Gutachten zur Frage der Echtheit des
sogenannten Wannsee-Protokolls und der
dazugehörigen Schriftstücke

Erstellt von Roland Bohlinger und Johannes P. Ney


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1.3. Sprachliche Merkmale

1.3.1. Das sogenannte Wannsee-Protokoll ist kein Protokoll

In einem Protokoll wurde bei jeder deutschen Dienststelle immer genau festgehalten, wer wann was gesagt hat, denn das ist der Zweck eines Protokolls. In dem vorliegenden Schriftstück sind jedoch die einzelnen Vortragenden nur ausnahmsweise genannt. Der Leiter der Besprechung, Heydrich, ist in der Teilnehmerliste überhaupt nicht genannt. Es fehlt die Uhrzeit des Beginns und des Endes der Sitzung. Zitate, Kommentare und allgemeine Betrachtungen folgen einander ohne Abgrenzung. Es fehlt die Angabe, wer das Protokoll schrieb und wer die Richtigkeit des Protokolls bescheinigte.

Das Schriftstück hat eher den Charakter einer nachträglichen Niederschrift. Aber auch eine nachträgliche Niederschrift wird normalerweise vom Verfasser unterzeichnet, vor allem dann, wenn diese als "Geheime Reichssache" an führende Personen des Reiches versandt werden soll. Und da in der Niederschrift Äußerungen von Teilnehmern zitiert werden unter Angabe des Namens dieser Teilnehmer, muß klargestellt sein, wer die Niederschrift verfaßte, falls darin Irrtümer enthalten sein sollten, deren Korrektur von den Teilnehmern verlangt werden könnten.

1.3.2. Amerikanismen in der sprachlichen Darstellung

(a) "Das Aufgabenziel war ..." (S. 3) Im Deutschen müßte es heißen : "Das Ziel war ..."
(b) "... wurden die jüdischen Finanzinstitutionen des Auslandes durch die jüdischen Organisationen des Inlandes verhalten." (S. 5) "Verhalten" ? Meinte der Verfasser angehalten ? Dachte er an eine amerikanische Formulierung mit "to stop", wo er dann mit "verhalten" anstatt mit "angehalten" übersetzte ? Doch wie sollten deutsche Dienststellen über jüdische Organisationen des Inlandes jüdische Banken im Ausland dazu anhalten, zur Schonung des deutschen Devisenschatzes Unterstützungsgelder zu zahlen für die Exilierung der deutschen Juden ?


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(c) "... für die Beitreibung entsprechender Devisenaufkommen Sorge zu tragen." (S. 5) Jüdische Organisationen konnten im Ausland höchstens für eine Beisteuerung sorgen. Das Beitreiben war Sache deutscher Dienststellen im Inland. Dachte der Verfasser an eine Formulierung mit "to collect" ? Das heißt sowohl beitreiben als auch beisteuern.
(d) "... von wichtiger Bedeutung." (S. 6) Das ist amerikanischer Sprachstil. Der Verfasser hatte seine "substantial importance" im Kopf.
(e) "Italien einschließt. Sardinien." (S. 6) In Europa wußte man, was alles zu Italien gehört. Die Liste stammt vermutlich aus Nordamerika.
(f) "... als städtische Arbeiter 14,8% ..." (S. 7) War da fast jeder sechste ein Müllmann oder ein anderer "städtischer Arbeiter" ?
(g) "... als Staatsarbeiter angestellt 23,4% ..." (S. 7) Meinte der Verfasser Beamte ? Im Amerikanischen heißt Beamter meist "public servant". Das ist eine Zusammensetzung aus "public" = Staats- und "servant"= Arbeiter. Wir haben hier wieder einen besonders deutlichen Hinweis auf die Herkunft des WP.
(h) "in den privaten Berufen – Heilkunde, Presse, Theater, usw." (S. 7) Auch hier wieder eine schlechte Verdeutschung aus dem amerikanischen Sprachgebrauch. Die "privaten Berufe" nennen wir "freie Berufe" und die darin Tätigen heißen bei uns Ärzte, Journalisten, Künstler. Vor "usw." steht bei uns kein Komma, im Amerikanischen vor "etc." immer.
(i) "... werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt." (S. 7) Die Übernahme der amerikanischen Verwendung der Mittelform (des Partizips) ergibt im Deutschen Unsinn. In richtigem Deutsch müßte es heißen :


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    "... in diesen Gebieten werden arbeitsfähige Juden im Straßenbau eingesetzt" (oder : zum Straßenbau gebracht – aber nicht "straßenbauend geführt").
(j) "Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird ..." (S. 8) Völlig unmögliches Deutsch. Die Begriffe "allfällig" und "endlich verbleibend" sind überflüssig, da in "Restbestand" begrifflich eingeschlossen. Es müßte heißen : "Der Rest wird ..." Vielleicht dachte der Autor an "all remains" ? "Remain" bedeutet sowohl "verbleiben" als auch (im Plural) "Rest".
(k) "... die vielen Interventionen ausgeschaltet." (S. 9) Offenbar meinte der Verfasser Angriffe aus dem Ausland, vor allem in der dortigen Presse. Aber auch diese werden nicht "ausgeschaltet", sondern abgewehrt oder gegenstandslos gemacht. Auch hier formuliert man im Deutschen ganz anders. Im Amerikanischen ist eine derartige Ausdrucksweise möglich.
(l) "Behandlung der Endlösung ..." (S. 9) Was ist das ? Man behandelt einen Zahn oder einen Patienten, aber nicht eine Lösung. Dachte der Verfasser an "realization of final solution" und übersetzte dann "realization" fälschlich mit "Behandlung" ?
(m) "... ist die Angelegenheit nicht mehr allzu schwer." (S. 9) Wir können das auf mancherlei Weise sagen, so aber nicht. Der Verfasser hat "difficult" gedacht, was im Amerikanischen zulässig ist und dort "schwer" oder "schwierig" heißt, er hat das Wort aber dann nicht mit "schwierig" übersetzt, sondern mit "schwer", was im Deutschen falsch ist.


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(n) "... da die wesentlichsten Kernfragen in dieser Hinsicht dort bereits einer Lösung zugeführt wurden." (S. 9) Um eine Frage als "Kernfrage" zu kennzeichnen, bedarf es neben der Vorsilbe "Kern-" nicht auch noch des Adjektivs "wesentlichst". Wenn allerdings Kernfragen nicht beantwortet, sondern "in dieser Hinsicht dort bereits einer Lösung zugeführt wurden", dann waren die Fragen wohl doch keine Fragen, sondern Angelegenheiten, über die man konkret nichts zu sagen weiß, obwohl doch gerade das als Lehrstoff für die Teilnehmer interessant gewesen wäre. Das sogenannte Protokoll ist voll von solch aufgeblasenen Wortschwülsten ohne sinnvollen Bezug zum angeblichen Konferenzthema. Im übrigen bedeutet im Amerikanischen "problem" sowohl "Frage" wie "Problem". Haben wir also auch hier wieder eine falsche Übersetzung ? Allerdings wird im Deutschen zunehmend "Problem" und "Frage" synonym verwendet. Doch ist in richtigem Deutsch eine solche Gleichsetzung sprachlich und logisch falsch. Sie erfolgte vielleicht im Rahmen der Amerikanisierung unseres Geisteslebens im besetzten Westdeutschland nach 1945.
(o) "... ist es erforderlich, in Zeitkürze einen ... Berater ... der Ungarischen Regierung aufzuoktroyieren." (S. 9) Den Begriff "Zeitkürze" gibt es im Deutschen nicht, stattdessen den Begriff "kurzfristig". Und dieser heißt im Amerikanischen "shortdated", wobei "dated" von "date" = "Zeit" kommt und "short" "kurz" bedeutet. Auch hier ist amerikanischer Sprachstil nicht richtig umgesetzt worden.


