Statistisches über die Holocaust-Opfer

W. Benz und W.N. Sanning im Vergleich

Germar Rudolf


Im Jahre 1983 erschien in den USA das Buch The Dissolution of the Eastern European Jewry von W.N Sanning1, in dem an Hand statistischen Materials zumeist aus jüdischen Quellen der Versuch angestellt wurde, die Opferzahl des Holocaust unter den Juden im Machtbereich des Dritten Reiches zu ermitteln. Da der Autor in seinem Buch zu dem Ergebnis kommt, daß allerhöchstens einige hunderttausend Juden im Machtbereich des Nationalsozialismus ihr Leben verloren2, war zu erwarten, daß offizielle Stellen der Bundesrepublik Deutschland eine Gegendarstellung im Rahmen eines voluminösen Werkes bringen würden, das mit einer Wucht statistischen Materials die 'symbolische Zahl' von 6 Millionen jüdischer Opfer auf die Kommastelle genau bestätigen würde. Und in der Tat: 1991 erschien eine 585 Seiten starke Publikation des offiziellen Instituts für Zeitgeschichte unter dem Titel Dimension des Völkermords, herausgegeben vom Professor für Antisemitismusforschung W. Benz.

»In der Gesamtbilanz ergibt das ein Minimum von 5,29 und ein Maximum von knapp über sechs Millionen [jüdischen Opfern der Holocaust].«3: So faßt W. Benz das Ergebnis der statistischen Untersuchungen seiner 17 Koautoren zusammen, von denen sich jeder ein vom III. Reich besetztes Land zum Thema gemacht hat, wobei Benz sofort dementiert, daß es darum gegangen sei, irgendeine vorgegebene Zahl zu beweisen.4
Angesichts des fundamtentalen Widerspruches zwischen den Aussagen von Benz und Sanning stellt sich dem zeitgeschichtlich interessierten und kritischen Leser die Frage, welcher der beiden Autoren recht hat. Da die Antwort auf diese Frage von weittragender Bedeutung ist und angesichts der neueren Ergebnisse naturwissenschaftlicher und technischer Forschung einige Komplexe des Holocaust äußerst fragwürdig geworden sind, soll hier eine knappe Gegenüberstellung der Arbeitsmethoden und Ergebnisse beider Werke erfolgen.

