Die umstrittenste Zahl der Zeitgeschichte

Das ungeklärte Ausmaß der jüdischen Opfer

Dr. Alfred Schickel

Man muß nicht - wie Hoggan, Irving oder de Zayas - Ausländer sein, um sich eine von der bisher als sakrosankt geltenden Auffassung deutscher Geschichte (auch der jüngsten Zeit) abweichende Meinung zu gestatten. Eine neue Generation deutscher Zeitgeschichtler (von denen man viele getrost ohne Anführungszeichen so nennen darf) wächst heran und ist - unbelastet und sachlich - eifrig dabei, alte Umerziehungszöpfe auf ihrem Fachgebiet abzuchneiden. Unter ihnen hat in letzter Zeit Dr. Alfred Schickel (u. a. durch Veröffentlichungen in angesehenen Tageszeitungen wie »FAZ«, »Die Welt« und »Süddeutsche Zeitung« ) Profil gewonnen. Der in Süddeutschland lebende junge Wissenschaftler ist auf seinem Spezialgebiet (deutsche und ostmitteleuropäische Zeitgeschichte) bei Quellenforschung in in- und ausländischen Archiven unermüdlich tätig. Sein nachfolgender Beitrag, der Widerspruch von allen Seiten - der etablierten wie der revisionistischen Zeitgeschichtsschreibung - finden dürfte und mit dessen Inhalt auch wir uns nicht voll identifizieren können, ist jedenfalls kennzeichnend für den Durchbruch neuer, von politischem Zweckdenken freier Gedanken auf diesem von den Siegern des Zweiten Weltkriegs jahrzehntelang malträtierten Gebiet der Wissenschaft.

Selten behandelt, aber um so mehr gestellt war im Anschluß an die vieldiskutierte »Holocaust«-Sendung die Frage nach dem genauen Ausmaß der jüdischen KZ-Opfer, der deutschen wie der ausländischen. Ihre Zahl erscheint freilich genauso umstritten wie das Bemühen, sich über ihre exakte Höhe Klarheit zu verschaffen. Allzu schnell gerät nämlich der Rechercheur - zumal der deutsche - in den Verdacht, mit Nachrechnungen moralische Schuld quantifizieren oder gar relativieren zu wollen. Entsprechend zurückhaltend geht hierzulande die zeitgeschichtliche Forschung an die Klärung dieser Frage heran. Im allgemeinen beschränkt man sich auf die Wieder- und Weitergabe der eingeführten Zahlen. Diese beruhen weitgehend auf Schätzungen und Bevölkerungsstands-Vergleichen, da oft ganze jüdische Familienverbände ausgerottet wurden und daher kein Überlebender mehr die Zahl seiner toten Angehörigen angeben kann oder weil über die durchgeführten Massenexekutionen außerhalb und innerhalb des Lagers keine zuverlässigen Aufzeichnungen gemacht worden sind. Die so geschätzten Zahlen bewegen sich zwischen 5 und 7 Millionen. So gab der Leiter des politischen Departements des Jüdischen Weltkongresses, M. Perlzweig, im Frühsommer 1946 die Verluste des jüdischen Volkes mit 7 Millionen Toten an. Das »Anglo-American Committee« bezifferte im April 1946 das Ausmaß der jüdischen Opfer mit 5.721.500 Personen.

Dagegen veröffentlichten die »Basler Nachrichten« im Juni 1946 eine Verlustbilanz des jüdischen Volkes, die auffallend stark von diesen Zahlen abweicht. Nach der Aufstellung dieses linksliberalen Schweizer Blattes bewegt sich das Ausmaß der jüdischen Opfer »zwischen 1 und 1,5 Millionen«. Alle drei angeführten Angaben errechneten sich aus der Gegenüberstellung der jüdischen Bevölkerung vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, wobei M. Perlzweig von ursprünglich 8,5 Millionen europäischen Juden ausgeht, von denen nach seiner Berechnung nur anderthalb Millionen die nationalsozialistischen Verfolgungen überlebt haben, während die »Basler Nachrichten« die Zahl der europäischen Juden (außerhalb der Sowjetunion) mit Ungefähr 5,6 Millionen« ansetzen, von welchen aber angeblich »nach Emigration und Teilung Polens« nicht mehr als »3 Millionen in den Machtbereich Hitlers fielen«. Von diesen hätten schließlich rund 1,5 Millionen die nationalsozialistische Ausrottungspolitik überlebt. Seit den Aussagen der SS-Führer Höß, Hoettl und Eichmann sowie dem Bericht von Richard Korherr, dem »Inspekteur für Statistik beim Reichsführer SS«, vom 28. April 1943 (»Korherr-Bericht«) erscheint immer häufiger die Zahl von 6 Millionen ermordeter Juden. Sie ließ die Aufstellung der »Basler Nachrichten« vergessen.