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(p) "... daß bei tiefgehender Behandlung dieses Problems ..." (S. 9) Der Mann kennt die deutsche Sprache, aber er denkt nicht in ihr. Wir sagen da "gründlich".
(q) "Zur Vereinfachung des Mischehenproblems müßten ferner Möglichkeiten überlegt werden mit dem Ziel, daß der Gesetzgeber etwa sagt : 'Diese Ehen sind geschieden'." (S. 14) Stil und Aussage dieses Satzes zeigen den Schreiber wieder einmal als jemanden, der sich in der deutschen Sprache nicht richtig ausdrücken kann. Das Verb im Satz vorzuziehen ("überlegt werden mit dem Ziel" anstatt "mit dem Ziel überlegt werden") ist angelsächsischer Stil. Realistischer wäre im übrigen gewesen, wenn in diesem Zusammenhang der anwesende Staatssekretär des Reichsjustizministeriums gebeten worden wäre, eine Expertise vorzulegen, in der stünde, welche gesetzlichen Möglichkeiten in der Mischehenfrage vorlägen und wie, wann, welche Neuregelungen durch den Gesetzgeber getroffen werden könnten oder angebracht wären

1.3.3. Sonstige stilistische Auffälligkeiten

(a) "... die vorherige gemeinsame Behandlung aller an diesen Fragen unmittelbar beteiligten Zentralinstanzen im Hinblick auf die Parallelisierung der Linienführung." (S. 2) Das ist die Sprache eines unbeholfenen Literaten oder Journalisten. Von wem wurden denn die "Zentralinstanzen" "behandelt" im "Hinblick auf die Parallelisierung" der Führung von Linien ?
(b) "Auf Anordnung des Reichsmarschalls wurde ... eine Reichszentrale ... errichtet, mit deren Leitung der Chef der Sicherheitspolizei und des SD betraut wurde." (S. 3) Göring hatte keine Entscheidungsbefugnis über das Personal der SS. Und selbst wenn, dann wurde da nicht "betraut", es wurde höchstens "eingesetzt", "ernannt", "beauftragt" o. ä.
(c) "Die wesentlichsten Momente bilden Momente ?
Unklar ist in diesem Zusammenhang


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  a/ die Zurückdrängung der Juden aus den einzelnen Lebensgebieten des deutschen Volkes –
b/ ... aus dem Lebensraum ..."

(S. 3)
außerdem der Unterschied zwischen "Lebensgebieten" und "Lebensraum" des deutschen Volkes.
(d) "Die Auswanderungsarbeiten ..."
(S. 4)
Was ist das ? "Auswanderung" genügt.
(e) "... die jüdischen Finanzinstitutionen des Auslandes ... diese ausländischen Juden ..." (S. 5) "ausländische Juden" bezieht sich auf "jüdische Finanzinstitutionen", es müßte also statt "diese ausländischen Juden" heißen : "diese ausländischen Institutionen (der Juden) ..."
(f) "... die Evakuierung der Juden ... diese Aktionen sind ..." (S. 5) Unberechtigter Wechsel von Einzahl zu Plural.
(g) "Der Einfluß der Juden auf alle Gebiete in der UdSSR ..." (S. 7) Richtig wäre : "auf allen Gebieten".
(h) "Der ... Restbestand wird ... entsprechend behandelt werden müssen." (S. 8) Wem oder wie "entsprechend" ? Das wird nicht dargelegt, ist somit als Begriffsgebrauch ohne Sinn.
(i) "Siehe die Erfahrung der Geschichte." (S. 8) Die Teilnehmer bedurften dieses Hinweises nicht. Wollte der Verfasser die "beschlossenen Maßnahmen" sozusagen auf suggestive Weise plausibel machen ?
(j) "Im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung ..."
(S. 8)
Hätte es auch eine "theoretische Durchführung" gegeben ? Richtig : "Im Zuge der Endlösung ..." oder zumindest "Bei der Durchführung der Endlösung ..."
(k) "Neben diesen Altersklassen ..." (S. 8) Zuvor ist nur von einer Altersklasse Rede, von den Juden über 65 Jahren.
(l) "... von den ... sich im Altreich ... befindlichen etwa 280.000 Juden ..." (S. 8) Deutsch ist eine schwere Sprache, sogar für Gebildete. Anstatt "befindlichen" müßte es "befindenden"


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    heißen. Und noch besser wäre : "von den etwa 280.000 Juden, die sich im Altreich ... befinden ..."
(m) "Hinsichtlich der Aufnahme der Vorbereitungen zur Regelung des Problems in Italien hält SS-Obergruppenführer Heydrich eine Verbindung Polizeichef in diesen Belangen für angebracht." (S. 9) Gestelzter und umständlicher geht es kaum. Außerdem fehlt vor "Polizeichef" "mit dem". Schließlich ist unklar, welcher Polizeichef gemeint ist. Der oberste, der deutsche oder der italienische ?
(n) "... sollen die Nürnberger Gesetze gewissermaßen die Grundlage bilden." (S. 10) Da ist nichts mit "gewissermaßen". Diese Gesetze wären entweder tatsächlich zur Grundlage des Beschlusses – wenn es ihn gegeben hätte – genommen worden oder nicht, aber sicherlich nicht "gewissermaßen". Im übrigen hätten die "Nürnberger Gesetze" für eine "Endlösung der Judenfrage" in dem Sinne, wie dieser Begriff heutzutage meist interpretiert wird, als gesetzliche "Grundlage" wenig hergegeben, auch nicht "gewissermaßen". Aber diese Nebulosität der Ausdrucksweise ist für Falsifikate typisch : der Fälscher versucht auf diese Weise die Mangelhaftigkeit seiner Kenntnisse zu verdecken.
(o) "Chef der Sicherheitspolizei und des SD erörtert ... zunächst theoretisch die nachstehenden Punkte." (S. 10) Es fehlt vor "Chef" der Artikel "Der". Und können "Punkte" außer "theoretisch" auch noch "praktisch" erörtert werden ? Da sie überdies nur "zunächst" theoretisch erörtert wurden, müßte danach die "praktische Erörterung" folgen. Doch das geschah nicht. Auch das ist ein typisches Indiz gegen die Echtheit des Schriftstücks. Der Fälscher wollte sich nicht mit der Realität


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    anlegen, mit nachweisbaren Ereignissen in Widerspruch geraten, also unterließ er die Darlegung, wie denn die Theorie in die Praxis umgesetzt werden soll. Doch im Rahmen einer Planungskonferenz, bei der es laut Anordnung vor allem um "Klarstellung", um einen "Entwurf" über die zu treffenden "organisatorischen, sachlichen und materiellen" Maßnahmen und um eine Koordinierung ("Parallelisierung der Linienführung") der Tätigkeiten der einzelnen Dienststellen ging, wäre gerade dieser "Punkt", die Umsetzung der Theorie in die Praxis, der wichtigste und sicherlich am meisten diskutierte gewesen. Aber davon war kaum die Rede.
(p) "... wobei nicht ausgeschlossen wird, daß die Entscheidung nochmals zu Ungunsten des Mischlings ausfällt." (S. 11) Wieso "nochmals" ? Die erste Entscheidung fiel doch zugunsten und nicht "zu Ungunsten" aus. Bei der Herstellung eines Falsifikats ist es immer ein Hauptproblem, die verschiedenen Behauptungen in eine logische und sachliche Harmonie zu bringen.
(q) "Der sterilisierte "Mischling" ..."
(S. 11)
Warum das Wort Mischling mehrfach ohne Anführungszeichen und nun mit "Anführungszeichen" ? War das ein versehentlich nicht unterdrückter kleiner Ansatz zur Distanzierung von diesem Begriff oder von der Art seiner Verwendung ?
(r) "Staatssekretär Dr. Bühler stellte fest, daß das Generalgouvernement es begrüßen würde ..." (S. 14) Wie hat Herr Bühler das denn "festgestellt" ? Im übrigen ist das Generalgouvernement ein politischer Herrschaftsbezirk, er kann nicht