Die Arbeitsweise beider Werke

Sanning beschäftigt sich in der ersten Hälfte seines Werkes ausschließlich mit den schwierigen Problemen der Erfassung der Juden in Polen und der Sowjetunion, den Zentren des Weltjudentums vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Vor allem die Frage der Emigration aus Polen in den Westen, der freiwilligen und erzwungenen Binnenwanderung (Flucht, Vertreibung, Deportation) in Polen und in der Sowjetunion im Laufe des Krieges und die natürliche Bevölkerungsentwicklung (Auswanderung, Glaubensübertritte, Geburtenüberschüsse und -defizite) untersucht Sanning an Hand statistischen Materials aus jüdischer oder alliierter Quelle sehr ausführlich. Nach einer eher knappen Behandlung der mittel- und westeuropäischen Staaten widmet er sich der jüdischen Auswanderung vor, während und nach dem Krieg sowie der Entwicklung der jüdischen Weltbevölkerung. Die Frage der Halb-, Viertel- und Geltungsjuden, die den Kreis der von den deutschen Machthabern als Juden definierten Menschen über den der Glaubensjuden erweitert hat, wird von Sanning nicht behandelt.
In Dimension des Völkermords wird jedes von deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg ganz oder teilweise besetztes Land von einem anderen Autor behandelt. Leider hat man sich nicht auf gemeinsame Grenzen festlegen können, so daß es häufig zu Überschneidungen kommt. Wenn man wenigstens in der Opferzahl eine Abstimmung durchgeführt hätte, wäre dieses Manko zu verschmerzen. Leider ist dies nicht der Fall, so daß es immer wieder Doppelzählungen von Opfern gibt, insgesamt etwa eine halbe Million. Als ein Beispiel sei hier Ungarn angeführt, das während des Krieges große Gebiete seiner Nachbarn annektierte. Der Ungarn-Beitrag geht von den Grenzen Großungarns aus und ermittelt dort 550.000 Opfer. Die Beiträge von Jugoslawien und Rumänien, von denen Ungarn Gebietsteile annektierte (Batschka bzw. Nordsiebenbürgen), gehen allerdings von den Grenzen vor diesen Annektionen aus, die den Nachkriegsgrenzen entsprechen. Es ergibt sich hieraus eine Doppelzählung von etwa 150.000 vermeintlichen Opfern.
Würde man die Opferzahlen aus den Beiträgen zu den einzelnen Ländern addieren, so käme man bei Benz auf knapp 6,3 Mio. Opfer. Benz schreibt aber von 5,3 bis knapp über 6 Mio. Opfer
3. Es scheint also, als habe Benz diese Doppelzählungen schon einkalkuliert, auch wenn sein Ergebnis mangels Beweisführung nicht nachvollziehbar ist.
Die Ermittlung der Opferzahlen der einzelnen Länder ist auch sonst sehr heterogen. Jeder Autor behandelt die Probleme der Auswanderung, der Geburtenentwicklung, der Glaubensübertritte, der Geltungsjuden etc. völlig unterschiedlich. Zwar sind die statistischen Materialien des Benz-Werkes stellenweise aktueller und zuverlässiger als die, auf denen sich Sanning berufen kann. Allerdings überrascht es, wie leichtfertig Benz und Co. mit den Problemen der Bevölkerungsentwicklung und der Migrationsbewegungen in Polen und der UdSSR umgehen. Eine Betrachtung der jüdischen Auswanderung vor, während und nach dem Krieg unterbleibt bei Benz ebenso wie eine Übersicht über die Entwicklung der jüdischen Weltbevölkerung.
In Tabelle 1 ist für jedes Land in der 2. Spalte die bei Benz angegeben Opferzahl wiedergegeben. Die dritte Spalte enthält von mir vorgenommene Korrekturen. Sie enthalten zum einen die Anpassung von Benz' Zahlen an die Ländergrenzen nach dem Krieg, wie sie Sanning verwendete, und zum anderen die Verminderung um die oben genannten Doppelzählungen5. Die vierte Spalte schließlich enthält die Zahlen, die Sanning als vermißt deklariert. Nur drei Länder fallen hierin durch große Unterschiede auf, die nachfolgend näher betrachtet werden sollen: Ungarn, Polen und die Sowjetunion.

 

Tabelle 1: Opfer bzw. Vermißte des Holocaust

Land

Opfer Benz

Opfer Benz korrigiert

Vermißte Sanning

Deutschland

160.000

139.000

123.000

Österreich

65.459

48.767

36.000

Luxemburg

1.200

1.200

 

Belgien

28.518

28.518

Summe:

Frankreich

76.134

76.134

124.500

Niederlande

102.000

102.000

 

Dänemark

116

116

Summe:

Norwegen

758

758

1.000

Italien

8564

5.914

9.000

Albanien

?200

?200

0

Griechenland

58.885

58.885

53.000

Jugoslawien

60.000

60.000

56.000

Ungarn

550.000

277.000

71.000

Tschechoslowakei

143.000

164.000

112.000

Rumänien

211.214

107.295

3.742

Bulgarien

11.393

0

-7.600

Polen

2.700.000

1.800.000

516.511*

UdSSR

2.100.000

2.890.000

15.000**

SUMME

6.277.441

5.759.785

1.113.153

* enthält nicht die polnischen Repatriierungen; ** 15.000 Vermißte der Karpathoukraine

 

