Demjanjuks Weg

Anfang der achtziger Jahre erinnerte sich Iwan Demjanjuk, inzwischen amerikanischer Staatsbürger, wie folgt an seinen weiteren Weg : Er sei 1942 oder 1943 in das Kriegsgefangenenlager Rovno gekommen und habe die Jahre 1943/44 im Kriegsgefangenenlager Chelm verbracht. Demjanjuks Behauptung, er sei "bis etwa 1943/44" in Chelm gewesen, wurde ihm von seinen Verfolgern sehr übel genommen. Schon während der jahrelangen Gerichtsprozeduren, die Demjanjuks Auslieferung an Israel vorausgingen, hieß es dazu : "Die Glaubwürdigkeit seiner Angaben wird ernsthaft durch die Regierungsbeweisstücke Nr. 5 und 6 sowie durch Zeugenaussagen von sechs Treblinka-Überlebenden erschüttert, aus denen hervorgeht, daß er 1942/43 in Treblinka war. Aus der Aussage eines Experten geht hervor, daß er Anfang 1944 kaum in Chelm, Polen, gewesen sein kann, denn aus dieser Aussage geht hervor, daß die Russen die Deutschen schon im Juli 1944 aus Chelm vertrieben hatten." Weiter wird ein Zeuge namens Dr. Ziemke angeführt, demzufolge "die letzte mögliche Periode, in der die Deutschen ein Kriegsgefangenenlager in Chelm, Polen, gehabt haben können, der Januar 1944 gewesen sein kann."

Die Schlacht um Kertsch, bei der Demjanjuk zusammen mit

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160 000 anderen Soldaten gefangen genommen wurde, fand im späten Frühling 1942 statt. Kertsch war schon 1941 von deutschen Truppen eingenommen worden. Im Dezember 1941 setzten sowjetische Gegenangriffe ein, die die deutschen Truppen zwangen, sich teilweise zurückzuziehen. 1942 fiel die Hafenstadt Feodosja wieder an die Deutschen zurück. Bis Mai 1942 war die Halbinsel Kertsch praktisch zwischen den sowjetischen und deutschen Truppen geteilt; wesentliche Frontveränderungen fanden nicht statt. Am 18. Mai 1942 beseitigten die deutschen Truppen die sowjetische Enklave, indem sie Kertsch zurückgewannen. Damit stimmt überein, daß Demjanjuk als einer dieser Kriegsgefangenen aus der Schlacht um Kertsch sehr wohl 1942 oder erst 1943 im Kriegsgefangenenlager Chelm ankam, denn zuvor war er bei Zwangsarbeiten eingesetzt und im Kriegsgefangenenlager Rowno gewesen. (051)

Es erscheint als absurd, daß Demjanjuk schon 1942 als Wächter in Treblinka eingesetzt worden sein soll und dort, wie die Zeugen behaupten, den Gasmotor bedient haben soll, denn die Vergasung von rund einer Million Menschen allein in Treblinka war, folgt man der einfachen Logik, aber auch allen Darstellungen, das bestgehütete Reichsgeheimnis — so daß nicht einmal die Sowjets und die westlichen Alliierten davon etwas erfuhren. Noch während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse glaubte man, Menschen seien in Treblinka überhaupt nicht vergast, sondern mit Hilfe von heißem Wasserdampf getötet worden. Wie sollte ein blutjunger Sowjetsoldat, über dessen politische Gesinnung die Deutschen nichts wissen konnten, schon wenige Wochen oder Monate nach seiner Gefangennahme mit dieser äußerst geheimen Aufgabe betraut werden, mußte man doch fürchten, daß er bei erster sich bietender Gelegenheit zu den Partisanen überlaufen könnte, die damals die Deutschen in den besetzten Ostgebieten verunsicherten ? Denn wie die Zeugen, die Treblinka überlebt haben, berichten, ging jener "Iwan", der den Gasmotor bedient haben soll, im Lager von Treblinka ein und aus : Er genoß eine besondere Vertrauensstellung, trank in den umliegenden Dörfern, wo er den polnischen Mädchen nachstellte, und muß nicht nur etwas Deutsch gekannt haben, sondern auch andere Fähigkeiten gehabt haben, hat doch jener Iwan von Treblinka, um den alles geht, gleichzeitig den Generator bedient, der das ganze Vernich-

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tungslager mit Strom versorgte. Dieses Bild paßt schlecht zu einem frisch gefangenen sowjetischen Soldaten, von dem man nicht einmal wissen konnte, ob er in der Sowjetunion der kommunistischen Partei angehört hatte.

Doch bleiben wir bei den Daten, auf denen seine Verfolger so bestehen : Die Behauptung Demjanjuks, er sei "bis etwa 1943/44" im Kriegsgefangenenlager von Chelm gewesen, wird durch den Umstand, daß Chelm im Juli 1944 von Sowjettruppen befreit wurde, natürlich überhaupt nicht widerlegt. Selbst die Angabe, das Kriegsgefangenenlager in Chelm sei spätestens im Januar 1944 aufgelöst worden, widerspricht Demjanjuks Behauptungen nicht : Er will ja "bis etwa 1943/44" dort gewesen sein. Wer daraus eine "ernsthafte Erschütterung seiner Glaubwürdigkeit" folgert, urteilt bösartig. Außerdem gehen selbst polnische Zeitgeschichtswissenschaftler wie etwa Edward Dziadosz und Jozef Marszalek in einem 1979 erschienenen Buch (052) davon aus, daß das Stammlager Nr. 319 mit sowjetischen Kriegsgefangenen in Chelm und 60 000 Gefangenen in der Okrzowska-Straße bis Juli 1944 bestand, also bis zur Befreiung durch sowjetische Truppen, und daß ein sogenannter "Baudienst", in dem Kriegsgefangene vor allem für Reparaturarbeiten an Eisenbahngleisen bereitgehalten wurden, mit hunderten Mitarbeitern erst 1943 gegründet wurde und vermutlich gleichfalls erst in der ersten Hälfte des Jahres 1944 aufgelöst wurde — oder sogar bis zum Schluß dort bestand (Seite 110 aus dieser polnischen Publikation, siehe Dokument 1).

Demjanjuk, der sich erinnert, als Kriegsgefangener bei Eisenbahnreparaturen eingesetzt worden zu sein, kann also durchaus bis Mitte 1944 in Chelm gewesen sein. Aber dies würde natürlich völlig ausschließen, daß er jemals im Lager Treblinka gewesen ist. Denn das wurde schon im Spätsommer 1943 aufgelöst und dem Erdboden gleichgemacht.

Als sich Demjanjuk Anfang der achtziger Jahre an seine Zeit als junger Kriegsgefangener zurückerinnern mußte, meinte er, er sei 1944 nach Graz in Österreich gekommen, wo er, ohne auch nur ein Gewehr zu erhalten, einer ukrainischen Nationalgarde unter dem Befehl des ukrainischen Generals Schandruk angeschlossen wurde. Diese Einheit sei von den Deutschen für den Einsatz gegen die Russen aufgestellt worden.

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Dok. 1 : Diese polnische Veröffentlichung zeigt, daß das Lager Chelm entsprechend Demjanjuks Angaben existiert hat.

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Auch diese Erinnerung wurde Demjanjuk von seinen Verfolgern böse angekreidet. Schon während der Justizverfahren um seine Auslieferung an Israel in den Vereinigten Staaten hieß es dazu : "Experten, die als Zeugen zur Verfügung stehen, enthüllen, daß General Schandruk, der 1944 in Graz die "Ukrainische Nationalarmee" kommandiert haben soll, als General der ukrainischen Nationalarmee erst im März 1945 eingesetzt wurde." (053) Das Problem besteht darin, daß es während des Zweiten Weltkrieges rund 250 000 Ukrainer gab, die unter deutschem Kommando und später auch in selbständigen ukrainischen Einheiten an der Seite des Deutschen Reiches gegen ihren Feind, das bolschewistische Rußland, kämpften, und daß die Geschichte dieser Allianz zwischen deutschen Nationalsozialisten und ukrainischen Nationalisten so verworren ist, daß sie offenbar auch von den amerikanischen Justiz- und Regierungsbehörden nicht mehr nachvollzogen werden konnte — wenn man dies im "Fall Demjanjuk" überhaupt wollte.

Ukrainer an der Seite von Deutschen

Seit dem ukrainischen Befreiungskrieg 1918-1920, der Teil dessen war, was man den "russischen Bürgerkrieg" nannte, lebten ukrainische Emigranten in Deutschland. Sie hatten sich zum Teil in einer "Organisation Ukrainischer Nationalisten" (OUN) organisiert und wurden von den Deutschen erst als "Freunde" entdeckt, als Hitler seinen Feldzug gegen Polen begann. Einige Emigranten wurden zu sogenannten Werkschutzgruppen und Einheiten des Reichsarbeitsdienstes zusammengestellt, doch in Wirklichkeit beabsichtigte man, diese Ukrainer im Osten Polens einzusetzen. Dort sollten sie die dort lebende ukrainische Bevölkerung gegen Polen mobilisieren.

