Polnische Historiker untersuchen
angebliches Vernichtungslager

Demjanjuk-Verfahren fahrt zu Treblinka-Kontroverse

Dr. Christian Konrad


John, ehemals Iwan Demjanjuk, US-Staatsbürger ukrainischer Abstammung, soll nach Vorwürfen der israelischen Staatsanwaltschaft im angeblichen Vernichtungslager Treblinka unter dem Namen »Iwan der Schreckliche« an dem Massenmord an jüdischen Menschen beteiligt gewesen sein. Er wurde daher zu Beginn der achtziger Jahre an Israel ausgeliefert und in einem Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt. Seither wartet er auf sein Berufungsverfahren. Zu Beginn des Jahres 1992 konnte man einigen Pressemeldungen entnehmen, daß im Jerusalemer Verfahren gegen John Demjanjuk von der Anklage als einzige Beweismittel gefälschte SS-Ausweispapiere vorgelegt wurden. Obwohl die israelischen Behörden vom deutschen Bundeskriminalamt über diese Fälschung informiert wurden, hielt das Gericht weiterhin an diesem einzigen Belastungsdokument fest.1 Diese Verfahrensweise der israelischen Justiz ist offensichtlich nicht mit rechtsstaatlichen Prinzipien vereinbar. Seit einiger Zeit laufen daher in Amerika von vielen, auch politisch etablierten Kreisen Versuche, die möglicherweise rechtswidrige Auslieferung Demjanjuks an Israel, das rechtsstaatliche Prozesse offenbar nicht durchfuhren will oder kann, rückgängig zu machen. Auch die Polish Historical Society, eine exilpolnische Organisation in den Vereinigten Staaten, hat sich nun in die Diskussion zu Gunsten John Demjanjuks eingeschaltet.

Zuerst sorgte der neben Präsident Bush aussichtsreichste Präsidentschaftkandidat der Republikaner, Pat Buchanan, im Vorwahlkampf zu den US-Präsidentschaftswahlen für Aufsehen, als bekannt wurde, daß er sich nicht nur für die Freiheit von John Demjanjuk einsetzte, sondern die Geschichte des vermeintlichen Vernichtungslagers Treblinka an sich in Zweifel zog: »Das Problem ist: Dieselmotoren erzeugen nicht genügend Kohlenmonoxid, um irgend jemanden damit zu töten. Die Umweltschutzbehörde verlangt niemals Abgasuntersuchungen von Dieselfahrzeugen. 1988 wurden 97 Jugendliche 130 Meter unter der Erde in einem Eisenbahntunnel eingeschlossen. während die Dieselabgase zweier Lokomotiven in die Waggons strömten. Nach 45 Minuten konnten die Jugendlichen ohne gesundheitliche Schäden befreit werden. Demjanjuks Waffe für den Massenmord kann nicht töten.«2 Die in diesem Zitat enthaltene Sprengladung für unser Geschichtsbild ist an anderer Stelle aus führlich diskutiert worden und soll daher hier nicht weiter vertieft werden.3
Nun mag man Pat Buchanan rechtsradikales Gedankengut andichten und ihn für nicht kompetent bei der Beurteilung eines solchen Komplexes halten. Interessant ist die Diskussion um das angebliche Vernichtungslager Treblinka daher erst geworden. als sich die Polish Historical Society mit Vehemenz für Demjanjuk einsetzte. Diesen Polen wird man wohl als letzte vorwerfen können, daß sie die Weste der Deutschen rein waschen wollen oder daß sie ein Interesse daran haben, ihre eigene Nation zu belasten. Wir dürfen daher davon ausgehen, daß diese sachkompetente Vereinigung exilpolnischer Historiker und historisch Interessierter nur dann für Deutschland zu entlastenden Schlüssen kommt, wenn sie sie für unumgänglich hält.
Im Sommer letzten Jahres brachte diese Gesellschaft eine Verteidigungsschrift für Demjanjuk heraus, in der an Hand einer umfangreichen Quellendokumentation nachgewiesen wird, daß John Demjanjuk unschuldig ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Verteidigungsschriften wird hier aber nicht versucht zu beweisen, daß lediglich die Person John Demjanjuk unschuldig ist, sondern daß die gesamten bezeugten Verbrechen gar nicht in dem Maße haben stattfinden können.4 Als Argumente zahlt diese Dokumentation fünf Hauptkomplexe auf:

Gefälschte Dokumente und falsche Aussagen

Es ist mittlerweile international anerkannt, daß die einzigen vom Jerusalemer Gericht vorgebrachten Beweisdokumente, die SS-Ausweise von Demjanjuk und weitere Ausweise anderer Personen, Komplettfälschungen des KGB sind.5 Dies beweist zwar nicht die Unschuld des Angeklagten, aber im rechtsstaatlichen Verfahren muß ja auch nicht die Unschuld, sondern die Schuld bewiesen werden. Daß der Staat (UdSSR wie Israel) zum Zweck des Schuldbeweises auf Fälschungen zurückgreifen muß, legt aber den Verdacht nahe, daß der Angeklagte schuldlos ist.
Nicht nur die Tatsache, daß viele Zeugenaussagen technisch und naturwissenschaftlich unmögliche Ereignisse berichten, raubte sie ihrer Glaubwürdigkeit. So seien Massentötungen durch Vakuum oder durch Stromstöße in der bezeugten Weise technisch unmöglich gewesen. Auffallend sei zudem, daß sich viele der Hauptbelastungszeugen so sehr in Widersprüchen zwischen ihren heutigen Aussagen und denen bei vergangenen Prozessen verfingen, daß sie von der Verteidigung restlos demontiert und als Lügner entlarvt werden konnten.
In einer Fülle von Fachpublikationen ist mittlerweile der Beweis geführt worden, daß die nicht nur für das Lager Treblinka bezeugten Massentötungen mit Dieselauspuffgasen aus sowjetischen Beutepanzermotoren technisch nicht möglich sind.6 Im Leerlauf betriebene Dieselmotoren wurden nämlich nur geringe, nichttödliche Kohlenmonoxidmengen abgeben. Zudem wurde der in den Abgasen enthaltene Sauerstoff ausreichen, um menschliches Leben mittelfristig zu erhalten.