Die Vernichtung der ungarischen Juden

László Varga geht in seinem Beitrag im Benz-Buch über Ungarn davon aus, daß ca. 400.000 bis 500.000 ungarische Juden nach Auschwitz deportiert und dort zum großen Teil umgebracht wurden. Grundlage dafür sind IMT-Dokumente, denen zufolge ab Mai 1944 »nachweisbar 444.152 Juden aus Ungarn deportiert« wurden6.
Sanning zitiert in seinem Buch einen Bericht des Internationale Komitees des Roten Kreuzes, nach dem das Leiden der ungarischen Juden erst im Herbst 1944 angefangen haben solle. Er hält es deshalb für wahrscheinlich, daß die großen Deportationen gar nicht stattgefunden haben7.
Es muß aber wohl akzeptiert werden, daß es noch heute einige ungarische Juden gibt, die im Frühjahr 1944 tatsächlich nach Auschwitz deportiert wurden und des öfteren vor Gericht als Zeugen ausgesagt haben.8 Sannings Theorie steht hier also auf wackeligen Beinen.
Es gibt noch weitere Hinweise darauf, daß die Storys von der Massenvernichtung der ungarischen Juden nicht ganz stimmt. Die Zeugen betonen nämlich einhellig, daß während dieser vermeintlichen Massenvernichtungsaktionen aufgrund der beschränkten Krematoriumskapazitäten in Birkenau riesige Gruben ausgehoben wurden, um darin die Leichen zu verbrennen. Dabei sollen dunkle Rauchwolken den Himmel um Birkenau verdunkelt haben9. Leider (oder Gott sei Dank) beweisen die Aufnahmen alliierter Luftaufklärer aus dieser Zeit, daß es damals im Lager Birkenau, das niemals von Rauchwolken bedeckt war, weder offene Feuer, noch riesige Gruben, noch kleine oder große Rauchentwicklungen, noch Leichenberge, noch große Lagerstellen mit Feuerholz oder ähnliches gegeben hat.10 Die Polish Historical Society kommt denn auch zu dem Schluß, daß man angesichts dieser Beweise die Opferzahl von Auschwitz um weitere 400.000 plus 74.000 (polnische Juden des aufgelösten Ghettos Lodz, die in der Zeit ebenso vergast worden sein sollen) reduzieren müsse, womit man auf eine Zahl von etwa 500.000 Opfern für Auschwitz angelangt sei11.

Opfermaximierung in Polen

Die letzte Volkszählung Polens kam 1931 auf eine Zahl von etwa 3,1 Mio. Juden12. Sanning beweist, daß die polnischen Juden bereits zu Beginn der 30er Jahre einen äußerst gerin-gen Bevölkerungszuwachs aufzuweisen hatten13. Das Institut für Zeitgeschichte führte in einem Gutachten aus, daß seit 1933 jährlich ungefähr 100.000 Juden aus dem äußerst judenfeindlichen polnischen Staat nach Westeuropa oder Übersee auswanderten14. Da bei Auswanderungen vor allem junge Menschen ihr Heimatland verlassen, muß die Anzahl der Juden in Polen nicht nur aufgrund der Abwanderung, sondern auch wegen der zunehmenden Überalterung abgenommen haben. Diese Überalterung läßt sich bereits 1931 deutlich nachweisen. Sanning rechnet zwischen 1931 und 1939 mit 500.000 Auswanderern und setzt sogar noch ein geringes Bevölkerungswachstum von 0,2% an. Daraus errechnet sich ein Bestand von 2.664.000 Juden vor Kriegsbeginn15.