Es war ein reines Zweckbündnis. Denn damals gab es in vielen Ländern Europas Nationalisten, die bereit waren, an der Seite der deutschen Truppen für eine "Neuordnung Europas" zu kämpfen. Die Sympathien für Hitlers "Neuordnungspläne" reichten weit über Europa hinaus. Vor allem die unter engli-

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scher Kolonialherrschaft lebenden Völker und deren Führer erhofften sich von einer Zerschlagung des britischen Weltreiches durch Hitler die eigene nationale Befreiung. Heute würde man sich wundern, wer alles für Hitlers Neuordnung der Welt war.

So gab es beispielweise in Palästina eine radikale zionistische Bewegung, die ihren Hauptgegner in der britischen Mandatsmacht sah. Dazu gehörten die sogenannte Stern-Gruppe (Lechi) und die Irgun Zvai Leumi, eine nationalistische, vorwiegend im Untergrund arbeitende Militärorganisation, die sogar bereit waren, mit Hitler gemeinsame Sache zu machen, soweit es um den Kampf gegen England ging. Die Irgun Zvai Leumi, auch National Military Organization (NMO) genannt, unterbreitete deshalb dem deutschen Militärattaché in der Türkei sogar ein förmliches Angebot (054). Man wollte ein Bündnis schließen, das die Emigration der europäischen Juden nach Palästina, die Gründung eines zionistischen Staates und eine aktive Kriegsteilnahme an der Seite Deutschlands vorsah. Die Urzelle der heutigen israelischen Kriegsmarine wurde im faschistischen Italien gegründet. Dort befand sich das Ausbildungszentrum unter den Augen des "Duce" in Civitavecchia bei Rom (055).

Zu jenen radikalen Zionisten, die mit Deutschlands Nationalsozialisten viele Übereinstimmungen entdeckten, gehörte damals auch der Extremist und antibritische Terrorist Wladimir Zwed Jabotinsky, der Mitbegründer und Führer der NMO, sowie dessen Nachfolger, der spätere Ministerpräsident Israels, Menachem Begin. Die Zionisten richteten sich wie die Nationalsozialisten gegen Großbritannien, sie hielten wie die Nationalsozialisten die Juden für eine besondere Rasse, die nicht zu assimilieren sei, und sie vertraten auch sonst eine Ideologie, die der nationalsozialistischen nicht unähnlich war. Sie betrachteten sich jeweils selbst als "Führervolk" ("auserwähltes Volk" bzw. "Herrenrasse").

Doch unter den Ukrainern hatte es nie eine faschistische Bewegung gegeben. Sie waren reine Nationalisten. Sie erstrebten lediglich die Unabhängigkeit der eigenen Nation von Polen und von der Sowjetunion. Ihre Gemeinsamkeiten mit Hitler begrenzten sich auf den Plan, Polen und dann die Sowjetunion zu zerschlagen. Aus den Trümmern dieser beiden Staaten sollte dann die jahrhundertelang gewaltsam geteilte ukrainische Na-

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tion — immerhin ein Volk mit 45 Millionen Menschen — wiedervereint und unabhängig hervorgehen. Dieser Traum der Ukrainer stand von Anfang an in Widerspruch zu Hitlers Neuordnungsplänen im Osten Europas, in denen gerade die Ukraine als Siedlungsgebiet für Deutsche und Kornkammer für das Großdeutsche Reich eine besondere Rolle spielte : Die Ukrainer gehörten, entsprechend den Rassetheorien des Dritten Reiches, zu den "Untermenschen", die allenfalls eine Rolle als "Hilfsvolk" spielen sollten.

So wurde bei Ausbruch des deutsch-polnischen Krieges zwar eine etwa 600 Mann starke ukrainische Legion unter Führung des ukrainischen Nationalisten Roman Susko mit auf den Marsch genommen. Ihre politisch-militärische Aufgabe — die starke ukrainische Minderheit in Polen gegen den polnischen Staat zu mobilisieren — wurde unter dem Tarnnamen "Bergbauern-Hilfe" versteckt. Aber in Wirklichkeit hatten sich Stalin und Hitler längst darauf geeinigt, Polen unter sich aufzuteilen, wobei der westliche Teil der Ukraine, Galizien, an die Sowjetunion fallen sollte. Dies war offener Verrat an den nationalen Idealen der Ukrainer. Tatsächlich brach die deutsche Führung im Schatten des Nichtangriffspaktes mit Moskau wieder alle Beziehungen zu den Ukrainern ab : die ukrainische Frage wurde zur inneren Angelegenheit der mit Deutschland "befreundeten" Sowjetunion.

Erst als diese "Freundschaft" 1941 zerbrach, erinnerte man sich in Berlin wieder der Ukrainer. Damals wurden in Seibersdorf bei Wien und in Neuhammer in Schlesien zwei "Ukrainische Legionen" aufgestellt und ausgebildet. Die Angehörigen der Legion Roland und der Legion Nachtigall durften sogar Uniformen anziehen, die denen der ukrainischen Armee aus den Jahren 1918 bis 1920 sehr ähnlich waren. Beide Legionen wurden auch nicht auf Hitler vereidigt, denn den Deutschen war völlig klar, daß diese Ukrainer Hitler nur als Mittel zur Durchsetzung ihrer eigenen Pläne benutzen wollten. So ließ man sie schwören : "Mit diesem Gewehr kämpfe ich für die Freiheit der Ukraine, oder ich werde für sie sterben."

Die Führer dieser Legionen glaubten, nach einem Einmarsch der deutschen Truppen in die Sowjetunion würden sich Ukrainer aus den Reihen der Zivilbevölkerung und der Sowjetarmee massenweise ihren Legionen anschließen. Als eigenstän-

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dige ukrainische Armee wollte man dann mit den Deutschen Verträge abschließen, die zu einer Koalition zwischen ukrainischen und deutschen Streitkräften führen sollten. Doch in Wirklichkeit sah Deutschland in diesen "Hilfswilligen" der ersten Stunde nur Werkzeuge der deutschen Politik. Die Fäden zog die deutsche Abwehr, die in den Führern der ukrainischen Legionen reine Agenten sah, deren einzige Aufgabe darin bestehen sollte, die Kampfkraft der Sowjetunion zu schwächen. Auf ähnliche Weise wurden nach dem Einmarsch in die Sowjetunion andere Völker in der Sowjetunion gegen Moskau mobilisiert, wobei Hitler vor allem an die nichtchristlichen Turkvölker glaubte — während er den Slawen, also auch den Ukrainern, bis zuletzt zutiefst mißtraute.

Daß die erwähnten ukrainischen Legionen nicht zur Keimzelle einer selbständigen ukrainischen Armee werden durften, hatte bittere Folgen. Die enttäuschten Führer dieser Legionen, die Seite an Seite mit den Deutschen zum Kampf gegen den Bolschewismus aufgebrochen waren, gingen in der Ukraine in den Untergrund und gründeten dort das, was ihnen die Deutschen versagten : eine "Ukrainische Partisanen-Armee", die sowohl gegen die Sowjetpartisanen als auch gegen die Deutschen kämpfte, vor allem, als völlig klar wurde, daß die Deutschen die Ukrainer nicht als gleichwertiges, befreundetes Volk betrachteten, sondern stattdessen dazu übergingen, Millionen Ukrainer als Arbeitssklaven ins Reich zu transportieren. So blieben diese ukrainischen Nationalisten ihrem Schwur treu : Sie "kämpften für die Freiheit der Ukraine"; die meisten starben für dieses Ziel.

Als die Deutschen 1942 begannen, erste Ukrainer zu rekrutieren, durften diese nur Hilfspolizisten werden. Die Anwerbung von ukrainischen Kriegsgefangenen, die sich in Millionenzahl in deutschen Kriegsgefangenenlagern befanden, wurde zunächst sogar ausdrücklich untersagt. Dies führte schon zu Beginn des Feldzuges gegen die Sowjetunion zu heftigen Meinungsverschiedenheiten zwischen den deutschen Generalen und Offizieren an der Front und der Berliner Führung. Ukrainische Kriegsgefangene, die zum großen Teil zu den Deutschen überliefen und freiwillig ihre Waffen streckten, wurden gerne als "Hilfswillige" (Hiwis) akzeptiert. Sogar die Waffen-SS akzeptierte sie gerne. Sie wurden deutschen Einheiten zugeteilt.

