Paul Rassinier

Die Jahrhundert-Provokation


VIII. Die letzten Tage

Die russische Kehrtwendung veranlaßte weder England, noch Frankreich, noch Polen, ihre Politik gegen Deutschland zu überdenken.

Freilich wußte England, daß die geographische Lage Polens eine unmittelbare Hilfe von britischer oder französischer Seite unmöglich machte. Darüber waren sich alle einig: Nur Rußland hätte es vermocht. Die Engländer waren der Auffassung, daß der Pakt, der Rußland und Deutschland miteinander verband, ein Nichtangriffs- und kein Beistandspakt war; außerdem kam es zu keinem Zusatzabkommen im militärischen Bereich. Folglich werde sich Rußland neutral verhalten, und nicht an der Seite Deutschlands eingreifen. Sie wußten aber nicht, oder wollten nicht wissen, [252] daß ein Geheimes Zusatzprotokoll die Teilung Polens zwischen Deutschland und Rußland vorsah und daß Polen von beiden Mächten bedroht war, nicht nur von Deutschland. Außerdem vertrauten sie auf Frankreich für eine mittelbare Unterstützung zu Land im Westen. Am 15., 16. und 17. Mai 1939 hatte General Gamelin in Paris Besprechungen mit dem polnischen Kriegsminister Kasprzycki gehabt und ihm versprochen, im Fall eines Krieges mit Deutschland eine Luftaktion bereits in den ersten Tagen, Offensivaktionen mit begrenzten Zielen am dritten Tag, eine Offensivaktion gegen Deutschland mit dem Gros der Truppen am fünfzehnten. [253] England glaubte, daß die französische Armee nach wie vor die stärkste in der Welt sei. Im Osten äußerte sich Oberst Beck beruhigend über die Tüchtigkeit des polnischen Heeres, das der deutschen Wehrmacht überlegen sei. Und die Seeherrschaft Englands war unumstritten. Da gab es zwar seine Luftwaffe,

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die nicht hervorragend war, aber immerhin war sie wacker und hatte seit dem 1. Januar 1939 erstaunliche Fortschritte gemacht.

Das alles hatte Hand und Fuß; leider waren alle Angaben, auf die sich die britischen Überlegungen stützten, falsch. Da England es nicht wußte, erhielt es seine Garantieerklärung zugunsten Polens aufrecht und schloß einen Beistandspakt am 25. August 1939 nach, der am 6. April 1939 von Oberst Beck in London vereinbart worden war.

In Frankreich rechtfertigte General Gamelin die Versprechungen, die er den polnischen Kriegsministern machte, folgendermaßen:

»Frankreich kann den 200 deutschen Divisionen etwa 120 Divisionen entgegensetzen. Deshalb muß es sich die Unterstützung durch die 80 polnische Divisionen erhalten . . . Die polnische Armee wird der deutschen ehrenhaft Widerstand leisten. Kälte und schlechtes Wetter werden die Feindseligkeiten schnell zum Stehen bringen, so daß die Schlacht im Frühjahr 1940 im Osten noch weitergehen wird. In diesem Augenblick wird die französische Armee durch zahlreiche britische Divisionen, die auf dem Festland gelandet werden, verstärkt sein . . . Im Frühjahr 1940 wird Frankreich daher auf die 240 Divisionen rechnen dürfen, die die französischen und polnischen Streitkräfte zusammen ergeben, zu denen dann noch etwa 40 britische Divisionen hinzukommen werden. Falls Deutschland außerdem die holländische und die belgische Neutralität verletzen sollte, würde es damit zusätzlich noch 30 holländische und belgische Divisionen auf unsere Seite bringen, womit dann insgesamt 270 alliierte gegen 200 deutsche Divisionen stehen würden.« [254]

Das war auch gut durchdacht, beruhte aber auf ebenso falschen Angaben wie die britische Darstellung. Die Ereignisse würden es unter Beweis stellen: Gleich nach der Kriegserklärung sollte die französische Armee sowohl zu Land als auch in der Luft (der Riom-Prozeß brachte an den Tag, daß Frankreich weniger als 1000 Flugzeuge zur Verfügung hatte gegen

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12000 auf deutscher Seite) handlungsunfähig sein, auch am dritten und am fünfzehnten Tag; der polnische Feldzug sollte innerhalb von 17 Tagen abgeschlossen, und das schlechte Wetter sollte die Feindseligkeiten nicht bis zum Frühling zum Stehen bringen; und schließlich würde England im Frühjahr 1940 nicht 40 Divisionen in Frankreich landen, sondern lediglich neun.

General Gamelin schaffte es trotzdem, die meisten Minister davon zu überzeugen, daß seine Gedankenführung lückenlos war. Georges Bonnet und Anatole de Monzie waren die einzigen, die seinen Optimismus nicht teilten. Im Abgeordnetenlager schlossen sich Jean Montigny, Frot, Bergery, Xavier Vallat, L. O. Frossard, François Pietri und einige andere ihrem Standpunkt an.

Mandel wußte auch, daß das französische Heer noch nicht kriegsbereit war. Wir kennen aber bereits die zynische Antwort, die er Georges Bonnet gab, als dieser ihn darauf aufmerksam machte: zunächst den Krieg erklären, dann ihn vorbereiten. [255]

Dieser Standpunkt setzte sich durch.

Die Krone setzte aber Polen auf: Oberst Beck war nicht nur überzeugt, daß das polnische Heer die deutsche Wehrmacht zerschlagen könne, wie 1410 in Tannenberg; er war auch sicher, daß die deutschen Generale nur noch auf Unterstützung von außen, etwa in Form einer Kriegserklärung an Deutschland warteten, um Hitler abzusetzen, wodurch eine allgemeine Verwirrung in Deutschland entstehen werde. Da General Gamelin ihm ein Eingreifen der französischen Luftwaffe am ersten Kriegstag, Aktionen mit begrenzten Zielen am dritten sowie den Einmarsch der französischen Truppen in Deutschland bereits am fünfzehnten in Aussicht gestellt hatte, malte er sich schon die Zusammenkunft der polnischen und französischen Heere in Berlin aus. [256]

Beck war der Ansicht, Hitler habe einen Pakt mit Rußland nur deshalb geschlossen, weil er sich in einer verzweifelten Lage befinde. Er stützte seine Meinung auf die Berichte sei-

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ner Gesandten in Berlin und London. Wir wissen, daß letzterer in enger Verbindung zu Erich Kordt, einem deutschen Botschaftsrat in London, stand, der diese Meinung ebenfalls vertrat. [257] Daher ging Beck nicht auf die Verhandlungsangebote ein, die ihm Hitler seit dem 5. Januar 1939 unterbreitete, ja er provozierte ihn sogar: Ultimatum in Danzig, Flakbeschuß auf deutsche Flugzeuge und anderes. Er hatte zwar eine Teilung Polens zwischen Deutschland und Rußland befürchtet, glaubte aber nicht, daß der deutsch-sowjetische Pakt eine solche Teilung vorsehe; [258] und natürlich war er nicht der Ansicht, daß er ihr nur entgehen könne, indem er sich mit Deutschland verständigte.

Besorgniserregend war vor allem der Wortlaut der britischen Garantiererklärung:

»Im Falle einer Aktion, welche die polnische Unabhängigkeit klar bedrohen und gegen welche die polnische Regierung entsprechend den Widerstand mit ihrer nationalen Wehrmacht als unerläßlich ansehen würde . . .« Es stand also Polen frei zu entscheiden, ob Widerstand geleistet werden müsse. Ein Blankoscheck also. Beck nützte es aus, und bei der vollkommenen Verblendung, die er an den Tag legte, hatte die Welt kaum noch Aussichten, dem Krieg zu entgehen, wenn England den Wortlaut seiner Verpflichtung nicht abänderte.

Alle Gerüchte bezüglich der verzweifelten Lage, in der sich Hitler befinde, waren bekanntlich aus der Luft gegriffen; die sie verbreitende Pressekampagne war aber so gut aufgezogen, die polnischen Kreise waren so geneigt, Wunsch und Wirklichkeit zu vertauschen, daß sich allmählich die Auffassung durchsetzte, nur die Verständigungspolitik halte den Führer in Deutschland an der Macht.

Es wurde allgemein geschrieben, daß Hitler deshalb noch an der Macht sei, weil die französische und die britische Regierung keine Gelegenheit lieferten, ihn abzusetzen, und zwar den deutschen Generalen, die seit langer Zeit dazu bereit gewesen seien und nur auf diese Hilfe gewartet hätten,

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um zur Tat zu schreiten. Eine Kriegserklärung an Deutschland bei der Remilitarisierung des Rheinlands (März 1936), dem Anschluß Österreichs (März 1938), der Sudetenfrage (September 1938, München) oder der Besetzung und Zerstückelung der Tschechoslowakei (März 1939) hätte eine solche Gelegenheit abgeben können.

Als der Brief des französischen Botschafters in Berlin, Coulondre, am 30. August in Paris eintraf, [259] stürzten die letzten Antikriegsbastionen zusammen: diesmal würde man sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Im übrigen komme es nicht mehr darauf an, eine gerechte Lösung für die deutsch-polnische Frage anzustreben. Chamberlain sollte es am 1. September 1939 unbefangen zugeben, als er in seiner Unterhaus-Rede ankündigte, daß ein Ultimatum an Deutschland unmittelbar bevorstehe: »Wir haben keinen Grund zum Streit mit dem deutschen Volk, außer, daß es sich von einem Nazi-Regime regieren läßt.« [260] Die Rede, mit der Daladier am 2. September die Aushändigung des französischen Ultimatums ankündigte, klang genauso: »Handelt es sich nicht nur um einen deutsch-polnischen Konflikt? Nein, meine Herren. Es ist ein neuer Schritt der Hitler-Diktatur auf dem Weg zur Europa- und Weltherrschaft.« [261] Damit war die Friedens- und Kriegsfrage in den Bereich der Ideologie übertragen worden.

