindern will. Fruchtbare Konkurrenz setzt das volle Engagement der einzelnen Konkurrenten voraus. Dieses Engagement wiederum ist nur zu erzielen, wenn die einzelnen Glieder eines Konkurrenten ihren vollen Beitrag leisten, sich also für den Erfolg des Ganzen einsetzen. Im Wirtschaftsleben ist die Identifikation der einzelnen Mitarbeiter mit dem eigenen Unternehmen längst als Grundvoraussetzung für ein Bestehen im Wettbewerb erkannt worden (Corporate Identity). Auf politischer Ebene lautet der zu gemeinschaftsorientiertem Handeln animierende Begriff Patriotismus, sei er lokaler, regionaler, nationaler oder in Zukunft auch übernationaler Natur.[16] Er geht über die rationale Dimension hinaus, versucht, die ethnozentrischen Triebe des Menschen in fruchtbare Bahnen zu lenken, und setzt eine kulturelle und historische, damit zumeist auch eine territoriale Identität der Sozietät voraus.

Der massive Einsatz patriotischer Gefühle durch das Dritten Reich blockiert weitgehend diesen Pflichtbereich der Politologie im heutigen Deutschland. Man beobachtet zudem die Blockade sämtlicher politischer Evolution, die keine eindeutig „antifaschistische" Richtung hat - aus Angst vor einer möglichen oder nur von den selbsterklärten Antifaschisten unterstellten Annäherung an Politikformen des Dritten Reiches. Bisweilen geht diese Enthaltsamkeit der Politologie soweit, daß trotz offenkundiger politischer Defizite niemand wagt, an die Wurzel der Probleme reichende Entwürfe für eine neue politische Ordnung zu machen. Diesbezüglich muß man sich durchaus Fragen, ob der immer mehr neurotisierende Holocaust-Schock und dessen Tabuisierung direkt die Entwicklungs- und damit Anpassungsfähigkeit nicht nur des deutschen Gemeinwesens bedrohen.

Die Geschichtsschreibung hat seit jeher der Stabilisierung von Gemeinschaften gedient, häufig auch zur Stabilisierung politischer Herrschaftsformen. Während ersteres im Sinne der Schaffung eines Identitätsbewußtseins zur Fitnessmaximierung einer Sozietät angebracht ist - sofern eine friedliebende Tendenz beibehalten bleibt -, ist letzteres eine eher bedenkliche Tendenz, obwohl sich beides natürlich nie völlig trennen läßt. Aufgabe der Geschichtswissenschaft kann darüber hinaus sein, historische Gestalten und Systeme einer sittlichen Wertung zu unterziehen, wobei hier dem politischen Mißbrauch durch selektive Darstellungen naturgemäß Tür und Tor geöffnet sind. Dennoch kann die Geschichtswissenschaft, wenn sie sich an dem Modell der kooperativ konkurrierenden Vielfalt orientiert, zur sittlichen Erziehung der Menschheit beitragen, und zwar weniger für aktuelle historische Entscheidungen, sondern eher als ein Sammelsurium von Fallbeispielen des Gegensatzes zwischen sittlichem Anspruch und Wirklichkeit.

Seit dem Dritten Reich ist besonders die Zeitgeschichtswissenschaft neurotisiert und erstarrt bisweilen in einer moralisierenden, rückwärtigen Geschichtsbetrachtung, die allein schon deshalb zu falschen Aussagen kommen muß, weil die Zeit immer vorwärts zu schreiten pflegt und die Zukunft offen ist. Die Zeitgeschichte sieht es stellenweise sogar als eine ihrer Aufgaben, zukünftige Hitler zu verhindern und den Menschen durch vorzeigen des NS- und Holocaust-Spiegels sowie als Gegenstück dazu des Widerstand-Bildes pädagogisch zu erziehen. Es wäre pädagogisch geschickter, wenn neben negativen Beispielen wesentlich mehr positive historische Beispiele zur Identifikation angeboten würden, oder ist es schon einmal einem Firmenchef gelungen, seine Mitarbeiter zu Höchstleistungen zu motivieren, wenn er immerzu auf einen womöglich unmoralisch Vorgänger verweist und damit den Namen der Firma insgesamt ständig in einem schlechtem Licht erscheinen läßt?