Phantasiegebilde

Der Großteil der nunmehr auf sechs Millionen Menschen bezifferten jüdischen Opfer, nämlich 3 bis 4 Millionen, wurde den Vernichtungsanlagen von Auschwitz zugeschrieben. Als Beleg dafür galt die Niederschrift des zeitweiligen KZ-Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, in welcher von 2,5 Millionen im Lager Durch Vergasung und Verbrennen hingerichteter Häftlinge« und weiterer 500.000 durch Hunger und Krankheit umgekommener KZ-Insassen die Rede ist. Später widerrief Höß allerdings diese Angaben und nannte sie Phantasiegebilde. Die seriöse Geschichtsforschung im Westen verzichtet seither auch auf die Verwertung der ersten Hößschen Angaben und schätzt die Todesopfer von Auschwitz auf rund 1 Million. Lediglich der britische Historiker George Bruce geht in seinem Buch »The Nazis« (London 1974) von einem niedrigeren Ansatz aus und beziffert die Mord- und Sterbefälle von Auschwitz mit 300.000 Personen.

Sein englischer Landsmann und Fachkollege, Gerald Reitlinger, der in seiner Monographie »Die Endlösung« (»The Final Solution«, New York 1961) dem Studium der jüdischen Verluste ein ganzes Kapitel widmet, spricht von einer Million Todesopfer; eine Schätzung, die auch

von dem amerikanischen Historiker Raul Hilberg geteilt wird. Ebenso setzt das deutsche »Institut für Zeitgeschichte« in München die Verlustzahlen von Auschwitz auf rund eine Million an. Sein Direktor, der Neuhistoriker Martin Broszat, schrieb im Jahre 1978 im Vorwort der Autobiographischen Aufzeichnungen des Rudolf Höß« über Auschwitz: Hunderttausende von Menschen wurden in seinen Gaskammern ermordete, wobei offenbar die auf andere Weise noch zu Tode gekommenen Opfer noch eigens in Anschlag zu bringen sind. Bekanntlich rafften Epidemien und Seuchen viele Tausende von Häftlingen dahin und kamen auch ungezählte Menschen bei den Luftangriffen der Alliierten auf die ausgedehnten Industrieanlagen von Auschwitz ums Leben. Immerhin bombardierte die US Air Force - nach Ausweis ihrer eigenen offiziellen Chronologie - nicht weniger als viermal mit über 1700 Großflugzeugen die dem Konzentrationslager ungegliederten weiträumigen Rüstungsbetriebe von Auschwitz, eine Tatsache, die hierzulande in der Fachliteratur völlig unbekannt ist und daher auch bislang stets außer Betracht blieb.

Daß bei diesen Bombardements auch viele in diesen Industriebetrieben beschäftigte Häftlinge den Tod gefunden haben dürften, liegt angesichts der kaum nennenswerten Luftschutzeinrichtungen im Konzentrationslager Auschwitz auf der Hand.

Die in diesem Zusammenhang jüngst von dem amerikanischen Historiker David S. Wyman aufgeworfene Frage, warum denn die US-Luftwaffe bei gleicher Gelegenheit nicht auch gleichzeitig gezielt die Vernichtungsanlagen von Auschwitz zerstört habe, blieb seitens der Verantwortlichen in Washington unbeantwortet.

Immerhin mußte spätestens seit der geglückten Flucht zweier Auschwitz-Häftlinge im Jahre 1943 nach England den Westmächten beziehungsweise ihren Regierungen bekannt gewesen sein, welchen Zwecken dieses Konzentrationslager diente, und zu der Überlegung Veranlassung gegeben haben, wie man dem dort stattfindenden Massenmorden- etwa durch Bombardierung der Gleisanlagen und Zufahrtswege oder durch gezielte Luftangriffe auf die Gaskammern- Einhalt gebieten könnte. Aber nichts dergleichen geschah.

Angesichts dieser ungeklärten Fragen und weiterer statistischer Unsicherheiten - etwa bei der Frage nach der Zahl der jüdischen Emigranten während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg - geriet die aus den späten vierziger Jahren überlieferte Zahl von 6 Millionen ermordeter Juden immer mehr in Zweifel und wird heute in der zeitgeschichtlichen Wissenschaft nicht mehr ernsthaft vertreten.

Als allgemein gültig wird im Westen die von Gerald Reitlinger geschätzte Verlustzahl von maximal 4,2 bis 4,8 Millionen getöteter und vermißter Juden angenommen, wobei der Anteil und das Schicksal der Ostjuden (in Polen, dem Baltikum und in der Sowjetunion) noch teilweise offenbleiben.

Sowjets bleiben bei sechs Millionen

Ganz in der osteuropäischen und der DDR-Historiographie.

Dort wird sowohl an den ursprünglichen Höchstzahlen von sieben und mehr Millionen festgehalten als auch die Zahl der Opfer von Auschwitz mit über 4 Millionen veranschlagt.

So schreibt die polnische Publizistin Maria Winowska in ihrem Buch über Pater Maximilian Kolbe, daß in Auschwitz »mehr als fünf Millionen« Menschen umgekommen seien, wobei sie freilich nicht in erster Linie die jüdischen Opfer als vielmehr die Toten ihres eigenen Volkes im Auge hat.