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Für viele junge Ukrainer war dies der einzige Weg, um der jahrelangen deutschen Kriegsgefangenschaft zu entgehen — und damit oft dem Tode. Für andere junge Ukrainer waren die Deutschen natürlich Verbündete im gemeinsamen Kampf gegen Moskau und für eine freie Ukraine. Entgegen den Berliner Anordnungen gab es bald immer mehr Wege, mit den Deutschen zusammenzuarbeiten. Man konnte in eine sogenannte Schuma-Einheit eintreten oder Gendarm werden : 1942/43 standen im Reichskommissariat, also in der östlichen Ukraine, 16 000 Ukrainer als Schutzpolizisten und weitere 55 000 als Gendarmen unter deutschem Befehl. Es gab sogar eine "Ukrainische Befreiungsarmee", aber auch sie war in Wirklichkeit nur eine von Deutschen kommandierte Einheit, deren Soldaten ständig verdächtigt wurden, mit der im Untergrund operierenden "Ukrainischen Partisanen-Armee" zu sympathisieren. Die Deutschen stellten unter ihrer Herrschaft die Ukraine nicht einmal als einheitliches Verwaltungsgebiet wieder her. Die Ukrainer in Galizien, also im Westen, wurden von Gauleiter Frank vom polnischen Krakau aus regiert; Reichskommissar in der besetzten Sowjet-Ukraine war der Gauleiter im deutschen Ostpreußen, Koch, der aus seiner Verachtung für die Ukrainer überhaupt keinen Hehl machte.

Der verheerende Einfluß von Martin Bormann

In dem Buch von Manfred Beer Moskaus As im Kampf der Geheimdienste wird vom Autor der eindrucksvolle Nachweis erbracht, daß die von Deutschen besetzten Gebiete von Bormanns jeweiligen Kreaturen mit "sicherer Hand in den Widerstand gesteuert" wurden (S. 159).

Am Beispiel der Ukraine belegt der Autor, wie verantwortungsvoll denkende Deutsche um eine vernünftige Politik gegenüber dem ukrainischen Volk gerungen haben. Als Beispiel für die vergeblichen Initiativen, die von Bormann geschickt abgeblockt wurden, seien die Denkschriften zitiert, die Professor Oberländer — er war später Minister im Kabinett Adenauer — als Hauptmann der Wehrmacht in den Jahren 1942 und 1943 verfaßt hat :

"Behandeln wir die Bevölkerung nicht als Mitarbeiter an der großen Aufgabe, sondern als Ausbeuteobjekt, wie es der Bolsche-

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wismus tat, so wird der in der Bolschewistenzeit zähe aktive und auch passive Widerstand bei der Ausdehnung des Landes und den vorhandenen Verkehrsschwierigkeiten zu einer ernsten Gefahr. Die Bevölkerung ist illegalen Widerstand seit langem gewohnt . . ."

". . . Die These daß die mit Polen und Russen verfeindeten Ukrainer auf Gedeih und Verderb auf Deutschland angewiesen seien, ist eine Selbsttäuschung. Bei hartem Druck finden sich auch alte Feinde wieder zusammen."

"Es gab und gibt in Europa wenige Völker, die von Haus aus so deutschfreundlich eingestellt waren wie das ukrainische. Und doch haben wir es im Laufe eines einzigen Jahres erreicht, daß es sich innerlich von uns abzuwenden beginnt . . . Die Ablieferungen sind total und werden zwangsweise eingetrieben . . . Der Bauer verfolgt die Maßnahmen der deutschen Verwaltung mit Haß und bringt sie in Vergleich mit der bolschewistischen Zwangsherrschaft. Massenhaft werden auf dem Lande Getreide und sonstige haltbare Ernährungsgüter vergraben, um sich vor Knappheit oder Hunger im kommenden Jahr zu schützen. Aussprüche wie 'Die Deutschen sollen sich an dem Geraubten totfressen' oder 'Wir warten auf die Stunde, in der wir es den Deutschen vergelten können' geben einen tiefen Einblick in die verbitterte Stimmung der Landbevölkerung . . ."

"Ein langer Krieg ist nie nur militärisch zu gewinnen. Je länger er dauert, um so wichtiger ist es, daß wir die Bevölkerung dieser Gebiete endgültig auf unsere Seite ziehen . . ." "Dasselbe gilt für die Kriegsgefangenenbehandlung. Mit uns kämpfende georgische Kameraden haben ausgesprochen, daß Deutschland heute im Osten keinen Krieg (mehr) zu führen brauchte, wenn es von Anfang an die russischen Kriegsgefangenen richtig behandelt hätte . . ."

"Von einer Schicht zufriedener Bauern und zufriedener Handwerker an den Grenzen Osteuropas hat Deutschland den sichersten Schutz gegen das Eindringen bolschewistischer Ideen . . ." "Georgische Kameraden wiesen darauf hin, daß ihnen unsere Maßnahmen in der Ukraine nur dadurch verständlich werden könnten, daß sie annähmen, daß diese Maßnahmen durch feindliche Kräfte im eigenen deutschen Lager, vor allen Dingen von englischer Seite provoziert werden . . .

Im Feld, 9. November 1942

Oberländer (Hptm.)"

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Der lange Leidensweg des freiheitliebenden ukrainischen Volkes durch die Geschichte war aber noch nicht zu Ende. Dem nationalsozialistischen Zwischenspiel von 1941 bis 1944 folgte eine Periode der Rache Stalins an den "Kollaborateuren".

Eine ausführliche Darstellung der Hintertreibungen eines guten Verhältnisses zwischen den Deutschen, den Ukrainern und den übrigen "Ostvölkern" mit besonderer Berücksichtigung der Rolle Bormanns als Agent Stalins enthält das Buch Moskaus As im Kampf der Geheimdienste von Hugo Manfred Beer (008).

Als im heißen Sommer 1943 die Sowjettruppen zur entscheidenden Gegenoffensive übergingen, gab es weder eine einheitliche Ukraine mit eigenen Verwaltungsbehörden noch gar eine ukrainische Armee, die sich dem Ansturm hätte widersetzen können. Meldeten sich aus den Reihen der im Untergrund kämpfenden "Ukrainischen Partisanen-Armee" junge Leute, die den Deutschen unter dem Druck der sowjetischen Offensive ihre Hilfe anboten, wurden sie zurückgewiesen. Man erlaubte ihnen lediglich, eine "Ukrainische Selbstverteidigungs-Legion" zu gründen.

Ukrainische Freiwilligen-Division

Erst jetzt, als es eigentlich schon zu spät war, begann man in Berlin, eine andere Politik gegenüber den Ukrainern zu entwickeln. Man erkannte, eher stillschweigend, ein ukrainisches Nationalkomitee und sogar einen ukrainischen Wehrausschuß an, mit dem Ziel, die Ukrainer politisch und militärisch gegen die Sowjetunion zu mobilisieren. Zweck der Übung war die Gründung einer größeren ukrainischen Freiwilligeneinheit. Dabei wollte man sich aber ausschließlich auf sogenannte Galizier, also Ukrainer aus dem Westen ihrer Heimat, stützen. Auf Grund ihrer früheren Zugehörigkeit zu Österreich-Ungarn wurden sie als Hilfsvolk der Deutschen für wertvoller gehalten.

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Die militärische Ausbildung der Galizier, mit der man 1943 begann, diente zum Teil nur der Aufstellung von Polizeiregimentern, die man aber nicht etwa gegen die Sowjetunion, sondern an der Westfront einsetzte, und die Ukrainer in diesen Einheiten sahen keinen Grund, weshalb sie gegen den Westen kämpfen sollten.

Für die Ukrainer war der Traum von einem vereinigten, unabhängigen ukrainischen Staat ja nicht unbedingt an das Schicksal des Deutschen Reiches gebunden, das sich gegenüber solchen Plänen eher abweisend verhielt. Einige Ukrainer kalkulierten eine Niederlage Deutschlands aufgrund der falschen Politik gegenüber den Ukrainern und anderen "Ostvölkern" sogar ein. Im Falle einer Niederlage der Achsenmächte wollten sie den Kampf fortsetzen, möglicherweise an der Seite der westlichen Demokratien. Ihr Einsatz im Kampf gegen den Westen widersprach also allen Absichten dieser Ukrainer. Im Süden Frankreichs kam es deshalb sogar zu Meutereien in der dort stationierten ukrainischen Einheit.

Weitab von der Front, in Deutschland, begann man gleichzeitig mit der Ausbildung von Galiziern, die man zu einer Freiwilligen-Division zusammenstellen wollte. Die Ukrainer, die man zu diesem Zweck zusammenzog, sollten auf den Namen ihres eigenen Volkes verzichten, sich nicht Ukrainer nennen, sondern Galizier — was lediglich eine regionale Herkunftsbestimmung ist und gleichfalls das äußerste Desinteresse der Deutschen an den politischen Zielen der Ukrainer verriet.

Zwar wurden die Russen, an der Spitze der Sowjetgeneral Wlassow, der in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten war und sich dort anbot, den Deutschen im Kampf gegen Moskau zu helfen, kaum besser behandelt. Aber die deutsche Seite unterstützte lieber dessen Plan, eine "russische Befreiungsarmee" zu gründen. Das politische Ziel dieser russischen Armee an der Seite der Deutschen war zwar gleichfalls der Sturz der Sowjetherrschaft. Aber nach Wlassows Plänen sollte die Sowjetunion als territoriale Einheit weiter existieren, unter Einschluß jener Völker, die sich nichts anderes ersehnten als Unabhängigkeit vom Kreml. Der Unabhängigkeitskampf der Ukrainer wurde nicht in die Überlegungen einbezogen, die man jetzt in Berlin anstellte.