In den Vereinigten Staaten wollte Präsident Roosevelt »sich ranhalten« und eine Weltkriegsstimmung schaffen. Als er von der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Pakts erfuhr, berief er gleich den Kongreß zu einer Sondersitzung ein, um das vom Neutralitätsgesetz vorgeschriebene Waffenembargo zugunsten Frankreichs, Englands und Polens aufheben zu lassen. Die Sicherheit der Vereinigten Staaten und ihre demokratischen Einrichtungen seien nämlich in Gefahr. Zur selben Zeit forderte der Oppositionsführer und Senator Vandenberg ebenfalls eine sofortige Sitzung des Kongresses, allerdings, »um die Kontrolle des Parlaments über die autokratischen Entscheidungen des Präsidenten zu verstärken«

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und um zu vermeiden, daß er »die Umstände zu einem seiner gewohnten provokatorischen Akte ausnützt«. [262] Der Antrag auf Aufhebung des Waffenembargos wurde nahezu einstimmig abgelehnt, und diese Entscheidung entsprach dem Wunsch der amerikanischen Öffentlichkeit, wenn man der Umfrage Glauben schenkt, die die New Yorker Roper Agentur am 4. September durchführte:

-Für Kriegsbeteiligung an der Seite Englands und Polens2,5 %
-Für völlige Abseitsstellung und Verkauf an jedermann nach dem Cash-and-Carry-Prinzip37,5 %
-Für Abseitsstellung und Verkauf ausschließlich an Frankreich, England und Polen8,9 %
-Für Abseitsstellung so lange wie möglich und Kriegseintritt an der Seite Englands,
Frankreichs und Polens, falls diese Nationen Gefahr laufen, besiegt zu werden.
Zwischenzeitliche Unterstützung mit Lebensmittel- und Waffenlieferungen
14,7 %
-Für Abseitsstellung ohne jede Lieferung29,9 %
-Pro-Alliierte0,6 %
-Pro-Deutsche0 % [263]

Eine andere Einstellung legte Amerika erst im Dezember 1941 an den Tag, als die Japaner Pearl Harbor angriffen und Deutschland am 11. Dezember ihm den Krieg erklärte. Bis dahin hatte sich das amerikanische Volk nie von Deutschland bedroht gefühlt, weder in seiner Sicherheit noch in seinen demokratischen Einrichtungen. Seit seinem Machtantritt wiederholte Hitler immer wieder, er habe keine Absichten auf dem amerikanischen Kontinent, und er müßte verrückt sein, überhaupt welche zu haben. Der Politik Roosevelts, dessen Handlungen als Präsident indessen von einer systematischen Feindschaft gegen Deutschland zeugten, hatte die Gegen-Propaganda der Senatoren Vandenberg, Borah, Clark und des berühmten Obersten Lindberg keine Mühe, den Rang abzulaufen.

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Roosevelt war aber an der Macht, was ihm mehr Handhabe auf die Ereignisse verschaffte als seinen Gegnern. Außerdem übten seine israelitischen Freunde einen starken Einfluß auf die Presse aus. Noch lange vor Pearl Harbor erwirkten sie mit vereinigten Kräften eine sichtbare Veränderung der Denkhaltung in der Öffentlichkeit. Am 3. November 1939 gewährte der Kongreß Präsident Roosevelt die Aufhebung des Waffenembargos, gegen die er sich zwei Monate zuvor ausgesprochen hatte, und am 11. März 1940 wurde die Cash-and-Carry-Klausel durch das Pacht- und Leihgesetz abgelöst. Durch diese Änderungen konnte Roosevelt nun den Westmächten alles liefern, was sie brauchten.

Im August 1939 war er allerdings noch nicht so weit: Von dem Kongreß zur Untätigkeit verurteilt, versuchte Roosevelt durch Briefe und Botschaften, die er an den italienischen König, Hitler, den polnischen Staatschef, seine Botschafter in London und Paris richtete, sich in die europäischen Angelegenheiten einzumischen und dort Mitspracherecht zu bekommen, damit er deren Entwicklung beeinflussen könne. Den drei ersten schrieb er, daß »die Regierung der Vereinigten Staaten jederzeit bereit ist, zur Lösung der Probleme beizutragen, die den Weltfrieden gefährden«. Seinen Botschafter in London, Joseph Kennedy, bedrängte er, er solle »Chamberlain die Pistole auf die Brust setzen«. [264]

Dergleichen brauchte er nicht mit William Bullitt zu tun: Sein Botschafter in Paris war ebenso geschäftig und stellte der französischen Regierung immer wieder eine US-Unterstützung in Aussicht. Bei allen Kontakten mit Roosevelt beteuerte er, man müsse »Deutschland in der Polen-Angelegenheit stoppen«.

Über die Aktivität des US-Präsidenten während dieser Zeit äußerte Joseph Kennedy gegenüber James Forrestal, dem früheren amerikanischen Verteidigungsminister, unter anderem:

»Niemals hätte Frankreich oder England ohne diese ständigen Nadelstiche aus Washington einen casus belli aus Polen

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gemacht . . . Chamberlain habe ihm (Kennedy) gegenüber versichert, Amerika und die Juden der ganzen Welt hätten England in den Krieg getrieben . . . An der Meinung Kennedys, wonach der Angriff Hitlers auf Rußland hätte abgelenkt werden können, war unbestreitbar Richtiges.« [265]

In Deutschland wartete Hitler, seines guten Rechts und seiner Macht sicher, daß Polen auf seine Vorschläge hinsichtlich bilateraler Verhandlungen über Danzig und den Korridor eingehe. Die Vorschläge hatte er am 5. Januar desselben Jahres angekündigt, am 5. März in gehöriger Form unterbreitet und am 28. April öffentlich wiederholt. [266] Antwortete Polen nicht bis zum 31. August, 24 Uhr, so werde er am darauffolgenden Morgen in das Land einfallen, hatte er Anfang Mai beschlossen, und zu Beginn des Monats hat er die Frist auf den 26. August neu festgelegt. Wir haben den 23. August, und als Antwort hatte sich Polen für den Status quo ausgesprochen und damit Hitlers Aufforderung abgeschlagen.

Hitlers gutes Recht war unbestreitbar. Er forderte Danzig und den Durchgang durch den Korridor, die Menschen dort forderten ihrerseits den Anschluß an Deutschland. Wie alle bereits einverleibten Gebiete waren sie sich bewußt, zum Reich zu gehören und diesem nur durch den Versailler Vertrag entrissen worden zu sein. Und überhaupt verlangte Hitler in der Korridor-Frage und gegen den Wunsch der Bewohner lediglich eine Autobahn sowie eine Eisenbahnstrecke mit exterritorialem Charakter, um eine Verbindung zwischen dem übrigen Reich und Ostpreußen zu schaffen. Vernünftiger konnte man nicht sein. Was seine Macht anbetraf, so hatte sein Nachrichtendienst ihn davon überzeugt, daß Deutschland militärisch starker war als England, Frankreich und Polen zusammen. Und das stimmte.

In Italien schätzte man sich glücklich über das Meisterstück, das Hitler mit dem deutsch-sowjetischen Pakt vollbracht hatte. Ja, man frohlockte: diesmal lägen die Demokratien auf den Knien, und es sei vorbei mit dem triumphierenden Antifaschismus.

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Moskau schließlich betrachtete die Verwirrung der in die Kapitulation oder den Krieg getriebenen westlichen Demokratien. Jedenfalls glaubte man, mit ihnen das Spiel so weit getrieben zu haben, daß sie nicht mehr zurück konnten und sich für den Krieg entschieden. Und man frohlockte ebenfalls.

Das war die Stimmung, die an diesem 23. August 1939 in allen betroffenen Hauptstädten herrschte, in London wie in Paris, Warschau, New York, Berlin, Rom und Moskau. Man kann die Schuld am Ausbruch des Krieges nicht besser beleuchten, als die Ereignisse der letzten zehn Tage vor dessen Erklärung in zeitlicher Abfolge wiederzugeben.

23. August 1939

Um 13 Uhr trifft der britische Botschafter in Berlin, Sir Nevile Henderson, in Berchtesgaden ein. Er soll Hitler eine Botschaft überreichen, die Chamberlain einen Tag zuvor, als er vom Abbruch der Gespräche zwischen Moskau und der französisch-britischen Delegation erfuhr, verfaßt hat. Mit bisweilen rührenden Worten schlägt er Hitler vor, »mit ihm Voraussetzungen zu schaffen, die für die Aufnahme von direkten Verhandlungen zwischen Deutschland und Polen« geeignet wären. Er stellt nur eine Bedingung: »daß ein zu erreichendes Abkommen bei seinem Abschluß von anderen Mächten garantiert werde«. Und er teilt ihm mit, daß »nötigenfalls Seiner Majestät Regierung entschlossen und bereit ist, alle ihr zur Verfügung stehenden Kräfte unverzüglich einzusetzen«. Ferner einen geschickten Vorschlag, der Hitler erweichen könnte: »gleichzeitig jene größeren, zukünftige internationale Beziehungen berührenden Probleme zu erörtern, einschließlich die uns und Eure Exzellenz interessierenden Angelegenheiten«. [267] Die Freundschaft Englands im Grunde genommen.

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Um 18 Uhr überreicht Hitler Sir Nevile Henderson seine Antwort eigenhändig. »Deutschland hat niemals Konflikte mit England gesucht und sich nie in englische Interessen eingemischt. Es hat sich im Gegenteil — wenn auch leider vergebens — jahrelang bemüht, die englische Freundschaft zu erwerben.« Dies als Antwort auf das Angebot umfassender Verhandlungen.

Er fährt fort: »Deutschland war bereit, die Frage Danzigs und die des Korridors durch einen wahrhaft einmaligen großzügigen Vorschlag auf dem Weg von Verhandlungen zu lösen. Die von England ausgestreuten Behauptungen über eine deutsche Mobilmachung gegenüber Polen, die Behauptung von Aggressionsbestrebungen gegenüber Rumänien, Ungarn usw. sowie die später abgegebenen sogenannten Garantieerklärungen hatten die Geneigtheit der Polen zu Verhandlungen auf einer solchen auch für Deutschland tragbaren Basis beseitigt . . . Deutschland ist — wenn es von England angegriffen wird — darauf vorbereitet und dazu entschlossen . . . Die Frage der Behandlung der europäischen Probleme in friedlichem Sinne kann nicht von Deutschland entschieden werden, sondern in erster Linie von jenen, die sich seit den Verbrechen des Versailler Diktats jeder friedlichen Revision beharrlich und konsequent widersetzt haben.« [268]

Sir Nevile Henderson findet bei der Übergabe der Chamberlain-Botschaft und beim Empfang der Antwort zwar keine sehr gute Aufnahme, aber die Gespräche, so wie sie zwischen beiden Regierungen eingeleitet sind, lassen glückliche Entwicklungen erhoffen.

Präsident Roosevelt, der nicht recht weiß, wie er bei der Erörterung der europäischen Frage mitreden könnte, teilt am selben Tag dem König von Italien mit, daß »die Vereinigten Staaten gerne an friedlichen Unterhandlungen teilnehmen würden« und daß er »Vorschläge für eine friedliche Lösung der gegenwärtigen Krise . . . unterbreiten« [269] möge.

Die Antwort bleibt aus: Möglicherweise hat der König von Italien diesen Brief als Versuch bewertet, Spannungen zwi-

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schen den Achsenmächten zu schaffen. Am späten Abend meldet die Londoner BBC, »der Ministerrat Seiner Majestät habe angesichts der durch die Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Paktes nun geschaffenen Lage beschlossen, das Unterhaus um Vollmachten zu bitten, damit er alle erforderlichen politischen und militärischen Maßnahmen treffen kann«.

In Danzig beschließt der Senat einstimmig, den Gauleiter und NSDAP-Chef Forster zum Staatsoberhaupt der Freien Stadt Danzig zu erklären. [270]

24. August

Präsident Roosevelt bittet Hitler und den polnischen Staatspräsidenten Moscicki inständig, »für eine bestimmte Zeit jegliche Aggression zu unterlassen und ihre Streitfragen nach Absprache auf einem der drei Wege beizulegen: direkte Verhandlungen, Schiedsgerichtsbarkeit oder Verständigung«. [271] Zum Schluß bietet er natürlich seine guten Dienste an.

Offenbar hat Hitler diesen Appell unbeantwortet gelassen.