5.2. Im extremen politischen Sog: Der Holocaust-Reyisionismus

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab und gibt es Wisenschaftler, die zumindest den Umfang der Massenvernichtung europäischer Juden durch die Nationalsozialisten abstreiten und zu widerlegen trachten (Gauss, Nolte, Rudolf). Jedem ist bekannt, daß diese Tätigkeiten, vor allem wenn ihre Ergebnisse auch noch veröffentlicht werden, nicht nur hierzulande bestraft werden.[17] Nachfolgend seien einige Äußerungen zitiert, die unsere Frage beantworten, ob die Strafbarkeit solcher Forschung korrekt sein kann:

»„Freiheit der Forschung" bedeutet auch, daß prinzipiell jedes Forschungsziel gewählt werden kann. Irgendein „Index verbotenen Wissens" oder ein „Katalog tabuisierter Forschungsziele" oder ein Forschungsmoratorium sind mit dem Selbstverständnis und der Würde der Wissenschaft deshalb unverträglich, weil wir unbeirrbar daran festhalten müssen, daß Erkenntnis unter allen Umständen besser ist als Ignoranz. « Hans Mohr (S. 41)

Warum ist also bereits die These, der Holocaust habe nicht so oder überhaupt nicht stattgefunden, verwerflich bzw. strafbar, wenn man auch der Geschichtswissenschaft die Stellung von Anfangshypothesen nicht verbieten kann?

»Die Naturwissenschaft [und nicht nur diese, Anm. d. Verf.] ist eine äußerst konservative und dogmatische Sache. Jede Bestätigung eines Paradigmas ist willkommen, jede Neuerung wird lange abgelehnt; die Suche nach Wahrheit wird vom Instinkt des Erhaltens (einschließlich Selbsterhaltung!) übertroffen. Daher setzen sich neue Erkenntnisse meist erst dann durch, wenn genügend viele Forscher in die gleiche Bresche schlagen: dann kippt das Gedankensystem um, es kommt zu einer „wissenschaftlichen Revolution", ein neues Paradigma tritt an die Stelle des alten ... Fazit: Kein Schüler, kein Student, aber auch kein Wissenschaftler oder Laie soll an endgültig bewiesene Tatsachen glauben, auch wenn es so in den Lehrbüchern dargestellt wird..« Walter Nagl (126f.)

Auch die Revision, also Wiederbetrachtung, und radikale Infragestellung der Holocaust-Geschichtsschreibung ist also nicht nur ein Recht, sondern gerade wegen der äußerste verdächtigen, aggressiven, mit unwissenschaftlichen, Methoden geführten Gegenwehr von Wissenschaft, Politik und Justiz, die die Freiheit der Wissenschaft zu untergraben droht, Pflicht jedes Wissenschaftlers, die Bestrafung dieser Revision ein Verbrechen.

Um welche Art der Selbsterhaltung es hier geht, zeigen uns einige Pressezitate:

»Wer die Wahrheit über die nationalsozialistischen Vernichtungslager leugnet, gibt die Grundlagen preis, auf denen die Bundesrepublik Deutschland errichtet worden ist. Dieser Staat soll eine streitbare Demokratie sein, die sich wehrt, wenn Antidemokraten sie aushebeln wollen.«[18]

»WerAuschwitz leugnet, [...] der rüttelt auch an Grundfesten des Selbstverständnisses dieser Gesellschaft. «[19]

»Auf dem Spiel steht das moralische Fundament unserer Republik.«[20]

Tatsächlich geht es hier nicht um die Grundlagen unserer Republik, die nichts mit dem Holocaust-Dogma zu tun haben, sondern aus den unveräußerlichen Menschen- und Völkerrechte bestehen. Es geht hier um die Grundlagen der Macht der herrschenden linken Eliten, die in Medien, Soziologie, Pädagogik, Politik und Geschichtswissenschaft ihre Pfründe verbissen mit der Auschwitz- bzw. Faschismus-Keule, (Knütter)[21] verteidigen und diesem Verhalten das falsche Etikett des Staatsschutzes verpassen. Es ist nur zu logisch, daß sie sich ihre Wunderwaffe nicht nehmen, lassen wollen.

