Zur Umsiedlung deutscher Volksgruppen in den Jahren 1939/41

Wie fast 500 000 Volksdeutsche dem Zugriff der Sowjets entzogen wurden

Dr. Alfred Thoss

In der letzten Zeit sind die Forderungen Hunderttausender von Volksdeutschen im Osten und im Südosten nach Ausreise in den Westen wieder stärker an die Öffentlichkeit gedrungen. Das legt die Erinnerung an die vor knapp 45 Jahren durchgeführten Umsiedlungsmaßnahmen nahe, die nach Kriegsbeginn fast eine halbe Million Volksdeutsche aus dem Baltikum, dem südöstlichen Polen und aus Östlichen Gebieten Rumäniens aus dem Herrschaftsbereich der Sowjets retteten und ins Reich zurückführten. Der durch seine Biographien über König Heinrich 1., die Bauernführer Fadinger, Gaismayr, Wendel und Hipler sowie über Scharnhorst schon vor dem Kriege hervorgetretene Verfasser war an diesen Umsiedlungen dienstlich beteiligt und hat nach ausführlicheren Publikationen darüber den folgenden Beitrag uns zur Verfügung gestellt.


Nach letzten Berichten wollen allein 120000 Deutsche aus den Oder-Neiße-Gebieten in die Bundesrepublik Deutschland übersiedeln. Von 11 Millionen polnischen Staatsbürgern ist rund eine Million deutscher Geburt gemäß Artikel 116 des Grundgesetzes. Die Bundesrepublik drängt im Sinne der internationalen Menschenrechtspakte und der Schlußakte von Helsinki auf Verwirklichung der Volksgruppenrechte für diese Menschen. Von mehr als dreihunderttausend Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben konnten bisher nur jährlich 11000, zumeist nach Westdeutschland, auswandern, nachdem ihre nationale Eigenart und kulturelle Identität weitgehend zerstört, ihre Bauernhöfe und wirtschaftlichen Grundlagen enteignet worden waren. Aus der Sowjetunion wollen noch Hunderttausende Deutsche in den Westen ausreisen.

Die Integrationsbestrebungen der Russen, Rumänen und Polen verwehren den volklichen Minderheiten kulturelle und persönliche Freiheiten, eine aufgezwungene Fremdherrschaft unterdrückt die nationale Identität. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg wurde das im Versailler Diktat festgeschriebene Selbstbestimmungsrecht der Volksgruppen nicht geachtet, weshalb der französische Marschall Foch nach den Diktaten von Versailles, - St. Germain, Trianon, Sèvres, Neuilly seinen Offizieren sagte: An diesen Verträgen liegt der Zündstoff für mehr als einen Krieg. «

Der wirtschaftliche und politische Aufstieg des Deutschen Reiches veranlaßte die ehemaligen Kriegsgegner schon früh in den dreißiger Jahren zu Kriegsdrohungen gegen Deutschland. Der amerikanische Präsident F. D. Roosevelt arbeitete seit seiner Quarantänerede vom 5. Okt. 1937 für einen Eintritt der USA in einen kommenden europäischen Krieg und unterstützte dann von Sommer 1941 bis 1945 England mit 30,753 304 Milliarden Golddollar sowie die Sowjetunion mit 11,141470 Milliarden an Kriegsmaterial, Textilien, Schuhen und Lebensmitteln[1].

Panslawistische Kongresse im vorigen Jahrhundert hatten vor allem Polen und Tschechen zu chauvinistischer Haltung angeregt. In Polen wurden im Jahre 1926 in einer geographischen Karte die westlichen Grenzen bis Berlin vorgeschoben; der polnische Marschall Rydz-Smigly, seit 1939 Oberbefehlshaber des polnischen Heeres, ließ sich bereits vor Kriegsbeginn in einem großen Gemälde als siegreicher Feldherr durchs Brandenburger Tor in Berlin einreitend darstellen.