Staatspräsident Moscicki dagegen antwortet: »Die Schiedsgerichtsbarkeit und direkte Verhandlungen sind unbestreitbar die geeignetsten Mittel zur Lösung internationaler Schwierigkeiten . . . Ich erachte es jedoch als meine Pflicht, zu betonen, daß es nicht Polen ist, das in dieser Krise Forderungen stellt und Zugeständnisse von einer anderen Nation verlangt. Es ist deshalb ganz selbstverständlich, daß Polen sich einverstanden erklärt, sich jeder feindseligen Handlung unter der Voraussetzung zu enthalten, daß die andere Partei ebenfalls einwilligt, sich jeder ähnlichen mittelbaren oder unmittelbaren Handlung zu enthalten.« [272] Kein Wort über Danzig und den Korridor.

Papst Pius XII. richtet seinen Appell an die Welt. [273]

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In London hält Chamberlain seine am Tag zuvor angekündigte Rede vor dem Unterhaus: dabei paraphrasiert er die Botschaft, die er Hitler zukommen ließ. Er bekräftigt erneut die Entschlossenheit Englands, Polen zu unterstützen, läßt aber die Türen zu Verhandlungen offen.

In Berlin meint Göring, der Chamberlains Botschaft und Hitlers Antwortschreiben zur Kenntnis genommen hat, daß die Sache nicht schlecht abgelaufen sei und daß der bei diesem Schriftwechsel angeschlagene Ton hoffen lasse. Einziger dunkler Punkt: von Ribbentrop. Göring hält nicht viel von dem diplomatischen Vermögen des Reichsaußenministers und glaubt nicht, daß er mit seinem barschen Auftritt und seiner Adjutantenstarrheit der rechte Mann für eine so heikle Lage sei: Ribbentrop könne keine engen Beziehungen zu den Briten mit dem nötigen Fairplay unterhalten. Deshalb erwägt er, mit der englischen Regierung heimlich in Verbindung zu treten. Persönlich kann er es freilich nicht; durch eine Mittelsperson könnte er aber vielleicht das Unvermögen, wenn nicht die Böswilligkeit von Ribbentrops vertuschen und zwischen Deutschland und England den vertraulichen Kontakt herstellen, den er für unerläßlich hält.

Der schwedische Industrielle Birger Dahlerus

Er kennt seit 1934 einen schwedischen Industriellen namens Birger Dahlerus, der zahlreiche Beziehungen zu den

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politischen sowie unternehmerischen Kreisen Großbritanniens und Deutschlands hat und darum bemüht ist, sie durch häufige Zusammenkünfte zueinander zu bringen. Die letzte fand am 7. August 1939 in einer kleinen nordfriesischen Ortschaft statt. Bei dieser Zusammenkunft waren außer Göring und General Bodenschatz noch zwei oder drei deutsche Persönlichkeiten anwesend, darunter Staatssekretär Körner. Britischerseits nahmen auch einige politische Persönlichkeiten, etwa Charles F. Spencer, ein einflußreiches Mitglied der Konservativen Partei, an der Besprechung teil. Die Stimmung konnte kaum herzlicher sein. Zwischen England und Deutschland bestehen feste Kontakte, und Göring ist der Ansicht, daß keiner sie besser ausnützen könnte als Birger Dahlerus.

Chamberlains Unterhaus-Rede, die er mittlerweile kennt, hat ihn in seiner Überzeugung bestärkt, daß seine Idee gut sei.

Gegen Mitternacht startet ein Sonderflugzeug in Tempelhof mit Birger Dahlerus an Bord. Er soll im Auftrag Görings Chamberlain mitteilen, daß seine Unterhaus-Rede in Berlin aufmerksam gelesen werde, daß nichts verloren sei, solange das Unwiderrufliche nicht geschehen sei, und daß Göring alles tun werde, was in seinen Kräften stehe, um den Krieg zu verhüten.

25. August

Der Einmarsch in Polen sollte am folgenden Tag im Morgengrauen stattfinden: Hitler hat angeordnet, man müsse die Operation so vorbereiten, daß die Marschbefehle jederzeit und bis zur letzten Minute rückgängig gemacht werden könnten. Er rechnet damit, daß Oberst Beck, wenn überhaupt, erst in der letzter Minute nachgeben werde . . .

In den ersten Morgenstunden verfaßt er einen Brief an Mussolini, der diesen taktvoll an den Stahlpakt erinnern soll:

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»Ich darf Ihnen noch versichern, Duce, daß ich in einer ähnlichen Situation das völlige Verständnis für Italien aufbringen werde und Sie von vornherein in jedem solchen Falle meiner Haltung sicher sein können!« [274] Zuvor hat er ihm mitgeteilt, daß Polen durch zahlreiche Provokationen eine unerträgliche Lage in Danzig geschaffen habe und daß der Krieg nunmehr unvermeidlich sei.

Vormittags erhält er zwei Nachrichten. Die erste, von Roosevelt, teilt ihm mit, daß der polnische Staatspräsident bereit sei, die Streitfrage durch direkte Verhandlungen beizulegen: das stimmte nicht, [275] und Hitler beachtet sie nicht. Die zweite kommt von der Deutschen Botschaft in London. Sie setzt ihn in Kenntnis, »daß das englische Volk geschlossen hinter der Regierung steht . . . Das Gesamtbild ist das ruhiger Bereitschaft und Zuversicht gegenüber einem Krieg, den man nicht wünscht, jedoch als kaum mehr vermeidbar betrachtet«. [276] Diese Nachricht macht Hitler nachdenklich: er kann nicht verstehen, daß England, nach dessen Freundschaft er immer wieder getrachtet hat, ihm so feindlich gesonnen ist. Und er leidet darunter: gerade die Engländer, die er für ein arisches Volk hält! Plötzlich kommt er auf einen Gedanken: der Ton des Schriftwechsels mit Chamberlain erlaubt ihm, dem britischen Premier ein so großzügiges Angebot zu unterbreiten, daß er nicht abschlagen kann.

Er bestellt Sir Nevile Henderson auf 13 Uhr 30.

Dann ruft er Keitel an: »Verschieben Sie bis 15 Uhr die Truppenbewegungen für den morgigen Einmarsch in Polen!«

Sir Nevile Henderson macht er folgendes Angebot: ein Bündnis mit England, falls dieses ihm bei der Rückgewinnung Danzigs und des Korridors behilflich ist; eine deutsche Garantie für die neuen Grenzen Polens, ein Abkommen über die deutschen Kolonien, Garantien für die deutschen Minderheiten in Polen, eine deutsche Hilfeleistung bei der Verteidigung des Britischen Empires in allen Teilen der Welt. [277]

Die Unterredung ist freundlich gewesen: Sir Nevile Henderson entschließt sich, nach London zu fliegen.

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Kurz vor 15 Uhr drahtet der Londoner Vertreter des Deutschen Nachrichten-Büros nach Berlin, daß die britische und die polnische Regierung soeben ein gegenseitiges Bündnisabkommen unterzeichnet hätten, für den Fall einer deutschen Angriffsaktion entweder gegen Polen oder gegen England. Der Wortlaut dieses Bündnisses deutet auf eine bedingungslose Hilfeleistung hin. [278]

Hitler, von Ribbentrop und Göring sind verblüfft: Oberst Beck kann nun allein über Krieg und Frieden entscheiden, England steht in Polens Gewalt. Unglaublich!

Hitlers Reaktion: Er beauftragt Keitel, unverzüglich alle Vorbereitungen für den Einmarsch in Polen wieder in Gang zu setzen.

Dann bestellt er den französischen Botschafter Coulondre und bittet ihn, Daladier folgendes zu übermitteln: Die Provokationen seien unerträglich geworden; er werde intervenieren; er habe keine feindseligen Gefühle gegen Frankreich; es würde ihn schmerzen, wegen Polens mit seinem Land (Frankreich) kämpfen zu müssen; er sei aber auch auf einen Angriff Frankreichs vorbereitet und werde in diesem Fall dementsprechend reagieren.

Mittlerweile ist es 17.30 Uhr.

Um 18 Uhr trifft Mussolinis Antwort ein: Italien ist nicht kriegsbereit. Wie schon bei der Unterzeichnung des Stahlpakts angedeutet, wird es erst 1943 an die Seite Hitlers in den Krieg eintreten können. Italien werde lediglich, im Rahmen des Möglichen, ihn unterstützen und sich neutral verhalten. Mussolini bedauert, daß die Sache so stehe, aber Italien verfüge nicht über die notwendigen Rohstoffe und Waffen. Wenn ihm Deutschland diese Waffen und Rohstoffe lieferte, sähe es ganz anders aus, und es könnte unverzüglich eingreifen. [279]

Hitler ist bestürzt: Besprechung mit Ribbentrop und Göring.

Um 19.30 Uhr läßt er den Vormarsch-Befehl erneut widerrufen: die deutschen Generale verstehen nichts mehr.

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Dann verfaßt er für alle Fälle einen zweiten Brief an Mussolini und bittet ihn, alles aufzulisten, was er bei einem unverzüglichen Eintritt in den Krieg brauche.

26. August

Um 7.50 fliegt Sir Nevile Henderson nach London.

In der Mittagszeit trifft die von Hitler gewünschte Liste der italienischen Anforderungen in der Reichskanzlei ein: »Wir stellten die Liste aus«, vermerkt Ciano in seinem Tagebuch. »Sie würde einen Stier töten, wenn er sie lesen könnte.« [280] Mussolini bleibt bei seiner Entschuldigung, nicht in den Krieg einzutreten: »Wenn Sie glauben, daß es noch irgendeine Möglichkeit der Lösung auf politischem Gebiet gibt, bin ich bereit, Ihnen — wie schon früher — meine volle Solidarität zu leihen und die Initiative, die Sie zu diesem Zweck für nützlich halten können, zu ergreifen.« [281]

Um 15 Uhr übergibt der britische Geschäftsträger in Berlin, Sir Ogilvie-Forbes, [282] Staatssekretär von Weizsäcker folgende Note:

»Seiner Majestät Regierung prüft heute nachmittag gemeinsam mit Sir Nevile Henderson sorgfältig Herrn Hitlers Botschaft. Die Antwort der Regierung Seiner Majestät ist in Vorbereitung und wird in einer Vollsitzung des Kabinetts besprochen werden. Sir Nevile Henderson wird am Sonntag, dem 27. August, nachmittags mit dem endgültigen Text der Antwort nach Deutschland zurückkehren.« [283]

Zur selben Zeit trifft Dahlerus in Berlin ein. Er bringt eine von Lord Halifax verfaßte Mitteilung an Göring mit. Dahlerus wird sie später »als ausgezeichneten Brief« bewerten, »in dem er (Lord Halifax) den Wunsch Seiner Majestät Regierung, zu einer friedlichen Lösung zu kommen, klar und deutlich ausdrückte«. [284]

Um 17 Uhr sind die deutschen Wirtschaftsfachleute mit der Prüfung der italienischen Anforderungen hinsichtlich Roh-

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stoffen und Waffen fertig; Hitler schreibt Mussolini, er könne seinen Wünschen nicht entsprechen, und bitte ihn nur darum, »die mir in Aussicht gestellte Bindung englisch-französischer Kräfte durch eine aktive Propaganda und geeignete militärische Demonstrationen herbeiführen zu wollen«. [285]

Kurz vor 19 Uhr trifft Mussolinis Antwort auf diesen Brief in der Reichskanzlei ein: Mussolini beteuert erneut seine Niedergeschlagenheit, »gezwungen zu werden, durch Kräfte, die stärker sind als mein Wille, Ihnen im Augenblick der Aktion meine positive Solidarität nicht beweisen zu können«, und bekräftigt seine Überzeugung, daß eine politische Lösung, »die ich noch für möglich halte, Deutschland völlige moralische und materielle Genugtuung gewähren kann«. [286]

Hitler geht von der Bestürzung zur Erbitterung über.