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    "begrüßen", das kann höchstens die Führung dieses Bezirks.
(s) "arbeitseinsatzmäßige Gründe"
(S. 15)
Was bedeutet "arbeitseinsatzmäßige Gründe" ?
(t) "Er hätte nur eine Bitte ..."
(S. 15)
Nur "eine Bitte" ! Den Staatssekretär Bühler hätte man wegen dieser naiven Bemerkung ausgelacht. Man hätte sie nicht ins Protokoll genommen.
(u) "bei der Durchführung der Lösungsarbeiten ..." (S. 15) Was ist die "Durchführung" einer "Lösung" oder gar von "Lösungsarbeiten" ? Die "Ablösung" von Tapeten könnte man notfalls als "Lösungsarbeiten" bezeichnen. Die richtige Formulierung wäre : "bei der Lösung ..."
(v) "Mit der Bitte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD ... ihm ... Unterstützung zu gewähren ..." (S. 15) Diese angebliche Schlußbemerkung Heydrichs ist absurd. Nur ein Außenseiter konnte diese Bitte erfinden. Heydrich hätte nie die "Bitte" geäußert, ihm "bei der Durchführung der Lösungsarbeiten ... Unterstützung zu gewähren." Seine Sache war es nicht, "Lösungsarbeiten durchzuführen" und "Bitten" auszusprechen, sondern Befehle zu geben. Ihre Befolgung brauchte er nicht einmal zu verlangen, geschweige zu erbitten, denn das verstand sich von selbst. Sogar von Gleichgestellten war da Herrn Heydrich nichts zu "gewähren".


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1.3.4. Mangel an Genauigkeit und Sachbezogenheit

Es wurde bereits gesagt, daß bei Falsifikaten unkonkrete oder überhaupt keine Darlegungen am ehesten dort zu erwarten sind, wo genaue Pläne und praktische Maßnahmen beschrieben werden müßten. Denn dort könnten konkrete Darlegungen allzuleicht in Widerspruch mit nachweisbaren historischen Tatsachen geraten.

Auf einige Beispiele wurde bereits unter Ziffer 1.3.2. und 1.3.3. hingewiesen.39h Weitere Beispiele sind :

Seite 1 ff. :

Der Begriff "Endlösung" taucht insgesamt 11 mal auf, wird aber nirgends näher erläutert.

Seite 5 :

"Diese Aktionen sind jedoch lediglich als Ausweichmöglichkeiten anzusprechen, doch werden hier bereits jene praktischen Erfahrungen gesammelt, die im Hinblick auf die kommende Endlösung der Judenfrage von wichtiger Bedeutung sind."

Es handelte sich hier angeblich um eine Konferenz zur Klärung, Planung und Koordinierung, die einen Entwurf zu erarbeiten hatte, in dem die "organisatorischen, sachlichen und materiellen" Aufgaben beschrieben und verteilt werden sollten. Hier wird aber gar nichts dargelegt, erarbeitet, entworfen, verteilt.

Seite 6 :

In der dort wiedergegebenen Tabelle wird behauptet, in der UdSSR hätten damals 5 Millionen Juden gelebt. In der von Dr. Georg Leibbrandt herausgegebenen Veröffentlichung Die Völker des Ostraumes40 heißt es :

"Nach dem letzten bekanntgegebenen Stand – Ergebnisse der Volkszählung vom 17. Januar 1939 – setzte sich die Bevölkerung der Sowjetunion aus folgenden wichtigeren Völkern und Volksgruppen zusammen [in Tausend] : ... Juden : 3.020,1 ..." 40

Dr. Georg Leibbrandt war Reichsamtsleiter für die Ostgebiete. Er nahm laut dem sogenannten Protokoll an der Konferenz am Großen Wannsee teil. Wieso nahm er als Fachmann zu der Angabe, in der Sowjetunion lebten 5 Millionen Juden, keine Stellung ?


39h Siehe Ziffer 1.3.2., Beispiele b, k, q und Ziffer 1.3.3., Beispiele a, b, c, h, j, m, n, r, s, u.
40 Dr. Georg Leibbrandt (Hrg.), Die Völker des Ostraumes, erschienen in der Reihe : Die Bücherei des Ostraumes, Berlin 1942, S. 5; als Quelle wird dort angegeben : Iswestija, 29.4.1940, Nr. 99.


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Besonders unglaubhaft ist die Angabe über die Anzahl der in der Ukraine und in Weißrußland lebenden Juden : Es sollen 2.944.684 und 446.484 sein. Solch genaue Zahlen nannte nicht einmal die offizielle Statistik aufgrund der Volkszählung von 1939, erst recht konnten deutsche Behörden 1941, nach Kriegsbeginn, keine derart genauen Zahlen nennen.

Seite 7 :

"Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt."

Es war natürlich notwendig, wenn das WP schon als Beweis für das Bestehen eines 1941 gefaßten Vernichtungsplans dienen sollte, daß dann dieser Plan in gewissem Umfang konkretisiert werden mußte. Aber hier scheiterte der Verfasser bereits völlig, wie unter Ziffer 1.4.2. ausführlich dargelegt wird.

Seite 8 :

"Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen ..."

Es wird nicht dargelegt, wie diese "entsprechende" Behandlung aussehen sollte. Sollte diese "entsprechend" wie zuvor, nämlich "straßenbauend" erfolgen ? Das war doch eine ganz zentrale Fragestellung, zumindest für eine Klärungs-, Planungs- und Koordinierungskonferenz. Siehe dazu die Ausführungen zwei Absätze zuvor.

Seite 8 f. :

"Es ist beabsichtigt, Juden im Alter von über 65 Jahren nicht zu evakuieren, sondern sie einem Altersghetto – vorgesehen ist Theresienstadt – zu überstellen. Neben diesen Altersklassen – von den am 31.10.1941 sich im Altreich und der Ostmark befindlichen etwa 280.000 Juden sind etwa 30% über 65 Jahre alt – finden in den jüdischen Altersghettos weiterhin die Schwerkriegsbeschädigten Juden und Juden mit Kriegsauszeichnungen (EK I) Aufnahme. Mit dieser zweckmäßigen Lösung werden mit einem Schlag die vielen Interventionen ausgeschaltet."

Der Verfasser mußte wieder einmal eine Planung beschreiben und schon gerät er erneut in Schwierigkeiten.

Zunächst einmal ist zu fragen, weshalb eine Umsiedlung von Juden nach Theresienstadt keine Evakuierung darstellt. Weiterhin ist zu fragen, wie denn alle Juden über 65 Jahre, darüberhinaus alle deutschen Juden mit Kriegsauszeich-


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nungen oder schweren Kriegsverletzungen in Theresienstadt hätten untergebracht werden sollen. Angenommen, die Angabe wäre zutreffend, daß "im Zuge dieser Endlösung ... rund 11 Millionen [Juden] in Betracht" kämen, und angenommen, daß tatsächlich alle "Juden im Alter von über 65 Jahren" nach Theresienstadt "evakuiert" worden wären, dann hätte es sich schon bei einem Prozentsatz von nur 10%, die unter den Juden über 65 Jahre alt gewesen wären, um mehr als eine Million Juden gehandelt. Aber eine Million Juden hätten in Theresienstadt gar nicht Platz gefunden. Im zweiten Absatz ist sogar davon die Rede, daß – allerdings bezogen auf die im Altreich und in der Ostmark wohnenden Juden – 30% der Juden über 65 Jahre alt seien. Bezöge man diesen Prozentsatz auf alle "rund 11 Millionen", die "in Betracht" kämen, dann wären es statt etwa einer Million sogar über drei Millionen Juden gewesen, für die Theresienstadt als neue Wohnstatt hätte dienen sollen.