F. Golczewski behandelt das Problem der Bevölkerungsentwicklung jüdischer Polen in seinem Beitrag zum Benz-Werk mit folgenden Worten ab16:
»..., wenn wir für das Jahr 1939 auf der Basis der Fortschreibung der Zensuszahlen [von 1931] unter Berücksichtigung von natürlichem Zuwachs und Emigartion für den polnischen Staat eine Gesamtbevölkerung von 35.100.000 Personen annehmen..., wobei der Anteil der Juden auf 3.446.000... geschätzt wird. Noch einmal: diese Zahlen sind nicht gesichert...«
Mehr weiß er zu diesem Problem nicht beizutragen. Golczewski ignoriert also nicht nur den Umstand, daß es eine massive jüdische Auswanderung gab, sondern auch die Tatsache, daß die Juden Polens stark überaltert und damit weit weniger fruchtbar gewesen sein müssen als die übrigen Polen. Er geht also von 3.350.000 Juden in Polen zu Kriegsbeginn aus, davon 2,3 Mio. im Westteil Polens17. Durch diese äußerst fragwürdige Methode kommt er zu Kriegsbeginn auf 700.000 Juden mehr als Sanning.
Ähnlich aufschlußreich ist die Behandlung der Fluchtbewegungen der Polen während des Polenfeldzuges im September 1939. Golczewski geht davon aus, daß etwa 300.000 der 2,3 Mio. polnischen Juden in den östlichen, von den Sowjets besetzten Teil geflohen seien. Hiervon seien etwa 250.000 von den Sowjets nach Sibirien deportiert worden. Er betont aber, daß dies Schätzungen seien, da es keine verläßlichen Zahlen gebe18. Nach Golczewski sollen also ungefähr 2 Millionen polnische Juden im September 1939 unter deutsche Herrschaft geraten sein.19
Sanning führt an, daß während des deutsch-polnischen Krieges zwischen 500.000 und 1 Million Juden in den sowjetisch besetzten Teil Polens flohen, von wo sie zum großen Teil nach Sibirien deportiert wurden.20 Beleg dafür sei zum Beispiel, daß jüdische Hilfsorganisationen nach deren eigenen Angaben in Sibirien 600.000 polnische Juden in Arbeitslagern versorgten. Da bei dem unmenschlichen Transport in diese Lager sicherlich viele Juden gestorben seien, rechnet Sanning mit ursprünglich etwa 750.000 polnischen Juden, die in den sowjetisch besetzten Teil Polens geflohen seien. Somit habe sich die Anzahl der Juden in Westpolen von Anfangs 1.607.000 auf 757.000 reduziert21.
Anzufügen bleibt, daß das britisch-amerikanische Untersuchungskomitee für das europäische Judenproblem im Februar 1946 laut United Press auf einer Pressekonferenz erklärte, daß sich im Nachkriegspolen noch schätzungsweise 800.000 Juden befänden, die alle auszureisen wünschten.22