Die durch den Kriegsbeginn verstärkten besorgniserregenden Zustände veranlaßten die Deutsche Reichsregierung, volksdeutsche Gruppen in die Reichsgrenzen zurückzuholen, um sie vor zu erwartenden Schäden zu schützen und den Traum der Deutschen zu verwirklichen, möglichst alle Deutschen im Reich vereinen zu können. Die Verwirklichung dieser Aufgabe brachte vielen Deutschen schicksalsträchtige Lebensumstellungen, Verlust von Heimat, Besitz, Beruf, und dennoch wählten sie angesichts der Bedrohungen durch die Sowjetmacht den Weg in eine ungewisse Zukunft.

Baltikum

In die baltischen Länder waren Deutsche vor mehr als 700 Jahren gekommen und hatten dort Wirtschafts- und Kulturzentren aufgebaut. Riga, im Jahre 1201 als deutsche Stadt gegründet, war seit 1225 Erzbischofssitz, seit 1282 Mitglied der Deutschen Hanse. Dom und Marienkirche wurden bereits 1211 gebaut, das wegen seiner Schönheit bis in die Gegenwart berühmte Schwarzhäupterhaus wurde im 14. Jahrhundert errichtet, ein glanzvolles Zeugnis deutscher Schaffenskraft[2]. Wenn Lettland auch im Jahre 1582 seine Reichszugehörigkeit aufgegeben hatte, blieb es dennoch ererbte und geliebte Heimat von Generationen Deutscher, erst im Jahre 1889 wurde Rigas deutsche Stadtverfassung aufgehoben. Die Stadt wurde im Jahre 1917 von Russen besetzt, zwei Jahre später von Deutschen erobert, war 1918 bis 1940 Hauptstadt der selbständigen Republik Lettland und nach dem Zweiten Weltkrieg Hauptstadt der Sowjetrepublik Lettland.

In ähnlicher Weise war Estland von Deutschen kultiviert worden. Reval (heute Tallin) war im Jahre 1285 der Deutschen Hause beigetreten, sein schöner Dom bereits im 13. Jahrhundert, das bemerkenswerte Rathaus um 1330 gebaut worden. Das Land kam im Jahre 1561 unter schwedische und 1710 unter russische Herrschaft, bis es 1918 selbständige Republik und nach 1945 sowjetrussisehe Republik wurde. Die Baltendeutschen spürten den fremdvölkischen Druck in zunehmendem Maße, ihre Zukunft war unsicher geworden, es gab Gefahren für Leib und Leben. Die Volkstumskämpfe wurden nach dem Ersten Weltkrieg härter als je zuvor.

Am 15. Oktober 1939 wurde zwischen dem Deutschen Reich und der estnischen Regierung und am 30. Oktober zwischen dem Reich und der lettischen Regierung je ein Umsiedlungsvertrag der dort ansässigen Deutschen geschlossen. In Estland wohnten im Jahre 1923 18319 Deutsche, 1934 waren es nach ihrer Dezimierung im Ersten Weltkrieg noch 16 346. In Lettland lebten vor dem Ersten Weltkrieg 127000, 1934 noch 64144 Deutsche.

Am 9. Oktober 1939 richtete der Landesleiter der Deutschen Volksgemeinschaft in Lettland an seine Landsleute einen Aufruf, in welchem er sie zur Umsiedlung aufrief, und am 14. Oktober folgte der Aufruf des Präsidenten der Estländischen Deutschen[3]. Nach Art. VII durften die Aussiedler ihr gesamtes bewegliches Eigentum mitnehmen oder bis zum 15. März 1940 nach Zollverwahrung ausführen lassen. Ausgenommen waren lettisches Geld über 50 Lat, ausländische Valuten, Devisen, Edelmetalle, Maschinen, Rassekühe, Zuchtpferde, archäologische Altertümer, Archivalien, Bibliotheken, Münzsammlungen, Kunstgegenstände. Eine Umsiedlungstreuhandgesellschaft sorgte für die Berechnung des zurückgelassenen Vermögens. Die Organisation der Rücksiedlung lag in den Händen Baltendeutscher, das Deutsche Reich stellte lediglich die Transportschiffe zu den Ostseehäfen, hauptsächlich Stettin, Gotenhafen, Königsberg. Nach 45 Tagen, am 15. September, war die Heimkehr auf der »Uhlandshörn«, der »Sierra Cordoba«, »Steuben« und anderen Schiffen vollbracht. 60000 Menschen kamen ins Reich.