Um 19.30 Uhr überbringt ihm Coulondre die Antwort Daladiers auf seine mündlichen Ausführungen des Vortages: es handelt sich um eine schriftliche Botschaft:

»In einer so schweren Stunde«, schreibt er, »glaube ich aufrichtig, daß kein edelgesinnter Mensch es verstehen könnte, daß ein Krieg der Zerstörung unternommen würde, ohne daß ein letzter Versuch einer friedlichen Lösung zwischen Deutschland und Polen stattfindet . . . Ich als Chef der französischen Regierung . . . bin bereit, alle Anstrengungen zu machen, die ein aufrichtiger Mensch unternehmen kann, um diesen Versuch zu einem guten Ende zu führen.« [287]

Hitler teilt dem französischen Botschafter mit, er werde Daladier schriftlich antworten.

Der Tag endet mit einem Zwischenfall, an dem Göring und von Ribbentrop beteiligt sind. Die geheime Dienststelle für die Entzifferung und das Auffangen von Funksprüchen hat sämtliche Telefongespräche von Dahlerus aufgenommen, sein ganzes Kommen und Gehen registriert und auftragsgemäß die Wilhelmstraße in Kenntnis gesetzt. Ribbentrop gerät in Zorn, als er merkt, daß Göring hinter seinem Rücken jemanden nach London geschickt hat. Und als Krönung hat

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die Direktion der Lufthansa zu Beginn des Nachmittags dem Reichsaußenminister gemeldet, daß die Lufthansa-Maschine aus London um 17.30 in Tempelhof landen würde, mit Herrn Dahlerus, einem »Mitarbeiter des Foreign Office« [288] an Bord. Von Ribbentrop erblickt darin den Beweis, daß Dahlerus ein Agent des Intelligence Service sei, und sucht Hitler, mit dem Beweis in der Hand, auf. Es kommt zu einem heftigen Wortwechsel zwischen Hitler, von Ribbentrop und Göring . . .

Gegen Mitternacht melden sich zwei Gestapo-Beamte in Dahlerus' Hotel und begleiten den schwedischen Industriellen zu Hitler, der ihn in Begleitung Görings erwartet; daraus ersieht man, daß letzterer sich gegen von Ribbentrop durchgesetzt hat. Es beginnt ein langer Vortrag von Hitler: »Polen verhält sich nur so, weil es Englands bedingungslose Garantie-Erklärung besitzt . . . Seit sechs Monaten schlage ich ihm Verhandlungen vor . . . Ich habe England ein großzügiges Angebot gemacht . . . Offenbar hat es sich für Polen und den Krieg entschieden. Ich werde Polen vernichten . . . Ich werde Flugzeuge, Flugzeuge und immer noch Flugzeuge bauen, U-Boote, U-Boote und immer noch U-Boote . . .«

Zum Schluß ruft er gegenüber Dahlerus aus: »Herr Dahlerus! Sie haben meine Auffassung gehört. Sie müssen sofort nach England reisen, um sie der englischen Regierung mitzuteilen. Ich glaube nicht, daß Henderson mich verstanden hat, und wünsche aufrichtig, daß eine Verständigung zustande kommt!« [289]

27. August

Das bedeutendste Ereignis dieses Tages ist Birger Dahlerus' Treffen in London mit Chamberlain, Lord Halifax, Sir Horace Wilson, Sir Alexander Cadogan und Sir Robert Vansittart, zunächst einzeln, dann zusammen in einer Art Sondersitzung des Ministerrats. Im Mittelpunkt dieser Besprechungen steht der Umstand, daß am Vortag, dem 26. August,

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der von Hitler vorgesehene Einmarsch in Polen ausgeblieben ist; man schließt daraus, daß Englands Politik der Unnachgiebigkeit ihn zum Weichen bringe, und man ist um so mehr entschlossen, noch unnachgiebiger zu sein. Dennoch sind die Briten realistisch. Die Tatsache, daß Hitler die deutsche Wehrmacht in den Dienst des britischen Empires, falls es bedroht würde, zu stellen bereit ist, ärgert sie zwar und kränkt offenbar ihr Ansehen und Ehrgefühlt, aber sein Vorschlag einer deutsch-britischen Gesamtregelung enthält anscheinend zu viele positive Gesichtspunkte, um ihn nicht einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen. Sie sind mit ihm grundsätzlich einverstanden.

Mittags in London eingetroffen, landet Dahlerus um Mitternacht wieder in Berlin: Göring erwartet ihn am Flughafen. Der Schwede zeigt dem Generalfeldmarschall ein Memorandum, das die Briten ihm übergeben haben:

1. »Die Regierung Seiner Majestät wiederholt feierlich ihren Wunsch, die guten Beziehungen zu Deutschland aufrechtzuerhalten. Kein Mitglied der Regierung vertritt eine andere Ansicht.

2. Großbritannien fühlt sich mit seiner Ehre dazu verpflichtet, seine Verpflichtungen gegenüber Polen einzuhalten.

3. Der deutsch-polnische Streitfall muß auf friedlichem Wege bereinigt werden. Wenn eine solche Lösung erreicht werden kann, werden sich daraus sofort bessere Beziehungen (zwischen Deutschland und England) ergeben.« [290]

Am 28. August, um 2 Uhr morgens, teilt Göring Dahlerus fernmündlich mit, daß Hitler den britischen Standpunkt anerkenne: er sei natürlich damit einverstanden, die Danzig- und Korridorfrage auf friedlichem Wege durch direkte Verhandlungen mit Warschau zu regeln, da er Oberst Beck bereits am 5. Januar 1939 solche Verhandlungen vorgeschlagen habe. Es gelte nun, Oberst Beck dazu zu bewegen, daß er ebenfalls einwillige.

Dahlerus telegraphiert sofort mit der britischen Botschaft in Berlin. Außerdem berichtet er, wie Göring und Hitler auf

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den Verlauf seiner Unterredung in London reagiert hätten. Beide hätten viel Verständnis für den britischen Standpunkt gezeigt. Ein Satz ist dennoch bemerkenswert: Großbritannien muß Polen überzeugen, daß es mit Deutschland sofort verhandelt, und »es ist äußerst wünschenswert, daß in der von Sir Nevile Henderson zu überbringenden Antwort diese Verpflichtung zur Überredung der Polen enthalten ist«. [291]

Davon ist in der Aufzeichnung, die Dahlerus Göring überbrachte, nicht die Rede.

Die übrigen Tagesereignisse sind als Erledigung der laufenden Angelegenheiten zu bezeichnen: Hitler schreibt Mussolini und Daladier. Den ersten bittet er lediglich um die Entsendung von Arbeitskräften für seine Landwirtschaft und Industrie. Dem zweiten bekräftigt er erneut seinen Abscheu vor dem Krieg und seinen Standpunkt in der deutsch-polnischen Streitfrage. [292]

Zwei weitere Begebenheiten seien noch erwähnt: eine Unterredung des Polen Graf Lubienski, Kabinettschef von Oberst Beck, mit Peter Kleist, einem Angehörigen des Auswärtigen Amts, sowie eine in Paris zwischen dem italienischen Botschafter Guariglia und Georges Bonnet.

Ersterer, ein besonnener Pole, legt Peter Kleist dar, Oberst Beck sei an die Armee und die öffentliche Meinung gebunden, er würde gern verhandeln, man müsse ihm aber Zeit lassen, mit denen fertig zu werden, die ihn mitreißen. Man müßte dies von Ribbentrop und Hitler begreiflich machen. Von Ribbentrop leitet den Bericht Hitler zu, der ihn allerdings auf sich beruhen läßt. [293]

Aus seiner Unterredung mit Georges Bonnet hat Guariglia den Eindruck gewonnen, daß der französische Außenminister es begrüßen würde, wenn Mussolini eine Vermittlerrolle übernähme. [294]

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28. August

Am frühen Vormittag steht in allen Staatskanzleien das politische Barometer auf »schön Wetter«. In Warschau hat sich der deutsche Geschäftsträger ins Auswärtige Amt begeben, um Beschwerde gegen die wiederholten Überfälle der polnischen Flak auf deutsche Flugzeuge zu führen. Während er damit rechnete, daß der Protest zurückgewiesen würde, erhält er das Versprechen, man werde die Vorwürfe einer sorgfältigen Prüfung unterziehen. In allen sofort benachrichtigten Hauptstädten bahnt sich eine Entspannung an.

In London haben die Reaktionen Hitlers und Görings auf das von Dahlerus überbrachte britische Angebot Lord Halifax günstig beeindruckt. Dieser nahm sie spät in der Nacht zur Kenntnis. Dann führte er ein Gespräch mit dem polnischen Botschafter. Er sagte ihm, er habe interessante Angebote von Hitler erhalten und Oberst Beck dürfe nicht alles durch übermäßigen Starrsinn gefährden. Anschließend schickte er dem britischen Botschafter in Warschau, Howard Kennard, folgendes Telegramm:

»Ich übersende Ihnen mit meinem nächsten Telegramm in großen Zügen unsere Antwort an Hitler. Bitte bemühen Sie sich, Herrn Beck, sobald Sie diese erhalten haben, zu sehen, und melden Sie sofort telefonisch dessen Antwort. Wenn er uns zur gewünschten Zeit eine positive Antwort gibt, werden wir Hitler mitteilen, die polnische Regierung sei bereit, auf der genannten Grundlage in Unterhandlungen mit dem Reich einzutreten.« [295]

Um 16 Uhr trifft die Antwort von Oberst Beck ein:

»Oberst Beck ist äußerst dankbar für die vorgeschlagene Antwort an Hitler und ermächtigt Seiner Majestät Regierung, die deutsche Regierung zu informieren, daß Polen bereit ist, sogleich in direkte Verhandlungen mit dem Reich einzutreten. Er würde sich jedoch freuen, in gebührender Frist zu erfahren, welche Form einer internationalen Garantie ins Auge gefaßt worden wäre.« [296]

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Auf Dahlerus' Veranlassung meldet die britische Botschaft in Berlin dem Foreign Office zur selben Zeit, daß der Einmarsch in Polen für die Nacht zum 1. September vorgesehen sei, und es sei demnach dringend, daß die britische Antwort auf die Vorschläge Hitlers vom 25. August und auf die Dahlerus' vom Vortrag der deutschen Regierung zukomme.

Sie braucht nur noch fertiggestellt zu werden. Um 17 Uhr kann Sir Nevile Henderson nach Berlin zurückfliegen. Um 18 Uhr ruft Lord Halifax den britischen Geschäftsträger in Berlin Sir Ogilvie-Forbes an, der in Abwesenheit Sir Nevile Hendersons als Botschafter wirkt; er soll die Wilhelmstraße benachrichtigen, daß Sir Nevile Henderson sich von 21 Uhr an Reichskanzler Hitler zur Verfügung halten werde.

