Paul Rassinier

Die Jahrhundert-Provokation


Das Versailler Diktat rief eine unerträgliche Wirtschaftslage in Deutschland hervor.
Die häufig geplünderten Lebensmittelläden stehen unter dem Schutz des Heeres.

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Erster Teil

Der Versailler Vertrag
Hitler-Deutschland
und die allgemeine Abrüstung

»Der Vertrag ist eine der
abscheulichsten Handlungen eines
grausamen Krieges in der
zivilisierten Geschichte.«
John Maynard Keynes

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I. Der Versailler Vertrag und
Hitlers Machtübernahme in Deutschland

1. Die Wahlen vom 14. September 1930

Am 14. September 1930 wurden sich die traditionellen politischen Kreise in Deutschland erstmals der Gefahr bewußt, die die Nationalsozialistische Partei bzw. National-Sozialistische Deutsche Arbeiter-Partei und ihr Führer für die Staatsform darstellten. Bis dahin hatten sie sich eher aus Passivität denn aus Überzeugung zur republikanischen Form der Institutionen von den Bedingungen leiten lassen, unter denen der Erste Weltkrieg [1] für sie zu Ende gegangen war.

An jenem Tag hatten Wahlen stattgefunden, um einen plötzlich aufgetretenen Meinungsstreit zwischen Reichskanzler Brüning (Zentrum) und der Reichstagsmehrheit zu schlichten, also kurze Zeit, nachdem Brüning den Sozialdemokraten Müller am 30.3.1930 abgelöst hatte.

Zur allgemeinen Überraschung, auch Hitlers, erhielt die NSDAP 6407000 Stimmen (18,3% der Wählerschaft) und bildete im neuen Reichstag eine parlamentarische Fraktion mit 107 Abgeordneten. Bei den vorhergehenden Wahlen am 20. Mai 1928 hatte sie lediglich 810000 Stimmen (2,6% der Wählerschaft) und 12 Mandate erhalten: dieser Sprung nach vorn war beeindruckend und konnte die Geister nur in Unruhe versetzen.

Es gab Ende 1930 allerdings auch wenige gute Geister in der Welt — zumindest unter ihren politischen Führern. Dafür hatte sie ganz andere Sorgen.

Ein Jahr zuvor, am 25. Oktober 1929, hatte sich in New York ein Ereignis abgespielt, das durch eine maßlose Entwicklung der Produktionsindustrie Amerikas hervorgerufen

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worden war sowie durch eine wilde Spekulation und eine so gewaltige Kreditinflation, daß der einheimische Verbrauch die Waren nicht mehr aufnehmen konnte: der Börsenkrach an der Wallstreet, der eine seit Jahren latente Wirtschaftskrise von noch nie dagewesenem Ausmaß ans Licht brachte. Das Ausmaß war so groß, daß die Krise sich auf die gesamte Welt, vor allem auf Europa, ausweitete, und bei allen Anstrengungen war es seitdem keinem Staat der Welt gelungen, ihrer Herr zu werden.

Die Krise gehorchte einem einfachen Mechanismus: Arbeitslosigkeit und Absatzflaute hatten den Wallstreet-Krach verursacht, weil die meisten, deren Einnahmen verringert oder gar auf Null gesunken waren, ihre Schulden nicht mehr mit den Mitteln des Kredits und dem Verkauf auf Abzahlung zurückzahlen konnten. In Europa war das ohnehin schon kritische Gleichgewicht zwischen Erzeugungs- und Verbrauchsmöglichkeiten noch empfindlicher erschüttert worden als in den USA. Das durch den Ersten Weltkrieg zerrüttete Europa war zwangsläufig empfindlicher gegenüber der Krise als die Vereinigten Staaten, die der Krieg bereichert hatte und die nicht nur schuldenfrei waren, sondern nahezu überall über bedeutende Kreditreserven verfügten. Die Absatzflaute, die weltweit Arbeitslosigkeit nach sich zog, welche ihrerseits wiederum, wie in einem Teufelskreis, diese Absatzflaute verstärkte, konnte nur noch schrecklichere Folgen haben. Genaue Statistiken darüber liegen nicht vor, aber man sprach von etwa dreißig Millionen Arbeitslosen in der damaligen industrialisierten Welt, und die Marxisten, die im Aufwind waren, verkündeten siegessicher deren baldigen Zusammenbruch in einer allgemeinen Krise des Kapitalismus . . .

In dieser unheilvollen Atmosphäre, die sich gleich einer Kettenreaktion zusehends verschlimmerte, war man einzig darauf bedacht, mit wirtschaftspolitischen Maßnahmen die Staatsform zu retten. Die deutschen Wahlen vom 14. September 1930 wertete die Weltöffentlichkeit, trotz des Blitzaufstiegs des Nationalsozialismus, insofern als nebensächliches

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Ereignis, als sie in dem Augenblick keine Beziehung zwischen ihnen und dem Wallstreet-Krach herstellte, da sie den Wahlausgang für ein ausschließlich politisches, streng lokales und daher leicht einzudämmendes Ereignis hielt. Die Erfahrung gab übrigens Anlaß, es nicht tragisch zu nehmen: am 4. Mai 1924 hatte die NSDAP schon einmal 1918000 Stimmen (6,6% der Wählerschaft) erhalten und 32 Abgeordnete in den Reichstag entsandt, und schon damals hatte es einen schönen Schreck gegeben. Am 7. Dezember desselben Jahres war sie allerdings auf 908000 Stimmen (3% und 14 Sitze) zurückgefallen, am 20. Mai 1928 sogar auf 810000 Stimmen (2,6% und 12 Sitze).

Nur die Deutschen teilten nicht diesen Optimismus: Seit zehn Jahren hatten sie mit den Schwierigkeiten zu kämpfen, die der Versailler Vertrag ihnen bereitet hatte. Sie hatten die Entwicklung genau verfolgen können und wußten, daß die deutschen Verhältnisse in den Jahren 1924 und 1930 miteinander nichts gemein hatten und auch nicht vergleichbar waren. Um ihre Einschätzung der Lage zu verstehen, muß man auf das Jahr 1914 zurückgehen.

Im Jahr 1914 war Deutschland ein blühendes, im Aufschwung befindliches Land. Seine Industrie, die durch den Umfang wie auch durch die Qualität ihrer Erzeugnisse an erster Stelle in der Welt stand, war fast zum Alleinlieferanten des Österreichisch-Ungarischen Reichs, der Mitteleuropa- und Balkanländer, Rumäniens, Bulgarien sowie des Osmanischen Reichs geworden. Sie hatte sich in weiten Teilen Afrikas und bis zum Fernen Osten durchgesetzt. Sie griff auf Nord- und Südamerika über, forderte im eigenen Land Frankreich und sein Kolonialreich sowie England und sein Commonwealth heraus. Rußland erschloß sich ihr, ein Absatzmarkt, der mehrere Hundertmillionen von Verbrauchern zählte und sich ständig ausdehnte. Deutschland hatte den höchsten Lebensstandard der Welt, seine Sozialgesetze gehörten zu den fortschrittlichsten, und das erzeugte vielfach Neid.

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Diesen riesengroßen Absatzmarkt hatte der Versailler Vertrag auseinandergenommen und ins Lager der Siegermächte übergehen lassen, namentlich der Briten, die sich mit US-Hilfe den Löwenanteil angeeignet hatten. Von vier Kriegsjahren erschöpft, kehrte Deutschland zu einer Friedenswirtschaft mit verminderten Produktionsmöglichkeiten zurück: gehemmt durch den Raub einiger rohstoffreicher Gebiete (Saarland, Ostoberschlesien), eines erheblichen Teils seiner Industrieausrüstung (Demontage der Fabriken, welche die Alliierten sich angeeignet hatten) und Verkehrsanlagen (Eisenbahn, See- und Flußschiffahrt). Deutschland war außerdem um seine Kunden gebracht worden und nicht mehr in der Lage, irgend etwas irgendwohin zu exportieren. Seine nahezu unversehrte Arbeitskraft war durch die Schließung seiner Fabriken (mit Ausnahme jener Werke, die für die Kriegsentschädigungen arbeiteten) zur Arbeitslosigkeit verurteilt worden. Eine astronomische Kriegsschuld [2] erdrückte den Staat und zwang ihn zu Auslandsanleihen, um sie zu tilgen.

Es wird aber nur den Reichen geliehen. In den ersten Jahren fand Deutschland trotz der Bemühungen des US-Handelsministers Hoover, der die Gefahr erkannt hatte, kaum Geldgeber oder zu wenige, um den wirtschaftlichen Zusammenbruch im Jahre 1923 zu vermeiden, als seine Goldreserven erschöpft waren. Die infolge des Rapallo-Vertrags (16. April 1922) zurückgewonnene Kundschaft der Russen (die wegen ihres politischen Systems von dem Versailler Vertrag ferngehalten worden waren) hatte auch nicht zum Ausgleich der Handelsbilanz gereicht.

Nun half die Angst vor dem Bolschewismus den Anglo-Amerikanern zu begreifen, was Frankreich nie verstand: Sie eilten Deutschland zu Hilfe und investierten das zum Wiederaufbau seiner Wirtschaft notwendige Kapital.

Die Amerikaner waren übrigens auch am ehesten in der Lage, das zu tun. Sie waren als die großen Sieger aus dem Krieg hervorgegangen. Ihre Goldreserven hatten sich von

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2930 Milliarden Dollar im Jahre 1913 auf 4283 im Jahre 1919 erhöht; der Überschuß ihrer Außenhandelsbilanz war von 691 Millionen auf 4 Milliarden Dollar gestiegen, und ihre Gesamtforderungen an die übrigen Staaten, die sich 1919 auf 8750 Millionen Dollar beliefen, hatten ständig zugenommen. England schuldete ihnen 21, Frankreich 14,5, Italien 8 Millionen als Kriegsentschädigung. [3] Die USA waren reich, sehr reich. Mit diesem vielen Geld konnten sie unter anderem ihre industrielle Ausrüstung weiter ausbauen, zur ersten Wirtschaftsmacht der Welt aufsteigen, im eigenen Land das Kreditwesen, das ihnen 1929 so abträglich wurde, in großem Maßstab entwickeln.

Außerdem konnten sie Geld ans Ausland leihen. Also gewährten sie Deutschland Kredite; zunächst, im Jahre 1924, mit Vorsicht, ab 1928 aber in verstärktem Maße. Aus Angst vor dem Bolschewismus folgten ihnen die Briten auf diesem Weg, aber vorsichtiger und behutsamer.