Archipel Gulag = Holocaust?

Gert Robel, Autor des UdSSR-Beitrages im Benz-Buch, ermittelt die jüdische Opferzahl, indem er von der Anzahl der Juden vor dem Krieg die der Juden nach dem Krieg abzieht und kommt dadurch auf etwa 2,9 Mio. Opfer23. Dabei zählt er natürlich auch jene Opfer auf das Konto des Holocaust, die in den Reihen der Roten Armee, in sowjetischen Arbeitslagern oder im Partisanenkampf starben:
»In ihr [der Opferzahl] sind auch die Verluste durch Kampfhandlungen unter jüdischen Soldaten und Zivilisten [Partisanen] enthalten sowie diejenigen, die den Strapazen der Flucht und dem Hunger zum Opfer fielen. Das ist berechtigt. Auch sie waren Opfer nationalsozialistischer Gewaltpolitik.«
23
Da deren Zahl allein an die Million reichen dürfte, darf diese Eintopfpolitik, milde ausgedrückt, überraschen.
Gert Robel meint, daß es über den Umfang der sowjetischen Evakuierungen und Deportationen von Mensch und Material keine systematischen Darstellungen gibt. Er handelt diese wichtige Frage in zwei Absätzen mit dem Hinweis ab, daß Stalin Hitler nicht durch Evakuierungspläne habe provozieren wollen (nein, man träumt nicht!), und daß es daher kaum zu merklichen Deportationen gekommen sei24. Sanning dagegen beschäftigt sich auf seinen Seiten 53-136 ausschließlich mit dieser Problematik und kann an Hand einer reichen Fundierung stichhaltige Zahlen über den Umfang der sowjetischen Evakuierungs- und Deportationsmaßnahmen bei Kriegsbeginn liefern. Offensichtlich aber hält G. Robel Sannings Ausführungen nicht für eine systematische Darstellung25:
»...Der Verf. [Sanning] glänzt durch methodisch unzulässigen Umgang mit dem statistischen Material und ebenso kühne wie nachweislich irrige Kombinationen und Schlüsse.«
Allerdings läßt er den Leser mit der Frage im Stich, was an Sannings Darstellung falsch sein könnte.
Robel geht mittels Schätzungen davon aus, daß etwa 3 bis 3,2 Mio. sowjetische Juden in den Einflußbereich deutscher Truppen kamen26. Sanning belegt, daß diese Zahl unter einer Million gelegen haben müsse27. Er belegt ferner, daß die arbeitsfähige Bevölkerung und besonders die Intelligenz der meisten russischen Städte beim Einzug deutscher Truppen bereits evakuiert gewesen sei. Die Vielzahl der Belege und Beweise kann hier nicht erbracht werden. Auf ein schlagendes Argument sei hier aber hingewiesen. Es ist allgemein akzeptiert, daß etwa 600.000 Juden den Rock der Roten Armee trugen. Da schon aus Altersgründen unmöglich mehr als die Hälfte der männlichen Bevölkerung rekrutiert werden kann, müssen also mindestens 2,4 Mio. Juden im nichtbesetzten Teil der UdSSR gelebt haben. Wenn man davon ausgeht, daß im Schnitt nur 80% eines Jahrganges auch wehrfähig ist, erhöht sich diese Zahl weiter auf 3 Mio. Da die Juden in der Sowjetunion überproportional als Fachkräfte in Industrie und Verwaltung tätig waren (etwa 90%ige Verstädterung, hoher Anteil an politischen Funktionen), das heißt häufig unabkömmlich waren, kann ihr Anteil an der Armee nicht weit über ihren proportionalen Anteil an der Gesamtbevölkerung getreten sein. Berücksichtigt man außerdem, daß belegbar viele Juden in Arbeitslager jenseits des Urals deportiert wurden und der normale Rekrutierungsanteil der männlichen Bevölkerung in keinem Teilnehmerland des Zweiten Weltkrieges über 30% anstieg, so müssen im nichtbesetzten Teil der Sowjetunion mindestens 4 Millionen Juden gelebt haben.
Das möglicherweise dem entgegenzuhaltende Argument, daß die Sowjets lediglich die wehrfähige männliche Bevölkerung deportiert hätten, würde bedeuten, daß dann vor allem weibliche Juden von den Deutschen ermordet worden wären. Die Sowjetunion hätte dann nach dem Krieg eine für einen Krieg umgekehrte Bevölkerungsstruktur der Juden aufweisen müssen, also mehr Männer als Frauen. Dies ist aber nachweislich nicht der Fall. Die Struktur entspricht vielmehr der normalen Verteilung, was bedeutet, daß die Geschlechter zahlenmäßig ungefähr gleichmäßig deportiert wurden.
Bezüglich der Anzahl heute in der Sowjetunion anzutreffender Juden beruft sich Benz ausschließlich auf sowjetische Volkszählungen28. Da man davon ausgehen muß, daß die Bürger der radikal-atheistischen Sowjetunion bei Völkszählungen nicht gerade dazu tendierten, ihre Konfession anzugeben, auch und gerade die Juden nicht, so wird klar, daß das freiwillige Bekenntnis zum Judentum im Jahre 1959 und 1970 (2,2 bzw 2,1 Mio.)29 wenig über die Anzahl der Juden in der Sowjetunion aussagt. Jüdische Schätzungen aus den siebziger Jahren gehen daher auch von 3 bis 4 Millionen Juden in der Sowjetunion aus30. Neueste Zeitungsmeldungen sprechen sogar von 5 Mio. Juden und mehr, was jedoch angesichts der stagnierenden Bevölkerungsentwicklung kaum sein kann.31 Sie scheint aus politischen Gründen künstlich überhöht zu sein.