Schon der Beschluß, sich zunächst nur auf sogenannte Gali-

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zier, also West-Ukrainer, zu stützen, verriet, daß Deutschland das ukrainische Volk nicht als Einheit betrachtete. Die West-Galizier wurden vorgezogen, wohl auch, weil viele ukrainische Offiziere aus Galizien ihre Ausbildung noch zur Zeit der k.u.k. Herrschaft an der theresianischen Militärakademie erhalten hatten, also daran gewöhnt waren, auf deutsche Befehle zu hören. Dabei übersah man völlig den Umstand, daß es sich bei diesen Offizieren, die man schließlich unter deutschem Kommando an die Spitze dieser "Ersten Galizischen Division" stellte, um schon recht betagte Herren handelte. Offiziere hingegen, die in der polnischen oder sogar in der sowjetischen Armee gedient hatten und möglicherweise viel motivierter für den Kampf gegen den Kommunismus waren, wurden allenfalls als Unterführer verwendet.

Die Befehlssprache in dieser "Ersten Galizischen Division" war deutsch; die Kommandos wurden auf "galizisch" gegeben. Sogar in der "geheimen Kommandosache" vom 30. Juli 1943, mit der die Aufstellung dieser Einheit angeordnet wurde, kam das Wort "ukrainisch" nicht vor. Der Eid wurde auf Adolf Hitler abgelegt, darin war vom "Kampf gegen den Bolschewismus", aber nicht von einer freien Ukraine die Rede. Schlimmer noch : die "Freiwilligen-Division GALIZIEN" wurde der SS unterstellt : "Uniform ist die der Waffen-SS". Weil man die "Galizier" nicht als Germanen ansah, sollten sie zwar die Uniform der Waffen-SS und SS-Rangabzeichen am Kragenspiegel, aber dort keine SS-Runen tragen.

Doch die schwerste Tragödie stand diesen Ukrainern, die sich plötzlich unter dem Kommando Heinrich Himmlers wiederfanden, noch bevor. Noch ehe die Ausbildung abgeschlossen war, wurde diese Division in den Kampf geworfen — viel zu spät, aber für diese Einheit viel zu früh. Im Februar 1944 ging die erste galizische Division fast spurlos in der erbitterten Kesselschlacht von Brody unter. Von eingesetzten 11 000 Mann kamen 7000 nie wieder. Die meisten fielen, andere gerieten in sowjetische Kriegsgefangenschaft und wurden als "Kollaborateure" erschossen. Einige wurden von der sowjetischen Front überrollt und schlossen sich hinter der Linie der dort im Untergrund operierenden ukrainischen Partisanen-Armee an — auf verlorenem Posten. Einige hielten bis lange nach Kriegsende durch.

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Wer davonkam, wurde in deutsche Heeres- und andere Waffen-SS-Verbände eingegliedert, so daß es erneut keine ukrainische Einheit gab. Insgesamt waren zu dieser Zeit etwa 250 000 Ukrainer in deutschen Diensten, aber es hätten Millionen sein können, wenn man die ukrainischen "Ostarbeiter", die im Reich für den Sieg arbeiten mußten, und die Millionen ukrainischen Kriegsgefangenen in deutschen Lagern einbezogen hätte. Als man nach der Katastrophe von Brody damit begann, die "Erste Galizische" wieder aufzubauen, gehörten ihr schließlich nur 22 000 Mann an. Aus diesem Grund griff man auf das Ersatzregiment der alten "Galizischen", das in der Etappe geblieben war, auf Reste der inzwischen aufgelösten "galizischen" Polizeiregimenter und andere Ukrainer zurück. Hierbei handelte es sich um ukrainische Flüchtlinge, die sich vor dem sowjetischen Vormarsch in den Westen gerettet hatten. Immerhin hatte diese neue Zusammenstellung eine andere Qualität : Aus der zunächst rein galizischen Einheit wurde allmählich eine ukrainische Einheit, zu der jetzt auch Ukrainer aus dem Osten ihrer Heimat Zugang hatten.

Doch die deutsche Politik gegenüber den Ukrainern blieb inkonsequent. Junge Ukrainer, die sich freiwillig meldeten, wurden Flakhelfer in ganz anderen Einheiten, wehrerfahrene Kriegsgefangene, die sich gleichfalls freiwillig meldeten, wurden zum Teil russischen Freiwilligenverbänden angeschlossen oder völlig zurückgewiesen, "Ostarbeiter" im Reich hatten dort ihre Aufgabe zu erfüllen. Dies hat dazu geführt, daß die Ukrainer, verglichen mit anderen "Ostvölkern", keine besonders große Rolle als Verbündete der Deutschen spielten. Die Kroaten beispielsweise, die im 2. Weltkrieg immerhin ihren eigenen Staat haben durften, gerieten bei Kriegsende mit zwei kompletten Armeen in Gefangenschaft, und einige baltische und asiatische Völker aus der Sowjetunion waren, gemessen an der Bevölkerungszahl ihrer Nationen, in bewaffneten Einheiten an der Seite der Deutschen weitaus stärker vertreten als die Ukrainer.

Der nicht mehr ausschließlich "galizische" Charakter der wichtigsten militärischen Einheit der Ukrainer an der Seite der deutschen Wehrmacht kam nach der Niederlage von Brody zum Ausdruck, indem man es der Truppe jetzt erlaubte, die ukrainische blau-gelbe Fahne zu tragen. Der Eid durfte jetzt

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wieder auf die Ukraine abgelegt werden, und die Deutschen sahen plötzlich weg, wenn die Soldaten in ihrem Ausbildungslager wenigstens die Blumenbeete in der Form eines Dreizacks anlegten : dies war das Symbol für eine freie, wiedervereinigte Ukraine, das bisher verboten war — und offiziell weiter verboten blieb.

Schließlich verlor die Einheit sogar ihren "Galizischen" Namen, freilich in Zusammenhang mit einer allgemeinen Verwaltungsreform in der ganzen Waffen-SS. Ab Frühjahr 1944 wurden die Einheiten der Waffen-SS durchnummeriert, so daß aus der "Ersten Galizischen Division" nun die Regimenter 29 bis 31 wurden. Erst jetzt wurde auch das "Ukrainische Nationalkomitee" aufgewertet. An seiner Spitze stand jetzt General Pawlo Schandruk, ein bei vielen Ukrainern legendärer Mann.

General Schandruk

Schandruk hatte seine militärische Karriere bereits als Offizier in der russischen Armee des Zaren begonnen und nahm Anfang der zwanziger Jahre in der kurzlebigen ukrainischen Armee den Rang eines Generals ein. Nach dem Ende des gegen die Bolschewiken geführten Bürgerkrieges, der für die Ukrainer in erster Linie ein nationaler Befreiungskampf war, gehörte er als Offizier der polnischen Armee an.

Schandruk hatte sich von Anfang an für eine "Ukrainische Nationalarmee" als unabhängige Verbündete der deutschen Wehrmacht eingesetzt. Ukrainer, die von den Deutschen gefangengenommen worden waren oder die ihren Hilfsdienst in russischen Einheiten leisteten, sollten nach seinen Plänen zu rein ukrainischen Truppen zusammengefaßt werden und unter dem Zeichen des ukrainischen Dreizacks gegen Moskau zu Felde ziehen. Er hatte enorme Schwierigkeiten, nicht nur mit den Deutschen, sondern auch mit eigenen Landleuten, die von der Zusammenarbeit mit den Deutschen längst frustriert waren. Erst im November 1944 wurde die 14. Waffen-Grenadier-

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Division, die aus der alten "Ersten Galizischen Division" hervorgegangen war, General Schandruk unterstellt.

Im Januar 1945 wurde die Division aus der Slowakei, wo sie im Kampf gegen einen von Moskau inspirierten Partisanenaufstand eingesetzt war, in die Steiermark verlegt. Die Ukrainer marschierten über den Wiener Wald und Graz bis nach Marburg, Celje und Ljubljana, der heutigen slowenischen Hauptstadt in Jugoslawien. Dort wurden sie gegen Titos Partisanen eingesetzt, die die Vorhut der Dritten Ukrainischen Front der Sowjetarmee waren. Möglicherweise war es die Absicht der deutschen Heeresführung, die Ukrainer gerade hier einzusetzen, weil auf der anderen Seite der Front gleichfalls Ukrainer standen, freilich unter sowjetischem Befehl. Doch die damit verbundene Hoffnung, möglichst viele Ukrainer würden aus den Reihen der Sowjetarmee desertieren und sich den Kämpfern General Schandruks anschließen, konnte sich aus zwei Gründen nicht mehr erfüllen. Denn erstens stand die Niederlage Schandruks an der Seite der Deutschen längst fest. Kein Sowjetsoldat wäre in dieser Schlußphase des Krieges noch bereit gewesen, sich den Verlierern anzuschließen. Zweitens war der Krieg schon zu Ende, ehe es zwischen den Ukrainern auf beiden Seiten zu Feindberührungen kommen konnte.