Andererseits ist dann im nächsten Absatz nicht mehr von "einem Altersghetto" die Rede, dem von Theresienstadt, sondern von "den jüdischen Altersghettos" (also Mehrzahl). Im übrigen erscheint Heydrichs Prozentangabe von 30% in ihrer Höhe unglaubwürdig. Doch sollte Heydrich den richtigen Prozentsatz wirklich nicht gewußt haben ? Weiterhin ist zu fragen : wenn wirklich geplant war, alle Juden, die über 65 Jahre alt waren, nach Theresienstadt zu schicken, weshalb wurde dann der größte Teil von ihnen nicht dorthin geschickt ? Und schließlich ist zu fragen, weshalb die Theresienstädter Lösung "mit einem Schlag" die vielen Angriffe "ausgeschaltet" hätte, die aus dem Ausland kamen wegen der Art, in der Deutschland seine Juden behandelte. Das hätte die Angriffe doch nur gesteigert !

Seite 9 :

"In der Slowakei und Kroatien ist die Angelegenheit nicht mehr allzu schwer, da die wesentlichsten Kernfragen in dieser Hinsicht dort bereits einer Lösung zugeführt wurden."

Ein Musterbeispiel für einen Satz, in dem mit viel Worten eigentlich nichts Konkretes gesagt wird.

Seite 10 :

"Im Zuge der Endlösungsvorhaben sollen die Nürnberger Gesetze gewissermaßen die Grundlage bilden ..."

In welchem Rahmen und in welcher Art die Nürnberger Gesetze bei der sogenannten Endlösung eine Grundlage bilden sollen, wird nicht dargelegt. Also wieder ein Satz ohne Sinn, da bezüglich der Aufgaben, die auf der Konferenz behandelt werden sollten, nichts Konkretes vorgetragen wird.


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Seite 15 :

"Abschließend wurden die verschiedenen Arten der Lösungsmöglichkeiten besprochen, wobei ... der Standpunkt vertreten wurde, gewisse vorbereitende Arbeiten im Zuge der Endlösung gleich in den betreffenden Gebieten selbst durchzuführen ..."

Wieder das Muster eines Satzes ohne konkrete Aussage. Wenn man bedenkt, daß die Aufgabe der Konferenz war, die offenen Fragen zu klären, einen "Entwurf" über die zu ergreifenden "organisatorischen, sachlichen und materiellen" Maßnahmen zu erarbeiten und die Ziele und Tätigkeiten der verschiedenen Dienststellen zu koordinieren, dann ist es mehr als befremdlich, wenn erst "abschließend" die "verschiedenen Lösungsmöglichkeiten" besprochen werden und dann im Protokoll nicht einmal dargelegt wird, was da "abschließend" zur Sprache kam ! Damit war einmal die Aufgabe der Konferenz weitgehend verfehlt worden. Darüberhinaus war aber auch die Aufgabe des Protokolls verfehlt worden : schließlich sollte das Protokoll für die Teilnehmer an der Konferenz, für deren Mitarbeiter und für 15 weitere Dienststellen als Richtungsweiser und Arbeitsgrundlage dienen. Mit dem zitierten Text konnte aber niemand etwas anfangen, vor allem auch nicht mit der Aussage in der zweiten Satzhälfte. Die Annahme, so etwas könnte der Wirklichkeit entsprechen, ist absurd. Vielmehr ist auch dieses Musterbeispiel, genauso wie die anderen zitierten Beispiele, ein deutliches Indiz gegen die Echtheit des Protokolls.

1.3.5. Bruch in Stil und Darstellung

Das sogenannte Wannsee-Protokoll weist in Stil und Darstellung einen deutlichen Bruch auf. Auf Seite 10 beginnt unter Ziffer IV ein Text, der sich deutlich von dem vorausgehenden unterscheidet. Er endet auf Seite 13 im vorletzten Absatz. Dieser Textteil ist systematisch gegliedert, logisch aufgebaut, ohne die zuvor aufgetretene Häufung von sprachlicher Unbeholfenheit und Fehlerhaftigkeit. In diesem Text wird auch nur auf ein einziges Thema eingegangen : Die Behandlung der Mischlinge. Auf den insgesamt fast dreieinhalb Seiten dieses Textes wird nirgends eine Frage, ein Vorschlag, eine Kritik aus dem Teilnehmerkreis zitiert. Stellungnahmen erfolgen erst anschließend. Es fällt auch auf, daß auf Seite 3 hinter den Untergliederungszeichen a, b und c jeweils ein Schrägstrich steht, während bei dem andersartigen Text ab Seite 11 jeweils eine runde Klammer benutzt wird.

Entweder hatte der Text zwei Verfasser oder der Verfasser des Schriftstücks hat einen Text, den er irgendwo gefunden hat, in sein Falsifikat eingefügt. Nicht auszuschließen ist, daß es tatsächlich am 20. Januar 1942 eine Konferenz am


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Großen Wannsee gegeben hat, möglicherweise sogar unter der Leitung von Heydrich, daß diese aber ein anderes Thema hatte, als der Verfasser des "Wannsee-Protokolls" vortäuschen möchte. Möglicherweise war das damalige Thema das Mischlingsproblem und der Fälscher hat darüber eine Niederschrift gefunden, die er dann auszugsweise in seine Fälschung eingefügt hat, nämlich jenen Text, der offensichtlich ein Fremdkörper innerhalb des sogenannten Wannsee-Protokolls darstellt.

1.3.6. Zusammenfassung

Wir fanden als sprachliche Merkmale zahlreiche Amerikanismen, wie z. B. "Zeitkürze" statt "kurzfristig", "Staatsarbeiter" statt "Beamter", "private Berufe" statt "freie Berufe".

Wir fanden eine häufig fehlerhafte und höchst unbeholfene Ausdrucksweise. Da gibt es einen "allfällig endlich verbleibenden Restbestand", der "entsprechend behandelt werden" muß, da gibt es Probleme "im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung", "befindliche Juden", eine "Behandlung der Endlösung", eine "schwere Angelegenheit". Da werden "Interventionen ausgeschaltet", "die wesentlichsten Kernfragen in dieser Hinsicht dort bereits einer Lösung zugeführt" und "für die Beitreibung entsprechender Devisenaufkommen Sorge getragen". Da "ist es erforderlich, in Zeitkürze ... einen Berater... aufzuoktroyieren", eine "tiefgehende Behandlung des Problems durchzuführen", wobei "die vorherige gemeinsame Behandlung aller an diesen Fragen unmittelbar beteiligten Zentralinstanzen im Hinblick auf die Parallelisierung der Linienführung" erforderlich ist. Da gibt es "wesentlichste Momente", "Auswanderungsarbeiten", eine "theoretische Erörterung von nachstehenden Punkten", "arbeitseinsatzmäßige Gründe", "Lösungsmöglichkeiten zur Bereinigung der Mischlingsfragen". Da werden tatsächlich sogar "die verschiedenen Arbeiten der Lösungsmöglichkeiten besprochen", "mit der Endlösung dieser Frage im Generalgouvernement begonnen", "jüdische Finanzinstitutionen verhalten", "arbeitsfähige Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt".

Wir fanden außerdem einen deutlichen Bruch in Stil und Darstellung.

1.3.7. Adolf Eichmann der Verfasser des sogenannten Wannsee-Protokolls ?

Und das alles soll nun der Schreibstil von Adolf Eichmann sein; denn es heißt, das Protokoll sei hauptsächlich von Eichmann verfaßt worden.42 Und auch das Begleitschreiben zur 16. Ausfertigung des sogenannten Wannsee-Protokolls soll


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von Adolf Eichmann stammen. Heydrich soll es nur unterzeichnet haben. Man begründet diese Behauptung damit, das Aktenzeichen des Begleitschreibens sei ein Aktenzeichen aus Eichmanns Büro. Außerdem weist man auf die Aussagen hin, die Eichmann in seinem Prozeß in Jerusalem gemacht hatte. Aber die Aussagen Eichmanns in Jerusalem sind nicht überzeugend. Zunächst sagte Eichmann aus, daß er sich an die Konferenz nicht erinnern könne. Das ist völlig unglaubhaft, falls diese Konferenz tatsächlich stattgefunden hat. Denn auf dieser Konferenz soll doch das beschlossen worden sein, was Eichmann dann später organisatorisch in die Tat umgesetzt haben soll, außerdem soll er doch der hauptsächliche Verfasser des Konferenz-Protokolls gewesen sein.42 Und daran sollte er sich nicht erinnern ?