Freilich ist die ethische Verantwortung dessen, der sich mit dem Holocaust-Revisionismus beschäftigt, außerordentlich hoch, denn er darf sich in diesem extremen Spannungsfeld politischer Interessen von keiner Seite instrumentalisieren lassen und muß dem möglichen, bereits im Vorfeld erkennbaren Mißbrauch seiner Erkenntnisse, z.B. der nachträglichen Verherrlichung totalitärer Systeme, bewußt entgegensteuern. Wenn diese gelingt, so kann man schließen:

»Das Grundgesetz schützt wissenschaftliche Forschung und will im Grunde die Unbefangenheit dieser Forschung. Das gilt in ganz besonderer Weise für die Geschichte, in der es ja nicht darum geht, einen roten Faden auszuzeichnen und verbindlich zu machen, sondern in der es darum geht, Angebote für die Auseinandersetzung zu bieten. Das muß in einer pluralistischen Gesellschaft vielfältig und kontrovers sein. «[22]

und

»Aber im übrigen kann man meines Erachtens sagen, daß das, was wir Historiker den Regeln gemäß erarbeiten, ungefährlich ist. Die Wahrheit, wenn es eben die Wahrheit ist, halte ich nicht für gefährlich. « Christian Meier, in: Max-Planck-Gesellschaft (S. 231)

Und die wissenschaftliche Wahrheit setzt sich im offenen Diskurs durch, nur die Lüge hat das Strafgesetz nötig, um sich zu behaupten.

6. Zusammenfassung

Oberste ethische Maxime des Wissenschaftlers ist das Wahrhaftigkeitsethos, also die korrekte und konsequente Anwendung wissenschaftlicher Arbeitsweisen, Ehrlichkeit gegenüber sich selber und der Öffentlichkeit. Sodann muß der Wissenschaftler als der Gemeinschaft verpflichtet seine Erkenntnisse der Gemeinschaft zugänglich machen. Ferner obliegt es seinen ethischen Pflichten, die Freiheit der Wissenschaft zu wahren und bei Gefahr zu verteidigen. Mögliche Konsequenzen seiner Erkenntnisse soll er nach bestem Wissen und Gewissen erforschen, die sich daraus ergebenden Erkenntnisse kundtun und für sich daraus Konsequenzen ziehen. Der Wissenschaftler ist allerdings nicht unabhängig von den übrigen ethischen Werten, sondern hat sich einzuordnen in die übergeordneten ethischen Maximen seiner Umwelt. Angesichts der Bedrohung des Biotops Erde durch die durch Wissenschaft und Technik gewonnenen Handlungsmöglichkeiten des Menschen muß der Wissenschaftler wie alle anderen Menschen auch Abschied nehmen vom biologischen Programm quantitativen Wachstums hin zu qualitativem Wachstum zu höherer Komplexität, Umweltunabhängigkeit und Erkenntnisfähigkeit, wobei gerade dem Wissen-schaft-ler eine Führungsrolle zukommt. Die dazu notwendige Schonung der Umwelt und die Förderung und den Erhalt kooperativ konkurrierender Vielfalt in Biologie, Soziologie, Kultur, Politik und Wirtschaft können dabei praktische Handlungsrichtlinien sein.