Am 10. Januar 1941 vereinbarten das Deutsche Reich und die Regierung der Sowjetunion, die Deutschen aus Litauen und die bei der vorangegangenen Aussiedlung aus Estland/Lettland zurückgebliebenen Ausreisewilligen in die Reichsgrenzen zurückzuführen. Bei diesen Aussiedlungen sollten Vermögenserhebungen im einzelnen nicht durchgeführt werden. Die Sowjetunion schrieb dem Reich 200 Millionen Reichsmark gut, wovon 50 Millionen abgezogen werden sollten für die Vermögen der von der Sowjetunion durch denselben Vertrag aus deutschen Reichsgebieten auszusiedelnden Litauer, Russen und Weißrussen des Memel-Suwalkigebietes.

Große Kälte und schwere Schneestürme erschwerten diese am 25. März 1941 abgeschlossene Umsiedlung. Von den 50000 Menschen kamen 34347 mit der Eisenbahn, 6890 mit Omnibussen, 1349 wegen der Nähe der Landesgrenzen zu Fuß, eine größere Anzahl kam im Pferde- und Wagentreck (6773).

Wolhynien und Galizien

Die Aussiedlung der Deutschen aus Wolhynien und Galizien vollzog sich im harten Winter 1939/40. Ihre Vorfahren waren im Verlaufe der deutschen Ostwanderungen und der bereitwilligen Aufnahme tüchtiger deutscher Bauern und Handwerker, schöpferischer Städtegründer, durch polnische Könige oder Großgrundbesitzer bereits seit dem Mittelalter, dann durch die Ansiedlungen des habsburgischen Kaisers Joseph II. ins Land gekommen. Im 13. Jahrhundert gab es in der Provinz Posen 38, im 14. Jahrhundert 53 Städte nach deutschem Stadtrecht mit einem hohen. Prozentsatz deutscher Bevölkerung. Krakau war eine deutsche Stadtgründung, nach ihrer Zerstörung durch den Tatarensturm (1240) gab ihr der polnische Herrscher Boleslaus der Schamhafte im Jahre 1257 ein neues Stadtprivileg, nach dem nur Deutsche und keine Polen in die Stadt aufgenommen werden durften, ebenso wurden in vielen der für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung wichtigen Klöster keine Polen aufgenommen. Als Kasimir der Große im Jahre 1333 die Herrschaft in Polen antrat, war seine Hauptstadt Krakau rein deutsch. Erst im Verlaufe des 14. Jahrhunderts kamen polnische Menschen in die Stadt, deren Markt mit den Markthallen noch heute ein vollkommen deutsches Gepräge hat. Krakau als Handelszentrale zwischen West und Ost nahm bald an Bedeutung und Einwohnerzahl zu. In den Jahren 1392 bis 1399 waren unter 1046 Zuwanderern 693 Deutsche, 273 Polen, der Rest gehörte anderen Nationalitäten an. In den Jahren 1400 bis 1409 waren noch 60% der Zuwanderer Deutsche, von 1410 bis 19 waren es 57%. Später sank der Prozentsatz auf 25%, aber die wichtigen Stadtämter blieben in deutscher Hand, in Wort und Schrift galt die deutsche Sprache.

