›Unternehmen Rettung - Ostsee 1945‹

Auszug aus Rolf-Josef Eibichts ›50 Jahre Vertreibung‹

Heinz Schön


Die Flucht über die Ostsee 1944/45 ist eines der besonders tragischen Kapitel in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Sie begann Mitte Juli 1944 mit der ersten Evakuierung über See im Hafen von Memel, erlebte ihren dramatischen Höhepunkt in den Wintermonaten 1944/45 und endete Mitte Mai 1945 in dem schleswig-holsteinischen Ostseehafen Flensburg. Was sich in den dazwischen liegenden Monaten in den Ostseehäfen und auf den Schiffen abspielte, ist in der Geschichte ohne Beispiel.
Vor den sowjetischen Truppen strömten Hunderttausende in die Häfen, nach Memel, Königsberg, Pillau, Danzig, Gotenhafen, Rügenwalde, Stolpmünde, Kolberg, Stettin, Swinemünde, Greifswald und zuletzt auch nach Stralsund, Saßnitz, Rostock und Wismar. Die Flüchtenden waren Mutter und Kinder, Greise und alte Frauen aus Ostpreußen, Westpreußen, Danzig und Pommern. Sie alle mußten in den Häfen und auch auf den Schiffen Hunger, Not, Kälte und Entbehrungen auf sich nehmen; sie trennten sich auf der Flucht oder vor den Schiffen von ihrer letzten Habe, ihrem letzten Gepäck, um nur noch das nackte Leben zu retten.
Bevor die aus ihrer angestammten Heimat Vertriebenen die Häfen an der Ostsee erreichten, lag oft schon eine tagelange Flucht hinter ihnen, eine Flucht über verstopfte, verschneite Straßen, eine Flucht über die Kurische oder Frische Nehrung, über die zugefrorenen Haffs, stündlich bedroht von russischen Jagdflugzeugen, Bombern und Panzern, die keine Gnade kannten. Töten war deren Auftrag. Und sie erfüllten ihn erbarmungslos.
Erst auf den Schiffen fühlten sich die Flüchtlinge sicher und atmeten auf; ein Schiffsplatz war die halbe Rettung.
›Menschenleben retten‹ war die letzte Aufgabe, die die deutsche Marine in den letzten Kriegsmonaten in der Ostsee zu erfüllen hatte, eine gigantische Aufgabe, deren Ergebnis erst nach dem Ende des Krieges deutlich wurde: Rund 2,5 Millionen Menschen wurden 1944/45 über die Ostsee vor dem Zugriff sowjetischer Truppen gerettet. An diesem größten Rettungswerk der Seegeschichte waren 1081 Schiffe - 672 Handelsschiffe und 409 Kriegsschiffe - beteiligt.
Die deutsche Seekriegsleitung und das Oberkommando der Wehrmacht hatten während des Krieges eine Vielzahl von Operationen und Unternehmen in monatelanger Generalstabsarbeit vorgeplant, doch nicht für das ›Unternehmen Rettung - Ostsee 1945‹. Dieses Unternehmen entwickelte sich ohne jede Vorplanung. Weder die Wehrmacht noch die Marine oder die Partei hatten sich bis 1944 beim Näherkommen der sowjetischen Truppen an die Reichsgrenzen mit der Frage beschäftigt, was geschehen müsse, wenn plötzlich hunderttausend oder mehr Menschen aus Ostpreußen, Westpreußen und Pommern in die Ostseehafen strömten, um vor den russischen Truppen über die Ostsee gerettet zu werden. Niemand hatte sich die Frage gestellt, woher in einem solchen Fall der erforderliche Schiffsraum kommen würde, wie Frachtschiffe in kürzester Zeit für den Menschentransport umgerüstet werden könnten und woher Kohle und Öl in ausreichender Menge für diese gewaltigen Transportaufgaben zu beschaffen seien.
Als Mitte Januar 1945 die sowjetische Großoffensive, der ›Sturm auf das Reich‹, begann, die fast gleichzeitig die Erreichung der Ostseeküste in Ostpreußen, Westpreußen und Pommern zum Ziel hatte, begann die Massenflucht der Zivilbevölkerung in die Häfen Königsberg, Pillau, Danzig, Neufahrwasser und Gotenhafen, die in wenigen Tagen zu ›Flüchtlingshäfen‹ wurden. Die Flüchtlinge, ausnahmslos Frauen, Kinder und Greise, die zur ›nichtkampffähigen Bevölkerung‹ gehörten, kamen mit Trecks oder mit der Bahn in die Ostseehäfen in der Erwartung, hier von einem Schiff aufgenommen und über die Ostsee nach Westen gerettet zu werden.
Die Ansammlung von mehreren hunderttausend Flüchtlingen in den Hafen Ost- und Westpreußens stellte die Marine Ende Januar 1945 vor eine schier unlösbare, für viele unerwartete Aufgabe. Für lange Überlegungen und zeitraubende Planungen war keine Zeit, schnelles Handeln war erforderlich.