Bei seiner Landung in Berlin um 20.30 Uhr erfährt der britische Botschafter, daß Hitler ihn um 22 Uhr erwarte, läßt aber die Unterredung auf 22.30 Uhr verschieben. Er will die britische Antwort erst ins Deutsche übersetzen lassen, bevor er sie Hitler überreicht.

Um 22.30 Uhr wird er in der Reichskanzlei mit den Ehren empfangen, die sonst nur Staatschefs vorbehalten sind; so sehr will Hitler seinen guten Willen und die Bedeutung, die er dem Ereignis beimißt, unterstreichen. Diese außergewöhnliche Feierlichkeit soll unter Beweis stellen, daß er sicher ist, die englische Antwort werde seinen Erwartungen entsprechen und eine neue Ära in den deutsch-britischen Beziehungen einleiten.

Die Unterredung, die eineinviertel Stunden dauert, verläuft von Anfang bis zum Ende in ruhiger und würdiger Atmosphäre. [297]

Hitler werde die englische Note aufmerksam studieren und am nächsten Tag eine schriftliche Antwort geben.

Gegen 1 Uhr morgens wird Dahlerus durch einen Ordonnanzoffizier benachrichtigt, daß die Prüfung der britischen Note Göring in der Reichskanzlei aufgehalten habe und daß dieser ihn dadurch nicht am Abend, wie vorgesehen, treffen konnte. Er lasse ihm ferner mitteilen, die Aussichten für den

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Frieden seien ausgezeichnet und er werde ihn am nächsten Morgen sprechen. [298]

Das Stimmungsbarometer hat den ganzen Tag auf schön gestanden.

In Rom ist Mussolini, der von seinem Botschafter in Berlin Stunde für Stunde auf dem laufenden gehalten wird, immer mehr geneigt, als Vermittler aufzutreten. Am Abend läßt er der Wilhelmstraße mitteilen, daß seiner Ansicht nach das deutsche Anrecht auf Danzig grundsätzlich anerkannt werden müsse und daß er für das übrige (Kolonien, Rohstoffe, Rüstungsbeschränkung) eine Vier- bzw. eine Fünferkonferenz anrege.

29. August

Eine allgemeine Mobilmachung prägt diesen Tag. In Frankreich sind 600000 Mann in ihre Kasernen eingerückt. In Italien hat Mussolini die Truppen an der französisch-italienischen Grenze zusammengezogen und seine Luftwaffe überall (Libyen, Äthiopien, Sardinen, Sizilien) in Alarmbereitschaft gesetzt. In der Slowakei hat die Regierung das Staatsgebiet der Wehrmacht zur Verfügung gestellt. In Belgien sind zwölf Divisionen wiedereinberufen worden. In Spanien befestigt General Franco die Pyrenäen-Grenze. Ungarn macht mobil gegen Rumänien, und umgekehrt. Sogar die Schweiz ordnet die Einberufung der Grenzschutztruppen an.

Die besorgniserregendste Mobilmachung wird aber in Polen am frühen Nachmittag verfügt. Am Vortag hat Beck den Engländern versprochen, direkte Verhandlungen mit Berlin zu eröffnen, und heute . . . Beide Haltungen sind nicht vereinbar: ein Beweis, daß der Oberst keine klaren Absichten hat.

Die entrüsteten Botschafter Frankreichs und Englands, Léon Noël und Sir Howard Kennard, sagen es ihm auch und legen scharfen Protest ein. Vergebens.

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In Berlin sorgt diese Generalmobilmachung für eine um so größere Erregung, als im Laufe der Nacht alarmierende Berichte über Übergriffe der polnischen Flak gegen deutsche Flugzeuge und Grenzvorfälle sich auf Hitlers Schreibtisch gehäuft haben. Die deutschen Generale sind höchst besorgt, man müsse sofort handeln, oder dann die ganze Sache auf das nächste Frühjahr verschieben. Sie sind eher für eine sofortige Aktion: Polen werde nicht nachgeben. Auf jeden Fall dürfe kein Befehl erteilt werden, der wie in den fünf letzten Tagen durch einen Gegenbefehl aufgehoben werde. Es werde bald Winter, der die Operationen stoppen könnte, noch bevor sie erfolgreich zu Ende geführt seien. Hitler, der die Forderungen seiner Generale nicht zu berücksichtigen pflegt, hört diesmal auf sie. Falls die Verhandlungen nicht innerhalb von achtundvierzig Stunden zum Ziel führen, werde er mit Polen abrechnen.

Die Generale gehen zufrieden.

Am frühen Nachmittag bieten sich der König der Belgier und die Königin der Niederlande als Vermittler an.

Um 16.40 Uhr bietet auch Mussolini seine Dienste für eine Vermittlungsaktion an: »Wenn Deutschland will, daß Italien in London etwas unternimmt oder sagen soll, so ist der Duce vollständig zur Verfügung des Führers.« [299]

In Berlin wird Sir Nevile Henderson in der Reichskanzlei um 19.15 bestellt, um Hitlers Antwort auf die britische Note entgegenzunehmen. Der Ton ist versöhnlich, wenn auch fest. Sie enthält folgenden Satz: »Die deutsche Regierung rechnet mit dem Eintreffen dieser Persönlichkeit (des polnischen Bevollmächtigten) für Mittwoch, den 30. August 1939.« [300]

Der britische Botschafter fährt hoch: die Frist ist viel zu kurz; in vierundzwanzig oder höchstens dreißig Stunden wird England Oberst Beck niemals dazu veranlassen können, einen Unterhändler nach Berlin zu schicken.

Die daraufhin einsetzende Diskussion wird sehr bald heftig und endet mit einem Eklat: Hitler versteift sich auf den Termin: am 28. August, 16 Uhr, habe sich Beck bereit erklärt,

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»sogleich in direkte Verhandlungen mit dem Reich einzutreten« [301], und wenn er es ehrlich meine, so müsse er Vorbereitungen getroffen haben. Sir Nevile Henderson beharrt ebenfalls auf seinem Sinn. Es kommt zum Wortwechsel. Die beiden Männer nehmen frostig voneinander Abschied.

Wenn auch sehr niedergeschlagen, weil er alles für verloren hält, bittet Sir Nevile Henderson den polnischen Botschafter Lipski, ihn aufzusuchen: er unterrichtet ihn über seine Unterredung mit Hitler und beschwört ihn, auf Oberst Beck einzudringen, daß er einen Unterhändler nach Berlin zum festgesetzten Zeitpunkt schicke. Er setzt sich danach mit dem französischen Botschafter Coulondre in Verbindung, berichtet ebenfalls von seiner Unterredung mit Hitler und bittet ihn dringend, der französischen Regierung eine Intervention in Warschau zu empfehlen. Dann ist der italienische Botschafter Attolico an der Reihe; er soll Mussolini auffordern, ebenfalls in Warschau zu intervenieren. Schließlich läßt er Lord Halifax einen Bericht über sein Gespräch mit Hitler zukommen: Er bedauert, daß die Frist so kurz sei, legt aber Nachdruck darauf, daß das Eintreffen eines polnischen Bevollmächtigten in Berlin die einzige Chance sei, den Krieg zu vermeiden. [302]

Um 22.30 sucht Sir Ogilvie-Forbes von der britischen Botschaft Dahlerus in seinem Hotel auf und berichtet ihm, daß die Unterredung zwischen Hitler und Henderson schlecht verlaufen sei und daß beide Männer nach einem heftigen Streit auseinandergegangen seien. Er ist völlig niedergeschlagen und fragt ihn, wie der Schaden wiedergutzumachen sei. Mitten im Gespräch Anruf von Göring: Dahlerus soll sofort nach London fliegen mit dem Auftrag, der britischen Regierung den unglücklichen Zwischenfall zu erklären. Er soll außerdem betonen, daß der Führer gerade Vorschläge ausarbeite, die er am nächsten Tag dem polnischen Bevollmächtigten unterbreiten werde, und daß diese Forderungen die Engländer durch ihre Mäßigung überraschen würden. [303]

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30. August

Um 4 Uhr morgens empfängt Sir Nevile Henderson ein Telegramm von Lord Halifax, das dieser am Abend um 22.25 Uhr verfaßt hat. Er teilt ihm mit, daß die deutsche Note sorgfältig geprüft werde, daß man aber nicht damit rechnen dürfe, die britische Regierung werde binnen 24 Stunden einen polnischen Bevollmächtigten in Berlin zur Stelle schaffen. Henderson solle die Reichsregierung in Kenntnis setzen. [304]

Um 5 Uhr fliegt Dahlerus nach London und landet dort um 8.30 Uhr.

In der Reichskanzlei ist Hitler zusammen mit mehreren Juristen und Diplomaten den ganzen Vormittag beschäftigt, die Bedingungen auszuarbeiten, die er dem polnischen Unterhändler auszuhändigen gedenkt. Er verlängert die Frist für die Annahme durch die polnische Regierung auf den 31. August, 24 Uhr. Sie sind alles andere als maßlos: Er hat auf die Provinz Posen verzichtet und eine von Göring empfohlene Volksabstimmung im Korridor akzeptiert. [305]

Nach Benoist-Méchin fand Lady Duff Cooper, die Gattin des einstigen Ersten Lords der Admiralität, diese Vorschläge achtundvierzig Stunden später »so vernünftig, daß ihr Mann entsetzt war, die britische öffentliche Meinung könne der gleichen Auffassung wie seine Frau sein.« [306] Eines scheint jedenfalls festzustehen: Hätten das französische und das britische Volk am 30. August von diesen Vorschlägen Kenntnis gehabt, so hätten Paris und London kaum den Krieg an Deutschland erklären können, ohne einen Sturm der Entrüstung hervorzurufen, der den Frieden durchgesetzt hätte.

Um 10 Uhr trifft Dahlerus mit Chamberlain, Lord Halifax, Sir Horace Wilson und Sir Alexander Cadogan im Foreign Office zusammen. Er sagt ihnen, daß Hitler den Zwischenfall mit Nevile Henderson am Vorabend nicht tragisch genommen habe. Sie auch nicht.

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Auf Wunsch Lord Halifax', der eine offizielle Bestätigung von Dahlerus' Ausführungen will und weitere Angaben braucht, führt der Schwede ab 12.30 Uhr mehrere Telefonate mit Göring in Berlin. Und jedesmal ist Lord Halifax mit den deutschen Rückäußerungen zufrieden.

Um 13 Uhr erhält der Chef des Foreign Office die Antwort auf ein Telegramm, das er am Abend zuvor seinem Botschafter in Warschau, Sir Howard Kennard, aufgesetzt hat: Er unterrichtete ihn unter anderem von der Frist, die Hitler für das Eintreffen eines polnischen Unterhändlers in Berlin gesetzt hatte. Sir Howard Kennard ist sicher, daß Oberst Beck eher kämpfen oder untergehen werde, als jemanden nach Berlin schicken oder selbst dort das demütigende Schicksal eines Hacha erfahren. Er schlägt daher vor, daß die Verhandlungen in einem neutralen Land oder in Italien stattfinden, damit sie zwischen gleichberechtigten Partnern ablaufen und die Sicherheit des polnischen Vertreters gewährleistet wird. [307] Hitler besteht aber darauf, daß sie in Berlin stattfinden.

Seit Mittag liegen die deutschen Vorschläge bereit. Hitler wird den ganzen Tag vergeblich warten, daß ein polnischer Unterhändler sie zur Kenntnis nimmt.