Denkbar ist natürlich, daß Eichmann sich nicht erinnern wollte, weil er die Folgen fürchtete. Warum hat er sich aber dann später erinnert, nachdem er ausgiebig verhört worden war ? Er wurde nach langer Verweigerung plötzlich so redselig. Er hat sich dabei auch verbrecherische Taten zugeschrieben, die er mit Sicherheit nie begangen haben konnte. Liest man die Prozeßprotokolle unter Heranziehung der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die schon vor vielen Jahrzehnten über die Möglichkeiten von Gehirnwäsche gewonnen worden sind 43, dann weiß man, daß es fast unmöglich ist, sich als Gefangener mit Erfolg gegen Gehirnwäschemethoden zu wehren, vorausgesetzt, diese Methoden werden in der richtigen Weise angewandt. Die Protokolle der Vernehmungen Eichmanns bezeugen für den Fachmann ganz klar, daß an Eichmann eine Gehirnwäsche vorgenommen worden ist. Ein diesbezüglicher Nachweis würde aber ein eigenes Gutachten erfordern. Wir verzichten daher auf diesen Nachweis und begnügen uns damit, aus den Erinnerungen Adolf Eichmanns zu zitieren, die er in der Untersuchungshaft in Israel 1960 niedergeschrieben hatte.44 Dieser Text verrät einen Stil, der vom Sprachstil des sogenannten Wannsee-Protokolls grundlegend verschieden ist, und zwar in Wortwahl, Grammatik und Denkstruktur. Selbst ein oberflächlicher Vergleich ergibt, daß der Text des sogenannten Wannsee-


42 Siehe z. B. : Kurt Pätzold/Erika Schwarz, Tagesordnung : Judenmord ..., a.a.O., S. 43 ff.; Martin Broszat/Hans-Adolf Jacobsen/Helmut Krausnick, Anatomie des SS-Staates, München 1984, 4. Aufl., S. 322; Gerald Fleming, Hitler und die Endlösung, Wiesbaden und München 1982, S. 104; Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem, München 1964, S. 147 ff.; Gerald Reitlinger, Die Endlösung, Berlin 1961 (4. Aufl.), S. 105 ff.; Robert M. W. Kempner, Eichmann und Komplizen, a.a.O., S. 126 ff.
43 Siehe dazu das Buch von William Sargant, Die Seelenwäscher, Viöl 1992 und das dortige Fachliteraturverzeichnis. Siehe außerdem die Dokumentation von Roland Bohlinger zum Thema "Seelensteuerung" in : Das Holocaust-Syndrom, Viöl 1994, Band 2.
44 Siehe Kurt Pätzold/Erika Schwarz, Tagesordnung : Judenmord ..., a.a.O., S. 160 ff.


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Protokolls und der Text der Memoiren zwei geistig und sprachlich stark unterschiedliche Verfasser haben muß.

"Jedenfalls waren ähnlich wie früher bei der Auswanderung nunmehr im verstärkten Maße bei der Evakuierung Schwierigkeiten aufgetaucht. Auf der einen Seite war Hitlers Befehl und die Detailsbefehlsgebung von Himmler [sic !, also nicht Göring ?] an Heydrich, die auf eine beschleunigte Evakuierung drängten, auf der anderen Seite erstarb die Arbeit im bürokratischen Leerlauf und in tatsächlichen Schwierigkeiten. Dies wollte Heydrich, sofern es deutscherseits hieran etwas zu vereinfachen gab, klären, indem er sich vom Reichsmarschall eine Ermächtigung geben ließ. (Weder Wortlaut noch Inhalt der Ermächtigung sind mir gegenwärtig, auch ist es möglich, daß ich dieses überhaupt nur noch bzw. erst wieder durch das Lesen von "Reitlinger" oder "Poliakoff" in meinem Gedächtnis habe. Daher bitte ich auch hier, diesen Komplex weitgehendst durch vorhandene Unterlagen zu ergänzen bzw. mir ggf. die Möglichkeit dazu zu lassen.) Jedenfalls, wie Heydrich diese Ermächtigung bekam (ob sie überhaupt "Ermächtigung" hieß, alles dies müßte ich mir irgendwie (Unterlagen, Reitlinger, Poliakoff) nochmals auffrischen), weiß ich nicht, ich weiß nur, daß ich eines Tages Befehl bekam, mich bei ihm zu melden, und er mir mitteilte, daß er die Staatssekretäre der deutschen Ministerien, Kanzlei des Stellvertr. des Führers, glaublich auch Bevollmächtigte der deutschen Militärbefehlshaber [sic !], Höhere SS- u. Pol. Führer, den Hauptamtschef des W.+V. Hauptamtes [sic !], SS-Ogruf. u. Gen. der Waffen-SS Pohl [sic !] zu einer Besprechung nach Berlin einzuladen, in der alle Schwierigkeiten besprochen werden sollten. Er gab mir stichworthaltig den Inhalt dieser Einladungsbriefe bekannt, so wie er es haben möchte und ich mußte dann den Entwurf des Schreibens ausarbeiten. Er wurde dann nach etlichen Malen der Korrektur schließlich von ihm gutgeheißen. Der Inhalt aller Schreiben war derselbe, nur die Anreden und Briefköpfe unterschieden sich nach dem Grad des persönlichen Verhältnisses, in dem Heydrich zum Angeschriebenen stand. Letzteres holte ich mir von der Adjutantur des C.d.S. und d.S.D. Wegen Verhinderung oder Krankheit einiger Geladener wurde der Termin einmal oder zweimal verschoben, eine zusätzliche Arbeitsanhäufung in jenen Tagen bei IV B 4, denn Heydrich war ein außerordentlich penibler und nervöser Vorgesetzter, bei dem alles "wie am Schnürchen" ablaufen mußte, und wehe, es gab hierin irgendwelche Pannen. Auch hatte er so seine Marotten bezgl. der stilistischen Art des Briefinhalts, und man konnte sich dieserhalb noch so sehr bemühen, den Entwurf halbwegs in seinem Sinne "hinzukriegen", etwas zu korrigieren konnte er nie unterlassen. Die Besprechung fand statt im Gästehaus der RSHA am Wannsee b. Berlin. Sowohl ich als Günther*) sowie die Mehrzahl der Amtschefs des RSHA nahmen daran teil, und Günther und ich


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fertigten im Anschluß hieran eine Besprechungsniederschrift an, deren Extrakt dann den Besprechungsteilnehmern – so ist es mir heute noch in etwa in Erinnerung – anschließend wieder durch ein persönliches Schreiben Heydrichs zuging."

1.4. Sachliche Merkmale

1.4.1. Der Befehl zur Ausrottung der Juden

Es wird oft behauptet, aus dem sogenannten Wannsee-Protokoll ergebe sich, daß Hitler die "Endlösung der Judenfrage" im Sinne einer Ausrottung der Juden befohlen habe.

Die einzige Stelle, wo Hitler überhaupt erwähnt wird, ist folgende :

"Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit [d.h. Möglichkeit zur endgültigen Lösung der Judenfrage] nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten." ("Protokoll" S. 5)

Hier steht nichts von einem Befehl Hitlers. Stattdessen wird von einer Lösungsmöglichkeit gesprochen, die noch der Genehmigung des Führers bedürfe. Obendrein wird als Lösungsmöglichkeit nicht die Ausrottung vorgeschlagen, sondern die Umsiedlung anstelle der bisher organisierten Auswanderung. Es wird hier also nichts ausgesagt, das irgendwie als Beweis dienen könnte für einen Befehl Hitlers, alle Juden auszurotten. Auch sonst steht im sogenannten Wannsee-Protokoll nichts von der behaupteten Art.