Schandruk versuchte in dieser Endphase des Zweiten Weltkrieges alles, um möglichst viele Ukrainer unter seinem Kommando zu vereinigen. Er war jetzt Chef der Armee, so daß die 14. Waffen-Grenadier-Division nur ein Teil der Truppen war, die seinem Kommando unterstanden. Zu den Ukrainern, die sich in der Endphase des Zweiten Weltkrieges unter dem Kommando General Schandruks in der Steiermark sammelten, gehörten solche, die zuvor in ganz anderen Einheiten gedient hatten, auch Ukrainer aus Wolhynien, also der Umgebung von Schitomir im Nordwesten der Ukraine, die dann zu den Sowjets desertierten und bei den Deutschen den Eindruck verstärkten, die Ukrainer seien insgesamt unzuverlässig. Unter Schandruks Kommando standen aber auch ehemalige Partisanen aus den Reihen der "Ukrainischen Partisanen-Armee", die zeitweilig auch gegen die Deutschen Widerstand geleistet hatten, nun aber keinen anderen Ausweg mehr sahen. Schandruk führte endlich auch ganz offiziell den Dreizack als ukrainisches Nationalsymbol seiner vereinten Streitkräfte ein

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und erregte durch seine Politik noch kurz vor Kriegsende das alte Mißtrauen der deutschen Führung, vielleicht nicht mehr ganz ohne Grund. Denn sein Plan war es, möglichst viele Ukrainer, die von den Sowjets überrollt werden könnten, in der Steiermark zu vereinigen, um mit ihnen notfalls nach Norditalien zu marschieren, wo man sich den Briten ergeben könnte : Schandruk wollte, wie es ein Deutscher damals notierte, ukrainische "Substanz retten".

Das deutsche Mißtrauen gegenüber der ukrainischen Streitmacht Schandruks explodierte im März 1945, als Himmler völlig überraschend anordnete, alle Einheiten unter dem Befehl Schandruks hätten sämtliche Waffen abzugeben. Für die Ukrainer hätte dies völlige Wehrlosigkeit gegenüber den vorwärtsdringenden sowjetischen Streitkräften bedeutet. Die sowjetischen Truppen standen bereits vierzig Kilometer vor der österreichischen Grenze, so daß Schandruk verzweifelt anbot, seine Einheit der 2. Deutschen Panzerarmee zu unterstellen, um wenigstens die Waffen behalten zu können.

Damals kam es auch zu geheimen Kontakten mit den gleichfalls voranmarschierenden Briten. Und überraschend waren die Briten sogar zu einem Abkommen mit Schandruks Streitmacht bereit. Der britische Vorschlag war : Schandruk sollte mit seinen Truppen die Stadt Völkermarkt an der österreichisch-jugoslawischen Grenze solange gegen Titos vorrückende Partisanen halten, bis britische Truppen diesen strategisch wichtigen Punkt eingenommen hätten. Möglicherweise hat dieses Übereinkommen zwischen den Ukrainern und Briten vielen Männern Schandruks das Leben gerettet. Denn Schandruks ukrainische Truppen wurden zwar bis zum 10. Mai, also noch Tage nach dem Waffenstillstand, von sowjetischen Bombern und Tieffliegern verfolgt, aber sie wurden niemals, wie beispielsweise die Kosaken, an die Sowjets ausgeliefert.

Große Teile der Ukrainer unter dem Kommando General Schandruks wurden stattdessen nach Oberitalien oder in die Tauern evakuiert und so vor dem Zugriff der Sowjets gerettet, jedenfalls zunächst. Wenn es heute blühende ukrainische Einwandererkolonien in den Vereinigten Staaten und vor allem in Kanada gibt, ist dies auch General Schandruk zu verdanken, wenngleich bis Ende des Krieges nur eine Minderheit aller Ukrainer auf deutscher Seite unter seinem Kommando stand.

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Als Demjanjuk Anfang der achtziger Jahre danach befragt wurde, wo er während des Krieges gewesen sei, erinnerte er sich an seine Kriegsgefangenschaft und an Außenarbeiten und daran, daß er 1944 nach Graz gekommen sei, wo er, ohne zunächst auch nur ein Gewehr zu erhalten, einer "Ukrainischen Nationalgarde" unter dem Befehl des ukrainischen Generals Schandruk zugeteilt worden war, um später gegen die vorrückenden Sowjets zu kämpfen. Die Verfolger Demjanjuks hielten dem schon in den Vereinigten Staaten entgegen, Schandruk sei "als General der ukrainischen Nationalarmee erst im März 1945 eingesetzt worden." Tatsächlich erfolgte diese letzte Anerkennung von Seiten der Deutschen erst am 12. März 1945, aber faktisch war er schon seit 1944 Oberbefehlshaber und Kommandant der 14. Division, und es wäre sicher zu viel verlangt, von einem einfachen Ukrainer Kenntnisse über Vorgänge zu besitzen, die selbst von Fachkennern schwer nachvollzogen werden können. Für die Ukrainer war Schandruk schon immer General, und für die 14. Division war es ihr Kommandant schon, als die Einheit aus der Slowakei nach Osterreich verlegt wurde.

Möglicherweise hat sich Demjanjuk um einen Monat geirrt, denn diese Truppenverlegung erfolgte im Januar 1945, während Demjanjuk davon spricht, er sei schon 1944 nach Graz und dort zu einer "Ukrainischen Nationalgarde" unter dem Kommando von Schandruk gekommen. Aber Schandruk, der sich erst in den letzten Kriegstagen ständig bei seiner Truppe aufhielt, kann durchaus auch schon Ende 1944 in der Steiermark gewesen sein oder dort Einheiten gehabt haben. Daß Demjanjuk dorthin transportiert wurde, paßt ebenso ins allgemeine Bild wie seine Behauptung, er habe dort zunächst keine eigene Waffe erhalten — wie geschildert ! Schandruk war darum bemüht, möglichst viele Ukrainer vor dem sowjetischen Zugriff zu retten, und an Waffen fehlte es bereits, ehe von Himmler der Befehl ausging, die Ukrainer völlig zu entwaffnen; daher spielte die Erbeutung von Feindwaffen bei allen militärischen Operationen der Ukrainer eine große Rolle.

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Demjanjuks Blutgruppenzeichen

Demjanjuk trug den Beweis dafür, daß er einer kämpfenden Einheit angehört haben muß, sogar am eigenen Leibe : denn Demjanjuk war am linken Oberarm mit dem Blutgruppenzeichen der SS tätowiert worden. Als Demjanjuk Anfang der fünfziger Jahre in die Vereinigten Staaten auswandern wollte, hatte er dies natürlich verschwiegen; denn als ehemaliger Angehöriger einer Einheit der Waffen-SS hätte er nicht die geringste Chance gehabt, in die USA auszuwandern. Das Blutgruppenzeichen spielte für Demjanjuk erst wieder eine Rolle, als es darum ging, ihn an Israel auszuliefern. Denn die amerikanische Regierungsbehörde, die sich von Anfang an für die Auslieferung Demjanjuks stark machte, erklärte, "daß eine solche Tätowierung zusätzlich dafür spricht, daß er bei der deutschen SS in Trawniki und in Treblinka" war, also im Vernichtungslager "Dienst tat". Das Gericht in Cleveland/Ohio, das die Auslieferung Demjanjuks an Israel vorprüfte, war zwar "nicht in der Lage, dieses Argument der Regierung mit Gewißheit auf seine Richtigkeit hin" zu bewerten, aber letztlich beseitige dieses Blutgruppenzeichen "letzte Zweifel" daran, daß Demjanjuk Wachmann in einem deutschen Konzentrationslager gewesen sei und daß er die Unwahrheit sagte, als er behauptete, nach seiner Kriegsgefangenschaft Militärdienste in einer Einheit auf Seiten der Deutschen geleistet zu haben (056).

In den USA, wo Deutsche gerne als Nazis bezeichnet werden und die deutsche Wehrmacht die "Nazi-Wehrmacht" ist, wo man zwischen der SS und der Waffen-SS keine Unterschiede macht, so daß es zu Affären wie um Bitburg kommen kann, ist ein Blutgruppenzeichen an der Innenseite des linken Oberarms ein besonders starker Beweis dafür, daß der Träger in einem Konzentrationslager Dienst getan hat. Dem steht freilich die Auskunft des Bundesverbandes der Soldaten der ehemaligen Waffen-SS gegenüber, derzufolge es "Zweck der Tätowierung der Blutgruppe war, daß bei einem Verwundeten, falls eine Blutübertragung notwendig und das Soldbuch nicht mehr zu finden war, sofort ohne Blutgruppenbestimmung Bluttransfusionen vorgenommen werden konnten. Daher erhielten die Blutgruppe nur Soldaten, die einer Frontdivision angehörten. Man kann

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davon ausgehen, daß Hilfswillige die Blutgruppe nicht erhielten. Wenn nun Herr Demjanjuk 1944 zu einer russischen Waffengrenadierdivision der SS kann, so wird er von diesem Zeitpunkt ab die Blutgruppe erhalten haben." Diese sachliche Auskunft stimmt völlig mit der Angabe Demjanjuks überein, er habe die Blutgruppentätowierung erhalten, als er einer Einheit unter General Schandruk zugestellt wurde, die bis zuletzt eine Waffen-SS-Einheit war.