Und ein Mann handelte: Großadmiral Dönitz, der, das Kriegsgeschehen im Osten folgerichtig einschätzend, sofort reagierte. Er ernannte den 46jahrigen Konteradmiral Konrad Engelhardt, der vor dem Krieg Handelsschiffskapitän gewesen war, zum ›Seetransportchef Ostsee‹ und stattete ihn mit allen erforderlichen Vollmachten aus. Engelhardt, der bereits den Rückzug der deutschen Truppen aus Italien aber See erfolgreich organisiert hatte, wußte mit Handelsschiffskapitänen ebenso umzugehen wie mit den Kommandanten von Kriegsschiffen.
Bereits am 25. Januar 1945 begann das ›Unternehmen Rettung - Ostsee 1945‹ anzulaufen, wann es enden würde, wußte zu diesem Zeitpunkt niemand. Die im Juli, im Oktober 1944 und den folgenden Wochen aus Memel durchgeführten Evakuierungsfahrten über die Ostsee waren nur ›Generalproben‹ für das Ende Januar 1945 beginnende große Rettungswerk gewesen.
In Pillau wurde der Anfang gemacht. Das erste große Flüchtlingsgeleit, bestehend aus den Schiffen ›Robert Ley‹, ›Pretoria‹, ›Ubena‹ und ›Duale‹, verließ den ostpreußischen Hafen am 25. Januar 1945. An Bord der Schiffe befanden sich über 20 000 Menschen; das Geleit erreichte ohne Feindeinwirkung den Zielhafen. Das gab Hoffnung.
Am 27. Januar 1945 verließen der Dampfer ›General San Martin‹ und ›Der Deutsche‹ den Hafen von Königsberg. Beide Schiffe hatten dort Kriegsmarineeinheiten als ›Wohnschiffe‹ gedient. Nachdem die Soldaten die Schiffe geräumt hatten, waren einige hundert Flüchtlinge an Bord genommen worden, die zum Teil die Schiffe wieder verlassen mußten, als der Befehl eintraf, die Insassen der Frauen- und Kinderklinik Königsberg, einschließlich Personal, an Bord zu nehmen und nach Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern zu verlegen. Auch dieses Geleit erreichte ohne Angriffe aus der Luft und von See sein Ziel. Am 25. Januar 1945 hatte in Gotenhafen und in Danzig-Neufahrwasser die Einschiffung auf die dort liegenden großen Passagierschiffe begonnen, auf die ›Cap Arcona‹, die ›Deutschland‹, die ›Hanse‹, die ›Potsdam‹, die ›Walter Rau‹ und die ›Wilhelm Gustloff‹.
Bei der Beladung der groben Passagierschiffe hatte sich herausgestellt, daß das Fassungsvermögen weit größer war als ursprünglich angenommen. So übernahm der Dampfer ›Deutschland‹ 12 000 Flüchtlinge, ›Cap Arcona‹ etwa 10 000 und die ›Wilhelm Gustloff‹ anstatt 4 000 insgesamt 6 600. Auf den anderen Schiffen wurden die ›Sollzahlen‹ ebenfalls überschritten, so daß in den letzten drei Januartagen 1945 in den Häfen von Gotenhafen und Danzig-Neufahrwasser insgesamt fast 100 000 Flüchtlinge eingeschifft werden konnten; eine gewaltige Leistung.
Alle großen und kleinen Schiffe, die Gotenhafen und Danzig Ende Januar und in den Februartagen verließen, wurden in der Danziger Bucht oder auf der Reede von Hela zu Geleitzügen zusammengestellt und dem Schutz der 9. Sicherungsdivision unterstellt, die sie sicher nach Westen brachten. Nur ein Schiff wagte die Alleinfahrt - die in die Katastrophe führte: die ›Gustloff‹.
Nachdem am 28. Januar 1945 der Ostseehafen Memel verlorengegangen war, verstärkte sich der Druck sowjetischer Truppen auf Ostpreußen, Westpreußen und auch auf Pommern unvermindert weiter. Der Strom der Flüchtlinge, die in die Hafen drängten, wurde Ende Februar 1945 immer stärker. Königsberg wurde hart umkämpft, der Heiligenbeiler Kessel bildete sich, die Schweren Kreuzer ›Prinz Eugen‹ und ›Admiral Hipper‹ griffen bei Pillau-Fischhausen in die küstennahen Abwehrkämpfe ein, der Schwere Kreuzer ›Lutzow‹ unterstützte die Verteidiger Elbings und nahm sowjetische Stellungen und Aufmarschstraßen am Frischen Haff unter Beschuß, ein starker sowjetischer Angriff auf Hinterpommern konnte abgewehrt werden.