Im Jahre 1929 mußte Deutschland immer noch auf seine früheren Absatzmärkte verzichten und lebte nahezu ausschließlich mit Hilfe dieser Anleihen, die seit 1924 auf 7 Milliarden Dollar angewachsen waren . . . [4]

Zur selben Zeit hatten die Vereinigten Staaten das während des Krieges angehäufte Riesenvermögen ganz als Inlandsinvestitionen und Auslandsdarlehen angelegt. England, Frankreich und Italien, bei denen Deutschland vom Dawes-Plan zum Young-Plan seine restlichen Kriegsschulden nicht mehr begleichen konnte, konnten wiederum ihre eigenen Zahlungen nicht mehr leisten. Schließlich setzte der Wallstreet-Krach die USA nicht nur außerstande, im Ausland weiter zu investieren, sondern zwang sie zur Rückführung dieser Auslandsinvestitionen, um den Folgen im eigenen Land zu begegnen.

England, das der finanzielle Zusammensturz der Amerikaner zur Aufgabe der Goldwährung im Jahre 1931 veranlaßte, schloß sich dem amerikanischen Vorgehen an. Diese Zurückziehung der Gelder machte Deutschland sehr zu schaffen:

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Am 1. Juli 1930 gab es laut offizieller Statistik wieder 1061000 Arbeitslose. Und es hatte außerdem nicht den Anschein, als könne sich die Lage so entscheidend verändern, daß die Hochkonjunktur in die USA sowie nach England zurückkehre; das Manna, das ihm bislang zum Überleben verholfen hatte, wurde ihm entzogen; der Schatten einer neuen Pleite lag für lange Zeit, wenn nicht für immer, auf der deutschen Zukunft.

Da entstand zum zweitenmal in Deutschlands politischen Führungskreisen wie in seiner Öffentlichkeit eine Strömung, die sich als unumkehrbar erweisen sollte: die Erkenntnis nämlich, daß man sich möglichst bald vom Versailler Vertrag loslösen müsse, dessen wirtschaftliche Klauseln die jetzige Lage verursacht hätten.

Und in der Tat verschlechterte sich die Lage. Der Wahlausgang vom 14. September 1930 trug auch dazu bei. Am anderen Ende des politischen Spektrums hatten die Kommunisten 1325000 Stimmen hinzugewonnen (4590000 gegen 3265000 am 20. Mai 1928) und zogen in den neuen Reichstag mit 77 Abgeordneten gegen früher 54 ein, die das Gegenstück zu den 107 Hitler-Abgeordneten bildeten. Dagegen hatten die Sozialdemokraten rund 500000 Stimmen verloren (8576000 gegen 9153000) und nur noch 143 gegen früher 153 Sitze errungen. Hugenbergs Deutschnationale Partei, die nicht so rechts beheimatet war wie die NSDAP, fiel von 4382000 auf 2458000 Stimmen zurück und zählte nur noch 41 Mandate gegenüber 71. Nur das katholische Zentrum behauptete seine Position mit 4127000 (gegenüber 3750000) Stimmen und 68 (gegenüber 62) Abgeordneten. Die übrigen Stimmen entfielen auf zahlreiche Grüppchen — parteilose Demokraten, Konservative, Bauern usw. —, die sich kaum gegen den Einfluß erwehren konnten, den der Nationalsozialismus auf sie ausübte.

Der neue Reichstag zählte 577 Mitglieder.

Den parlamentarischen Spielregeln gemäß mußte die Sozialdemokratische Partei als stärkste Partei die neue Regie-

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rung bilden. Sie war es auch im alten Reichstag gewesen und hatte nach den Wahlen vom 20. Mai 1928 die Regierung um ihren Vorsitzenden, den neuen Reichskanzler Hermann Müller, gebildet. Angesichts des Rückzugs der anglo-amerikanischen Gelder und der nachfolgenden Arbeitslosigkeit waren am 29. März 1930 die politischen und wirtschaftlichen Führungsspitzen Deutschlands, die Vertrauten Präsident Hindenburgs, Reichsbankpräsident Schacht sowie die Großindustriellen, zu der Überzeugung gelangt, daß die Krise schlimm werden würde. Sie würde nur mit herkömmlichen Mitteln zu überwinden sein, und nicht mit denen der Sozialdemokratie: Diese war auf den Marxismus versessen, von der kommunistischen Demagogie gebannt und zu aufwendigen Ausgaben für die Arbeiterklasse geneigt, obwohl die damalige Konjunktur eine Sparpolitik verlangte.

Im Reichstag war das Müller-Kabinett einer Behelfskoalition (Hugenbergs Deutschnationaler Partei, katholischem Zentrum und Kommunisten) bei einer Abstimmung am 27. März 1930 unterlegen. Die Deutschnationale und die Kommunistische Partei, eine erstaunliche Vereinigung der Extreme, stimmten bei sämtlichen Abstimmungen grundsätzlich gegen alle Regierungen. Die schwache nationalsozialistische Vertretung und die parteilosen Abgeordneten hatten sich angeschlossen. [5] Der Fraktionsführer des Zentrums, H. Brüning, der die Krise ausgelöst hatte, sollte am 29. 3. 1930 gemäß den parlamentarischen Spielregeln die Nachfolge antreten.

Nach dem Wahlausgang vom 14. September 1930 kam es nicht mehr in Frage, einen Sozialdemokraten mit der Regierungsbildung zu betrauen: Der neue Reichstag nahm zu den Sozialdemokraten von vornherein eine feindlichere Haltung als der bisherige ein; außerdem stand die SPD nicht mehr so hoch in der Gunst der Öffentlichkeit. Die Sozialdemokraten hatten insgeheim (offiziell wäre es eine Selbstverleugnung gewesen) erkennen müssen, daß die bisherige Politik von Reichskanzler Brüning besser an die Erfordernisse der Lage

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angepaßt war, und hatten sich am 29. März (zwei Tage nach dem Sturz der Regierung Müller) mit diesem Rückschlag leicht abgefunden: Sie hatten es dem katholischen Zentrum keineswegs übelgenommen, von den Regierungsgeschäften verdrängt worden zu sein, und waren sogar gefügig seiner Mehrheit beigetreten. Gerechtfertigt hatten sie ihre Haltung mit der Billigung nicht etwa seiner Politik, sondern der der Kommunistischen Partei, und mit dem Bestreben, die Bildung einer weiter rechts beheimateten Regierung (Hugenberg) zu verhindern. — Auch im September 1930 sollten sie sich nicht anders verhalten.

Der im September 1930 in seinem Amt bestätigte Kanzler Brüning wollte den Sozialdemokraten nicht zuviele Zugeständnisse machen, um nicht die verschiedenen Nationalen und Konservativen zu verlieren, die Hitler noch nicht endgültig für sich eingenommen hatte, durfte diesen wiederum auch nicht zuviele machen, wenn er jene nicht verlieren wollte. Auf diese Weise hatte er eine, wenn auch schwache Mehrheit im neuen Reichstag gefunden. Die Verlagerung von nur 23 Stimmen reichte allerdings, um in die Minderheit zu geraten. Dafür war die Mehrheit um so verständnisvoller: Als Kanzler Brüning in schwierigen Situationen mehrmals den Artikel 48 der Verfassung anwenden mußte, der den Notstand regelte und den Erlaß von Notverordnungen vorsah, erhob sie Proteste gegen das Verfahren nur in einer Form, die eher einer stillschweigenden Zustimmung gleichkam. Das trat vor allem dann ein, wenn die Sozialdemokraten, die nicht für ihn stimmen, ebensowenig gegen ihn stimmen konnten, sich der Stimme enthielten.

So erreichte man ohne große Mühe das Jahr 1932 . . .

2. Die Reichspräsidentenwahlen vom 13. März 1932

Das Jahr 1932 wurde vor allem durch die Reichspräsidentenwahlen gekennzeichnet. Die Amtszeit des Reichspräsi-

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denten Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg ging zu Ende. Die Entwicklung der Lage wollte es, daß dieses Jahr außerdem durch zwei Reichstagswahlen geprägt wurde, die durch Auflösung des Gremiums notwendig wurden.

Seit 1930 hatte sich die Lage noch verschlechtert. Die Anglo-Amerikaner hatten mit immer mehr Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt und ihre Gelder weiterhin zurückgezogen. Da die wirtschaftlichen Bestimmungen des Versailler Vertrags unantastbar waren (vor allem wegen Frankreich, dem ein gemeiner Gauner namens Klotz seine Ansichten aufgedrängt hatte), hatte Deutschland nicht den geringsten Absatzmarkt aus der Vorkriegszeit zurückgewonnen. Es konnte nur solche Erzeugnisse ausführen, die ausschließlich in Deutschland hergestellt wurden (Dieselmotoren), deren Qualität konkurrenzlos war (Osramlampen) oder die zu Luxusartikeln zählten (unter anderem Porzellan- und Glaswaren). Das reichte aber nicht aus, um die deutschen Arbeiter und Fabriken zu beschäftigen, vor allem nicht im Bereich der Schwerindustrie. Der russische Markt, den der Vertrag von Rapallo erschlossen hatte, war durch die Möglichkeiten Rußlands sowie durch die bolschewistische Diktatur stark beschränkt und stellte daher nur einen schwachen Beitrag dar. Seine Goldreserven waren wieder erschöpft. Reichskanzler Brüning bat vergeblich, man möge ihm den österreichischen Markt zurückgeben. Die von der Krise gleichermaßen betroffenen Österreicher waren damit einverstanden.

Am 24. März 1931 beschlossen beide Länder nach geheimen Verhandlungen ab September 1930 eine Zollunion zu gründen. Frankreich erhob großes Geschrei, als dies vorzeitig bekannt wurde: Das sei der erste Schritt zur Vereinigung beider Länder, zum Anschluß, den beide deutsche Staaten seit 1918 forderten, kurzum zu einem wieder erstarkten Deutschland. Frankreich wollte aber an seiner Seite ein schwaches, ewig schwaches Deutschland haben, um sich für immer vor einem Abenteuer wie dem Ersten Weltkrieg zu schützen. Die französische Regierung zog Deutschland und

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Österreich vor den Völkerbund, unter Berufung auf Artikel 48 des Vertrags von St. Germain, der die Unabhängigkeit Österreichs für unveräußerlich erklärte und den mittel- oder unmittelbaren Anschluß an einen anderen Staat ohne seine Zustimmung untersagte. [6] Aus Verlegenheit brachte der Völkerbund die Sache vor den Internationalen Gerichtshof in den Haag; aber noch ehe sich dieser Anfang September 1931 mit 8 gegen 7 Stimmen gegen die Zollunion ausgesprochen hatte, hatten Deutschland und Österreich ihren Plan fallengelassen. [7]

Daraufhin wandte sich der Reichspräsident an die Vereinigten Staaten und setzte sie in Kenntnis, daß Deutschland außerstande war, seine Kriegsschuldzahlungen zu leisten, auch wenn sie durch den Young-Plan erheblich erleichtert worden waren. Präsident Hoover nahm diese Mitteilung ernst und unterbreitete England, Frankreich und den Gläubigern des Reichs offiziell ein eventuell verlängerbares Zahlungsmoratorium zugunsten Deutschlands. Alle erklärten sich damit einverstanden, außer Frankreich, das immer noch an der Theorie des erbärmlichen Klotz festhielt: »Der Boche wird zahlen!« Diesmal setzten sich jedoch die USA und England darüber hinweg: Das Moratorium trat in Kraft, brachte Deutschland aber nicht das benötigte Geld, so daß die Lage sich dort nicht verbesserte.