Die Krakauer Universität blühte auf durch ihren Erneuerer Matthäus Stadtschreiber, einen städtischen Bürgersohn. Bevor dieser im Jahre 1400 Rektor der Universität Heidelberg wurde, ordnete er die Krakauer Universität. Von 128 Professoren waren damals 50 einwandfrei nachweisbar Deutsche. Die deutschen Zuwanderer im 15. Jahrhundert kamen vor allem aus dem Rheinland. An der oft bewunderten Marienkirche, in der bis zum Jahre 1437 deutsch gepredigt wurde, baute der deutsche Baumeister Heinrich Parler aus Gmünd, Veit Stoß aus Nürnberg hat darin den berühmten Altar und für den Dom das Grabmal König Kasimirs geschaffen.

Auch die alte Königsburg, der Wawel, heute noch das Stadtbild prägend, verdankt Entstehung und Ausführung hauptsächlich dem Deutschen Hans Boner, dem erfolgreichsten Kaufmann Krakaus. Der polnische König Sigismund übertrug Boner (1506-48) die Gesamtleitung der polnischen Finanzwirtschaft.

Die Stadt Krossen war bis ins 15. Jahrhundert eine echt deutsche Stadt. Przemysl, in alten Urkunden Premüsel geschrieben, war nach vorhandenen Stadt- und Schöffenbüchern bis in die ersten Jahrzehnte des 15. Jahrhunderts zu 75% deutsch. Lemberg hat seinen deutschen Namen über Jahrhunderte erhalten. Der polnische Historiker Johann Alenbek schrieb: »Den Deutschen gebührt tatsächlich Dank! Sie taten sehr viel für Lemberg, sie gaben ihm sozusagen die politische Seele und das Gerippe der Stadtorganisation, schmiedeten aus ihm einen geradezu stählernen Kreuzpunkt zwischen Ost und West, schufen Kunst und Gewerbe, befestigten es gegen den Feind …«

Im kalten Dezember 1939 begann die Aussiedlung der Volksdeutschen aus Wolhynien und Galizien mit Eisenbahnzügen und Trecks. Große Lager mit 10 000 Öfen und 12000 Zentnern Stroh waren in Sammellagern in Lodsch zur Aufnahme der Menschen vorbereitet worden, ebenso in den Städten Papianice, Zierz und anderen Orten. In Papianice wurden eine große Desinfektionsanstalt und eine Laderampe von 200 m Länge gebaut.

Es kamen auch 32000 Deutsche aus dem Gebiet Chelm und Lublin. Die Umsiedlungen und Wiederansiedlungen wurden durch die vom Reichsführer SS Heinrich Himmler gegründete und von SS-Obergruppenführer Lorenz geleitete Volksdeutsche Mittelstelle durchgeführt. Zu ihren Aufgaben gehörte gleichfalls die Umsiedlung der nachfolgend genannten Volksgruppen.

Südbukowina und Dobrudscha

Am 22. Oktober 1939 hatten die deutsche Regierung und die königlich rumänische Regierung ein Abkommen über Umsiedlungen Volksdeutscher aus der Südbukowina und der am Schwarzen Meer mit der Hauptstadt Constanza gelegenen Dobrudscha getroffen. Die freiwilligen Rücksiedler konnten ihre gesamte Habe, ausgenommen das lebende und tote Inventar, mitnehmen, mit Eisenbahn durften Handgepäck und persönliches Gepäck in verkehrstechnisch möglichem Umfange ausgeführt werden. Auf dem Treckweg war der Umfang nicht begrenzt. Auch die Kirchenbücher der deutschen Gemeinden, Edelsteine und Schmuckstücke in unbeschränktem Umfange durften mitgenommen werden, im Gegensatz -zu den Abmachungen vom 5. September 1940 in Moskau zwischen der Deutschen und der sowjetischen Regierung.