Auf Seite 7 f. heißt es allerdings :

"Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in dieses Gebiet geführt, wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird.

Der allfällig endlich verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden müssen, da dieser, eine natürliche Auslese darstellend, bei Freilassung als Keimzelle eines neuen jüdischen Aufbaues anzusprechen ist."


*) (vorige Seite) Günther nahm laut "Protokoll" an der Konferenz nicht teil; diese Aussage ist möglicherweise eine der Einreden von Avner Less während der Gehirnwäsche an Eichmann.


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Auf den ersten Blick scheinen diese Äußerungen ein Vernichtungskonzept zu umreißen. Doch eine genauere Prüfung ergibt, daß ihr Inhalt gerade gegen die Richtigkeit dessen spricht, was damit vorgegeben werden soll, nämlich das Vorliegen eines Beschlusses zur Ausrottung des jüdischen Volkes :


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Mit anderen Worten : dieses Projekt wäre in seiner Absurdität und Monstrosität einmalig gewesen. Die meisten Personen, die an der Wannsee-Konferenz teilgenommen haben sollen, hätten ihm daher die Zustimmung versagt, und selbstverständlich hätten Hitler und die übrigen militärischen Führer das gleiche getan. Es gibt daher auch keine Beweise, daß irgendwann versucht worden wäre, dieses Projekt auch nur ansatzweise zu verwirklichen.

Das heißt : die Tatsache, daß laut angeblichem Protokoll ein derart unsinniger Vernichtungsplan besprochen und obendrein völlig widerspruchslos akzeptiert worden sein soll, das spricht nicht für, sondern eindeutig gegen den Vortrag und die Akzeptierung des zitierten Vernichtungsplans auf jener Konferenz. Zugleich liegt hier ein besonders gewichtiges Indiz gegen die Echtheit des sogenannten Wannsee-Protokolls vor.

Diese Feststellung wird noch erhärtet durch die Tatsache, daß anschließend ein inhaltlicher Bruch auftritt, der die Interpretation erlaubt, daß der soeben zitierte "Vernichtungsplan" ein Fremdkörper innerhalb des Protokolls darstellt, denn anschließend ist nur von einer "Endlösung" durch Evakuierung nach Osten die Rede. Es wird zwar in der Literatur der Begriff "Evakuierung" oft als Tarnwort für Abtransport zur Liquidierung interpretiert, doch diese Interpretation kann auf logisch zulässige Weise nicht aus dem Wortlaut des Protokolls abgeleitet werden, außerdem sollten doch laut Protokoll die älteren Juden in Altersghettos untergebracht und die arbeitsfähigen Juden beim Straßenbau eingesetzt werden. Die Verwendung des Begriffs als Tarnwort wäre zudem völlig unnötig gewesen, wo doch an anderer Stelle im sogenannten Protokoll ganz unvertarnt ein Plan zur Vernichtung vorgetragen wird.


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Folgende Passagen im sogenannten Wannsee-Protokoll stehen im Widerspruch zu dem angeblichen Vernichtungsplan : 44a

"Im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa vom Westen nach Osten durchgekämmt ...

Die evakuierten Juden werden zunächst Zug um Zug in sogenannte Durchgangsghettos verbracht, um von dort aus weiter nach dem Osten transportiert zu werden.

Wichtige Voraussetzung ... für die Durchführung der Evakuierung überhaupt, ist die genaue Festlegung des in Betracht kommenden Personenkreises ...

Der Beginn der einzelnen größeren Evakuierungsmaßnahmen wird weitgehend von der militärischen Entwicklung abhängig sein. *) Bezüglich der Behandlung der Endlösung in den von uns besetzten und beeinflußten europäischen Gebieten wurde vorgeschlagen, daß die in Betracht kommenden Sachbearbeiter des Auswärtigen Amtes sich mit dem zuständigen Referenten der Sicherheitspolizei und des SD besprechen ...

Im besetzten und unbesetzten Frankreich wird die Erfassung der Juden zur Evakuierung aller Wahrscheinlichkeit nach ohne große Schwierigkeiten vor sich gehen können ...

Bezüglich der Frage der Judenevakuierung auf das Wirtschaftsleben erklärte Staatssekretär Neumann, daß die in kriegswichtigen Betrieben im Arbeitseinsatz stehenden Juden derzeit, solange noch kein Ersatz zur Verfügung steht, nicht evakuiert werden könnten. SS-Obergruppenführer Heydrich wies darauf hin, daß diese Juden nach den von ihm genehmigten Richtlinien zur Durchführung der derzeit laufenden Evakuierungsaktionen ohnedies nicht evakuiert würden."

In den letzten zitierten Sätzen treffen wir auf zwei weitere Widersprüche : Einmal ist von "derzeit laufenden Evakuierungsaktionen" die Rede, obwohl zuvor, auf Seite 9, erklärt wurde, daß "der Beginn der einzelnen größeren Evakuierungsaktionen ... von der militärischen Entwicklung abhängig" sei, also noch gar nicht stattgefunden habe. Und dann widerspricht dem zuvor dargelegten Plan Heydrichs, alle "arbeitsfähigen Juden straßenbauend" in ihre Vernichtung


44a a.a.O. S. 8, 9 und 14.
*) Diesem Text zufolge hatte die Evakuierung noch gar nicht begonnen. Tatsächlich gab es "Evakuierungen" schon seit Mitte 1941. Sollte Heydrich davon nichts gewußt haben, obwohl sie vor allem von ihm organisiert wurden ? Natürlich wußte er davon. Sie erfolgten allerdings verdeckt. Daher hatte der Fälscher davon wohl keine Ahnung. Erst Jahre nach der Abfassung des WP kam die Forschung diesen Maßnahmen auf die Spur.


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zu führen die ebenfalls von Heydrich stammende Richtlinie, die Juden in kriegswichtigen Betrieben nicht zu evakuieren.

1.4.2. Falsche Dienststellenbezeichnung

Die Dienststellen-Bezeichnung bei Dr. Schöngarth und Dr. Lange mit "Sicherheitspolizei und SD" ist Unsinn. Das ist so, als ob man bei Bischof Meisner nicht "Erzbischof von Köln", sondern "katholische Kirche" sagte.

1.4.3. Zur Finanzierung der Auswanderung

Auf Seite 4f. des sogenannten Wannsee-Protokolls heißt es :

"Die Finanzierung der Auswanderung erfolgte durch die Juden bzw. jüdisch-politischen Organisationen selbst. Um den Verbleib der verproletarisierten Juden zu vermeiden, wurde nach dem Grundsatz verfahren, daß die vermögenden Juden die Abwanderung der vermögenslosen Juden zu finanzieren haben; hier wurde, je nach Vermögen gestaffelt, eine entsprechende Umlage bzw. Auswandererabgabe vorgeschrieben, die zur Bestreitung der finanziellen Obliegenheiten im Zuge der Abwanderung vermögensloser Juden verwandt wurde. Neben dem Reichsmarkaufkommen sind Devisen für Vorzeige- und Landungsgelder erforderlich gewesen. Um den deutschen Devisenschatz zu schonen, wurden die jüdischen Finanzinstitutionen des Auslandes durch die jüdischen Organisationen des Inlandes verhalten, für die Beitreibung entsprechender Devisenaufkommen Sorge zu tragen. Hier wurden durch diese ausländischen Juden im Schenkungsweg bis zum 30.10.1941 insgesamt 9.500.000 Dollar zur Verfügung gestellt."