Die Kohlehalden wurden in Deutschland immer höher. Am 1. Januar 1932 waren offiziell 5392248 Arbeitslose [8] registriert. Durch ihren Wahlsieg vom 14. September 1930 ermutigt und durch das wachsende Elend gereizt, versuchten Nationalsozialisten und Kommunisten mit Gewalt die Herrschaft auf der Straße zu bekommen. Die Kommunisten waren sich jedoch nicht der Richtung bewußt, in die sich die Lage entwickelte, vertrauten auf ihre damalige Theorie der Radikalisierung der Massen und glaubten, deren Gunst sicher zu sein. Sie hatten sich daher vorgenommen, jede öffentliche Kundgebung der Nationalsozialisten zu unterbinden, und nicht umgekehrt die Nationalsozialisten, wie heute

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gewöhnlich angenommen wird. [9] Zwischen beiden Extremen, auch untereinander, und der Regierungsmehrheit wurde es immer lauter.

In dieser Stimmung fand am 13. März 1932 die erste Reichspräsidentenwahl statt.

Der betagte Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (86 Jahre alt), der 1925 den Sozialdemokraten Ebert abgelöst hatte, war ein konservativer, monarchistischer Junker aus dem deutschen Osten (Posen). 1925 hatte ihn eine vom Zentrum bis zur äußersten Rechten reichende Koalition gewählt unter dem Zeichen der marxistischen Gefahr, die Sozialdemokraten und Kommunisten darstellten. War das Zentrum damals der Ansicht gewesen, die SPD könnte vor der KPD schützen, so wurden diese von rechts gleich behandelt: die Sozialdemokraten würden das Bett für die Kommunisten machen. Die Sozialdemokraten hatten ihn daraufhin heftig bekämpft und unter anderem dessen beschuldigt, sich nach dem kaiserlichen Regime zu sehnen und ein Stützpfeiler der schlimmsten Reaktion zu sein. Trotzdem hatten sie nicht die Gunst der Kommunisten gewonnen, für die sie nach wie vor die eigentliche Grundsäule der Reaktion, nämlich Verräter an der Arbeiterklasse, Abtrünnige, Sozialfaschisten, waren.

In Wirklichkeit verhielt sich Hindenburg — dieser Konservative und Monarchist, der sich in der Tat nach der alten Regierungsform sehnte und die aus dem Willen des Volkes hervorgegangenen Institutionen nur zwangsläufig angenommen hatte — dann als Reichspräsident sehr korrekt. Er nahm den Sozialdemokraten wegen ihrer schonungslosen Wahlkampagne nicht nur nichts übel, er kam, da die Sozialdemokratische Partei nach seiner Wahl mit der Regierungsbildung betraut worden war, mit ihren einzelnen Reichskanzlern sehr gut zurecht und trennte sich von dem letzten, Hermann Müller, erst, als dieser am 27. März 1930 im Reichstag überstimmt wurde und er, beziehungsweise ein anderer Sozialdemokrat, keine neue Mehrheit finden konnte. Und die Sozialdemokraten hatten das nicht vergessen.

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Mittlerweile hatte sich die deutsche Öffentlichkeit den Extremen zugewandt, und die SPD hatte die Gefahr deutlich erkannt, die Nationalsozialismus und Kommunismus für die Demokratie darstellten. Sie war zu der Überzeugung gelangt, daß sie nur durch eine Koalition aller Parteien, die mit den demokratischen Institutionen verbunden waren, gebannt werden könne.

Unter dem Druck der Ereignisse verfielen die Sozialdemokraten auf den Gedanken, daß Hindenburg, der sich während seiner Amtszeit so gut verhalten hatte, Kandidat einer solchen Koalition sein könnte: vorausgesetzt, daß er darin einwilligte, als Bollwerk der demokratischen Institutionen gegen den Nationalsozialismus und den Kommunismus zu wirken, so wie er seit 1925 dem Marxismus-Bolschewismus entgegengewirkt hatte. Er sei erwiesenermaßen ein Ehrenmann: übernahm er eine Verpflichtung, so hielt er sie ein, man könne seinem Wort vertrauen. Und er willigte ein. Der Unglückliche wußte nicht, worauf er sich einließ und daß eines Tages mächtigere Ereignisse ihn zwingen würden, anders zu handeln. Die Sozialdemokraten verbreiteten die Idee seiner Kandidatur mit Hilfe des Reichsbanners »Schwarz-Rot-Gold«. [10] (Diese Organisation hatten sie als Kampfverband der SPD 1924 gegründet, um auf die Öffentlichkeitsbereiche propagandistisch einzuwirken, die sich ihrem Einfluß entzogen.) Die gemäßigten und demokratischen Kreise, das katholische Zentrum hatten an dem Prinzip der Alleinkandidatur Hindenburgs nichts auszusetzen.

Hitler ließ sofort und laut verkünden, daß, da sich die Bemühungen des Reichsbanners offiziell gegen ihn und die Kommunisten richteten, es den Kommunisten frei stehe, dem Reichsbanner beizutreten, dann seien die Maßnahmen vor allem gegen ihn gerichtet. Sie traten ihm nicht bei. Zahlreiche antikommunistische Wähler entdeckten aber dabei die Tugenden des Nationalsozialismus, und wenn es bei dieser Wahl nicht mehr NSDAP-Wähler gab, lag es einzig an dem Ansehen des alten Generalfeldmarschalls.

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Die Wahlen vom 13. März erbrachten folgende Ergebnisse:

Hindenburg: 18651697 Stimmen, 49,6%
Hitler: 11339446 Stimmen, 30,1%
Thälmann: 4983341 Stimmen, 13,3%
Düsterberg: 2447729 Stimmen, 6,9%
Winter: 111470 Stimmen, 0,3% [11]

Ein zweiter Wahlgang war erforderlich: Trotz seines Ansehens hatte der Marschall die absolute Mehrheit um 0,41% verpaßt, und das widersprach allen Erwartungen. Bei der Stichwahl am 10. April 1932 wurde er mit 19359633 Stimmen (53%) gewählt; mit nunmehr 13418051 Stimmen erzielte aber Hitler den größeren Stimmengewinn, das waren in etwa die Stimmen Düsterbergs, der zu Hitlers Gunsten zurückgetreten war. Gegenüber dem ersten Wahlgang verzeichnete Thälmann, der seine Kandidatur aufrechterhalten hatte, eine Einbuße von über einer Million Stimmen (etwa den Anteil, den Hindenburg hinzugewonnen hatte).

Für Hitler war dieser Wahlausgang mehr als ein Erfolg, er war ein Triumph. Gegenüber den Wahlen vom 14. September 1930 hatte er den Stimmenanteil der Nationalsozialistischen Partei verdoppelt. In allen Reichstagsfraktionen wurden die Gemüter erschüttert, vor allem aber in der Fraktion des katholischen Zentrums: der einflußreiche Baron von Papen wie der General Kurt von Schleicher, Abgeordneter und rechte Hand von Verteidigungsminister General Groener, fühlten sich zur NSDAP hingezogen. Die Vorstellung, man würde sich früher oder später mit Hitler abfinden müssen, breitete sich demnach sehr schnell aus.

Von nun an überstürzten sich die Ereignisse. Deutschland hätte mit der Unterstützung seiner früheren Feinde aus dieser tragischen Lage herauskommen können. Diese Hilfe verweigerten sie ihm aber trotz Präsident Hoovers Drängen und Englands Geneigtheit immer noch, weil Frankreich sein Veto eingelegt hatte. Deutschland versuchte trotzdem auszuhalten, indem es sein Schicksal eigenen Notmaßnahmen und

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dem sterilen Spiel der Politik überließ. Deutschland hoffte immer noch, Frankreich würde eines Tages begreifen, daß es sich hier nicht nur um das deutsche Schicksal handele, sondern um das der ganzen Alten Welt, und würde deswegen nachgeben.

Frankreich gab aber nicht nach. In Deutschland wurden Intrigen gesponnen, als Frucht geheimer Kontakte zwischen von Papen und von Schleicher einerseits, von Papen, von Schleicher und Hitler andererseits. Strittige Probleme und Spannungen tauchten auf, etwa die Auflösung der SA-Verbände (das waren 400000 Mann, die bei NSDAP-Kundgebungen in militärischer Art für Ordnung sorgten) oder der staatliche Ankauf von Ländereien pleite gegangener Ostjunker, um das Land dann an Bauern ohne Grund und Boden zu verteilen. All das erzeugte zwischen Reichspräsident und Kanzler Spannungen, die von Papen und von Schleicher so geschickt nährten, daß sie nach dem Rücktritt von Reichswehrminister Groener (13. Mai) auch den Brünings (30. Mai) erwirkten, aber auch die Ernennung von Papens zum Nachfolger Brünings (1. Juni), die Auflösung des Reichstags (4. Juni) und schließlich neue Reichstagswahlen (31. Juli).

Nun setzte der letzte, unbändige Ansturm der Nationalsozialisten auf die Institutionen ein, der in sechs Monaten, auf den Tag genau, Hitler in die Reichskanzlei bringen sollte.

Das war die erste Folge von Frankreichs Starrsinn.

Die zweite Folge war später der Krieg. Denn nichts — nicht einmal der Krieg, als er ausgebrochen war — konnte jemals die französischen Führungsspitzen von der verbrecherischen Dummheit dieses ihres Starrsinns überzeugen, den die Wahl Roosevelts zum US-Präsidenten im November 1932 noch mehr verstärkte.

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3. Die Reichstagswahlen vom 31. Juli und 6. November 1932

Bei den Reichstagswahlen vom 31. Juli 1932 konnten die Nationalsozialisten 230 Mandate (statt der bisherigen 107) erringen und mehr als 350000 zusätzliche Stimmen gegenüber dem zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl auf sich vereinigen (13779000 gegen 13418000). Die Kommunisten gewannen 12 Sitze hinzu (89 gegen 77) und das katholische Zentrum 7 (75 gegen 68). Dagegen gingen die Sozialdemokraten von 143 auf 133 zurück. Es saßen 608 Abgeordnete im neuen Reichstag. [12] Die übrigen 81 verteilten sich auf die Bayerische Volkspartei, die Deutschnationale Partei sowie die liberal-demokratischen Parteien. Auf Hitler und seine Gegner verteilten sich deren Sympathien in etwa dem gleichen Maß.