Und in DDR-Schulbüchern ist zu lesen, daß »in den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Hitlerfaschisten über sechs Millionen Menschen ermordet worden sind«. Eine völlig andere Statistik ergibt sich, wenn man lediglich die vom Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes im Sonderstandesamt in Arolsen beurkundeten KZ-Todesfälle registriert. Dort sind nämlich bis zum 31.12.1974 für alle Konzentrationslager des »Dritten Reiches« insgesamt 351.760 Sterbefälle ausgewiesen; davon für das KZ Auschwitz 50.156 Todesfälle. Da jedoch die Totenbücher von Auschwitz zum Teil noch in russischer Hand sind und daher auch noch nicht ausgewertet werden konnten, dürften die beurkundeten Sterbefälle nur einen Bruchteil der Gesamtopfer von Auschwitz darstellen. Dabei ist nicht auszuschließen, daß sich die vom Internationalen Suchdienst ermittelten Todesfälle nur auf die herkömmlichen Todesarten (Alter, Erschöpfung, Krankheit, Seuchen, Hunger) beschränkten und die Vergasungsopfer nicht mit einschlossen. Für diese Annahme spricht auch der Umstand, daß die in Arolsen für das KZ Dachau beurkundeten Sterbefälle von 31.951 Personen sich nahezu mit der heute in der wissenschaftlichen Literatur überlieferten Verlustzahl deckt, da im Konzentrationslager Dachau wegen Fehlens einer funktionsfähigen Gaskammer keine Menschen durch Gas ermordet worden sind.

Erscheinen manche Zahlen anderer Konzentrationslager, besonders derjenigen außerhalb des Reichsgebiets, wie auch die Differenz innerhalb der verschiedenen Gesamtverlustangaben noch in einigen Punkten ungeklärt, so liegen über den Anteil der deutschen Juden an den Verfolgungstoten genauere Erkenntnisse vor.

Ihnen zufolge lebten im Sommer 1933 insgesamt 499.682 Juden (Glaubensjuden) im Deutschen Reich. Von diesen waren bis zum Mai 1939 knapp 270.000 emigriert. Weitere 20.000 deutsche Juden konnten bis zum Kriegsausbruch im September 1939 noch auswandern. Die bevorzugten Asyl-Länder waren die Vereinigten Staaten, wohin über 140.000 Juden emigrierten, Palästina (heute Israel), in das 65.000 deutsche Juden gingen, und Staaten von Mittel- und Südamerika, wohin rund 55.000 deutsche Juden auswanderten. Die übrigen verteilten sich auf Großbritannien, die skandinavischen Länder und die Schweiz.

Der nationalsozialistischen Ausrottungspolitik waren somit rund 210.000 Juden in Deutschland ausgeliefert, von denen nicht mehr als knapp 17.000 die Konzentrations- und Vernichtungslager überlebten.

Über 180.000 deutsche Juden wären damit der sogenannten Endlösung der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen.

Eine Zahl, die allein schon genügte, um jeden Erklärungsversuch verstummen zu lassen.

Um so weniger besteht Anlaß, die ohnehin schon erschreckend hohe Zahl aller jüdischen Opfer auch noch fahrlässig zu pauschalieren und in den Geruch der Übertreibung zu bringen.

Schließlich geht es darum, daß die tatsächlichen Opfer ihr verpflichtendes Gedenken und ihre Glaubwürdigkeit nicht auf die Dauer durch fiktive Zahlen verlieren. Man würde ihnen sonst neben dem hingegebenen Leben auch noch die Erinnerung auslöschen und sich dadurch doppelt an ihnen schuldig machen.

Das gilt in gleicher Weise auch für die Leiden und Opfer der deutschen Heimatvertriebenen, unter deren 2,2 Millionen Toten sich auch ungezählte »fernsehreife« Familiendramen fänden. Ihren Opfergang zu »Transfer« und »Bevölkerungsverschiebung« herunterzuspielen, wie dies die einschlägigen deutsch-polnischen Schulbuchempfehlungen in wenig pietätvoller Weise unternehmen, bedeutete, daß es letztlich gedenkwürdige und weniger erinnerungswürdige Tote gäbe; eine Vorstellung, die dem Moral- und Sittlichkeitsempfinden einer Kulturnation zur Schande gereichen würde.

Nicht Gegen- oder Aufrechnung, sondern gemeinsame Betroffenheit über die Leiden der Vergangenheit scheint am Platze, um über den Gräbern der Millionen Opfer- jüdischer, polnischer, sowjetischer wie deutscher - zur Gestaltung einer besseren und glücklicheren Zukunft zu gelangen. Erst wenn dies geschieht, werden die Nachkommen aus der Geschichte ihrer Väter und Vorfahren die richtigen Lehren gezogen haben und einer Wiederholung des Holocaust in 0st und West, in Nord und Süd jede Aussicht nehmen - der vielleicht größte und letzte Sinn dieser bislang unerhörten Opfer unserer jüngsten deutschen Vergangenheit.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 28(1) (1980), S. 9ff.

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