Die Zahlenangabe von 9,5 Millionen Dollar dürfte unzutreffend sein. Der jüdische Autor Edwin Black hat nach langjährigen Forschungen im Jahre 1984 ein Buch veröffentlicht, in dem er feststellt :

"Auf diesem Wege wurden 71.000 Spenden aus allen Teilen der Welt mit einem Gesamtwert von fast 900.000 Dollar nach Palästina umgeleitet und mündeten in den Aufbau der jüdischen Heimstatt ein." 45

Ist es schon verdächtig, daß Heydrich eine falsche Summe nannte, so ist es noch verdächtiger, daß er das andere Programm zur Devisenbeschaffung nicht erwähnte, obwohl es um das mehrhundertfache erfolgreicher war, nämlich das so-


45 Edwin Black, The Transfer Agreement, The Untold Story of the Secret Pact between the Third Reich and the Jewish Palestine, New York 1984, S. 377.


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genannte Transfer-Abkommen. Dieses Abkommen war das Rückgrat der ganzen Erfolge des Dritten Reiches bei der Auswanderung der Juden. Es diente im übrigen nicht nur zur Beschaffung der Fahrtkosten der Auswanderer, sondern auch für die Bezahlung des Eigentums, das die Auswanderer in Deutschland zurückließen.

1.4.4. Falsche Angaben über die Zahl der Juden im deutschen Machtbereich

Auf Seite 5 des "Wannsee-Protokolls" heißt es :

"Im Zuge dieser Endlösung der europäischen Judenfrage kommen rund 11 Millionen Juden in Betracht ..."

Die Zahl von 11 Millionen ist völlig falsch. Die auf Seite 4 des sogenannten Wannsee-Protokolls stehende Tabelle zählt zwar insgesamt 11 Millionen Juden auf. Aber hierbei wurden auch Gebiete mitgerechnet, wo die Nationalsozialisten damals keinen Zugriff auf die dort lebenden Juden hatten, v. a. : England, Irland, Portugal, Schweden, Schweiz, Spanien, Türkei, den unbesetzten Teil Frankreichs und den größten Teil der Sowjetunion. Darüberhinaus waren 1,5 bis 2 Millionen Juden seit Beginn des Krieges ausgewandert oder geflohen, vor allem innerhalb der Sowjetunion. Außerdem lebten in der Sowjetunion nicht 5 Millionen Juden, wie in der Tabelle behauptet wird, sondern nur etwa 3 Millionen.45 Heydrich war das sicherlich bekannt. Er wußte daher auch, daß höchstens bei etwa 5,8-6,2 Millionen Juden zugegriffen werden konnte. Wenn im sogenannten Wannsee-Protokoll trotzdem von "rund 11 Millionen" Juden gesprochen wird, die "im Zuge dieser Endlösung ... in Betracht" kommen, dann ist das ein weiteres Indiz gegen die Echtheit des Schriftstücks.

1.4.5. Aufschlußreicher Tempusgebrauch

Auf Seite 7 des "Wannsee-Protokolls" steht :

"Die berufsständische Aufgliederung der im europäischen Gebiet der UdSSR ansässigen Juden war etwa folgende ..."

Warum "war" ? Damals, 1942, hätte eigentlich "ist" geschrieben werden müssen. Erst aus der Sicht von Verfassern eines nach 1945 entstandenen "Protokolls" konnte "war" geschrieben werden. Ein kleines, aber sehr aufschlußreiches Versehen.


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1.4.6. Widerspruch zu historischen Vorgängen in Ungarn ?

Auf Seite 10 des "Wannsee-Protokolls" heißt es :

"SS-Gruppenführer Hofmann beabsichtigt, einen Sachbearbeiter ... nach Ungarn mitsenden zu wollen, wenn ... die Angelegenheit dort in Angriff genommen wird."

Damals soll die "Endlösung" auch in Ungarn längst in Gang gewesen sein, so jedenfalls die heutige Version der meisten Historiker.

1.4.7. Die Konferenz verfehlte die angeblich gestellte Aufgabe

Laut Einladung zu der Konferenz sollte diese der "Aussprache" über die "Erreichung einer gleichen Auffassung bei den in Betracht kommenden Zentralinstanzen an den ... mit dieser Endlösung zusammenhängenden Arbeiten" dienen, außerdem sollte sie einen "Gesamtentwurf" bewerkstelligen, in dem "alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht für eine Gesamtlösung der Judenfrage in Europa" behandelt würden. Und laut "Protokoll" hatte die Konferenz zur Aufgabe, "Klarheit in grundsätzlichen Fragen zu schaffen", "einen Entwurf ... im Hinblick auf die Endlösung der europäischen Judenfrage zu übersenden" sowie "eine gemeinsame Behandlung aller beteiligten Zentralinstanzen im Hinblick auf die Parallelisierung der Linienführung" zu bewirken.46 In dem Begleitschreiben vom 26.1.1942 ist sogar von einer "Absprache" die Rede.

Urteilt man nach den vorhandenen Unterlagen, dann wurde die Konferenz alles andere als sachdienlich vorbereitet. Es wurde in der Einladung nicht einmal darauf hingewiesen, zu welchen Themen sich die Teilnehmer vorbereiten sollten. Der höchst mangelhaften Vorbereitung entsprach die Durchführung. Die Konferenz diente nicht der Orientierung und Koordinierung, sie diente eher der Desorientierung. Die Desorientierung ging sogar so weit, daß den Teilnehmern weder vor noch während der Konferenz klar gemacht wurde, was genau unter "Endlösung" zu verstehen sei, was also das genaue Thema der Konferenz war ! Das ist einfach nicht glaubhaft.

Im übrigen ergibt sich aus dem Text des Protokolls, daß in der zentralen Frage auch keine "Absprache" stattgefunden hatte oder das erfolgt war, was eingangs als Aufgabe der Konferenz formuliert worden war : nämlich "Klarheit in grundsätzlichen Fragen zu schaffen", eine "gemeinsame Behandlung aller an diesen Fragen unmittelbar beteiligten Zentralinstanzen im Hinblick auf die Par-


46 Besprechungsprotokoll ("Wannsee-Protokoll") WP-2, S. 2; vgl. Anlagen.


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allelisierung der Linienführung" zu organisieren und "dem Wunsch des Reichsmarschalls" zu entsprechen, "ihm einen Entwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Belange im Hinblick auf die Endlösung der europäischen Judenfrage zu übersenden". In den zentralen Fragen ist das Protokoll auffällig nebulös, unvollständig, widersprüchlich und weitgehend abgehoben von der rechtlichen, organisatorischen und materiellen Grundlegung, obwohl es doch um ein riesiges und zugleich ungeheuerliches Projekt ging ! Es bietet auch keine Benennung und Abgrenzung der einzelnen Aufgabenbereiche der in die "Behandlung der Endlösung" einbezogenen "Zentralinstanzen". Es wurde dem Protokoll zufolge auch nicht ermittelt, welche Überlegungen man bereits angestellt, welche grundsätzliche Meinung man zu dem geplanten Vorhaben entwickelt, welche fachlichen Erkenntnisse, organisatorischen Voraussetzungen und materiellen Möglichkeiten jeweils zur Verfügung stünden, wie man sich eine Koordinierung zwischen den einzelnen "Zentralinstanzen" vorstelle u.a.m. Das alles bleibt ungesagt. Das heißt aber, daß das Begleitschreiben vom 26.1.1942 dem Protokoll einen Inhalt unterstellt, der in mehrfacher Hinsicht nicht stimmt. Und das heißt weiterhin und insbesondere, daß die ganze Konferenz eindeutig Merkmale einer Fiktion aufweist, einer absurden Aufführung. Sie kann in der Form, wie sie durch das Protokoll vorgestellt wird, unmöglich stattgefunden haben.