Göring wurde zum Reichstagspräsidenten gewählt, mit den Stimmen der Deutschnationalen Partei, die sich der Hoffnung hingab, diese Einhaltung der parlamentarischen Spielregeln würde die Nationalsozialisten besänftigen. Mit ihrem Einzug in die Institutionen markierte die NSDAP jedenfalls einen entscheidenden Punkt: der Wolf im Schafstall.

Da die Kommunisten grundsätzlich gegen alle Regierungen stimmten, war eine gegen Hitler eingestellte Regierung im neuen Reichstag unvorstellbar: die Verbindung der Extreme (230 Nationalsozialisten + 89 Kommunisten) lag weit über der absoluten Mehrheit.

Wiederum war jede von Hitler gebildete Regierung ebensowenig denkbar (230 Nationalsozialisten + rund 30 Sympathisanten = 260 Abgeordnete). Hitler hätte die Zustimmung des katholischen Zentrums (75 Abgeordnete) gebraucht, um über eine Mehrheit von etwa 330 Abgeordneten zu verfügen. Im katholischen Zentrum waren aber die Geister, trotz der Bemühungen von Papens und von Schleichers, noch nicht reif für eine Koalitionszusage.

Alles in allem: ein »handlungsunfähiger« Reichstag.

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Die Verkündung des Ausnahmezustands und der Artikel 48 der Verfassung hätten zwar die Bildung eines mit Notverordnungen regierenden Kabinetts ermöglicht. Wie sehr es unter Brüning auch möglich war, diesen Artikel gelegentlich und unter bestimmten Voraussetzungen anzuwenden, ohne die parlamentarischen Institutionen in Frage zu stellen, so durfte er doch nicht ständig in Anwendung gebracht werden. Es hieße sonst die Institutionen vorübergehend außer Kraft zu setzen. Die von den Nationalsozialisten geschürten Straßenunruhen hatten einen solchen Grad erreicht, daß dieses Vorgehen bestimmt zum Bürgerkrieg führen würde, einem Bürgerkrieg, den zu bändigen die Reichswehr ohnehin nicht mehr in der Lage wäre, da sie durch den Rücktritt General Groeners sehr verunsichert und über die Person Schleichers uneinig war.

Wenn der Artikel 48 der Verfassung präsidiale Notverordnungen zuließ, verfügte er aber, daß »der Reichspräsident diese Maßnahmen unverzüglich dem Reichstag zur Kenntnis zu geben« hatte und daß sie »auf Verlangen des Reichstags außer Kraft zu setzen« waren. Niemals würde der neue Reichstag einer präsidialen Verordnung zustimmen.

Kanzler Papen war somit zur Unbeweglichkeit verurteilt.

Angesichts dessen trat Schleicher, der zudem verärgert war, nicht zum Kanzler ernannt worden zu sein, mit Hitler in Verbindung. Dieser hatte am 5. August, also unmittelbar nach den Wahlen, seine Forderungen wissen lassen: die Kanzlerschaft und die gesamte Regierungsgewalt oder gar nichts. Ferner den Posten des preußischen Ministerpräsidenten, das Reichs- und das Preußische Ministerium des Innern, das Landwirtschafts- und das Justizministerium für seine Partei sowie ein Propagandaministerium für Goebbels. Schleicher, der im Fall von Papens Rücktritt nach dem Amt des Reichskanzlers strebte, lehnte natürlich ab. Hitler ließ nicht locker. Er sah nicht, daß er die Reichskanzlei ohne weiteres von innen erobern könnte, wenn er nur darin einwilligte, einem Koalitionskabinett beizutreten, das mit der Zustim-

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mung des Reichstags regieren würde. In diesem Fall könnte nämlich zwischen ihm und dem katholischen Zentrum ein Abkommen geschlossen werden. Am 15. August 1932 startete er einen neuen Angriff: Schleicher sagte ihm, daß er im besten Fall den Posten des Vizekanzlers übernehmen könnte, und da Hitler die Achseln zuckte, veranlaßte Schleicher, daß Hindenburg am nächsten Tag Hitler zu sich rief. Der Marschall empfing ihn im Stehen, wiederholte sein Angebot und stellte ihm sogar die Kanzlerschaft in einer Koalitionsregierung, die im Einvernehmen mit dem Reichstag regiert hätte, in Aussicht. Schließlich appellierte er an sein Nationalgefühl. Hitler beharrte auf seinem Standpunkt. Noch am selben Abend veröffentlichte die Präsidialkanzlei ein Kommuniqué, das Goebbels' Propagandaapparat überrumpelte und erstmals nach langer Zeit Hitlers Sache einen empfindlichen Schlag versetzte: Das Kommunique »bedauert, daß Herr Hitler sich nicht in der Lage sehe, entsprechend seinen vor den Reichstagswahlen abgegebenen Erklärungen eine vom Vertrauen des Herrn Reichspräsidenten berufene Nationalregierung zu unterstützen«. [13]

Das war sehr geschickt für die öffentliche Meinung, blieb aber ohne jede Wirkung auf den Reichstag, in dem nur das Gesetz der Zahl regierte. Von Papen blieb Kanzler, eine neue Auflösung des Reichstags war aber offenbar unvermeidlich.

Sie erfolgte am 12. September 1932 infolge eines von den Kommunisten gestellten Mißtrauensantrags, dem die Nationalsozialisten zustimmten. Durch die Verbindung der Extreme überstimmt, entschloß sich Papen zum Rücktritt im Einverständnis mit Reichspräsident Hindenburg. [14] Diese Abstimmung verpaßte Hitler insofern einen zweiten — besonders harten — Schlag, als nun von seiner Verbindung mit den Kommunisten die Rede war.

Bei den Wahlen vom 6. November 1932 verlor die NSDAP tatsächlich über zwei Millionen Stimmen und 34 Mandate im Reichstag, in dem Hitlers Partei künftig nur noch 196 Abgeordnete statt der bisherigen 230 entsenden konnte. Die Kom-

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munisten verzeichneten einen Zuwachs von 700000 Stimmen und brachten es von 89 auf 100 Sitze. Die Sozialdemokraten, die 700000 Wähler an die Kommunisten verloren hatten, verfügten nur noch über 121 Sitze (gegenüber 133). Hugenbergs Deutschnationale Partei gewann rund eine Million Stimmen hinzu und ihre Stärke wuchs von 37 auf 52 Reichstagsmandate. Das katholische Zentrum hatte seinerseits nur leichte Einbuße: 70 Sitze gegen 75.

Im Hinblick auf die notwendige Regierungsmehrheit war die politische Landschaft des neuen Reichstags nicht besser als die bisherige: eine Mehrheit war ebenso unauffindbar. Es bestanden weiterhin nur zwei mögliche Gruppierungen. Eine links: sie würde Sozialdemokraten und Kommunisten um das katholische Zentrum, das sich angeschlossen hätte, vereinigen; und eine der äußersten Rechten, die um die NSDAP sowohl die Deutschnationale Partei Hugenbergs wie auch das katholische Zentrum zusammenschließen würde — mit der Einschränkung allerdings, daß im letzteren nur Papen und Schleicher sowie eine kleine ihnen ergebene Minderheit diese Konstellation angenommen hätten. Indem die Kommunisten die erste ablehnten, machten sie die zweite unvermeidlich.

Bei diesen Wahlergebnissen fiel besonders Hitlers Rückgang auf. Léon Blum schloß daraus, daß er »nunmehr von der Macht ausgeschlossen war, ja sogar von der Hoffnung, die Macht jemals zu ergreifen« (Le Populaire, 8. November 1932).

Dieser Rückgang erklärte sich durch Hitlers Ablehnung vom 14. August 1932, den Posten des Vizekanzlers oder des Kanzlers ohne die vollen Machtbefugnisse anzunehmen, durch seine Verbindung mit den Kommunisten, um das Papen-Kabinett am 12. September 1932 im Reichstag zu stürzen, und durch einen dritten Fehler, den er am 28. Oktober 1932, also acht Tage vor den Wahlen, beging. An diesem Tag tat sich die NSDAP ein zweites Mal mit den Kommunisten zusammen, die, der Meinung der Gewerkschaften und der

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Sozialdemokraten ungeachtet, einen Streik in den Berliner Verkehrsbetrieben ausgelöst hatten.

Hitlers Geldgeber aus der Industrie werteten seine erste Entscheidung so, als habe er durch seine Unnachgiebigkeit Deutschland in eine Sackgasse gebracht, und die beiden anderen, als habe er keinen anderen Ausweg gefunden, als es ins Chaos zu stürzen, zudem im Einverständnis mit den Kommunisten und im selben Stil. Gelder zu Propagandazwecken waren schwerer, in der letzten Woche kaum noch aufzutreiben: das war sozusagen eine Wahlkampagne mit »Nachlaß« — in einer Stimmung, die nicht nur durch den Rückgang der Parteispenden wegen der Hitler-Politik gekennzeichnet war, sondern auch durch immer mehr Bedenken in der Öffentlichkeit.

Hitlers abschlägige Antwort auf das Angebot des Reichspräsidenten vom 14. August 1932 hatte außerdem für viel Unmut innerhalb der eigenen Reihen gesorgt. Entstanden war eine Gegenströmung, die die Auswirkungen der Ablehnung auf die politische Ausrichtung der Partei (Anstiftung zu sozialen Unruhen, Zusammenarbeit mit der Kommunistischen Partei), auf ihre Propagandafonds und schließlich auf den Wahlausgang geahnt hatte. Und in dem Maße, wie sich ihre Ahnungen bestätigten, wurde diese Strömung stärker. An ihrer Spitze stand Gregor Strasser, der mit Joseph Goebbels zu den beiden wohl einflußreichsten Männern der Partei nach Hitler zählte. Ein bedeutender Teil des militanten Kaders — von einem Drittel war die Rede [15] — unterstützte Gregor Strasser, und im Reichstag waren es rund sechzig Abgeordnete.

Die Opponenten vertraten die Auffassung, daß es hauptsächlich um die Machtergreifung ging, und selbst wenn man dabei sein Versprechen nicht halten sollte; daß Hitler sich verpflichten konnte, entweder sich an einem Kabinett zu beteiligen oder selbst eines zu bilden, das im Einverständnis mit dem Reichstag regieren würde, und daß man dann immer noch sehen könnte. Dank dem Einfluß, den man im

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Lande hatte, würde man, einmal an der Macht, ob mit der ganzen oder nur einem Teil der Regierungsgewalt, ohnehin nach Belieben walten können.