Luftbildauswertungen

Beim Rückzug der deutschen Armeen im Osten im 2. Weltkrieg fertigten die deutschen Luftaufklärer u.a. auch Bilder von dem Gebiet um das ehemalige Lager Treblinka an. Obwohl das Lager selber zu dieser Zeit nicht mehr existierte, kann man aus diesen Fotos dennoch Einzelheiten über die Größe des Lagers und über die Ausdehnung eventueller Massengräber entnehmen. Dies gelingt deshalb, da Erdumwälzungen und ehemalige Gebäudefundamente sowie Veränderungen der obersten Bodenschicht auf Luftfotos über viele Jahre, stellenweise sogar über Jahrtausende sichtbar sind (Luftbildarchäologie). Die Auswertung dieser Luftbilder hat nun einerseits ergeben, daß die meisten Zeugenaussagen über die Größe des Lagers nicht stimmen. Entscheidend aber ist, ob man die Überreste der bezeugten Massengräber mit einem Fassungsvermögen von angeblich 700 000 bis 800 000 Leichen auffinden kann oder nicht. Ihre Größe kann man anhand der Größe von bekannten Massengräbern abschätzen. So kennt man z. B. die Größe der Massengräber der von den Sowjets bei Katyn ermordeten polnischen Offiziere (einige Gräber mit etwa 4000 Leichen), die Massengräber der Opfer des alliierten Luftangriffes auf Hamburg (3 Gräber zu je etwa 20 000 Leichen), sowie die Größe der Massengräber der gegen Kriegsende aufgetretenen Typhusepidemie im Konzentrationlager Bergen-Belsen (einige Gräber mit jeweils einigen tausend Leichen). Diese Gräber sind alle auf Luftbildern damaliger Zeit zu erkennen. Die Massengräber von Treblinka müßten um das 40- bis 200fache größer sein als diese bekannten Gräber. Man findet aber nur Objekte, die Erdumwälzungen von der Größenordnung entsprechen, die man auf den Luftaufnahmen von Katyn sieht. Dies entspräche also einigen tausend Toten.7

Ausgrabungen vor Ort

Die Polish Historical Society hat sich die Mühe gemacht, in polnischen Archiven Material über offizielle Grabungen polnischer Behörden nach dem Kriege zu suchen. Sie stellte dabei fest, daß die Polen nach Kriegsende in der Tat versuchten, die bezeugten Massengräber oder deren Überreste ausfindig zu machen. Dabei wurden weite Bereiche der Umgebung des angeblichen Vernichtungslagers Treblinka untersucht. Da die Deutschen nach Zeugenaussagen die Leichen später exhumiert und in riesigen Verbrennungsgruben verbrannt haben sollen, würde man als Überreste allerhöchstens Asche, Knochen und verbrannte Erde sowie weiträumige Erdumwälzungen feststellen können. Was man laut den Protokollen allerdings fand, waren nur relativ kleine Massengräber, wie sie denen entsprechen, die man nach den Luftaufnahmen vermuten würde. Diese Gräber waren zudem vermutlich durch russischen Artilleriebeschuß o. a. stark aufgewühlt, die Gebeine der Verstorbenen traten stellenweise zutage. Gigantische Massengräber und riesige Verbrennungsgruben gab es offensichtlich nicht. Da abzusehen ist, daß die polnische Nation, angeführt durch ihre geistige Elite in Amerika, in nächster Zeit an unserem volkspädagogisch erwünschten Geschichtsbild erhebliche Veränderungen durchführen wird, ist ernsthaft zu überlegen, ob man die von Polen eingeführten Medienerzeugnisse nicht einer strengen (Selbst-) Zensur unterstellen sollte. Als letzter Ausweg bietet sich schließlich der Einmarsch in Polen an, um diesen unfreundlichen Akt der Einmischung in innerdeutsche Angelegenheiten sowie die Gefährdung der inneren Sicherheit und der Völkerverständigung zu unterbinden!
Anmerkungen


1 SemitTimes, Sondernummer, Frühjahr 1992; Deutsche Tagespost, 28. 3. 1992; Frankfurter Rundschau, 25.3. und 10. 6. 1992; Münchner Merkur, 26.3.1992; Stern, 5. 3. 1992, Seite 198-203.
2 Pat Buchanan, in The Washington Times, 19. 3. 1990, S. 1 u.4.
3 E. Gauss, Vorlesungen über Zeitgeschichte, Grabert, Tübingen 1993.
4 Tadeusz Skowron, Amicus Curiae Brief, Polish Historical Society, Stamford CT, August 1992.
5 D. Lehner, Du sollst nicht falsch Zeugnis geben, Vowinckel, Berg am See o. J.; H. P. Rullmann, Der Fall Demjanjuk, Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur, Struckum 1987.
6 Am besten dargestellt bei F. P. Berg, Journal of Historical Review, Spring 1984, 5 (1), S. 21ff.
7 J. C. Ball, Air Photo Evidence, Delta, British Columbia, Selbstverlag 1992.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 41(3) (1993), S. 23f.

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