Dies wird auch durch den ehemaligen SS- und Polizeiführer im Distrikt Warschau bestätigt (siehe Dokument 2) : Seine eidesstattliche Erklärung, in der bestätigt wird, daß sogenannte "Hiwis", die nicht der Waffen-SS angehörtem, keine Tätowierung erhielten, bezieht sich zunächst nur auf das sogenannte Arbeitslager in Treblinka (Treblinka I). Das sogenannte Vernichtungslager (Treblinka II) lag einige Kilometer entfernt von diesem Arbeitslager. Aber für Treblinka II galt genau dasselbe, zumal die fremdländischen Hiwis, die hier als Wachmänner Dienst taten, aus ein und demselben Ausbildungslager kamen, eben aus Trawniki (057). In Trawniki aber wurde kein einziger fremdländischer Wachmann Angehöriger der Waffen-SS. Nicht einmal alle Deutschen in diesem Lager trugen die SS-Tätowierung. Diese fand man bei den deutschen Waffen-SS-Soldaten, die ihren Einsatz an der Front bereits hinter sich hatten und nun in der Etappe als Verwaltungspersonal in Trawniki eingesetzt wurden, hingegen nicht bei den fremdländischen Wachmännern, die hier auch für keinen Frontdienst ausgebildet wurden, und noch nicht einmal bei jenem Teil der deutschen Stammbesetzung des Lagers, der aus den Reihen der deutschen Polizei kam (058).

Im Konzentrationslager Treblinka gab es gleichfalls mehrere unterschiedliche Personenkategorien : Das SS-Stammpersonal, deutsche Staatsbürger, die zunächst als "Krankenpfleger" im Euthanasieprogramm mitgewirkt hatten und hierher versetzt wurden, indem man sie in die SS eingliederte, und fremdländische Wachmänner, deren Aufgabe es hauptsächlich war, das Lager von außen zu bewachen. Auch in Treblinka trug nur das SS-Stammpersonal die Tätowierung, während selbst jene Deutschen, die der SS angegliedert wurden, kein Blutgruppenzeichen trugen (059).

Dem amerikanischen Gericht in Cleveland hätte diese Fest-

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Dok. 2 : "Ukrainische Wachleute hatten keine Blutgruppentätowierung"

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stellung eigentlich sehr leicht fallen müssen; denn als Zeuge trat dort ein früherer deutscher Waffen-SS-Mann aus dem Ausbildungslager Trawniki auf, der dies bezeugen konnte — wenn man ihn überhaupt danach gefragt hätte. Und selbst der Ankläger von Jerusalem stützt sich auf einen deutschen Zeugen, der zum Personal in Treblinka gehörte, aber selbst kein Blutgruppenzeichen trägt (060).

Die Blutgruppen-Tätowierung erweist, daß Demjanjuk einem SS-Freiwilligen-Regiment oder einem SS-Feldersatz-Bataillon oder den Nachschubtruppen einer SS-Einheit angehörte — aber gerade dies bestreitet die Anklage : Indem man sich, kurioserweise, gerade auf sein Blutgruppenzeichen beruft, das an seiner angeblichen Unglaubwürdigkeit "die letzten Zweifel beseitigt." (061)

Das amerikanische Gericht, das die Vorentscheidung über die Auslieferung Demjanjuks an Israel fällte, legte dem Verfolgten stattdessen zur Last, daß er sich nach 1945 das Blutgruppenzeichen vom Arm entfernen ließ. Die Beweiskette schien geschlossen : daß Demjanjuk deutscher KZ-Wächter war, ergab sich für das Gericht unter anderem aus der Tätowierung, und daß er ein schlechtes Gewissen hatte, weil er als "Iwan der Schreckliche" von Treblinka rund eine Million Menschen eigenhändig umgebracht hatte, ergab sich für das Gericht in Cleveland aus der Entfernung des Blutgruppenzeichens. Somit wurde Demjanjuks Glaubwürdigkeit mit Hilfe dieser Tätowierung gleich doppelt erschüttert — obgleich das Blutgruppenzeichen die beste Verteidigungswaffe war, über die Demjanjuk verfügte. Denn diese Tätowierung beweist eines unwiderlegbar : daß Demjanjuk nach seiner Entlassung aus dem Kriegsgefangenenlager in einer bewaffneten Einheit war, die an der Front eingesetzt wurde oder werden sollte. Offen bleibt allerdings, ob er zwischen seiner Entlassung und seiner Aufnahme in eine bewaffnete Einheit noch anderweitig eingesetzt wurde.

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Zwangsweise Repatriierung

Das ukrainische Volk hatte während des Zweiten Weltkrieges eine furchtbare neue Tragödie erlebt. Möglicherweise waren die Ukrainer sogar die Hauptopfer des Krieges. Zweimal rollte die Feuerwalze des Krieges über die Ukraine hinweg. Dabei wurden fast alle Ukrainer — man schätzt ihre Zahl auf 40 Millionen — aus ihren Dörfern vertrieben und zwangsweise zu Flüchtlingen. Rund elf Millionen Ukrainer wurden getötet, während weitere Millionen aus der Ostukraine ins Deutsche Reich deportiert wurden, wo sie Zwangsarbeit als "Ostarbeiter" zu verrichten hatten. Ukrainische Schätzungen gehen von 2 bis 3 Millionen oder sogar 4,5 Millionen ukrainischer "Ostarbeiter" aus. Eine genaue Zahl ist kaum zu ermitteln, da weder die Deutschen noch später die Alliierten genaue Unterschiede zwischen Ukrainern, Weißrussen, Russen und anderen "Ostvölkern" machten. Für die westlichen Alliierten handelte es sich bei den Ukrainern, die man in den westlichen Besatzungszonen Österreichs und Deutschlands nach Kriegsende vorfand, um "sowjetische, polnische, tschechoslowakische Bürger oder um Bürger anderer Staaten, deren Staatsangehörigkeit sie besaßen, oder um staatenlose Personen."

Wie mit Ukrainern zu verfahren sei, die ursprünglich sowjetische Staatsbürger waren, wurde schon vor Kriegsende bestimmt. Gegen einige Bedenken Churchills hatte das britische Kabinett schon 1944 sowjetischem Drängen nachgegeben, demzufolge alle im Westen "befreiten" sowjetischen Bürger "unabhängig von ihrem Willen" zu "repatriieren", also in die Sowjetunion zurückzuschicken seien. Am 16. Oktober 1944 erklärte Eden bei einer Konferenz in Moskau den Sowjets diesen britischen Kabinettsbeschluß. Molotow auf der anderen Seite traute seinen Ohren nicht : die Briten boten den Sowjets alle Gegner des Sowjetsystems an, derer sie im Westen habhaft werden würden. Am 10. Februar wurde auf der Konferenz von Jalta dieser Beschluß der britischen Regierung zu einem trilateralen Abkommen, an dem jetzt auch die Amerikaner beteiligt waren.

Wie eilig es vor allem die Briten hatten, diesen Beschluß zu verwirklichen, erwies sich bei Kriegsende im Mai 1945, als

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man in Italien und Frankreich tausende Sowjetbürger internierte, um sie in die Sowjetunion zu schicken. Viele Opfer begingen sofort Selbstmord, andere wurden schon beim Entladen der Schiffe in Murmansk und Odessa massakriert. Die Amerikaner folgten dem britischen Vorbild nur zögernd, denn man stellte sich natürlich die Frage, ob es mit dem Völkerrecht und der Genfer Konvention vereinbar war, Menschen, die jetzt Kriegsgefangene waren, in ein Land zu repatriieren, wo sie mißhandelt und wahrscheinlich getötet würden. Doch im Dezember 1944 wurde auch Alexander Kirk, der politische Berater der Vereinigten Staaten beim vereinigten Hauptquartier der Alliierten, davon unterrichtet, daß "alle, die sich auf die sowjetische Staatsbürgerschaft berufen, der sowjetischen Regierung übergeben werden, ganz unabhängig davon, ob sie auf diese Weise übergeben werden möchten". Angeblich wußten die Briten längst, was mit jenen Menschen geschah, die man an die Sowjetunion auslieferte, aber London ließ Washington nichts davon wissen.

Alle Commonwealth-Truppen hielten sich an den Beschluß. So findet man im Kriegstagebuch des Hauptquartiers der 3. kanadischen Division vom April 1945 folgende Eintragung : "Personen, die sich selbst als Ukrainer bezeichnen, aber sowjetische Staatsbürger sind und als solche nach dem 11. Februar 1945 von militärischen Kommandos und sowjetischen Vertretern als solche erkannt werden, werden ohne Rücksicht auf ihre persönlichen Wünsche in die Sowjetunion repatriiert."