Das war nicht schlecht gedacht. Jedenfalls war eine innerlich zerrissene, vor der Spaltung stehende Partei in den Wahlkampf gegangen. Zu dem Mangel an Tatkraft war ein Mangel an Geld hinzugekommen, und das alles hatte zu dieser von Gregor Strasser und seinen Anhängern so sehr befürchteten Wahlniederlage geführt, die sie aber in ihrer Überzeugung bestärkt hatte.

Mit solch einer zwiespältigen Partei und leeren Kassen, dachten — jeder für sich — der amtierende Kanzler Papen und sein Rivale Schleicher, könne Hitler nach den Wahlen vom 6. November 1932 nicht eine erneute Auflösung des Reichstags riskieren und gegebenenfalls wieder vor die Wähler treten. Bleibt er hartnäckig, so werden die etwa sechzig Abgeordneten, dachten sie, von ihm Abstand nehmen und sich an einer Regierungsmehrheit beteiligen, was die Auflösung ohnehin verhindern wird. Ein Auseinanderbrechen des Nationalsozialismus eröffnete außerdem herrliche Aussichten auf eine von allen Fallen befreite Zukunft, da die abklingende Anziehungskraft, die Hitler auf die öffentliche Meinung ausübte, ihn nicht überleben würde.

Da schaltete sich Msgr. Kaas, der Fraktionsvorsitzende des katholischen Zentrums, ein. Prälat Kaas schätzte die selbstische, intrigante Politik, die Papen und Schleicher hinter den Kulissen trieben, nicht besonders. Angesichts der Wahlergebnisse vom 6. November 1932 dachte er, der Augenblick sei gekommen, diese Politik durch eine Gruppenpolitik (im Hinblick auf »eine Regierung der nationalen Konzentration«) abzulösen.

Schon bei der ersten Sitzung seiner parlamentarischen Gruppe am 10. November gab er eine Übersicht über die politische Landschaft im neuen Reichstag und schloß daraus, wolle man schwere Unruhen vermeiden, so müsse Deutschland dringend zu der Regierungsstabilität zurückfinden, die

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es seit Brünings Rücktritt verloren hatte; jede andere Möglichkeit sei durch die Haltung der Kommunisten ausgeschlossen, und nur eine loyale Zusammenarbeit mit dem Nationalsozialismus komme in Frage. Das katholische Zentrum müsse seiner Ansicht nach die Voraussetzungen für diese loyale und nahezu einhellige Zusammenarbeit schaffen; seine Fraktion machte sich diese Auffassung zu eigen. [16]

Daraufhin rief Präsident Hindenburg am 19. November 1932 Hitler wieder zu sich und wiederholte ihm sein Angebot vom 14. August, allem voran die Kanzlerschaft, unter der Voraussetzung, daß er sich nach der Verfassung richte. Wider Erwarten lehnte Hitler erneut ab. Dann bot er ihm den Posten des Vizekanzlers in einem Kabinett Papen an, das, wenn es sein müßte, mit präsidialen Notverordnungen regieren würde. Auch hier lehnte Hitler ab. Man stand, wollte man die Reichstagsauflösung verhindern, vor der Notwendigkeit, die Papen und Schleicher bereits in Betracht gezogen hatten, nämlich Gregor Strasser von Hitler loszulösen. Aber der Stellvertreter Hitlers zögerte, worauf Schleicher Präsident Hindenburg überzeugen konnte, daß Papen aus der Sackgasse schon deshalb nicht herauskomme, weil er das Vertrauen Strassers ebenso wenig habe wie das Hitlers, während er, von Schleicher . . .

Am 2. Dezember 1932 löste er von Papen in der Reichskanzlei ab. Vergeblich versuchte er den alten Marschall zu überzeugen, er könne sich mit der Erklärung des Staatsnotstands durchschlagen.

Am 23. Januar 1933, also 52 Tage nach Übernahme der Kanzlerschaft, war Schleicher an dem gleichen Punkt angelangt wie Papen am 2. Dezember 1932. Hitler hatte plötzlich Angst gehabt, er, Schleicher, könne eine Militärdiktatur einsetzen, hatte endlich seine Haltung gelockert und erkennen lassen, daß er unter bestimmten Bedingungen die Kanzlerschaft anzunehmen bereit sei, ohne die ganze Regierungsgewalt zu fordern; worauf Gregor Strasser ins Glied zurückgetreten war. Die NSDAP stand auf einmal einträchtig wie

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Gregor Strasser mit Goebbels Oktober 1931 beim Aufmarsch
der SA-Gruppe Nord in Braunschweig

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noch nie zuvor um ihren Führer, der sie wieder fest in der Hand hatte. Das Vertrauen der Geldgeber war allmählich zurückgekommen, und das Geld war wieder in die Kassen geflossen.

Hitler hatte einen glücklichen Einfall gehabt.

Denn an diesem 23. Januar 1933 ersuchte Reichskanzler Schleicher Präsident Hindenburg um die Erklärung des staatlichen Notstands, bei einer ganz neuen Auslegung von Artikel 48 der Reichsverfassung: Auflösung des Reichstags und Vollmachten, um Neuwahlen zu verhindern und diese angeblich vorübergehende Kaltstellung des Parlaments zu ermöglichen. Mit der Reichswehr, deren Unterstützung er sicher sei, werde die Operation schnell über die Bühne gehen.

Das hieß aber, von Hindenburg mehr zu verlangen, als er Papen verweigert hatte und Hitler noch verweigerte. Mit dem Unterschied, daß es sich hier um eine Militärdiktatur handelte, und nicht, wie bei Hitler, um eine auf paramilitärische Verbände gestützte. Der Reichspräsident lehnte den Vorschlag als verfassungswidrig ab und bat Schleicher, er möge doch noch einen Versuch starten in Richtung auf eine parlamentarische Regierung, wie er es ihm versprochen habe. Hindenburg zweifelte aber am Erfolg seines Kanzlers und beauftragte daher Papen, die Möglichkeit einer Regierung mit Hitler als Kanzler und Papen als Vizekanzler, bei Einhaltung der Verfassung, zu erkunden; das war gerade die Formel, die Hitler mittlerweile anstrebte.

Nicht daß Hindenburg nun von Hitler ganz überzeugt war, im Gegenteil. Noch einen Tag zuvor hatte er verächtlich von »dem böhmischen Gefreiten« gesprochen. Aber seit sechs Monaten war Deutschland nicht mehr regiert worden, die Wirtschaftslage verschlechterte sich, die Zahl der Arbeitslosen wuchs, und damit die Straßenunruhen zu Gunsten Hitlers, die Lage war explosiv, und man mußte einfach daraus herauskommen. Über den Ausweg hatte er sich endlich der Auffassung Msgr. Kaas', des Fraktionsführers des katholischen Zentrums, angeschlossen. Außerdem war er gegen die

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Entwicklung zu nachgiebigeren politischen Positionen nicht gleichgültig gewesen, zumindest dem Anschein nach.

Fünf Tage lang schlug sich Schleicher in einer Atmosphäre herum, in der alles gegen ihn stand: am 28. Januar 1933 erfuhr er, daß das Kabinett Hitler—von Papen so gut wie gebildet war und daß die NSDAP Riesenkundgebungen in ganz Deutschland für den 30. Januar vorbereite. Es war nun ausgeschlossen, daß der Reichspräsident Hitler nicht zum Reichskanzler ernennen würde, und deshalb reichte Schleicher ihm seinen Rücktritt ein.

Alles spielte sich ab, wie Hitler es vorgesehen hatte: am 30. Januar, spätvormittags, war Hitler Reichskanzler, und am selben Abend wurde er am Balkon der Reichskanzlei bejubelt, im Freudentaumel eines ganzen Volkes. [17]

Und hier beginnt das eigentliche Drama.

Von den elf Mitgliedern der Regierung Hitler—von Papen waren nur drei Nationalsozialisten. Daran sieht man, zu welchen Zugeständnissen Hitler mittlerweile bereit gewesen

Hitler am Balkon der Reichskanzlei, 30. Januar 1933.
Er grüßt den ihn huldigenden Fackelzug

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war. Das Kabinett sollte im Rahmen der Verfassung regieren. Hitler war in der Minderheit: 3 gegen 8. Papen, der dessen deus ex machina gewesen war, dachte, er könnte Hitler beherrschen und um so leichter im Zaun halten, als er der Unterstützung Präsident Hindenburgs sicher war. In Wirklichkeit war es Hitler, der dort herrschte. Verfassungsrechtlich erreichte er die Auflösung des Reichstags und Neuwahlen am 5. März 1933, bei denen seine Partei 43,7% der abgegebenen Stimmen auf sich vereinigte und 288 Mandate errang. Sein Partner von Papen (Hugenberg) erzielte seinerseits 8,3% der Stimmen und 52 Sitze. Diese 340 Abgeordneten hatten im neuen Reichstag (646 Sitze) die absolute Mehrheit.

Ein Kabinett Hitler—von Papen, in dem der zweite diesmal in der Minderheit stand, stellte sich am 21. März 1933 dem Reichstag vor. Hitlers Erklärung zur Lage der Nation wurde mit 441 gegen 94 Stimmen (die der anwesenden Sozialdemokraten und einiger Einzelgänger; das katholische Zentrum hatte für Hitler gestimmt) gebilligt. Zwei Tage später, am 23. März, wurde ihm mit dem »Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich« die Generalvollmacht gewährt mit 441 gegen 94 Stimmen (der Sozialdemokraten).

Die Kommunisten waren von dem Reichstag ausgeschlossen worden. Haftbefehle lagen vor. Manche von ihnen waren schon hinter Schloß und Riegel, die übrigen versteckten sich oder flohen ins Ausland. Auch ein Dutzend Sozialdemokraten waren verhaftet worden, oder sie nahmen an den Sitzungen nicht teil, da Haftbefehle gegen sie erlassen worden waren.

Die Hitler-Diktatur stand.

4. Hitler als Reichskanzler

Daß die Politik Hitlers umstritten war und immer noch umstritten ist, ist durchaus natürlich. Es ist zum einen unser

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angeborenes Recht, alles in Frage zu stellen, selbst die rationalste Politik, die auf den unbestrittensten moralischen Grundsätzen unserer Auffassung des Humanismus verankert ist; zum anderen war die Hitler-Politik für diesen Humanismus, angesichts der heiligsten und unantastbarsten Menschenrechte, höchst anfechtbar. Es ist nicht überflüssig, daran zu erinnern, daß der Verfasser zu denjenigen zählte die sie bis zur äußersten Grenze — bis zur Deportation — angefochten haben, und daß er von dieser Meinung nicht abgekommen ist, was seine Widersacher bei regelmäßigen Pressekampagnen auch immer behaupten mögen.