Am 4. Dezember 1939 verließ der letzte ausreisewillige Deutsche die Dobrudscha. Alle Umsiedler kamen zunächst in das auf halbem Weg nach Deutschland, in Semlin bei Belgrad, errichtete große Umsiedlungslager. Die ersten deutschen Siedler waren im Jahre 1842 in die Dobrudscha gekommen, meist aus Bessarabien. Bald kamen 800 Familien von dort. Eine große Anzahl wanderte dann von dort aus nach dem russischen Kaukasusgebiet, nach Amerika oder, aufgefordert von der Preußischen Ansiedlungskommission, nach Posen und Westpreußen. Während der ersten Ansiedlungszeit unterstand die Dobrudscha den Türken, später den Bulgaren und schließlich den Rumänen. Die Deutschen erlebten also politisch unruhige Zeiten. Die rumänische Agrarreform im Jahre 1920 nahm den Bauern viel Land, im Jahre 1935 besaßen sie immer noch 25 100 Hektar und 12 220 Hektar Pachtland. Sie wohnten nicht in geschlossenen Siedlungen, sondern über das ganze Land verstreut. Von ihnen waren 78,2% Bauern; 3,4% waren in Handel und Verkehr, 15,8% im Handwerk und in Industrie beschäftigt gewesen; 2,5% waren Beamte und Freiberufler. Im Jahre 1924 hatten sie zur Wahrung ihrer Interessen den »Verband rumänischer Bürger deutscher Abstammung in der Dobrudscha« gegründet, der sich im Jahre 1931 dem »Verband der Deutschen in Rumänien« anschloß. Sie gehörten bis zum Ende des Ersten Weltkrieges zusammen mit den Rumäniendeutschen staatlich dem russischen Schwarzmeerdeutschtum an, und erst nach 1918 wurden sie rumänische Staatsbürger.

In das Buchenland, die Bukowina, waren Deutsche in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts vom Habsburger Kaiser Joseph II. gerufen worden, um das dünn besiedelte, meist ungenutzte Land zu kolonisieren. Es hatte unruhige Zeiten erlebt: die alte römische Provinz Dazien war von Gepiden und Goten besetzt worden, von Awaren und Slawen, im 9. Jahrhundert von Ungarn, später von türkischen Petschenegen und Kumanen, dann von den Mongolenhorden Dschingis Khans, um 1340 von Tataren überrannt, ausgeraubt und verwahrlost worden, bis ein ungarischer König dort das Fürstentum Moldau gründete. Als nach dem siegreichen Vordringen der Türken der moldauische Staat seine Selbständigkeit verlor, wurde er durch Raubzüge verschiedener Völker wieder verheert, bis Österreich im Jahre 1775 das Gebiet seinem galizischen Staatsgebiet angliederte. Die Landeshauptstadt Czernowitz entwickelte sich zu einer bedeutungsvollen, blühenden Stadt. Eine Universität wurde hier 1875 gegründet. Nach einer Volkszählung aus dem Jahre 1930 hatte die Bukowina 853524 Einwohner, darunter 85 000 Deutsche neben Rumänen, Ukrainern, den diesen verwandten Huzulen und Lippowanern, Armeniern, Zigeunern, Polen, Juden und Ungarn; ein buntes Vielvölkergemisch.

Deutsche Baumeister hatten in dem ehemals unwirtlichen Land Städte gegründet, im Jahre 1870 eine deutsche Lehrerbildungsanstalt in Czernowitz geschaffen; deutsche Musik und Literatur hatten von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg das kulturelle Leben weitgehend bestimmt und Deutsche landschaftliche Wildnis in fruchtbares Land verwandelt[4].

Nordbukowina und Bessarabien

Die Aussiedlung der Volksdeutschen aus der Nordbukowina und aus Bessarabien, das entsprechend einer Vereinbarung zwischen der Reichsregierung und der Regierung der Sowjetunion dieser 1940 zugesprochen worden war, wurde am 5. September 1940 durch schwierige Verhandlungen vereinbart. Bis zum 15. November 1940 sollten die letzten Deutschen das Land verlassen haben[5].