Dazu paßt im übrigen, daß die angeblichen Teilnehmer an dieser angeblich erfolgten Konferenz, die von Kempner 1946/47 inhaftiert und verhört worden waren, sich alle nicht an die Konferenz entsinnen konnten beziehungsweise nicht an eine Konferenz, wo wenigstens entfernt das verhandelt worden wäre, was im sogenannten Wannsee-Protokoll behauptet wird.47

Nicht einmal in den Vernehmungsprotokollen der Verschwörer des 20. Juli, die nach Kriegsende aufgefunden wurden, oder in der alliierten Kriegspropaganda gegen Deutschland tauchte eine Aussage auf, die auf die "Wannsee-Konferenz" als einer Absprache zur Vernichtung der Juden hingewiesen hätte, obwohl doch das "Protokoll" über diese Konferenz an 30 verschiedene Regierungsstellen versandt worden sein soll und Kempner deshalb meint, dieses Schriftstück hätte mindestens 200 Personen bekannt sein müssen.48


47 Siehe unter anderem : Kurt Pätzold/Erika Schwarz, Tagesordnung : Judenmord – Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942, Berlin 1992, 2. Aufl., S. 129 ff.
48 Robert M. W. Kempner, Eichmann und Komplizen, a.a.O. S. 148.


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1.4.8. Die Konferenz schuf keine Klarheit

Weitere Beispiele dafür, daß die Konferenz nicht dem Ziel diente, "Klarheit in grundsätzlichen Fragen" und eine Gemeinsamkeit in Planung und Organisation zu schaffen :

Auf Seite 3 heißt es :

"Die Federführung bei der Bearbeitung der Endlösung der Judenfrage liege ohne Rücksicht auf geographische Grenzen zentral beim Reichsführer-SS und Chef der deutschen Polizei (Chef der Sicherheitspolizei und des SD)."

Der Reichsführer-SS war Himmler. Der Chef der Sicherheitspolizei und des SD war Heydrich. Wer war nun federführend : Himmler oder Heydrich ? Zwei Personen konnten doch wohl nicht zugleich federführend sein ! Obendrein spielte bei der "Federführung" auch noch Göring eine Rolle. Göring soll Heydrich – und nicht Himmler – beauftragt haben, eine Gesamtlösung der Judenfrage vorzubereiten und einen "Gesamtentwurf über die Vorausmaßnahmen" zu erstellen. Also war Göring federführend ? Andererseits, wie konnte Göring so etwas anweisen ? Weder Himmler noch Heydrich unterstanden ihm. Und da von einem Führerbefehl an Göring nirgends die Rede ist, gab es also laut Protokoll faktisch einen Wirrwarr in der Verantwortlichkeit. Das ist in einer derart wichtigen Angelegenheit undenkbar und somit ein neues und gewichtiges Indiz gegen die Echtheit des Protokolls.

Ein weiteres Indiz ist die Tatsache, daß die versammelten Teilnehmer nicht einmal Fragen zur Klärung des Wirrwarrs stellten. Auch das ist undenkbar. Denn die Beamten, vor allem die Staatssekretäre, mußten doch für die Maßnahmen, die sie zukünftig zu treffen hatten, wissen, wer nun tatsächlich die Leitung innehatte, welche Kompetenzen dieser Leiter besaß und welche Kompetenzen und Aufgaben die übrigen Beteiligten hatten.

Auf Seite 7 heißt es :

"Unter entsprechender Leitung sollen nun im Zuge der Endlösung die Juden in geeigneter Weise im Osten zum Arbeitseinsatz kommen. In großen Arbeitskolonnen unter Trennung der Geschlechter, werden die arbeitsfähigen Juden straßenbauend in diese Gebiete geführt ..."

Die erste Aufgabe der Konferenz, die "Klarstellung", hätte erfordert, konkret darzulegen, wer die "entsprechende Leitung" hierfür übernimmt und was "in geeigneter Weise" heißt, sodann, um welche Gebiete im Osten es sich handelt, und was darunter zu verstehen sei, die Juden "straßenbauend" in diese Gebiete zu führen. Wollte Heydrich nicht die "Mitarbeit" und "Parallelisierung der Zentralinstanzen" erreichen ? Aber er hatte keinerlei Fragen und Wünsche, keine Vorschläge über die Kompetenzverteilung, keine über die Aufgabenstellungen


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der einzelnen Ministerien und schon gar keine über den organisatorischen Ablauf. Und die Anwesenden wollten offensichtlich auch keine Klarheit, keine Aufgabenverteilung, kein Programm. Das ist natürlich in einer Konferenz führender Regierungs- und Verwaltungsfachleute ein Unding und somit ein weiteres gewichtiges Indiz gegen die Echtheit des Protokolls.

1.4.9. Mißachtung von Hitlers Vorstellungen

Auf Seite 11 heißt es :

"Chef der Sicherheitspolizei und des SD erörtert im Hinblick auf ein Schreiben des Chefs der Reichskanzlei zunächst theoretisch die nachstehenden Punkte : 1) Behandlung der Mischlinge 1. Grades ..."

Die Forderung, "Klarheit" zu schaffen, hätte geboten, daß das Schreiben des Chefs der Reichskanzlei vorgelegt und sein Inhalt vorgelesen worden wäre, bevor die Einzelheiten besprochen wurden, wie das dann laut Protokoll geschehen sein soll. So aber war das eine Mißachtung des Chefs der Reichskanzlei und damit indirekt eine Mißachtung Hitlers.

Im übrigen ist die anschließende Darlegung des Mischlingsproblems auffallend ausführlich, während dort, wo es wieder einmal notwendig gewesen wäre, der eigentlichen Aufgabe der Konferenz zu genügen, nämlich klarzustellen, wie denn die geplante Sterilisierung der Mischlinge durchgeführt werden soll, insbesondere welche gesetzlichen, organisatorischen und personellen Grundlagen dafür geschaffen werden müßten, da ist dann wieder absolutes Stillschweigen. Auch das ist natürlich nicht ein Indiz für, sondern gegen die Echtheit des Protokolls.

In diesem Zusammenhang steht auch noch eine andere Fragwürdigkeit : Heydrich weist auf ein Schreiben des Chefs der Reichskanzlei in der Mischlingsfrage hin. Ein solches Schreiben ist den Historikern bisher nicht bekannt geworden. Hingegen ist nachgewiesen, daß der Chef der Reichskanzlei, Dr. Lammers, von der bevorstehenden Konferenz keinerlei Kenntnis hatte, auch nicht vom Thema.49 Als Vertreter von Dr. Lammers saß Ministerialdirektor Dr. Kritzinger unter den Teilnehmern. Weder fragt Kritzinger nach dem Schreiben seines Chefs noch fragt ihn einer der Teilnehmer danach. Das ist um so merkwürdiger, als das Mischlingsthema und anscheinend auch noch weitere Themen vom Inhalt des nicht näher behandelten Schreibens aus der Reichskanzlei abgeleitet werden.


49 Militärgerichtshof Nr. IV, Fall XI, Dr. Lammers, S-21470 ff.


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Im übrigen hatte der Verfasser des Protokolls von der Verwaltungsstruktur im damaligen Deutschland nicht genügend Ahnung. Die Reichskanzlei war keine Befehlszentrale. Sie war ein reines Dienstbüro, das Büro des Reichskanzlers. Sie war die Verbindungsstelle zwischen dem Reichskanzler und den verschiedenen Ministerien. Alle Entscheidungen, Anweisungen und andere Mitteilungen des Kanzlers liefen ordnungsgemäß durch oder über die Reichskanzlei. Die Reichskanzlei traf keine eigenen Entscheidungen. Diese traf der Kanzler. Sie war auch kein Ausführungsorgan und setzte daher auch keine Entscheidungen durch. Entscheidungen, die von der Reichskanzlei kamen, waren Entscheidungen des Reichskanzlers, also Hitlers. Wenn also Heydrich ein Schreiben aus der Reichskanzlei zur Frage der Endlösung zitierte, dann war das nichts anderes als ein Schreiben im Auftrage Hitlers. Doch im Protokoll wird das nicht so gehandelt und behandelt, Hitler ist sozusagen draußen vor.50 Das ist natürlich ein besonderes Unding und ein weiteres und starkes Indiz gegen die Echtheit des Protokolls.


50 Siehe dazu : Robert M. W. Kempner / Carl Haensel (Hg.) : Das Urteil im Wilhelmstraßen-Prozeß, Schwäbisch Gmünd 1950, S. 315 f.


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