Eines ist dagegen unanfechtbar, zumindest in einer Welt, die nahezu allgemein [18] annimmt, daß die Regierung der Gesellschaftsverbände auf der Mehrheitsregel beruht: das ist die Legitimität Hitlers. Mindestens 52% der Wähler hatten ihn in die Reichskanzlei gebracht und waren von vornherein entschlossen, ihm die Generalvollmacht bedingungslos zu erteilen, nur unter der Voraussetzung, daß Papen sein Vizekanzler sein würde. [19]

Zumindest stand seine Wahlkampagne unter diesem Motto, und die Wählerschaft war gewarnt. Im Reichstag drückte sich diese Mehrheit mit 53,13% der Sitze (340 von 646) aus. Die Generalvollmacht erhielt er aber mit mehr als der Zweidrittelmehrheit: Freilich enthielt seine Reichstagsrede vom 23. März 1933, in der er sie forderte, folgende Stelle: »Die Regierung beabsichtigt dabei, von diesem Gesetz nur insoweit Gebrauch zu machen, als es zur Durchführung der lebensnotwendigen Maßnahmen erforderlich ist. Weder die Existenz des Reichstags noch des Reichsrats soll dadurch bedroht sein. Die Stellung und die Rechte des Herrn Reichspräsidenten bleiben unberührt; die innere Übereinstimmung mit seinem Willen herbeizuführen, wird stets die oberste Aufgabe der Regierung sein. Der Bestand der Länder wird nicht beseitigt, die Rechte der Kirchen werden nicht geschmälert, ihre Stellung im Staate nicht geändert. Die Zahl der Fälle, in denen eine innere Notwendigkeit

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vorliegt, zu einem solchen Gesetz die Zuflucht zu nehmen, ist an sich eine begrenzte.«

Und an die Adresse des katholischen Zentrums fügte er sogar hinzu, daß »die Reichsregierung, die im Christentum die unerschütterlichen Fundamente der Moral und Sittlichkeit des Volkes sieht, größten Wert auf freundschaftliche Beziehungen zum Heiligen Stuhl legt und sie auszugestalten sucht«. [20]

Man könnte die Meinung vertreten, daß das katholische Zentrum nicht für Hitler gestimmt hätte, wenn seine Erklärung diese Versicherungen nicht enthalten hätte, und man würde höchst wahrscheinlich richtig liegen. Damit Hitler im Reichstag überstimmt und seine Legitimität angefochten wurde, hätte auch Papens parlamentarische Fraktion gegen ihn stimmen müssen, und am 23. März 1933 war eine solche Möglichkeit völlig ausgeschlossen, selbst wenn Hitler diese beteuernde Erklärung nicht abgegeben hätte: Wir dürfen nämlich nicht vergessen, daß am 1. Dezember 1932 Papen mit weniger Garantien den Reichspräsidenten vergeblich um die Generalvollmacht ersucht hatte, daß am 23. Januar auch Schleicher sie, verbunden mit einer Kaltstellung des Reichstags, für sich gefordert hatte, daß beide durch diese Haltung aneinander gebunden waren und daß sie Hitler nicht verweigern konnten, was sie für sich verlangt hatten, selbst wenn sie gewußt hätten, daß Hitler wortbrüchig würde. Von Papen gehörte ohnehin der Regierung an, in deren Namen er sie forderte.

Selbst in der Annahme, daß Hitlers Erklärung besagte Versicherungen nicht enthalten hätte und die parlamentarische Fraktion von Papens sich dem katholischen Zentrum angeschlossen hätte, um ihn im Reichstag zu überstimmen, blieb immer noch der Volkswille, Quelle aller Legitimität in der demokratischen Staatsform. Da es hier nicht zur Reichstagsauflösung kam, wurde nicht auf ihn verwiesen: in der Geschichtsforschung darf man keine Schlüsse aus einem Ereignis ziehen, das ausgeblieben ist, im vorliegenden Fall also

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mutmaßen, wie das Volk reagiert hätte. Man kann dennoch annehmen, daß Hitler, zu diesem Zeitpunkt im Aufwind, aus Neuwahlen noch stärker hervorgetreten wäre — unter der Voraussetzung, daß Wahlen noch in geordneten Verhältnissen durchgeführt werden konnten was angesichts der Atmosphäre, in der die Wahlen vom 5. März 1933 stattfanden, allerdings sehr fraglich war.

Am 5. März zählte Deutschland über 6 Millionen Arbeitslose, [21] das heißt mindestens 15% der berufstätigen Bevölkerung. Wenn man bedenkt, daß zeitgenössische Wirtschaftsexperten die 5%-Marke als Schwelle der sozialen Unruhen ansehen, war diese Schwelle weit überschritten. Unruhen hatten übrigens auch die letzte Wahlkampagne gekennzeichnet: am 27. Februar 1933 wurde der Reichstag von einem Geisteskranken oder Psychopathen in Brand gesteckt, und Hitler war geschickt genug, um den Kommunisten dieses Verbrechen anzulasten; [22] die meisten politischen Kundgebungen verwandelten sich in geordnete Feldschlachten: 18 Nationalsozialisten und 51 Nazi-Gegner wurden ermordet. [23]

Daß Neuwahlen zu einer von Hitler hoch gewonnenen Machtprobe auf der Straße geführt hätten, ist demnach keine gewagte Behauptung. Zumal er für die überwältigende Mehrheit der öffentlichen Meinung als ein vom Volk gewählter Reichskanzler erschienen wäre, dem der Reichstag den Posten verweigert hätte. Neuwahlen wären nichts anderes als ein Aufstand gegen die Entscheidung des Reichstags gewesen.

Wir dürfen uns nämlich keine Illusionen machen: waren die Parteimitglieder (10 bis 12% der Bevölkerung wie in allen Ländern) für alle innenpolitischen Fragen empfänglich, die Hitlers beteuernde Erklärung angeschnitten hatte, so war die Öffentlichkeit dagegen völlig gleichgültig. Nur eines beschäftigte sie: die sechs Millionen Arbeitslosen, die sie dem Versailler Vertrag zuschrieb, und ab 1930 stand dieses Thema im Mittelpunkt aller Wahlkampagnen. Für die meisten war Hitler offenbar der einzige, der sie von dieser Last befreien könnte.

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Dieser nahezu allgemeinen Ansicht entsprach die Denkhaltung der Großindustriellen. Am 20. Februar 1933 fand im Amtsgebäude des Reichstagspräsidenten (Göring) eine geheime Zusammenkunft statt, an der, außer Göring und Hitler, Reichsbankpräsident Schacht, Krupp von Bohlen, Bosch und Schnitzler (I.G. Farben), Vögler (Vereinigte Stahlwerke), Thyssen und rund zwanzig weitere Magnate aus der Schwerindustrie teilnahmen. Alle zollten Hitler viel Beifall, als er erklärte, er würde unter anderem diesen teuflischen Wahlen, der Demokratie, den Wirtschaftsklauseln des Versailler Vertrags, der Abrüstung ein Ende machen. »Ich reichte ein Tablett und erhielt drei Millionen Reichsmark«, erklärte Hjalmar Schacht in Nürnberg. [24]

Diese Verbindung der Hochfinanz und der öffentlichen Meinung konnte Hitler nur zum Triumph verhelfen. Ohne auf das Heer zurückgreifen zu müssen, dessen Unterstützung General und Altkanzler von Schleicher ihm zugesagt hatte, da dieser ebenfalls auf die Einheit des Reichs, die Wiederherstellung der inneren Ordnung sowie die Rückkehr zu den Grenzen vor 1914 bedacht war.

Hitler hielt bekanntlich sein Versprechen nicht. Innerhalb der drei folgenden Monate wurde Deutschland von einem Netz allmächtiger Kreis- und Gauleitern überzogen. Die Opposition wurde unter anderem durch eine unerbittliche Polizei, die errichteten Konzentrationslager geknebelt. Deutschland befand sich nun in folgender besonderer Lage. An seiner Spitze stand ein Kanzler, der moralisch eine Legitimität verloren hatte, die das Volk ihm aber politisch (der gesellschaftlich einzig geltende Standpunkt) nicht streitig zu machen gedachte. Deutschland gab der Hitler-Diktatur mehrmals seine Zustimmung: am 1. April 1933, angesichts der ersten Wirtschaftsmaßnahmen gegen die Juden, gab es seitens des Volkes keine Reaktion, wenn, dann der Zustimmung. Ebensowenig am 14. Juli 1933, als die NSDAP zur Einheitspartei erklärt und die anderen Parteien, wenn sie sich nicht schon vorher aufgelöst hatten, verboten oder aufgelöst wur-

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den. Am 1. Mai 1933 schlossen sich die bislang opponierenden Gewerkschaften Hitler bei riesigen öffentlichen Kundgebungen an.

Die unbeugsamen Regimegegner versteckten sich aus Angst oder flohen ins Ausland (wo sie als Apostel des Jakobinismus auftraten, sich aber lächerlich machten durch ihr Unvermögen zu verhindern, was in Deutschland geschehen war, oder sie traten dort für den Krieg gegen das neue Regime ein, um ihr Versagen wettzumachen). Einen Abgeordneten Baudin gab es im Deutschland von 1933 nicht; und sollte es einen gegeben haben, erfuhr es niemand. Hitler war wirklich der Ausdruck des Volkswillens, und seine Legitimität wurde somit unbestreitbar. Ohnehin hatten alle Staaten der Welt seine Regierung anerkannt.

Man hat auch gesagt, daß die unter Hitlers Regie durchgeführten Wahlen vom 5. März 1933 nichts anderes als ein Druck der Macht auf die Wählerschaft gewesen seien. Dann muß man aber auch diesen Druck messen. Bei den Reichspräsidentenwahlen vom 13. März 1932, also während Brünings Kanzlerschaft, erzielte die NSDAP 30,1% der abgegebenen Stimmen und 37,3% bzw. 33,1% bei den Reichstagswahlen vom 31. Juli bzw. 6. November 1932. Durchschnittsquote: 33,5%. Bei den Wahlen vom 5. März 1933 vereinigte seine Partei 43,7% der Stimmen auf sich und wies damit eine Steigerung von 10,2% auf. Könnten wir zu diesen 10,2% all diejenigen zählen, die gern dem Sieg zu Hilfe eilen und nach dem Motto »wo Tauben sind, fliegen Tauben hin« für Hitlers Wahlkandidaten gestimmt haben, ohne daß irgendein Druck auf sie ausgeübt wurde, dürfte die Prozentzahl jener, die dem Druck gefolgt sind, alles in allem sehr gering sein.