Die jüdische Auswanderung

Benz untersucht mit keinem einzigen Absatz das Problem der jüdischen Auswanderung aus Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Da er die Opferzahl zumeist aus der Differenz der Vorkriegs- zu den Nachkriegszahlen ermittelt, muß dies zu einer großen Schräglage führen. Sanning dagegen führt eine Aufstellung der jüdischen Einwanderung in außereuropäische Länder auf, die in Tabelle 2 wiedergegeben ist32. Sie gilt bis heute als unwidersprochen, so daß man von der Richtigkeit dieser Angaben ausgehen kann.

 

Tabelle 2: Einwanderung europäischer Juden vor und nach dem 2. Weltkrieg

Land

Vor dem Krieg

Nach dem Krieg

Palästina

293.000 ('32-'44)

73.000 ('45-'48)

Israel

 

585.000 ('48-'70)

USA

406.000 ('33-'43)

490.000

Lateinamerika

180.000 (30er Jahre)

150.000

Kanada, Australien, England, Südafrika

90.000 (30er Jahre)

250.000

SUMME

969.000

1.548.000

 

Sanning weist nach, daß es 1970 im ehemals deutsch besetzten Europa ohne die UdSSR immer noch etwa 860.000 Juden gab33. Da die jüdische Bevölkerung Westeuropas nach dem Krieg so gut wie kein Bevölkerungswachstum mehr zu verzeichnen hatte, müssen einschließlich der Nachkriegsauswanderungen (etwa 1,548 Mio., vgl. Tabelle 2) unmittelbar nach Kriegsende mindestens 2.408.000 Juden im deutsch besetzten Teil Europas (ohne UdSSR) gelebt haben. Sanning ermittelte, daß unmittelbar nach dem Krieg im ehemals deutsch besetzten Europa (ohne UdSSR) nur 1.443.000 Juden statistisch aufgefunden wurden, 1,1 Mio. galten als vermißt (vgl. Tabelle 1)34. Benz kommt auf 1,2 bis 1,3 Mio. statistisch erfaßte Juden im ehemals deutsch besetzten Euro-pa (ohne UdSSR) unmittelbar nach dem Krieg. Die Differenz zu den etwa 2,4 Mio. heute erfaßten Juden, etwa 1 bis 1,2 Mio. Juden, ist also nach dem Krieg zunächst ohne Registrierung ausgewandert. Setzt man diese unregistrierten Auswanderungen in Bezug zu den von Sanning als vermißt bezeichne-ten 1,1 Millionen Juden des ehemals deutsch besetzten Europas, so kann man angesichts der großen Schwankungen des Zahlenmaterials nach Sanning keine statistisch abgesicherten Aussagen mehr machen, ob und wenn dann wieviele Juden während des Dritten Reiches eines ungeklärten Todes starben.
Zieht man diese etwa 1 Mio. unregistrierten Auswanderung von Benz 5,3 bis 6 Mio. ab, so erhält man bei ihm 4,3 bis 5 Mio. Opfer. Davon abzuziehen wäre ferner die Differenz zwischen der in sowjetischen Statistiken aufgetauchten Anzahl sowjetischer Juden und der tatsächlichen Zahl (etwa 1,5 Mio.), die Anzahl der durch andere Umstände in der UdSSR umgekommenen Juden (Deportationen, Krieg, Partisanenkampf, mindestens 500.000), die Anzahl der statistisch hinzugemogelten polnischen Juden (etwa 700.000) sowie die Anzahl der wahrscheinlich nicht gänzlich umgekommenen ungarischen Juden (300.000), also in der Summe etwa 3 Millionen. Somit verblieben bei Benz ein Rest von maximal 1,2 bis 2 Mio. ungeklärten Fällen.

 

Tabelle 3: Korrigierte Opferzahlen von Benz

Ausgangszahl Benz:

abzüglich

Grund

5,3 bis 6 Mio.

mind. 1 Mio.

unregistrierte Auswanderung nach dem Krieg

 

mind. 1,5 Mio.

statistisch nicht erfaßte Juden in der UdSSR

 

mind. 0,5 Mio.

Opfer von Krieg, Partisanenkampf und sow. Deportation

 

0,7 Mio.

statistisch überhöhte Judenzahl im Vorkriegspolen

 

mind. 0,3 Mio.

Wegfall der Vernichtung der ungarischen Juden

5,3 bis 6 Mio. abzüglich mindestens 4 Mio. Þ maximal 1,3 bis 2 Mio. Vermißte

 

Für die Länder Polen, UdSSR und Ungarn sowie die Frage der Nachkriegsauswanderungen versagt das Benz-Werk völlig. Es verschweigt die als Exodus bekannt gewordenen Massenauswanderungen nach dem Krieg. Zu seinen völlig falschen Schätzungen kommt Benz schließlich ohne jede Beweisführung innerhalb weniger Sätze.
Grafik 1 enthält eine schematische Gegenüberstellung der Arbeitsweisen beider Autoren. Benz erhält die Holocaust-Opferzahl, indem er die Differenz bildet zwischen der Anzahl der Juden vor dem Krieg (Gesamtbalken) und der, die nach dem Krieg in Europa und bei ihrer Auswanderung registriert wurden. Einzelne Autoren übergehen sogar eine Auswanderung gänzlich.

 

 

Benz

Sanning

 
     

Tod durch sowjetische Deportation und Lagerhaft

   

Tod durch Pogrome Nichtdeutscher ohne deutsche Hilfe oder Duldung

   

Tod durch Kriegseinwirkung (Arbeitsdienst, Bombenopfer)

   

Tod als Soldat

Holocaust-Opfer

 

Tod als Partisan (im Kampf oder durch Hinrichtung)

   

Natürliche Sterbeüberschüsse

   

Religionsübertritte

   

unregistrierte Auswanderung während und nach dem Krieg

   

heute statistisch nicht erfaßte oder angegebene Juden

   

ungeklärte Fälle, zumeist 'natürlicher' Tod in Ghettos und Lagern

wie Sanning

   

registrierte Auswanderung während und nach dem Krieg

wie Sanning

   

heutiger vermeintlicher Restbestand

Grafik 1: Schematische Darstellung der Methoden zur Holocaust-Opferzahlenbestimmung von W. Benz und W.N. Sanning. Die Höhe der einzelnen Bereiche sagt nichts über die Anzahl der Fälle aus.