Die Bessarabien-Deutschen durften landwirtschaftliehe Erzeugnisse jeder Art bis zu 250 kg mitnehmen. In jedem Dorf wurde ein Umsiedlungsbüro eingerichtet, in welchem, beaufsichtigt von deutschen und russischen Beauftragten, die Umsiedlungswilligen, das waren alle Deutschen, ihre schriftlichen Ausreisewünsche in vorbereitete Kästen, die Wahlurnen glichen, einwerfen konnten. Diese Büros lagen oft auf dem Weg zu den Kirchen, die vor den Abreisen noch zahlreich besucht wurden. Sie waren zumeist von den Deutschen selbst gebaut worden. Die Bessarabiendeutschen hatten in den Jahren 1814 bis 1842 fünfundzwanzig Mutterkolonien gegründet, zu denen infolge von Geburtenüberschuß und Landhunger bis 1914 einhundertzwölf Tochterkolonien gekommen waren. Die Siedler waren entweder unmittelbar aus Südwestdeutschland oder auch aus dem ehemaligen Herzogtum Warschau gekommen, hatten Freunde und Verwandte jenseits des Grenzflusses Pruth im Zarenreich und pflegten diese Beziehungen, bis nach der sowjetischen Revolution der Pruth wie ein eiserner Vorhang jegliche Beziehungen unterband. Es kam vor, daß Volksdeutsche vom linksseitigen Pruthufer, der Provinz Odessa, auf das rechtsseitige Ufer nach Bessarabien herüberschwammen, ähnlich wie jetzt Deutsche manchmal über die Elbe in die Bundesrepublik flüchten.

Einst hatte Zar Alexander 1., ein Verbündeter Preußens und Österreichs aus den napoleonischen Kriegen, die Deutschen in das Land gerufen und ihnen besondere Privilegien schriftlich gegeben. Im Manifest von 1814 hieß es unter anderem: »1. Die russische Regierung nimmt die Kolonisten aus dem Herzogtum Warschau unter ihren besonderen Schutz und gewährt ihnen alle Rechte und Bequemlichkeiten, welche die Eingeborenen genießen. 2. Von den Kolonisten wird verlangt, daß sie sich vorzugsweise mit der Verbesserung des Acker-, Garten-, Wein- und Seidenbaus beschäftigen. 3. Sie sind zehn Jahre lang frei von allen Abgaben und Grundsteuern, abgesehen von einer geringen Zahlung an die bessarabischen Pächter. 4. Es werden jeder armen Familie von der Krone auf zehn Jahre 270 Rubel ausgezahlt, den anderen soviel, wie zu ihrer Einrichtung erforderlich. 5. Jeder Familie werden zu ihrem persönlichen und erblichen Eigentum 80 Deßjatinen Land zugeteilt (1 Deßjatin = 109,25 Ar)… 7. Die Einwanderer sowohl wie ihre Nachkommen sind ein für allemal von der Rekrutenaushebung frei, ebenso von militärischen Einquartierungen. 8. Es steht den Kolonisten frei, ihrer Religion gemäß Kirchen zu bauen, Geistliche zu halten und ihre Religionsgebräuche nach ihrer Weise auszuüben.«

Schon im Jahre 1814 führte ein russischer Kommissar aus Polen 350 Familien nach Bessarabien, aus Württemberg sollen in den Jahren 1816/17 rund 1500 Familien in sogenannten »Auswandererharmonien«, zumeist auf Schiffen, den »Ulmer Schachteln«, in die russischen Schwarzmeergebiete ausgewandert sein, nach Bessarabien und dem Odessaer Provinzbereich. Zur Betreuung der Kolonisten wurde von der russischen Regierung das »Fürsorgekomitee für ausländische Ansiedler im Süden Rußlands« gegründet mit Sitz in Kischineff, später in Odessa. Es wurde als oberste Behörde der Deutschen unmittelbar dem zaristischen Reichsministerium der Domänen unterstellt. Der deutsche Dorfschulze ließ keine Fremden in sein Dorf.