Als in den ersten Märztagen der neue sowjetische Großangriff begann, der schließlich dazu führte, daß sowjetische Truppen innerhalb von zwei Wochen ganz Ostpommern besetzten, bis an die Odermündung bei Stettin vordrangen und die Fluchtwege abschnitten, befanden sich etwa 2 Millionen Deutsche noch in Pommern und Danzig. Am 7. März 1945 begann bereits die Belagerung der Ostseefestung Kolberg.
Für die Pommern, die Westpreußen und die Ostpreußen war jetzt der Fluchtweg über Land nach Westen abgeschnitten, es gab nun nur noch einen Fluchtweg in die Freiheit, der Weg über die Ostsee. Eine Massenflucht auf Hafen und Schiffe in ungeheuerlichem Ausmaß setzte ein.
Der ›Seetransportchef Ostsee‹, Konteradmiral Engelhardt, den Ernst der Lage klar erkennend, hatte inzwischen das letzte kleine Schiff für seine Flüchtlingstransportflotte requiriert und eingesetzt. Der Admiral wußte, ›Eile tut not‹, er mußte damit rechnen, daß noch im März die Häfen in der Danziger Bucht und auch Kolberg verlorengehen würden. Dorthin, aber auch nach Pillau mußte er Schiffe schicken, um Menschen abzuholen. Viele Schiffe, große und kleine.
Die Frage ›Wohin mit den vielen Ostseeflüchtlingen?‹ stellte sich nicht nur in Saßnitz, sie stellte sich vor allem auch in Swinemünde, dem größten Anlaufhafen für Flüchtlingsschiffe. Hier waren die Verhältnisse fast noch katastrophaler als in Saßnitz. Sie wurden noch schlimmer, nachdem am 12. März 1945 700 alliierte Bomber der 8. USAAF-Flotte vom Typ B 17 und B 24 insgesamt 1435 Bomben auf den total überfüllten Flüchtlingshafen und die im Hafen und auf Reede liegenden vollbesetzten Flüchtlingsschiffe abgeworfen hatten. Sieben Flüchtlingsschiffe sanken im Bombenhagel der Angreifer, Tausende von Zivilisten, darunter viele Flüchtlinge, starben auf See, im Hafen und in der Stadt. In wenigen Stunden hatten die feindlichen Flugzeuge aus Swinemünde, dem ›Hafen der Hoffnung‹ für viele zehntausend Flüchtlinge, einen ›Hafen des Todes‹ gemacht. Eine ›Heldentat‹, auf die die alliierte Luftflotte wahrlich nicht stolz sein konnte. Auf diese Zustände in den Anlandehäfen für Flüchtlingsschiffe, Swinemunde und Saßnitz, reagierte der Seetransportchef Admiral Engelhardt. Er ordnete in Absprache mit dem Großadmiral an: »Flüchtlingsschiffe und Verwundetentransporter laufen ab sofort - wenn nicht besonders anders angeordnet - Kopenhagen an!«
Viele Kapitäne und Schiffsführer auf der Ostsee und in den Ostseehafen atmeten erleichtert auf, als sie diesen Befehl erhielten.
Verlorene Häfen - verlorene Schiffe. Nachdem am 18. März die Festung Kolberg - aus der in den letzten Tagen durch die Marine noch 70 000 Menschen hatten abtransportiert werden können - hatte aufgegeben werden müssen, verstärkte sich der sowjetische Angriff auf die Danziger Bucht, auf Gotenhafen und auf Danzig. In beiden Häfen konzentrierten sich in der zweiten Märzhälfte mehrere hunderttausend Flüchtlinge aus Ostpreußen, Westpreußen und Pommern, die mit kleinen Transportschiffen aus Pillau, in Trecks oder mit Eisenbahnzügen hier angekommen waren oder seit Tagen oder gar Wochen hier auf ihren Abtransport warteten. Während Einheiten der Wehrmacht Königsberg Anfang April nur noch das einzige ›Tor der Freiheit‹. In den ersten Apriltagen gelangten die letzten Königsberger Flüchtlinge nach Pillau, die ostpreußische Hauptstadt, die ›Festung Königsberg‹, mußte am 9. April 1945 kapitulieren. Viele tausend Soldaten, die die Festung bis zuletzt verteidigt hatten, mußten das tragische Los sowjetischer Gefangenschaft auf sich nehmen…
Insgesamt forderte die Flucht über die Ostsee rund 25 000 Tote, doch 2,5 Millionen Menschen, darunter etwa 500 000 bis 600 000 Verwundete und Soldaten, konnten mit Schiffen der Handels- und Kriegsmarine über die Ostsee gerettet werden.
Alle, die sich an der Rettung von 2,5 Millionen Menschen über die Ostsee beteiligten, wurden zu ›Helden der Humanität‹, zu ›Rettern ohne Ruhm‹. In keiner Zeitung und in keiner Rundfunksendung wurde ihnen damals gedankt.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 43(2) (1995), S. 22f.

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