Wie man leicht feststellen kann, ging dies weit über die amerikanische Formulierung hinaus, derzufolge nur jene, "die sich auf die sowjetische Staatsbürgerschaft berufen", an die Sowjetunion ausgeliefert werden sollten.

Betroffen waren von diesem Beschluß besonders jene Ukrainer, die im Krieg an der Seite der Deutschen gekämpft hatten — wie Iwan Demjanjuk. Ihre zwangsweise Repatriierung bedeutete für sie den sicheren Tod in der Sowjetunion. Über jene, die in der Sowjetunion nicht sofort erschossen wurden, berichtete viel später Alexander Solschenizyn, als er Stalins "Archipel GULAG" beschrieb : "In beiden Jahren 1945 und 1946 verarbeitete der Archipel den großen Strom der echten Gegner der Macht (der Wlassow-Leute und Krasnow-Kosaken, der Mohammedaner aus den von Hitler aufgestellten Nationalverbän-

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den). Sie hatten gekämpft, manchmal aus Überzeugung, manchmal unter Zwang. Zugleich wurde mindestens eine Million Sowjetflüchtlinge ergriffen; Zivilpersonen aller Altersstufen und beiderlei Geschlechts, die sich glücklich aufs Territorium der Alliierten zu retten vermochten, von diesen jedoch 1946/47 auf heimtückische Weise an die sowjetischen Behörden ausgeliefert wurden. Seit Kriegsende floß unermüdlich und über viele Jahre der üppige Strom der ukrainischen Nationalisten."

Solschenizyn drückte in seinem Buch seine Verwunderung darüber aus, daß die gnadenlose Auslieferung aller Sowjetbürger an Stalin durch die westlichen Alliierten solange ein streng gehütetes Geheimnis des "demokratischen Westens" geblieben war :

"Unmöglich scheint es, im Westen ein politisches Geheimnis lange zu verbergen, unweigerlich dringt etwas in die Presse, an die Öffentlichkeit; um so erstaunlicher also, daß gerade das Geheimnis dieses Verrats von der britischen und amerikanischen Regierung so sorgfältig bewahrt werden konnte, fürwahr das letzte Geheimnis des Zweiten Weltkriegs oder doch von den letzten eines. Ich konnte, der ich vielen dieser Leute in den Lagern und Gefängnissen begegnete, ein Vierteljahrhundert lang nicht recht glauben, daß die westliche Öffentlichkeit über diese in ihren Maßstäben grandiose Auslieferung von einfachen russischen Menschen nichts wisse, von ihrer Übergabe an die Willkür, ihrer Freifahrt in den Untergang. Erst 1973 ("Sunday Oklahoma", 21.1.) tauchte eine Publikation von Julius Epstein auf, dem ich hiermit die Dankbarkeit der zugrundegegangenen Tausenden und der wenigen Überlebenden zu übermitteln mir die Freiheit nehme. Ein kleines bruchstückhaftes Dokument fand ich da abgedruckt — aus dem bis heute geheimgehaltenen vielbändigen Material über die Zwangsrepatriierung in die Sowjetunion. Nachdem sie zwei Jahre unter britischer Hoheit verlebt hatten und sich in Sicherheit wähnten, waren die Russen völlig überrumpelt und hatten nicht mal Zeit zu begreifen, daß sie repatriiert würden . . . Es waren überwiegend einfache Bauern mit einem persönlichen bitteren Groll gegen die Bolschewiki im Herzen. Die britischen Behörden aber verfuhren mit ihnen "wie mit Kriegsverbrechern, lieferten sie gegen ihren Willen an jene aus, von denen ein gerechtes Urteil nicht zu erwarten war". Sie wurden dann allesamt auf den Archipel expediert, auf daß sie dort verkämen. (Anmerkung von 1973.)"

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Solschenizyn spricht von "einfachen russischen Menschen", aber unter ihnen waren besonders viele Ukrainer und sogar Angehörige von Völkern, die vom Abkommen von Jalta überhaupt nicht betroffen sein sollten, weil sie niemals Sowjetbürger gewesen waren.

Erst heute, über 40 Jahre nach Kriegsende, gibt es Bemühungen, dieses Kriegsverbrechen, das besonders schwer wiegt, weil es nicht nur gegen die Genfer Konvention verstieß, sondern nach Kriegsende geschah, völlig aufzuklären. Möglicherweise wird es sogar zu einem ersten "Kriegsverbrecherprozeß in England" kommen — wenngleich zunächst einmal nur einer auf der Anklagebank sitzt, der versucht, über den Holocaust zu reden, der damals, unmittelbar nach dem Waffenstillstand, von den westlichen Alliierten in Zusammenarbeit mit der Sowjetunion begangen wurde.

Erster Kriegsverbrecherprozeß in England ?

Einst vernahm Gerald Draper als Assistent des Anklägers den Stellvertreter des Führers Rudolf Heß und andere deutsche "Hauptkriegsverbrecher" in Nürnberg und im Hamburger Curio-Haus. Draper, später Professor für internationales Recht an der englischen Universität Sussex, erinnert sich noch lebhaft an die schneidige Antwort deutscher Militärs auf die Frage, ob sie von ihrer Führung jemals über die Regeln der Genfer Konvention unterrichtet worden wären : "Niemals !" Gerald Draper : "Sie hatten also Krieg geführt, ohne die elementaren Grundregeln der Kriegsführung zu kennen." Jetzt klagte Prof. G. I. A. Draper vor Teilnehmern eines historischen Symposiums in der Universitätsstadt Oxford eigene britische Offiziere an : "Auch sie haben sich um die Regeln des Völkerrechtes nicht gekümmert." Er will sich nun, über vierzig Jahre nach Ende des Krieges, an die Spitze eines Tribunals stellen, dessen Absicht es ist, letzte Klarheit in ein Kriegsverbrechen zu bringen, das in seinen Augen ebenso schwer wiegt wie die Verbrechen, die man deutschen Generalen zum Vorwurf gemacht hat. Draper : "Und sie wissen,

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was wir damals mit solchen deutschen Soldaten gemacht haben." Im Mai 1945 setzte sich eine Menschenlawine auf das britisch besetzte Kärnten in Bewegung, losgetreten von den siegreichen sowjetischen Truppen und ihren balkanischen Verbündeten : bulgarischen Einheiten und Titos Partisanen. In einem Bericht aus jenen Tagen war von etwa 300 000 Flüchtlingen die Rede, die sich den englischen Truppen bereits ergeben hatten, sowie von weiteren rund 600 000 Menschen, "die von Jugoslawien in Richtung Norden gen Österreich ziehen."

Ein Unterhändler der fliehenden Armee des bereits untergegangenen unabhängigen Staates Kroatien, der Jude Deutsch-Maceljski, bot den Briten die Kapitulation von zwei kompletten Armeen an, jede rund 100 000 Mann stark, begleitet von etwa 2000 Kraftfahrzeugen, 30 000 Pferden und einer halben Million Zivilisten, darunter viele Frauen und Kinder.

Neben zehntausenden Slowenen gehörten auch serbische und montenegrinische Tschetniks zum großen Treck. Sie hatten besonderen Grund, sich durch Flucht in Richtung Kärnten Rettung vor der Rache der Kommunisten auszurechnen. Denn die serbischen Nationalisten hatten nicht nur Titos Partisanen, sondern auch den mit Deutschland verbündeten unabhängigen Staat Kroatien bekämpft. Waffen und Geld hatten sie von den Briten erhalten, denn sie unterstanden dem Oberbefehl des jugoslawischen Königs im Exil, Peter II., der ein Verbündeter der Alliierten war. Viele trugen, als sie sich im Mai 1945 den Briten ergaben, noch seine Uniform.

Neben geschätzten rund 400 000 Deutschen, die zum Teil schon in britischer Kriegsgefangenschaft oder noch auf der Flucht waren, setzten von deutschen Offizieren kommandierte Kosaken-Einheiten mitsamt Familienangehörigen zum rettenden Sturm auf Kärnten an. Während des Krieges hatten sie aus Haß gegen den Bolschewismus an der Seite Deutschlands gekämpft. Für sie war der Feldzug Hitlers gegen Stalin nur die Fortsetzung jenes Bürgerkrieges, den sie Anfang der zwanziger Jahre verloren hatten.

Auch sie konnten damit rechnen, von den Briten in Schutz genommen zu werden. Denn nach dem russischen Bürgerkrieg hatten viele von ihnen als Emigranten zunächst in Jugoslawien, Deutschland oder in Westeuropa, viele von ihnen sogar in England gelebt, wo sie zunächst Dienst in britischen Kolonial-

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oder Polizei-Einheiten verrichtet hatten und dafür hoch ausgezeichnet worden waren.

Das bereits in Jalta unterzeichnete Abkommen über die "Repatriierung" von Sowjetbürgern nach Kriegsende konnte auf sie schon deshalb nicht angewendet werden, weil sie niemals sowjetische Staatsbürger gewesen waren. Die meisten von ihnen waren staatenlos und unterstanden somit dem Schutz des Völkerbundes.