Es ist nicht sinnvoll, Hitlers Machtergreifung in Deutschland länger zu kommentieren: man hat alles gesagt, zumindest das Wesentliche, wenn man festgestellt hat, daß er an der Macht mit dem Einverständnis des deutschen Volkes war, das ihm zehn Jahre lang (bis Stalingrad) ein außergewöhnliches Vertrauen entgegenbrachte, was er auch immer tat. Nur

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eine Frage bleibt offen: Ist ein Volk in einer Demokratie berechtigt, der Demokratie auf dem demokratischen Weg zu entsagen? Die Antwort ist einfach und deutlich: »Und wenn es mir behagt, geschlagen zu werden?«

Hier taucht eine Zusatzfrage auf: Da ein Volk niemals eine Entscheidung einstimmig trifft, welches Verhältnis muß dann zwischen Mehrheit und Minderheit bestehen? Meines Wissens ist diese Frage prinzipiell und unter Berücksichtigung der Menschenwürde einzig von P. J. Proudhon beantwortet worden, und zwar in Du principe fédératif, das eine Art Gesellschaftsvertrag ist, aber anspruchs- und inhaltvoller als der Rousseausche, wenn auch etwas überladener. Was die Regierung der Gesellschaft anlangt, erlegt die Mehrheit praktisch überall der Minderheit ihr Gesetz auf und tut ihr Zwang an. Zwischen den einzelnen Regierungsformen bestehen heute nur noch feine Unterschiede, und sie betreffen nicht das Prinzip der Gewalt, welche die Mehrheit der Minderheit antut, sondern ihren Grad. Es gilt als stillschweigendes Übereinkommen, daß ein bestimmter Grad nicht überschritten werden darf. Dieser Grad ist aber nicht genau definiert, da in keinem Gesetz verankert. So ungenau er auch immer festgelegt war, hatte das Deutschland von 1933 ihn gegenüber allen Regimegegnern (Kommunisten, Sozialdemokraten, Juden usw.) bestimmt weit überschritten.

Es handelt sich aber um ein innenpolitisches Problem, und kein Volk war jemals berechtigt, sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen einzumischen. Zumal ein vergleichbares Phänomen irgendwann im Verlauf der Geschichte anderer Völker, ja sogar als Begleiterscheinung, zu beobachten war: das demokratische Frankreich von 1944 stand jenem Deutschland von 1933 in nichts nach. Und Rußland vor und nach 1944? Und Jugoslawien seitdem? Und China? und Kuba? Auch wenn wir die politische Haltung der meisten Deutschen von damals mißbilligen, müssen wir doch festhalten, daß die Besserwisser gerade diejenigen sind, die allen voran vor ihrer eigenen Tür kehren müßten. Die schlimmste

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aller Gewalten, die einem Menschen angetan wird, ist schließlich, ihm keine Arbeit zu geben oder ihn für einen ungebührlichen Lohn arbeiten zu lassen, und diese Gewalt hat Hitler zweifellos keinem Deutschen angetan, was auch zu seinem Erfolg beitrug.

Daß dies in theoretischer Hinsicht nicht ausreicht, um die anderen Gesichtspunkte seiner Innenpolitik gelten zu lassen, ist unbestreitbar. Es fragt sich aber, ob er nicht in der Praxis zu diesen Gesichtspunkten eben durch jene Lage gedrängt wurde, die die Politik der anderen Völker in Deutschland geschaffen hatte. Wahrscheinlich ist es noch zu früh, um diese Frage zu stellen: Die antideutsche Welle, die wegen einer angeblichen Wiedergeburt des Nazismus seit zwanzig Jahren (gesehen von 1967) überall in der Welt schlägt, trägt jedenfalls nicht dazu bei. Wir müssen nur hoffen, daß die künftigen Historiker und Soziologen — vor allem die Soziologen — diese Frage mit Anklang an dem Tag stellen, an dem die Gemüter sich beruhigt haben und Ruhe wieder eingekehrt ist.

Damit ist die durch Hitlers Machtübernahme aufgetretene Frage von den falschen Problemen befreit, die zu Propagandazwecken auf sie aufgepfropft wurden. Es ist nun möglich, das eigentliche Problem zu erörtern, angesichts dessen alle anderen — für den unparteiischen Beobachter — nur noch als Krimskrams erscheinen: den Zweiten Weltkrieg.

Fast dreißig Jahre (betrachtet von 1967) nach den Kriegsereignissen überwiegt weiterhin die Meinung, daß Hitler und das deutsche Volk allein die Schuld an diesem Weltkrieg trügen. [25] Wir leben in einer wahrlich seltenen geistigen Verwirrung: die Verfechter dieser Ansicht merken nicht einmal, daß die Kriegsschuld, wäre sie begründet, dann ganz auf diejenigen zurückfallen würde, die Hitler an die Macht gebracht haben, ich meine diejenigen, deren Politik das deutsche Volk zu dieser extremen Lösung gedrängt hat. Und gleich einem Bumerang würde sie ihnen aufs Gewissen zurückfallen, weil gerade sie diese Politik getrieben oder gefördert haben: Das Huhn ist für sein Ei verantwortlich.

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Unsere Untersuchung, die die eigentlichen Urheber des Zweiten Weltkriegs nennen will, mußte zunächst den Aufstieg Hitlers zur Macht Schritt für Schritt verfolgen und ihn mit der Politik in Zusammenhang bringen, die ihm als Stütze diente. Wir glauben auf unwiderlegbare Weise gezeigt zu haben, daß die unter französischer Regie immer wieder bekräftigte Unantastbarkeit der Wirtschaftsklauseln im Versailler Vertrag diese Stütze abgab und daß dieser Vertrag äußerst hart und unbillig war. Es ist offenbar, daß Hitler niemals an die Macht gekommen wäre, wenn Frankreich, England und die USA nach dem Wallstreet-Krach 1929 Deutschland gegenüber die gebotene Solidaritätspolitik betrieben hätten, anstatt sich auf diese Unversöhnlichkeit zu versteifen.

Und als Hitler an der Macht war, kam es letztlich zum Krieg, weil Frankreich, England und die Vereinigten Staaten die Politik fortsetzten, die ihn an die Macht gebracht hatte.

Diese Politik hätte vertretbar sein müssen, wollte man dem deutschen Volk vorhalten, sein Schicksal Hitler anvertraut zu haben, nachdem alle eingeschlagenen Lösungswege sich als Sackgassen herausgestellt hatten, und ihm die Schuld am Zweiten Weltkrieg anlasten.

Sie war es aber nicht, so daß die Schuld nun sie — als Ursache — trifft. Wir haben nachgewiesen, daß sie Hitlers Aufstieg zur Macht verschuldete: Es läßt sich ebensogut nachweisen, daß der Zweite Weltkrieg nicht unvermeidlich war — auch mit Hitler an der Macht.

Das soll im folgenden geschehen, indem die Entwicklung der Lage eingehend untersucht wird.

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Anmerkungen

[1] Deutschland war verfassungsmäßig eine parlamentarische Republik. Das Wort »Republik« kam in der Verfassung, die in Weimar am 31. Juli verabschiedet und am 11. August 1919 unterzeichnet wurde, nur in Artikel 1 vor: »Das Deutsche Reich ist eine Republik. Die Staatsgewalt geht vom Volk aus.« Auf Vorschlag des Staatsrechtlers Prof. Hugo Preuß, der sie entworfen hatte, hatte das mit deren Ausarbeitung betraute Parlament den Begriff »Reich« vorgezogen. Die sogenannte Weimarer Republik war die Fortsetzung des Zweiten Reichs. Trotz republikanischer Staatsform war es Deutschland darauf angekommen, ein »Reich« zu bleiben, und seine Institutionen hatten die bisherigen Bezeichnungen beibehalten: Reichstag, Reichsrat, Reichspräsident, Reichskanzler und so weiter. Das war politisch erheblich und zeugte von einer nahezu allgemeinen Sehnsucht nach dem bisherigen Regierungssystem — auch bei den Sozialdemokraten. Als sie 1924, anläßlich der 1925 bevorstehenden Reichspräsidentenwahlen, eine verfassungsschützende Liga gegen den Nationalsozialismus und den Kommunismus gründeten, nannten sie sie bezeichnenderweise »Reichsbanner«. Der Begriff »Republik« tauchte in der deutschen Verfassung und in den Einrichtungen erst nach 1945, insbesondere 1949 auf.

[2] Am 1. Mai 1921 hatte die im Rahmen des Versailler Vertrags gegründete Reparationskommission die deutsche Kriegsschuld auf insgesamt 132 Milliarden Goldmark festgesetzt.

[3] Pierre Renouvin, La politique intérieure et la vie économique après la guerre, Paris 1924.

[4] W. L. Shirer, Aufstieg und Fall des Dritten Reiches, Köln—Berlin 1961, S. 116. — Seit 1945 wird behauptet, auch von W. L. Shirer, daß mit diesen Summen Deutschland seine Kriegsschuldzahlungen hätte leisten können. Statt dessen: Deutschland »nahm Anleihen auf, um seine riesigen für die Welt beispielhaften sozialen Einrichtungen auszubauen. Die Länder, die

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Städte, die Gemeinden finanzierten mit geborgtem Geld nicht allein notwendige Verbesserungen, sondern auch den Bau von Flugplätzen, Theatern, Sportstadien und prächtigen Schwimmbädern. Die Industrie, die durch die Inflation ihre Schulden losgeworden war, nahm Millionenkredite auf, um neue Maschinen anzuschaffen und ihre Produktion zu rationalisieren. Ihre Produktionsrate, die 1923 auf 55 Prozent gegenüber 1913 abgesunken war, stieg bis 1927 auf 122 Prozent an. Im Jahre 1928 unterschritt die Arbeitslosenzahl — 650000 — zum erstenmal seit dem Kriege die Millionengrenze. Im selben Jahr verzeichnete der Einzelhandel eine Umsatzsteigerung von zwanzig Prozent gegenüber 1925, und im Jahr darauf betrugen die Durchschnittslöhne zehn Prozent mehr als in den vergangenen vier Jahren. Die Kleinbürger, aus denen Hitler seine Massenanhängerschaft rekrutieren mußte, die vielen Millionen Gehaltsempfänger und kleinen Ladenbesitzer hatten Teil an dem allgemeinen Wohlstand.« — Das stimmt so nicht: Im allgemeinen herrschte weiter die Not. Es erhebt sich zudem folgende Frage: Was hätte Deutschland ohne Absatzmärkte anders tun können, als einen inländischen Markt zu gründen, um seine Arbeitskräfte zu beschäftigen, die sonst in noch größerem Maße zur Arbeitslosigkeit verurteilt gewesen wären?

