Bombenterror »made in England«
Eine Nachlese zum Fall Guernica
Dankwart Kluge
Unsere in der vorhergehenden Ausgabe abgeschlossene Serie »Guernica - und kein -Ende« hat deswegen ein so starkes Echo gefunden, weil sie das Schlüsselproblem der Zeitgeschichte, die deutschfeindliche Propaganda und Geschichtsfälschung, an seinem Anfang im Spanischen Bürgerkrieg (1936-39) aufrollte. Wir geben dem jungen Zeitgeschichtsforscher Dankwart Kluge (36) gern das Wort zu einer Nachlese, die er mit einer Besprechung des 1978 in deutscher Sprache erschienenen Buches »Der Tag, an dem Guernica starb« von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts verbindet. Der in Breslau geborene und - nach Studium in Freiburg und Berlin - in der Reichshauptstadt wirkende Verfasser fügt mit seinem Beitrag dem wahren Guernica-Bild (also nicht dem von Picasso) ein wichtiges Mosaiksteinchen hinzu.
Um es vorwegzunehmen: Das Buch von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts hat nicht nur schlechte Seiten. Es ist schriftstellerisch in vieler Hinsicht gelungen. Das Gesamtgeschehen ist mitreißend und spannend geschildert. Die Szenen während des Luftangriffs (S.247 ff.) sind besonders eindrucksvoll.
Zum Beispiel: »Ich glaubte, wir würden lebendig begraben. Das Dach stürzte ein, und dann wurde das Rathaus noch zweimal getroffen. Drei Stockwerke fielen auf unseren Luftschutzkeller. Es roch nach Mörtel und verbranntem Holz und Fleisch. Maria sackte auf die Knie und kroch auf die Schutztür zu. Ihr Kopf schmerzte. Irgend etwas war dagegen geprallt. Sie hörte ein scharfes Geräusch, ein Splittern. Dann sah sie Tageslicht. Labauria hatte die Tür eingeschlagen. Mit vor Schmerzen geschlossenen Augen kroch Maria vorwärts. Einmal hielt sie inne, um eine Hand von sich fort zu schieben. Doch zu ihrem Entsetzen entdeckte sie, daß sich die Hand in ihrem Gürtel verfangen hatte und daß sie einen abgetrennten Arm mit sich schleppte. Sie schleuderte ihn beiseite und arbeitete sich weiter über die Trümmer vor. Sobald sie draußen war, schleppte sie sich zu einer Ecke des Rathausplatzes. Dort kauerte sie dann hinter einem Trümmerhaufen und preßte ihre Zähne in die Fingerknöchel, bis sie bluteten. Andere, die aus dem Luftschutzraum herauskletterten, rannten wie blind davon. Und dann stürzte mit lautem Krachen das Rathaus ein, und Schutt blockierte jetzt völlig den Ausgang des Luftschutzkellers «
Das erinnert in mehr als einem Punkt an das Grauen von Dresden, Hamburg, Kassel, Hiroshima usw.
Das war sicher so. Doch sonst ist vieles nicht Tatsache. Zuviel Sefton Delmer, zuwenig Wahrheit. In wissenschaftlicher Verpackung wird die alte Propaganda wieder aufbereitet. Bereits im Vorspann werden einige Zitate entstellt wiedergegeben, so daß der nicht sachkundige Leser sofort gegen die deutsche Seite eingenommen werden muß.
So heißt es z.B.: »Eine internationale Untersuchung von Guernica ist unter allen Umständen zurückzuweisen. Adolf Hitler « und auf S. 7: »mir gab Spanien die Gelegenheit, meine junge Luftwaffe zu erproben und den Leuten Erfahrung zu sammeln. Hermann Göring «.
Auf S. 28 wird sodann der Anschein erweckt, als ob v. Richthofen aus »Ehrgeiz und Erfindungsgaben das Bombardement befohlen habe. Vor Seite 97 heißt es unter dem Bild des Feldmarschalls sogar: Stabschef der Legion Condor, v. Richthofen, der den Befehl gab, »ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung« zu bombardieren u. a. m. Die Krönung stammt schließlich vom Verlag selbst, wenn auf dem rückwärtigen Klappentext ein Zusammenhang mit dem alliierten Luftterror über Deutschland während des zweiten Weltkrieges behauptet wird.
»Unterstellen wir einmal, daß ein Teil der Zerstörungen nicht der Wut der Verteidiger darüber, daß sie sich zurückziehen mußten, zugeschrieben werden darf, so wären jene Bombardements militärisch noch immer vollauf gerechtfertigt gewesen. Durango war der Schauplatz einer erbitterten Schlacht und somit auch ihrer verhängnisvollen Folgeerscheinungen. Und im Falle Guernica kann keinesfalls behauptet werden, daß die Stadt vor der Ankunft des Feindes geräumt gewesen sei. Außerdem wäre das belanglos, denn Guernica war Teil einer einheitlichen Defensivbasis. Der Angreifer kann inmitten der Kampfhandlungen unmöglich wissen, was noch besetzt und was nicht mehr besetzt ist. Er hat das Recht, seinerseits alle jene Maßnahmen zu treffen, durch die er seine Leute schonen und sich Verluste ersparen kann.« (Duval: Entwicklung und Lehre des Krieges in Spanien, Berlin 1938, S. 118).
Der berühmte Marschall Montgomery hat einmal gesagt: »Geschichtsschreibung ist der zweite Triumph der Sieger über die Besiegten.« Mögen die Herren Thomas und Morgan-Witts zur Kenntnis nehmen, daß England nicht zu den Siegern des zweiten Weltkrieges gehört.