Dieser 30. August ist aber auch der Tag, an dem die Gerüchte über Hitlers verzweifelte Lage ihren Höhepunkt erreichen. An diesem Tag schreibt der französische Botschafter Präsident Daladier, daß »der Fisch am Haken« hänge. [308]

In Warschau ist Oberst Beck überzeugt, daß Hitler bluffte, als er drohte, er werde am 26. August in Polen einmarschieren und daß es lediglich ein Einschütterungsmanöver war: Wir schreiben bereits den 30. August, und nichts dergleichen ist eingetroffen. Er ist überzeugt, daß Hitler immer noch blufft, wenn er diesen Einmarsch für den 1. September 1939, in den frühen Morgenstunden, ankündigt. In Wirklichkeit, denkt er, muß Hitler eine noch nie dagewesene innere Krise überwinden. Die Informationen, die er aus Deutschland erhalten hat, sprechen von der Unzufriedenheit der Generale,

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aber auch vom Rücktritt des Generalstabschefs Halder, der oppositionellen Haltung von Brauchitschs, einem Nervenzusammenbruch des Führers, dem Staatsstreich, den die Generale vorbereiten und unmittelbar nach der Kriegserklärung Frankreichs und Englands auszulösen gedenken. Ein Deutscher, der sich als Angehöriger der deutschen Opposition ausgibt, hat diese Dinge Sir Nevile Henderson in Berlin erzählt, [309] und dieser hat sie Lord Halifax weitergegeben: Der Chef vom Foreign Office selbst ist erschüttert, obwohl Sir Nevile Henderson ihn darauf aufmerksam gemacht hat, es könne sich um einen agent provocateur handeln.

Oberst Beck ist der Ansicht, daß man sich dem Ziel nähere und nur noch 24 Stunden durchzuhalten habe: Er wird nicht nach Berlin gehen und auch niemanden dorthin schicken.

Um 23 Uhr rechnet von Ribbentrop nicht mehr mit dem Eintreffen eines polnischen Bevollmächtigten. Er bittet Sir Nevile Henderson, ihn aufzusuchen. Sie verabreden sich für 23.30 Uhr; der Botschafter Großbritanniens wird in letzter Minute aufgehalten und kann erst kurz nach Mitternacht in der Reichskanzlei eintreffen.

Von Ribbentrop legt ein ungemein anmaßendes Verhalten an den Tag. Einmal stehen sich die beiden Männer wie zwei Kampfhähne gegenüber und sind bereit, aufeinander loszugehen. Zum Schluß stellt der Reichsaußenminister in sarkastischem Ton fest, daß die gesetzte Frist für das Eintreffen eines polnischen Unterhändlers abgelaufen ist. Trotzdem verliest er Sir Nevile Henderson die sechzehn Punkt-Bedingungen, die Deutschland Polen zur Beilegung ihres Streits unterbreitet hatte. Nach Verlesung bittet der britische Botschafter von Ribbentrop, ihm die Note zu übergeben, damit er sie in aller Ruhe studiere und sie seiner Regierung weiterleiten könne. Ein einmaliger Vorfall in den diplomatischen Annalen: von Ribbentrop weigert sich, das zu tun. Sir Nevile Henderson ist so überrascht, daß er verdutzt dasteht, glaubt, nicht richtig verstanden zu haben, und wiederholt seine Bitte: »Übrigens ist es ja sowieso überholt, da Mitternacht schon

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vorbei ist und kein polnischer Unterhändler zu der gesetzten Frist erschienen ist«, antwortet von Ribbentrop grimmig.

»So war denn die in Ihrer Note vom 29. August gesetzte Frist von vierundzwanzig Stunden doch ein regelrechtes Ultimatum?« [310]

Mit diesen Worten geht die Unterredung zu Ende. Sir Nevile Henderson zieht sich schweigend zurück und ist überzeugt, daß die letzte Friedenshoffnung nunmehr geschwunden sei.

Um Mitternacht hält sich Dahlerus, der soeben aus London zurückgekommen ist, bei Göring auf. Beide Männer gratulieren einander und freuen sich über den Ton sowie den Inhalt von Hitlers Vorschlägen: damit ist der Frieden gerettet!

Dahlerus, der Sir Ogilvie-Forbes an seiner Freude teilnehmen lassen will, ruft ihn an und erfährt, was sich soeben zwischen Sir Nevile Henderson und von Ribbentrop abgespielt hat. Er ist niedergeschmettert. In Kenntnis gesetzt, ist Göring es nicht weniger. Er entscheidet eigenmächtig, daß Dahlerus Ogilvie-Forbes die Note am Telefon vorlese, was unverzüglich erfolgt. Hoffentlich ist noch nicht alles verloren, denken die beiden Männer.

Sofort von Göring über den Zwischenfall unterrichtet, spricht Hitler dem Feldmarschall seine Anerkennung aus.

Es ist mittlerweile zwei Uhr morgens.

Als aber Sir Ogilvie-Forbes dem britischen Botschafter den Text der deutschen Note mitteilen will, ist Sir Nevile Henderson unauffindbar: Er hat die Botschaft verlassen, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Sir Ogilvie-Forbes bleibt nichts anderes übrig, als den Text auf seinen Schreibtisch zu legen.

Sir Nevile Henderson muß ein besonders Lob gezollt werden: So niedergeschlagen er nach dem Wortwechsel mit Ribbentrop auch war, hatte er, um sein Gewissen zu beruhigen, den polnischen Botschafter, wenn auch ohne Illusionen, aufgesucht. Er sagt ihm, daß die deutschen Vorschläge, soweit er übersehen könnte, lediglich die Abtretung Danzigs und

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eine Volksabstimmung im Korridor vorsähen und daß sie demnach nicht allzu unvernünftig seien. Angesichts der äußerst kritischen Lage solle Lipski seiner Regierung eine Zusammenkunft zwischen Göring und Ridz-Smigly anempfehlen. Er fügt hinzu, daß irgendwelche mit Ribbentrop geführten Verhandlungen seiner Ansicht nach überhaupt keine Aussicht auf Erfolg hätten. [311]

Lipski verspricht weiterzuleiten.

Sir Nevile Henderson war ein gewissenhafter Mensch und ein großartiger Botschafter: verglichen mit Coulondre . . .

31. August

Die Morgenzeitungen melden, daß Papst Pius XII. einen pathetischen Appell an Hitler und Staatspräsident Moscicki gerichtet und sie inständig gebeten habe, »alles zu tun, um irgendeinen Zwischenfall zu vermeiden und von jeder Maßnahme Abstand zu nehmen, die geeignet wäre, die gegenwärtige Spannung zu verschärfen«. [312] Sie melden ebenfalls, daß Mussolini angeboten habe, zwischen Deutschland und Polen zu vermitteln.

Um 9 Uhr findet Sir Nevile Henderson in seinem Arbeitszimmer das Schreiben vor, das Sir Ogilvie-Forbes um zwei Uhr morgens hingelegt hat. Er ruft Dahlerus an, um sich bei ihm zu bedanken. Damit diese Note schneller an die Polen komme, regt er an, daß Dahlerus sie persönlich in die polnische Botschaft bringe.

Um 10 Uhr begibt sich Dahlerus in Begleitung von Sir Ogilvie-Forbes zur polnischen Botschaft: »Ich habe kein Interesse«, antwortet ihnen Lipski, »wenn es zu einem Krieg kommt, wird eine Revolution in Deutschland ausbrechen, und die polnischen Truppen werden dann auf Berlin marschieren, dann . . .« [313] Offenbar ist Lipski von jenem Angehörigen der deutschen Opposition aufgesucht worden, der ebenfalls bei Sir Nevile Henderson war. Allerdings hat er sich

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nicht gefragt, ob es sich um einen agent provocateur handeln könne: Er hat ihm geglaubt.

In Paris, London, Rom und Warschau steht das Telefon nicht still. Aus Berlin unterrichtet Coulondre, der seinen Optimismus vom Vortag verloren hat, Außenminister Bonnet in Paris, daß es gut wäre, wenn er Druck auf Warschau ausübe. Aus Rom gibt François-Poncet die gleiche Anregung. Ließe sich Polen, fügt er hinzu, zur Aufgabe Danzigs bewegen, so würde Mussolini möglicherweise in Berlin intervenieren, und der Krieg könnte noch verhütet werden. Georges Bonnet gibt weiter nach London und bekommt Lord Halifax' Zustimmung. Beide Politiker setzen sich in diesem Sinne sofort mit ihren Botschaftern in Warschau telefonisch in Verbindung.

Um 11 Uhr suchen Léon Noël und Howard Kennard Oberst Beck auf. Nach einer lebhaften Unterredung willigt dieser ein, daß Lipski sich in die Wilhelmstraße begebe. Diese Nachricht wird sofort allen Hauptstädten überbracht. Sie trifft um 13.30 Uhr bei Hitler ein, da dieser sich anschickt, die Weisung Nr. 1 für die Kriegführung zu unterzeichnen. Er legt die Feder wieder zurück und beschließt, noch bis zum Ende des Tages zu warten.

Zur gleichen Zeit ruft François-Poncet Georges Bonnet ans Telefon und teilt ihm mit, Mussolini habe das Angebot gemacht, falls Frankreich und England annehmen, Deutschland zu einer Konferenz einzuladen, die am 5. September stattfinden und die Klauseln des Versailler Vertrags als Ursprung der Krise überprüfen sollte. Bonnet stimmt zu. Die zu Rate gezogenen Briten sind der Auffassung, es handle sich um eine Falle; es wäre aber zweifellos ungeschickt abzulehnen, und man müsse nur unter der Bedingung annehmen, daß Hitler sich mit der vorhergehenden Demobilisierung aller Armeen in allen Ländern einverstanden erkläre, was Hitler ihrer Meinung nach abschlagen werde. Außenminister Bonnet antwortet, daß der französische Ministerrat entscheiden werde. [314]

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Auch zur gleichen Zeit trifft in allen Staatskanzleien der Vorschlag Papst Pius' XII. ein. [315]

Um 14 Uhr sind die Instruktionen von Oberst Beck in den Händen des polnischen Botschafters in Berlin. Sie enthalten unglücklicherweise folgenden Zusatz:

»Lassen Sie sich unter keinen Umständen in sachliche Diskussionen ein; wenn die Reichsregierung mündliche oder schriftliche Vorschläge macht, müssen Sie erklären, daß Sie keinerlei Vollmachten haben, solche Vorschläge entgegenzunehmen oder zu diskutieren, und daß Sie ausschließlich obige Mitteilung Ihrer Regierung zu übermitteln und erst weitere Instruktionen einzuholen haben.« [316]

Das sogenannte »Reichsforschungsinstitut«, das auf die Entzifferung von Funksprüchen spezialisiert ist, hat diese Instruktionen aufgefangen: von Ribbentrop weiß also schon, daß er anstelle der erwarteten bevollmächtigten Delegation einen einfachen Boten empfangen wird, wenn Lipski in die Wilhelmstraße kommt. Die polnische Regierung wolle nach seiner Einschätzung die Dinge hinhalten und sie in das Verfahrensdickicht verstricken. Und er hat recht.

Um 16 Uhr sucht Lipski um eine Audienz bei Ribbentrop nach: er wird für 18.30 Uhr bestellt.