Gerieten sie in die Hände der Kommunisten, gab es keinen Zweifel an ihrem Schicksal. Schon Ende April hatte Churchill deshalb auch angeordnet, alle Flüchtlinge, die, aus Jugoslawien kommend, Schutz bei den Briten in Kärnten suchten, "zu entwaffnen und in Flüchtlingslager einzuweisen, denn dies ist die einzige Lösung."

Noch vor Kriegsende verständigten sich die Regierungen Großbritanniens und der USA in dieser Frage, und unmittelbar nach dem Waffenstillstand gab Feldmarschall Alexander, Oberster Alliierter Befehlshaber im gesamten Mittelmeerraum, den Befehl heraus, die aus Jugoslawien kommenden Flüchtlinge nach Italien oder Deutschland zu evakuieren. Doch noch am selben Tag, am 14. Mai 1945, begann das in Kärnten stationierte 5. britische Armeekorps ganz heimlich mit der Auslieferung der ersten Flüchtlinge an Titos Partisanen.

Einen Tag später wurde darüber sogar ein Abkommen geschlossen. Titos Partisanen verpflichteten sich, ihre nach Kärnten vorgedrungenen Einheiten wieder auf jugoslawisches Territorium zurückzunehmen, und erhielten von den Briten die Zusage, man werde alle jugoslawischen Staatsbürger, die "in Uniform mit den Deutschen gekämpft hatten", an sie ausliefern.

Diese Formulierung ging weit über die Ankündigung hinaus, man werde nur jene Jugoslawen zwangsrepatriieren, die "in deutschen Truppen gedient hatten." Selbst Titos Partisanen waren überrascht, daß man an sie alle Kriegsgegner ausliefern wollte. Milovan Djilas, zeitweise Titos Stellvertreter, erklärte dazu später : "Offen gesagt, wir verstanden gar nicht, weshalb die Briten darauf bestanden, uns auch diese Leute zu übergeben."

Hauptbetroffen waren die Kroaten, denn für sie begann am 15. Mai 1945 jene "Tragödie von Bleiburg", die mit der Ermordung einer nie mehr zu ermittelnden Zahl kroatischer Männer

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und Frauen durch Titos Partisanen endete und deren Umfang bis heute Tabu-Thema in Jugoslawien ist.

Möglicherweise handelte der Stab des britischen 5. Korps ganz auf eigene Faust. Denn noch am 17. Mai, als sich auf jugoslawischer Seite längst die Massengräber mit ermordeten Kroaten füllten, ordnete Feldmarschall Alexander an, alle "Jugoslawen, die sich als Feindpersonen ergeben haben," solange festzuhalten, bis die Regierung in London über ihr weiteres Schicksal entschieden hätte.

Alexander verbot alle weiteren Auslieferungen, während Toby Low, Stabsoffizier beim 5. Armeekorps in Kärnten, den geheimen Befehl erließ, alle Jugoslawen so bald wie möglich an Titos Partisanen auszuliefern. Listig schlug er vor, sie nicht sofort zu entwaffnen, um sie in Sicherheit zu wiegen, und ihnen auf keinen Fall zu erzählen, was mit ihnen geplant war. Man sollte die Kroaten nur "an bestimmte Punkte begleiten, wo sie schon von Titos Streitkräften in Empfang genommen würden."

Am 19. Mai, als die Auslieferung der Kroaten bereits abgeschlossen war, erschien beim Hauptquartier des 5. Korps in Klagenfurt der jugoslawische Partisanenoberst Ivanovic, der jetzt auch die zugesagten Serben und Slowenen verlangte, denn für Jugoslawien waren alle, die im Krieg gegen die kommunistischen Partisanen gekämpft hatten, "Quislinge" — und damit zum sicheren Tode verurteilt.

Wieder war es Toby Low, der befahl, alle Wünsche der Partisanen prompt zu erfüllen, unabhängig von der Nationalität, vom Geschlecht und vom Stand, so daß auch alle Zivilisten einbezogen werden konnten, die sich in Begleitung der fliehenden Soldaten befanden.

Zwei Tage später wurde in Verhandlungen mit den Sowjets auf gleiche Weise auch über das Schicksal der Kosaken und ihrer deutschen Offiziere entschieden, wiederum gegen den ausdrücklichen Befehl Feldmarschall Alexanders, der auch ihre Evakuierung angeordnet hatte, um sie dem Zugriff der Sowjets zu entziehen.

Und wieder war es Toby Low, der anordnete, gegen die Kosaken auch "Gewalt anzuwenden, wenn dies absolut notwendig ist." Noch heute gibt es unweit von Lienz einen kleinen Kosakenfriedhof mit den Leichen jener, die bei dieser Aktion von

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britischen Soldaten erschlagen oder mit Bajonetten erstochen worden waren oder die Selbstmord begingen, ehe sie ihren Mördern ausgeliefert werden konnten.

Der Kaplan der Argyll and Sutherland Highlanders erinnert sich noch heute an die herzzerreißenden Szenen unter den Gefangenen und an seine eigenen Soldaten, die erklärten : "Dafür haben wir nicht gekämpft." Der Geistliche : "Viele leiden noch heute unter schlaflosen Nächten." Für ihn ist die zwangsweise Massenrepatriierung der Kosaken ein "unauslöschbarer Schmutzfleck auf der britischen Ehre."

Von geringeren Skrupeln befallen fühlt sich Toby Low, der Hauptakteur bei diesem Verbrechen. Wie viele Kriegsverbrecher wechselte er nach Kriegsende seinen Namen, freilich auf höchst vorteilhafte Weise : er wurde zum Baron geadelt und nennt sich heute Lord Aldington — vermutlich mit Fürsprache des späteren Ministerpräsidenten Harold MacMillan, der 1945 als Minister überraschend in Kärnten auftauchte und von dem offenbar auch alle Anordnungen ausgingen, die Toby Low dann erfüllte.

Toby Low, jetzt Lord Aldington, diente nach dem Kriege der konservativen Partei Englands zeitweise als stellvertretender Vorsitzender und war sehr darum bemüht, nicht über seine Vergangenheit zu sprechen : "Ich habe alles vergessen." Seit 1979 ist Lord Aldington einer der vermögendsten Bürger Englands und Mitglied vieler Aufsichtsräte, Senator des angesehenen Winchester College, einer der ältesten und respektiertesten Schulen Old Englands. 1981 erklärte er, er könne "von dem ganzen Business nichts erinnern."

Solcher Art Vergeßlichkeit versuchte der gleichfalls in England lebende Graf Nikolai Tolstoy abzuhelfen, als er 1984 in einem Vortrag vor den Boys des Winchester College ganz offen über die Rolle des Lord Aldington im Mai 1945 sprach. Eigentümlicherweise fehlten dann aber in der Schulzeitung The Wykehamist, die über diesen Vortrag artig berichtete, alle Hinweise auf den alten Herrn, dir an der Spitze dieser Erziehungsanstalt steht.

Doch die Vergangenheit entläßt den Lord nicht mehr aus ihren Fängen, seitdem der Hauptverdächtige in dieser Affäre, Harold MacMillan, nicht mehr am Leben ist und nicht mehr verantwortlich gemacht werden konnte. Im Februar 1987 verbrei-

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tete der englische Bürger Nigel Watts, der zunächst nur "unsauberen Geschäftspraktiken" des Lord Aldington auf der Spur war, zehntausende Flugblätter, das allen Eltern der Schüler von Winchester zuging. Darin forderte er den ehrenwerten Lord auf, endlich zurückzutreten, weil nur noch dies mit der "nationalen Ehre und dem guten Namen der Schule vereinbar ist." Nigel Watts : "Lord Aldington ist in Büchern und Artikeln, von der Presse und in der Öffentlichkeit schon mehrfach als Hauptkriegsverbrecher bezeichnet worden, dessen Verbrechen es verdienen, mit denen der schlimmsten Nazischlächter und Stalins verglichen zu werden."

Offenbar unter dem Druck des Winchester College, das es nicht länger dulden mochte, seinen Namen mit dem eines Kriegsverbrechers verbinden zu lassen, mußte Lord Aldington jetzt tun, was er bisher immer sorgfältig gemieden hatte : er mußte selbst an die Öffentlichkeit gehen, indem er Klage wegen Verleumdung gegen Nigel Watts einreichte.

Der Verklagte kann sich vor Freude kaum noch fassen : "Das wird zum ersten Kriegsverbrecherprozeß auf englischem Boden."

Prof. G. I. A. Draper stellte sich schon zur Verfügung. Der Völkerrechtler, der nach 1945 deutsche Kriegsverbrecher verfolgte, möchte jetzt Lord Aldington als Verantwortlichen für die Kosaken- und Kroaten-Tragödie von 1945 auf der Anklagebank sehen.

Zu einem Schauprozeß wie gegen Iwan Demjanjuk in Jerusalem dürfte es freilich wohl niemals kommen. So bleiben die Opfer dieses Holocaust für immer ungesühnt. Dazu gehören auch einige wenige, die heute noch "unter uns leben" : beispielsweise "die Russen von Wiesloch".

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