Fleiß und Ausdauer dehnten den Grundbesitz der Bessarabiendeutschen bis zum Jahre 1914 von ursprünglich 147705 auf 330000 Hektar aus, dazu kamen 24117 Hektar Pachtland. Bedeutende Einbußen an Land und Reichtum erlitten die Deutschen durch die rumänische Agrarreform im Jahre 1920. Jeder Hektar, den der einzelne Deutsche über 100 Hektar hatte, wurde unentgeltlich zugunsten des rumänischen Staates enteignet, insgesamt waren das 64177 Hektar.

Die Bessarabiendeutschen hatten in vier Generationen wesentlich dazu beigetragen, das Land fruchtbar zu machen (»Der erste arbeit' sich zu Tod, der zweite leidet Not, der dritte erst hat Brot«), Handel und Wandel zu fördern. In dem »Verzeichnis bewohnter Ortschaften des russischen Reiches vom Jahre 1859«, Bd. 111, herausgegeben vom Statistischen Zentralkomitee des Innenministeriums (Petersburg 1861), hieß es: »Die Kolonien in Bessarabien sind mit einem fleißigen und der Landwirtschaft kundigen Volk besiedelt, das das Land, ehemals Wüste und von den Nomadenstämmen der Nogay bewohnt, die keine Reichsangehörigkeit besaßen, kultiviert hat. Die Gegend, die von deutschen Kolonisten bewohnt ist, ist heute der kultivierteste und blühendste Teil dieses Bezirks.« Der Unterschied zwischen den sauberen, gepflegten deutschen Siedlungen und denen der Russen, Rumänen, Zigeuner und Juden bestand noch im Jahre 1940.

Südrußland

Ehe der »Eiserne Vorhang« am Pruth jegliche Verbindung zwischen dem Bezirk Odessa und Bessarabien unterbunden hatte, wirkten kulturelle und familiäre Verbindungen herüber und hinüber. Die seit dem Jahre 1863 erschienene »Odessaer Zeitung« und der später hinzugekommene »Odessaer Kalender« konnten später ihre Wirkung als grenzüberschreitender Kulturträger der Bessarabiendeutschen nicht mehr ausüben. Ein deutscher »Volkskalender für Bessarabien« kam dann auf 20 Jahrgänge, ein »Deutscher Bauernkalender für Bessarabien« genoß hohes Ansehen; es gab ferner eine »Deutsche Zeitung für Bessarabien«, in Tarutino gedruckt, ein »Jahrbuch der Deutschen Bessarabiens«, ein deutsches Volksblatt in Tarutino, eine »Geschichte der Gemeinde Tarutino 1814-1934 und viele Orts- und Schulchroniken.

Am 14. September 1940 führten die beiden Schiffe »Jupiter« und »Saturnus« der Donau-Dampfschiffahrtsgesellschaft die Aussiedlungskommandos von Wien aus die Donau hinab bis zur rumänischen Donauhafenstadt Galatz, ans sowjetische Donauufer nach Reni. Von da begann auf Lkws die Fahrt in die deutschen Ortschaften, oft auf verschlammten Wegen, so daß die eingefahrenen sehr breiten Straßen bald um mehrere Fahrtspuren verbreitert werden mußten. Die 152 deutschen Ortschaften wurden in vier Gebiete aufgeteilt, auf die Orte Mannsburg, Beresina, Albota und Kischineff. In Tarutino lagen die organisatorischen Stäbe der Deutschen und der Russen, die dorthin auch eine Blaskapelle mitgebracht hatten.

Bereits am 23. September brachte der erste deutsche Lastkraftwagentransport mit vierzig Autos die rund achthundert Bewohner eines Dorfes in einen Verschiffungshafen. Der Vorteil der gleichfalls fahrenden Treckwagen war, daß diese außer den Pferden auch Umsiedlergut mittransportieren konnten. In den Hafenstädten Reni und Killa arbeiteten Verschiffungsbevollmächtigte, Deutsche und Russen, ein Arzt und Hilfskräfte. Vom rumänischen Hafen Galatz aus fuhren achtundzwanzig Schiffe der Donaudampfschiffahrtsgesellschaft bis zu den auf jugoslawischem Boden in Prahowo und Semlin geschaffenen Durchgangslagern. Das Auffanglager in Galatz hatte Platz für 25 bis 40000 Menschen. Tagelang waren hier je 20000 untergebracht. In Bessarabien stellten die Russen, weil die schwierigen Straßenverhältnisse viele Autopannen verursachten, eine größere Anzahl von Eisenbahnzügen zur Beförderung zur Verfügung. Es wurden mit Lastkraftwagen 30461, mit Pferdefuhren 15373, mit der Bahn 22337 und im Treck 20301 Menschen ausgesiedelt. Über 4000 gesellten sich in Rumänien dazu. Es gab insgesamt 93 548 Aussiedler.