Um 18 Uhr beschließt der unter dem Vorsitz Albert Lebruns zusammengetretene französische Ministerrat, folgendes Telegramm an Mussolini zu richten:

»Die Französische Regierung weist darauf hin, daß angesichts der Tatsache, daß direkte deutsch-polnische Gespräche aufgenommen worden sind, die Konferenz erst dann einberufen werden sollte, wenn diese Besprechungen gescheitert sind.« [317]

Zuvor möchte Georges Bonnet Chamberlain diesen Wortlaut vorlegen, damit beide Regierungen sich auf eine gemeinsame Aktion abstimmen: Chamberlains Einverständniserklärung wird nie eintreffen, und die französische Antwort kann daher erst am nächsten Tag nach Rom abgesandt werden, und außerdem in einem ganz anderen Wortlaut, da die

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Lage sich in der Zwischenzeit gewandelt hat. England wird diesen Schritt übrigens nicht unterstützen.

Um 18.30 Uhr findet sich Lipski in der Wilhelmstraße ein. Der Reichsaußenminister empfängt ihn stehend. Die Unterredung dauert nur einige Minuten und beschränkt sich auf eine Frage und eine Antwort: Von Ribbentrop fragt den polnischen Botschafter, ob er eine Vollmacht habe, und auf dessen negative Antwort läßt er ihn von einem Bediensteten hinausbegleiten. [318]

Nun ist alles aus.

Um 19 Uhr sucht der italienische Botschafter in Berlin Attolico, Hitler auf und fragt, ob er es für wünschenswert halte, daß der Duce seine Bemühungen um eine Vermittlungsaktion fortsetzt. Hitler äußert sich ablehnend.

Um 21.15 Uhr gibt der Reichsrundfunk den Wortlaut des deutschen Angebots bekannt und versieht ihn mit folgendem Kommentar:

»Somit haben der Führer und die Deutsche Reichsregierung nun zwei Tage vergeblich auf das Eintreffen eines bevollmächtigten polnischen Unterhändlers gewartet. Unter diesen Umständen sieht die Deutsche Regierung auch diesmal ihre Vorschläge praktisch als abgelehnt an, obwohl sie der Meinung ist, daß diese in der Form, in der sie auch der Englischen Regierung bekanntgegeben worden sind, mehr als loyal, fair und erfüllbar gewesen wären.« [319]

Um 21.15 Uhr wird Sir Nevile Henderson in die Wilhelmstraße gebeten; der französische Botschafter Coulondre seinerseits um 21.25 Uhr: beiden übergibt Staatssekretär von Weizsäcker die deutschen Bedingungen.

Um 21.30 Uhr unterzeichnet Hitler die Weisung Nr. 1 für die Kriegführung: die deutsche Truppen werden Polen am nächsten Morgen, um 4.45 Uhr, angreifen.

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1. September

Um 4.45 Uhr setzen sich die deutschen Truppen also in Bewegung. An allen Fronten warteten sie auf den Einmarschbefehl: in Ostpreußen, Pommern, Schlesien und sogar in den Beskiden. Um 8 Uhr ist die polnische Front überall zusammengebrochen, die deutsche Luftwaffe belegt sämtliche Waffendepots, Flugplätze, Bahnhöfe, Straßen sowie Eisenbahnknotenpunkte mit schwerem Feuer. Der Führer hat lediglich 53 Divisionen von den 120 zur Verfügung stehenden eingesetzt. Er glaubt zwar nicht an ein französisch-britisches Eingreifen im Westen, dennoch hat er die übrigen für einen solchen Fall vorgesehen. Ab Mittag stoßen die deutschen Verbände in das polnische Gebiet, nach General Gamelins Formulierung, »wie in Butter« hinein. Die 80 polnischen Divisionen leisten Widerstand nur im Prinzip.

In London, Paris und Warschau ist man doppelt überrascht. Man hätte zum einen nie geglaubt, daß Hitler das wagen würde, zum anderen, daß die polnischen Armeen einen so schwachen Widerstand leisten würden. Auch hinsichtlich eines Staatsstreichs durch die deutschen Generale tritt sehr bald Ernüchterung ein. Die deutschen Generale, selbst diejenigen unter ihnen, die Hitler feindlich gesonnen sind, sind einmütig der Auffassung, man müsse die polnische Frage eher mit den Mitteln des Krieges regeln als auf dem Verhandlungsweg. Warum? Um die Verhandlungen nicht zu gefährden, hatte Hitler bekanntlich auf die Provinz Posen verzichtet, und sie werfen es ihm vor. Durch den Krieg werden sie diese Provinz zurückbekommen können. Und sie sind daher hocherfreut. Bei ihnen überwiegt ausnahmslos das nationale Interesse die Ideologie.

Paris und London übersehen ganz und gar diesen Gesichtspunkt. Man stellt lediglich fest, daß der Staatsstreich ausgeblieben ist, sucht aber nicht nach den Gründen. Man rechnet immer noch damit und ist nicht weniger entschlossen, Polen zu helfen.

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Um 8 Uhr verkündet das Danziger Senat den Anschluß der Freien Stadt sowie der umliegenden Gebiete an das Reich. Sowohl im Senat als auch auf den Straßen der Stadt ist die Begeisterung unbeschreiblich.

Um 10 Uhr spricht Hitler vor dem Reichstag: Er gibt seine Entscheidung bekannt und stellt sie in den historischen Zusammenhang. Der Reichstag ist ebenso begeistert.

Währenddessen hat sich die diplomatische Aktivität auf die Achse Paris—London verlagert. In Paris sind Daladier und Bonnet im Kriegsministerium zusammengekommen. Sie berufen den Ministerrat ein, um die Generalmobilmachung zu sanktionieren, sowie die Kammern, um die einzunehmende Haltung zu erwägen, und beschließen ferner, auf das italienische Vermittlungsangebot zu antworten.

Über diese Antwort sind Paris und London nicht einig. Für London sei dieses Vorhaben überholt und die von Mussolini angestrebte Konferenz nur unter der Voraussetzung möglich, daß Hitler die Feindseligkeiten einstelle und seine Truppen hinter die polnischen Grenzen zurückbeordere.

Charles Corbin, der französische Botschafter in London, weist um 11 Uhr Georges Bonnet darauf hin, im Auftrag Lord Halifax'. Er teilt ihm außerdem mit, daß das britische Parlament um 16 Uhr zusammentreten werde, um in diesem Sinne eine »letzte Ermahnung« an Deutschland zu verabschieden.

Um 11.50 Uhr läßt Außenminister Bonnet André François-Poncet in Rom wissen, daß Frankreich den italienischen Vermittlungsplan annehme.

Lord Halifax ruft ihn um 17 Uhr an. Es geht nicht mehr um die britische Antwort an Mussolini, sondern nur noch um die »letzte Ermahnung«, die das britische Parlament soeben gutgeheißen hat. Lord Halifax verliest Bonnet deren Wortlaut und regt an, daß der französische Botschafter sie von Ribbentrop am Abend, zusammen mit seinem britischen Kollegen, überbringe und daß beide Männer anschließend ihre Pässe forderten. Auch wenn er es nicht ausdrücklich sagt, ist

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diese »letzte Ermahnung« ein Ultimatum, das zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen führen müsse.

Georges Bonnet will nicht, daß der französische Botschafter um seine Pässe nachsucht, bevor das französische Parlament, das am nächsten Tag um 15 Uhr zusammentreten soll, Stellung nimmt. Die französische Verfassung schreibt es vor. Mit dem Wortlaut der Ermahnung ist er allerdings einverstanden. Die beiden Politiker haben Schwierigkeiten, Einvernehmen herzustellen, aber sie werden schließlich doch einig: Sie werden eine »Note« überreichen lassen. Offenbar hat G. Bonnet dabei nicht bedacht, daß nach Überreichung dieser Note die von Mussolini geplante Konferenz nicht mehr möglich sein würde und daß es nun um einen Waffenstillstand zwischen Deutschland und Polen gehe, der allein diese Konferenz ermöglichen könnte. Die »Note« ist aber nicht darauf angelegt.

Ferner ist Oberst Beck nicht gewillt, Deutschland einen Waffenstillstand anzubieten, und nichts kann ohne sein Einverständnis unternommen werden. Zu diesem Zeitpunkt kennt Georges Bonnet außerdem noch nicht folgende Stellungnahme: Als Botschafter Noël Beck gegen 20 Uhr aufsuchte, um mit ihm die von Mussolini geplante Konferenz zu erörtern, hatte der polnische Außenminister geantwortet: »Wir sind im Krieg infolge eines nichtprovozierten Angriffs. Nicht eine Konferenz steht also in Frage, sondern die konzertierte Aktion der alliierten Mächte, um diesen Angriff zurückzuschlagen.« [320]

Léon Noëls Telegramm, das diese Information brachte, war erst um 21.41 Uhr in Warschau übermittelt worden und um 2.15 Uhr (also am 2. September) in Paris eingetroffen.

In der Kriegsgeschichte schließlich ist der Fall noch nie dagewesen, daß derjenige, dem ein Waffenstillstand meistens angeboten wird, weil er der stärkere ist und weil seine Truppen im gegnerischen Gebiet vorrücken, seine Truppen bis hinter die eigenen Grenzen zurückzieht, bevor die Gespräche eingeleitet worden sind: die Einstellung der Feindselig-

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keiten erfolgt stets durch ein Anhalten der Truppen auf der Stelle, und sie ziehen sich erst nach Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens zurück, und zwar gemäß einem Plan, den das Abkommen vorsieht. Es ist eine Regel, die noch keine Ausnahme erlebt hat. Als Marschall Pétain 1940 um den Waffenstillstand nachsuchte, wäre er nie auf den Gedanken verfallen zu fordern, daß die deutschen Truppen sich vorher bis zum Rhein zurückziehen. Und das versteht sich: Ein Waffenstillstand bedeutet nicht den Frieden; es kann sein, daß man keine Einigung erreicht, und die Kämpfe können wiederaufgenommen werden.

Setzte demnach die Wiederaufnahme der Gespräche den Rückzug der deutschen Truppen auf ihre ursprünglichen Stellungen voraus, so war jede Einigung von vornherein ausgeschlossen; denn es war ausgeschlossen, daß Hitler diese absolut unannehmbare Bedingung annahm. Mit anderen Worten: Man wollte nicht oder nicht mehr verhandeln. Es hätte ganz anders ausgesehen, wenn statt dieser ultimativen »Note« Frankreich und England einen Vorschlag zur Einstellung der Feindseligkeiten auf der Stelle unterbreitet hätten, verbunden mit jener von Mussolini geplanten und von Papst Pius XII. angeregten Konferenz. Übrigens wäre ein solcher Vorschlag für beide Staaten kein Hindernis gewesen, ihr Mißfallen zu bekunden.