[5] Der Bruch zwischen der Sozialdemokratischen Partei und dem bislang in Kanzler Müllers Koalitionsmehrheit wirkenden katholischen Zentrum erfolgte wegen der Erhöhung der Arbeitslosenversicherung, die die einen befürworteten, während die anderen sie auf keinen Fall verabschieden wollten, da ihrer Ansicht nach alles noch Sparmaßnahmen forderte. Es hätte gereicht, daß die Kommunisten, auf deren Programm die Erhöhung stand, sie bewilligten, damit Kanzler Müller im Amt blieb. Aber die Kommunisten, die in den Sozialdemokraten ihre Erzfeinde sahen, dachten damals, sie würden eines Tages zwangsläufig zur Macht gelangen, wenn sie durch wiederholte Regierungskrisen die Empörung der Straße erzeugten. Sie waren außerdem der Ansicht, daß sie, sollte diese Taktik die äußerste Rechte an die Macht bringen, die Massen leichter gegen die äußerste Rechte als gegen die Sozialdemokratie aufwiegeln könnten. Auf diese Weise verlagerten sie von 1919 bis 1933 die parlamentarische Mehrheit immer mehr nach rechts. Sollte man eines Tages mit Sachlichkeit die Schuld an Hitlers Machtergreifung festlegen, so wird die der Kommunistischen Partei ganz oben stehen müssen — auch wenn sie vorgibt, stets und

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überall das Richtmaß der demokratischen Werte gewesen zu sein. Im vorliegenden Fall hat sie am 29. März 1930 Kanzler Hermann Müller von den Regierungsgeschäften verdrängt zugunsten des mehr rechts stehenden Brüning. Später, 1932, sollte sie auf die gleiche Art und Weise Brüning zugunsten Papens kaltstellen; dann Papen für Schleicher und zuletzt Schleicher für Hitler.

[6] Trotz dieser Klausel im Vertrag von St. Germain sah der vorher beschlossene Artikel 61 der Weimarer Verfassung die Aufnahme österreichischer Vertreter in den Reichstag und Reichsrat vor, wenn Österreich an Deutschland wieder eingegliedert ist. In Versailles hatte sich die deutsche Delegation geweigert, diese Klausel anzuerkennen; der Verfassungstext wurde durch ein Protokoll vom 22. September 1919 außer Kraft gesetzt. Die österreichische Delegation hatte aber ihrerseits nachgegeben.

[7] Der Haager Gerichtshof entschied sich für die französische Auffassung, allerdings mit nur einer Stimme Mehrheit, so vernünftig kam ihm der Plan einer deutsch-österreichischen Zollunion vor.

[8] Gegen 1061570 am 1. Juli 1930. Siehe oben S. 20

[9] Hitler hatte Schlüsse aus dem Fehlschlag vom 9. November 1923 (Münchener Putsch) gezogen und die Eroberung der Macht nur noch auf dem legalen Weg erwogen.

[10] Siehe Anmerkung 1.

[11] Düsterberg kandidierte für Hugenbergs Deutschnationale Partei, die mit Hitler um die Stimmen der äußersten Rechten rang. Er hatte sich geweigert, zugunsten Hitlers zurückzutreten.

[12] Die Zahl der Reichstagsabgeordneten schwankte: sie hing bei bestehendem Verhältniswahlrecht von der Zahl der abgegebenen Stimmen ab. Am 31. Juli 1932 gab es vier Millionen Wähler mehr als am 14. September 1930: weniger Stimmenthaltungen, neue Wahlberechtigte sowie die ununterbrochene Flut neuer Wähler, die aus jenen, durch den Versailler Vertrag entzogenen Gebieten (104000 km2) stammten und die automatisch die deutsche Staatsangehörigkeit erhielten, wenn sie sie bei ihrer Ankunft forderten. Von 491 am 14. September 1930 hatte sich die Zahl der Abgeordneten auf 608 am 31. Juli 1932 erhöht. Am 5. März 1933 wurden sogar insgesamt 640 Reichstagsmandate errungen.

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[13] Fritz Poetzsch-Heffter, »Vom Staatsleben unter der Weimarer Verfassung,« 2. Teil, in Jahrbuch des öffentlichen Rechts der Gegenwart, 21 (1933) 34, S. 161.

[14] Reichspräsident und Kanzler waren überzeugt, daß die Nationalsozialisten und die Kommunisten mit vereinten Kräften die Regierung stürzen würden, und waren übereingekommen, den Reichstag noch vor der Abstimmung aufzulösen, damit das katholische Zentrum nicht mit einem parlamentarischen Mißerfolg vor die Wähler trete. Die Verordnung zur Auflösung des Reichstags hatte Hindenburg also unterzeichnet und sie Papen noch vor der Eröffnung der Sitzung überreicht; Papen hatte sie aber in der Reichskanzlei vergessen. Er ließ sie während der Beratungspause vor der Abstimmung holen. Als er sie nach Wiedereröffnung verlesen wollte, tat Reichstagspräsident Göring, als sähe er ihn nicht, und verweigerte ihm das Wort. Es wurde über diesen Zwischenfall viel gespottet und auf Papens Leichtsinn und Görings Machtmißbrauch hingewiesen. Zu Unrecht in bezug auf Görings Machtmißbrauch: da die Abstimmung vor der Beratungspause angekündigt worden war, ließ die Geschäftsordnung des Reichstags nicht zu, daß noch verhandelt wurde. Und Göring war durchaus berechtigt, Papen das Wort zu verweigern, auch wenn er ihn wahrnahm. Das war zugegeben nicht sehr fair, das ist alles. Wenn man eine Revolution macht, kümmert man sich meistens nicht um die guten Sitten.

[15] W. L. Shirer, Aufstieg und Fall des Dritten Reiches, aaO.

[16] Man schloß daraus etwas voreilig, daß Msgr. Kaas die Auffassung der deutschen katholischen Hierarchie und des Vatikan zum Ausdruck brachte. In Wirklichkeit sprach er als Mann, der sich mit einem schwierigen Regierungsproblem auseinanderzusetzen hatte, und in der katholischen Hierarchie stand er mit seiner Meinung nahezu allein da. Am 28. Februar, also kurz vor den Wahlen vom 5. März 1933, exkommunizierte der in Fulda versammelte katholische Episkopat immer noch einstimmig die Kandidaten der NSDAP und empfahl den Wählern, nicht für sie zu stimmen. Es ist bemerkenswert, daß man — vor allem seit Rolf Hochhuths Stellvertreter — die Entscheidung Msgr. Kaas' nicht etwa dem amtierenden Papst Pius XI. zur Last legte, sondern seinem Staatssekretär Kardinal Pacelli (dem zukünftigen Papst Pius XII.). In Wirklichkeit wurde Msgr. Kaas die Entscheidung durch die Haltung der Kommunisten dik-

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tiert. Die katholische Hierarchie schwenkte erst nach einer Rede um, die Hitler am 21. März hielt, und nicht für sehr lange: am 28. Oktober 1933 war sie wieder in der Opposition.

[17] In der begeisterten Menge war Pastor Martin Niemöller, später verkappter Kommunist und graue Eminenz der bundesrepublikanischen »Reiniger«, zu erkennen in Begleitung seiner Frau und eines seiner Söhne. Er gehörte nicht zu denen, die wenig begeistert waren.

[18] Nur die Anarchisten wollen es nicht einsehen. Da sie aber weder Proudhon, noch Bakunin, noch Kropotkin, noch Elisée Reclus kennen, sind ihre gegenwärtigen Vertreter so unbedeutend, daß dieses Prinzip als nahezu allgemein anerkannt gilt.

[19] Eigentlich wurde Hitler zum Reichskanzler von mehr als 52% der Wähler ernannt. Am 2. März 1933, also zwei Tage vor den Wahlen, hielt Msgr. Kaas eine große öffentliche Versammlung in Köln ab, und zwar unter dem Vorsitz des Bürgermeisters und späteren Bundeskanzlers Konrad Adenauer, der ihm damals warmherzig beipflichtete. Kaas erläuterte das Programm seiner Partei und sagte, es könne angesichts der Haltung der Kommunisten keinen anderen Kanzler als Hitler geben. Allerdings erteilte er ihm nicht bedingungslos die Generalvollmacht: Er habe von Hitler Zusicherungen in vierzehn Punkten erhalten, was einer Einhaltung der parlamentarischen Regeln gleichkomme. In ganz Deutschland wandten sich die Kandidaten des katholischen Zentrums in ähnlicher Weise an die Wählerschaft. Bei der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes im Reichstag erteilten die Abgeordneten des katholischen Zentrums Hitler die Generalvollmacht auf Grund seiner beteuernden Erklärung, in der er die Vollmacht nur in begrenztem Maße forderte.

[20] Auf Grund dieses öffentlich bekundeten Wunsches Hitlers unternahm die deutsche Diplomatie (durch die Vermittlung Vizekanzler Papens und Prälat Kaas') Schritte im Vatikan, die nach den dann eingeleiteten Verhandlungen schon bald zur Unterzeichnung des Konkordats führten, das der Vatikan schon seit Jahren erstrebt hatte. Diese Ergänzung gilt für alle, die mit Rolf Hochhuth immer noch der Auffassung sind, daß das damalige Konkordat auf die Initiative des Vatikan zurückgehe, insbesondere auf die Kardinal Pacellis in dessen Namen.

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[21] Laut offizieller Statistik vom 1. Januar 1933 gab es 5598855 Arbeitslose.

[22] Die Kommunisten kehrten in den Reichstag mit nur 81 Mandaten (anstatt der bisherigen 100) zurück. Freilich wurden ihnen auf höheren Befehl vom 3. Februar 1933 alle öffentlichen Kundgebungen untersagt, und am 28. Februar, also unmittelbar nach dem Reichstagsbrand, hatte Hitler vom Reichspräsidenten Hindenburg eine präsidiale Verordnung erwirkt, die die Kommunistische Partei verbot. Außerdem konnte er nun alle Mitglieder der Opposition verhaften lassen, die seiner Ansicht nach die Staatssicherheit gefährdeten.

[23] Die Zahlen stammen von W. L. Shirer, Aufstieg und Fall des Dritten Reiches, aaO.

[24] Internationaler Militärgerichtshof, Nürnberg, Bd. 32, Dokument 3725-PS,Verhör Hjalmar Schachts vom 20. Juli 1945.

[25] Zum Beispiel der angesehene französische Philosoph Wladimir Jankelevitch (in Combat, 9. Juni 1965): ». . . das furchtbare Blutbad, welches das ganze deutsche Volk zu verantworten hat: Ein Volk, das einhellig um seinen mit Begeisterung bestätigten Führer versammelt war«. Es vergeht kein Tag, an dem diese Ansicht in welcher Form und aus welcher Feder auch immer in der Großpresse nicht erscheint.

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