 

Sanning dagegen versucht eine sehr differenzierte Betrachtung. Er schließt zunächst all jene Opfer aus der Summe der Holocaust-Opfer aus, die nichts mit einem vorsätzlichen Völkermord an den Juden durch Deutsche zu tun haben, vor allem hervorgerufen durch sowjetische antijüdische Maßnahmen und direkte Kriegseinwirkungen (obere 5 Zeilen). Sodann berücksichtigt er, daß das statistische Material durch unregistrierte Wanderungen, Glaubensübertritte, Sterbeüberschüsse und vor allem durch falsche sowjetische Statistiken korrigiert werden muß. Nach diesen Korrekturen bleibt eine Anzahl ungeklärter Fälle, die der Größenordnung nach durch sogenannte »natürliche« Todesursachen erklärbar ist: meist Hunger und Seuchen, bedingt durch Ghettoisierung und Internierung unter Kriegsbedingungen.

Anmerkungen

1 W.N. Sanning, The Dissolution of the Eastern European Jewry, Institute for Historical Review, Torrance, CA, 1983; dt.: Die Auflösung des osteuropäischen Judentums, Grabert, Tübingen 1983.
2 W.N. Sanning, Die Auflösung..., aaO., S. 278f.
3 W. Benz, Dimension des Völkermords, Oldenbourg, München 1991, S. 17.
4 Ebenda, S. 20.
5 Genaueres zur Ermittlung dieser Zahlen demnächst in einem Sammelwerk (Ernst Gauss (Hg.), Grundlagen zur Zeitgeschichte, Grabert, Tübingen 1994).
6 W. Benz (Hg.), aaO., S. 344.
7 Wiedergegeben in: A.R. Butz, The Hoax of the Twentieth Century, Historical Review Press, Brighton, Sussex, 21977, S. 138.
8 So z.B. die Zeuginen J. Lazar und L. Heuser im Prozeß gegen G. Weise, vgl. R. Gerhard (Hg.), Der Fall Weise, 2. Auflage, Türmer, Berg 1991, S. 28 & 33.
9 Vgl. z.B. in E. Jäckel, P. Longerich, H.J. Schoeps (Hg.), Enzyklopädie des Holocaust, Argon, Berlin 1993.
10 Vgl. J.C. Ball, Air Photo Evidence, Ball Recource Services Ltd, Delta, B.C., 1992, sowie J. Konieczny, The Soviets, but not the Western Allies, should have bombed the Auschwitz camp, Polish Historical Society, Stamford, CT April 1993.
11 J. Konieczny, Anm. 10.
12 W. Benz, aaO., S. 416; W.N. Sanning, aaO., S. 5.
13 W.N. Sanning, aaO., S. 16.
14 Gutachten, Instituts für Zeitgeschichte, München 1958, S. 79f.
15 W.N. Sanning, aaO., S. 22.
16 W. Benz, aaO., S. 417.
17 Ebenda, S. 417f.
18 Ebenda, S. 425f.
19 Ebenda, S. 443.
20 W.N. Sanning, aaO., S. 33-38.
21 Ebenda, S. 39.
22 Archiv der Gegenwart, 15.2.1946.
23 W. Benz, aaO., S. 560, in den Nachkriegsgrenzen.
24 Ebenda, S. 507f.
25 Ebenda, S. 558, Fußnote 396.
26 Ebenda, S. 509.
27 W.N. Sanning, aaO., S. 126.
28 W. Benz, aaO., S. 558.
29 Ebenda, S. 559; W.N. Sanning, aaO., S. 147.
30 W.N. Sanning, aaO., S. 148f.
31 New York Post, 1.7.1990. Dies Zahl stammt somit aus einer Zeit, zu der bereits viele Juden hauptsächlich nach Israel bzw. in die USA ausgewandert waren!
32 W.N. Sanning, aaO., S. 231.
33 Ebenda, S. 232.
34 Ebenda, S. 207.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 41(4) (1993), S. 18-22

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