Verwendete und zugleich weiterführende Literatur


Anmerkungen

[1]Selbst hier kann es zu Konflikten kommen, denn so manche Entscheidung in Notsituationen, bei der man Dritten schaden muß, um einen noch größeren Schaden von anderen abzuwenden, verstößt für den Dritten allemal gegen den Spruch des Volksmundes und würde womöglich besser nicht zu einem allgemeinen Naturgesetz erhoben.
[2]Ein für Naturwissenschaftler übrigens interessantes Phänomen, denn die Evolution des Lebenden kann danach als energieaufwendige Erniedrigung der Wahrscheinlichkeit (Entropie-, oder: Erhöhung der Ordnung) angesehen werden, wobei die einzelnen Schritte dieses Prozesses, Mutation und Selektion, vollkommen den Wahrscheinlichkeitsgesetzen unterworfen sind. Der Gesamtvorgang der Evolution steht dabei sehr wohl in Übereinstimmung mit dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik (ein abgeschlossenes System strebt immer zu einem Zustand niederer Ordnung), da hier unser Sonnensystems als das abgeschlossene System anzusehen ist, dessen Gesamtentropie ständig zunimmt.
[3]Imaginär, da dieses Wesen logischerweise in jeder Hinsicht allumfassend und höchst komplex sein müßte und spätestens hier in Konflikt mit dem 2. Hauptsatz der Thermodynamik geriete.
[4]In Analogie zum Sauriersterben am Ende der Kreidezeit.
[5]Sollte er dies nicht tun, so dürfte in unmittelbarer Folge der Mensch aussterben, womit die außermenschliche Natur wiederum die Oberhand behielte.
[6]Abgesehen davon, daß das Ergebnis allzu aggressiver Konkurrenz meist ebenfalls eine Monopolisierung ist.
[7]Auch der Kausalitätsglaube ist übrigens bei uns genetisch fixiert.
[8]Überprüfbarkeit heißt, daß jeder die Untersuchung aufgrund definierter Bedingungen bei Experimenten und logischen Schlußfolgerungen nachvollziehen kann. Weiterhin müssen Schlußfolgerungen, die auf Dokumenten und/oder fremden wissenschaftlicher Untersuchungen basieren, derart ausgewiesen sein, daß jeder die Dokumente und die Publikation fremder Untersuchungen auffinden kann. Zudem verlangt eine wissenschaftliche Arbeitsweise, daß wenigstens die wichtigsten bereits bestehenden wissenschaftlichen Meinungen und Gegenmeinungen zum gleichen Thema in die Untersuchung einbezogen werden.
[9]Diese Kluft gibt es tatsächlich überall im Wissenschaftsbetrieb, doch wird sie zumeist intern durch die Regeln wissenschaftlichen Umgangs überwunden und hat somit keine ernsthafte Folgen für das Ansehen der Wissenschaft.
[10]Freilich ist dies u.a. auch eine Folge der dank biologischer Forschung besseren Ernährungslage sowie der Zerstörung örtlich überkommener Kulturen durch Europas Hegemonie, wobei diese Zerstörung im Sinne der Vernichtung kultureller Vielfalt durchaus als grundlegend böse angesehen werden muß.
[11]Auch wenn dies über den Umweg einer gesicherten Lebensmittelversorgung zu noch mehr Bevölkerungswachstum führen und somit eindeutig negative Auswirkungen haben kann.
[12]Hier überwiegend der Menschen in den Industriestaaten, man denke zum Beispiel an den Anteil Zuckerkranker, der in Entwickungsländern konstant niedrig bleibt, bei uns aber mittlerweile dramatische Formen annimmt.
[13]Dementsprechend findet man Vorstufen menschlichen Bewußtseins und freien Willens logischerweise auch bei Tieren bzw. man fände sie in lineare Entwicklung auf den Menschen zu bei seinen tierischen Ahnen.
[14]Diese Tendenz zur Einebnung jeglicher Vielfalt kann man nach dem hier aufgestellten ethischen Maximen durchaus als grundlegend böse bezeichnen.
[15]Ein Begriff, der für die Bezeichnung der Bevölkerung deutscher Länder (Hessen, Bayern, Schlesier etc.) bis zum Dritten Reich gang und gäbe war, heute aber völlig verschwunden ist.
[16]Jedoch solange nicht internationaler Natur, wie es keine außerirdischen Konkurrenten gibt, gegen die ein umfassender Zusammenschluß aller Menschen notwendig bzw. fruchtbar wäre. Bis dahin hat Internationalität nur da Sinn, wo sie die Konkurrenz der Nationen/Regionen nicht aufhebt, sondern nur zivilisier/demilitarisiert.
[17]Strafbar ist es in folgenden Ländern: Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich, Schweden, Spanien, Niederland, Belgien, Polen, Tschechoslowakei. Nicht strafbar dagegen ist es in den USA, Großbritannien, Kanada (1992 Strafbarkeit abgeschafft), Italien, Dänemark, Rußland etc.pp.
[18]R. Wassermann, »Die Justiz hat Klarheit«, DIE WELT, 28.4.1994, S. 4.
[19]DIE WELT, 16.3.1994, S. 6.
[20]DIE ZEIT, 31.12.1993, S . 51.
[21]Die Faschismus-Keule ist nur insofern eine wirksame Waffe, als sich der „Faschismus" (im linken Sinne) gegenüber anderen, auch linken Totalitarismen durch die vermeintliche Einzigartigkeit des Holocaust auszeichnet. Die Faschismus-Keule ist also im Kern identisch mit der Auschwitz-Keule.
[22]Peter Steinbach, ARD-Tagesthemen, 10. Juni 1994, 2230 Uhr.

Leicht überarbeitete Fassung eines im Frühjahr/Sommer 1994 verfaßten Beitrages, veröffentlicht in: Andreas Molau (Hg.), Opposition für Deutschland, Druffel-Verlag, Berg am Starnberger See 1995, S. 260-288