In Semlin bei Belgrad war ein großes Zwischenaufnahmelager eingerichtet worden. Das Rote Kreuz hatte ein großes fahrbares Feldlazarett mit 32 Baracken angefahren. Bereits am 11. November 1940 hatten die letzten Umsiedler die deutsche Reichsgrenze überschritten.

Das weitere Schicksal

Die Umsiedler hatten wehmütig ihre liebgewordene Heimat und wertvollen Besitz verlassen und den Weg in eine ungewisse Zukunft angetreten. Eine Anspruchs- und Wohlstandsgesellschaft gab es damals nicht. Aber diese Menschen waren froh, daß gemäß den verschiedenen Übereinkommen zwischen der Berliner und der Moskauer Regierung, den letzten friedlichen dreiviertel Jahre vor dem großen Kriege, Ängste von ihnen genommen waren und neue Zuversicht gewonnen wurde.

Die Unterbringung und die Ansiedlungen im Altreich und in den damals gewonnenen Ostgebieten erfolgte durch umsichtige Organisationen. Viele der zugewanderten Deutschen wurden nach dem sowjetischen Einmarsch am Ende des Krieges nach Innerrußland verschleppt oder harren heute noch in Polen auf eine Rückführung nach Deutschland. Die Bessarabiendeutschen, die auch nach dem Kriege in der Bundesrepublik Deutschland stark zusammenhielten, sind fast geschlossen nach Paraguay ausgewandert.

Zu erwähnen ist noch, daß am 21. Oktober 1939 ein Staatsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Italien über die Rückführung von 185000 Volksdeutschen aus dem Südtiroler Raum abgeschlossen worden war, der aber nur zögernd und unzureichend erfüllt wurde, bis diese Umsiedlung am 31. Dezember 1942 beendet wurde.

Die Umsiedlungen in Zahlen

Es kamen durch die obengenannten Umsiedlungen insgesamt 490 640 Menschen nach Deutschland:

Die Aussiedlungen waren friedlich, ohne größere Zwischenfälle durchgeführt worden. Fast eine halbe Million Menschen hatte eine liebgewordene Heimat, Besitz, Berufsexistenz aufgegeben, und doch waren alle froh, den in den letzten Jahren zunehmenden Bedrängnissen entkommen zu sein. Sie freuten sich, im damals glanzvollen Deutschen Reich ein neues Leben beginnen zu können, wo vielseitige Hilfe und Unterstützung ihren neuen Lebensablauf begleitete.


Anmerkungen

  1. Hamilton Fish: Der zerbrochene Mythos, Grabert-Verlag, Tübingen 1982, S. 12.
  2. Herbert Pönicke: Studien zur Wanderung sächsisch-thüringischer Handwerker in die baltischen Provinzen im 18. und 19. Jahrhundert, Hamburg 1964 (hier auch viele Literaturhinweise).
  3. Alfred Thoß: Heimkehr der Volksdeutschen, 1941, S. 8ff.; Die Umsiedlungen und Optionen im Rahmen der Neuordnung Europas, in Zeitschrift für Geopolitik, März 1941.
  4. Alfred Thoß: Heimkehr der Volksdeutschen, 1941, S. 45 ff.
  5. E. Hoffmann und Alfred Thoß: Der vierte Treck, 1941.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 32(4) (1984), S. 18-22

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