Um 21.30 Uhr überreicht Sir Nevile Henderson von Ribbentrop die englische »Note«. Um 22 Uhr übergibt ihm Robert Coulondre die französische. Beide schließen mit den Worten:

»Ich bin beauftragt, Euer Exzellenz mitzuteilen, daß die Französische Regierung [321] ohne Zögern ihre Verpflichtungen gegenüber Polen erfüllen wird, wenn nicht die deutsche Regierung bereit ist, der Französischen Regierung befriedigende Zusicherungen dahingehend abzugeben, daß die Deutsche Regierung jegliche Angriffshandlung gegen Polen eingestellt hat und bereit ist, ihre Truppen unverzüglich aus polnischem Gebiet zurückzuziehen.« [322]

302


Man kann behaupten, diese Note sei kein Ultimatum gewesen; das hieße aber, mit den Worten zu spielen: Es fehlt nur eine Antwortfrist, damit sie ein richtiges wird . . . Ein feiner Unterschied.

Beiden Diplomaten sagt von Ribbentrop lediglich, er werde alles dem Führer weiterleiten und ihnen dessen Antwort zukommen lassen, sobald er sie erhalten habe.

2. September

Die Lage Polens ist verzweifelt: seine Befestigungen sind durchbrochen, sein Eisenbahnnetz und seine Luftwaffe halb zerstört. Die polnischen Botschafter in London und Paris fordern die in Aussicht gestellte Unterstützung »gleich nach Kriegserklärung«. Auch Oberst Beck bemüht sich darum.

Um 8 Uhr gibt die Havas-Agentur folgende Mitteilung heraus:

»Der Französischen Regierung, neben anderen, wurde gestern ein italienischer Vorschlag zur Lösung der europäischen Probleme vorgelegt. Nach dessen Erörterung hat sie sich positiv geäußert.«

Die Meldung kommt aus Rom und stützt sich auf die Zusage, die Bonnet am Tag zuvor, um 11.50 Uhr Botschafter François-Poncet gab.

Um 8.30 Uhr hat Graf Ciano mit seinem Botschafter in Paris Guariglia telefoniert, um zu erfahren, ob die am Vorabend Ribbentrop überreichte Note ultimativ gewesen sei: nein.

Um 10 Uhr beauftragt Mussolini seinen Botschafter in Paris, Attolico, Hitler folgende Mitteilung zu überbringen:

»Zur Information läßt Italien wissen, natürlich jede Entscheidung dem Führer überlassend, daß es noch die Möglichkeit hätte, von Frankreich, England und Polen eine Konferenz auf folgenden Grundlagen annehmen zu lassen:

1. Waffenstillstand, der die Armeen läßt wo sie sind;

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2. Einberufung der Konferenz in zwei bis drei Tagen;

3. Lösung des deutsch-polnischen Streits, welche, wie die Sachen heute liegen, sicher günstig für Deutschland sein würde.« [323]

Als sich Attolico um 12.30 Uhr in der Wilhelmstraße einfindet, schickt sich von Ribbentrop gerade an, die Note zurückzuweisen, die ihm die Botschafter Englands und Frankreichs am Tag zuvor überreicht haben; er sei zwar bereit, seine Entscheidung noch hinauszuschieben, man müsse ihm aber garantieren, daß sie keine Ultimaten sind. Andernfalls werde er eine abschlägige Antwort geben.

Attolico holt ihm diese Garantien bei Sir Nevile Henderson und bringt sie um 12.50 Uhr.

Um 14.15 Uhr ruft Graf Ciano Außenminister Bonnet an. Er teilt ihm mit, daß Hitler dem italienischen Plan nicht abgeneigt sei und Polen zur Konferenz eingeladen werde. Er bittet ihn außerdem um Bestätigung, daß die französische Note kein Ultimatum war. Bonnet bestätigt. Was die Konferenz betrifft, müsse er angesichts der veränderten Lage allerdings mit Daladier und der britischen Regierung beraten, bevor er sich endgültig festlege. Er werde Graf Ciano zurückrufen, sobald er Bescheid wisse. Er könne augenblicklich nur sagen, daß er persönlich den italienischen Plan gutheiße.

Um 14.45 Uhr steht Graf Ciano mit London in Verbindung. Unterrichtet über die vielversprechende Antwort Ribbentrops und die Zusage Bonnets, antwortet Lord Halifax, daß »auf den Vorschlag des Duce nur dann eingegangen werden kann, wenn die deutschen Truppen sich bis zur Grenze zurückziehen und die letzte Parzelle polnischen Staatsgebiet räumen«. Er werde dennoch mit dem Premierminister sprechen, der seinem auf 16 Uhr bestellten Ministerrat den Vorschlag zweifellos unterbreiten werde, worauf er Graf Ciano zurückrufen werde, um ihm die endgültige britische Antwort mitzuteilen. [324]

Um 15 Uhr tritt das französische Parlament zusammen. Es soll die Absendung eines regelrechten Ultimatums an

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Deutschland billigen. Von seiten des Senats ist Daladier unbesorgt. Man erwartet, daß der Beschluß dort nahezu einstimmig gefaßt werde. Bei der Abgeordnetenkammer ist es anders. Er fürchtet weniger, keine Mehrheit zu finden, als auf eine starke Minderheit zu stoßen. Seiner Ansicht werden alle, die in der vorigen Legislaturperiode gegen den französisch-sowjetischen Pakt gestimmt hatten, weil dieser Pakt den Krieg bedeute, ihre Meinung nicht ändern, wenn jetzt der Krieg da ist. Am 27. Februar 1936 waren es 164 Parlamentarier, von denen etwa 130 die letzten Wahlen zur Abgeordnetenkammer im Mai 1936 überstanden. Bei einer innenpolitischen Frage würde er daher über eine starke Mehrheit verfügen. Bei einer so ernsten Frage wie dem Krieg oder einem Ultimatum an Deutschland ist es allerdings eine starke Minderheit, und sie zeugt von der Zerrissenheit der Nation.

Außerdem gibt es die Kommunisten. Seit der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Pakts befürworten sie eine Politik der Versöhnung mit Deutschland, und sie setzen sich dafür ein, daß Frankreich sich zur Rettung des Friedens mit Deutschland und Rußland verbinde. Sie werden dagegen stimmen, und sie sind 72. Bei annähernd 200 Gegenstimmen nimmt die Minderheit katastrophale Ausmaße an. Eine Abstimmung muß irgendwie verhindert werden.

Es gilt aber auch, eine Debatte zu vermeiden. Auf der Gegenseite sind ja Dickköpfe: Gaston Bergery, François Piétri, Jean Montigny, Frot, Xavier Vallat. Zwar hat die Regierung von dem italienischen Vorschlag nichts in die Presse sickern lassen. [325] Und die Havas-Agentur hat sogar ihre am Morgen herausgegebene Mitteilung über die Zusage der französischen Regierung dementiert, aber gerade die genannten Politiker wissen Bescheid. Wird die Öffentlichkeit durch sie in Kenntnis gesetzt, so kann eine starke Anti-Ultimatum-Bewegung dort großen Schaden anrichten. Die Bedingungen, unter denen die Mobilmachung stattfindet, bezeugen hinlänglich, daß die Öffentlichkeit nicht sehr scharf auf den Krieg ist. Man rückt zwar in die Mobilisierungszentren ein, vor al-

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lem aber, weil man an den Krieg nicht glaubt. Der Nachrichtendienst der Polizei (R.G.) läßt dem Innenministerium Informationen zukommen, die eine starke pazifistische Strömung offenbaren . . .

Zur Vermeidung einer Debatte, hat Präsident Herriot von den einzelnen Fraktionsvorsitzenden die Zusicherung erhalten, es werde keine geben, und um der Abstimmung aus dem Weg zu gehen, daß die zur Diskussion gestellte Frage nicht das Ultimatum an Deutschland sein werde, sondern »ein Kredit in Höhe von 75 Milliarden Franken zur Erfüllung unserer Bündnisverbindlichkeiten«, den Präsident Herriot per Handaufheben ohne Gegenprobe durchsetzen soll.

Die Abgeordneten Frot und Piétri, die die Falle erkannt haben, verlangen von Daladier die Zusicherung, daß »diese Abstimmung ihn nicht zur Erklärung des Krieges ermächtigt und daß er ihn, wenn überhaupt, erst dann erklären wird, nachdem er das Parlament erneut zu Rate gezogen hat«. [326]

Er verspricht.

Die Aktion findet wie vorgesehen statt, nach einer Rede von Ministerpräsident Daladier, die keinerlei Zweifel über seine Absichten aufkommen läßt. »Der Krieg wurde anonym und auf die Schnelle beschlossen; er war es nicht, und war es doch«, schreibt Jean Montigny. [327] Die Formulierung der zur Diskussion gestellten Frage erlaubt den Kommunisten — die den Krieg wollen, weil Stalin ihn will —, die Hand mit der Mehrheit hochzuheben. Sie sollten später behaupten, sie hätten den Militärkredit bewilligt, wie ihr Patriotismus es verlangte, und kein Memorandum oder den Krieg.

Ebenfalls später sollte Daladier, sein Versprechen vergessend oder leugnend, seinerseits behaupten, diese Abstimmung habe ihn dazu ermächtigt, Deutschland ein Ultimatum zu stellen und den Krieg zu erklären. Die Frage bleibt offen: Der Verfasser ist der Ansicht, daß der Krieg Deutschland nicht verfassungsgemäß erklärt wurde, und schon deshalb nicht, weil die Regierung den italienischen Vorschlag der Öffentlichkeit vorenthalten hatte, die mit aller Gewalt gegen

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den Krieg aufbegehrt hätte. Freilich ist die Meinung subjektiv; die von der Regierung angewandte Methode, die Zustimmung des Parlaments auf Schleichwegen zu erzielen, beweist indes, daß das auch ihre — durch die Informationen des Nachrichtendienstes erhärtete — Überzeugung war. Außerdem erscheinen die Zeitungen am Morgen dieses 2. September mit riesigen »Lücken«, auch in ihren Kommentaren, bis sie am 3. September endlich darüber berichten dürfen!

Um 17 Uhr setzt Sir Alexander Cadogan Georges Bonnet in Kenntnis, »die Regierung Seiner Majestät könne in die von Mussolini vorgeschlagene Konferenz nur unter der Bedingung einwilligen, daß Deutschland mit der Räumung aller besetzten polnischen Gebiete, einschließlich Danzig, beginnt«. Sir Alexander Cadogan fügt hinzu, daß am selben Abend »die Regierung seiner Majestät Deutschland ein Ultimatum zu stellen gedenkt, mit der Aufforderung, seine Truppen unverzüglich aus Polen abzuziehen; andernfalls würden die Feindseligkeiten um Mitternacht eröffnet«. [328]

Georges Bonnet wirft die Arme hoch und erwidert, General Gamelin habe ihm noch am Morgen mitgeteilt, er könne eine Eröffnung der Feindseligkeiten erst am 4. September, 21 Uhr, ins Auge fassen.

Um 18.38 Uhr setzt Lord Halifax Graf Ciano über diese Entscheidung in Kenntnis. [329]

Um 20.30 Uhr telefoniert Georges Bonnet seinerseits mit Graf Ciano, um ihm die endgültige Antwort der französischen Regierung durchzugeben: Vorherige Rücknahme aller deutschen Truppen aus dem polnischen Staatsgebiet, einschließlich Danzig. Enttäuscht antwortet ihm Graf Ciano, der Duce könne Hitler unter diesen Umständen einen solchen Vorschlag nicht unterbreiten.

Es wird keine Konferenz stattfinden.

Die Ereignisse setzen ihren unerbittlichen Lauf fort.

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3. September

Paris und London haben die Nacht am Telefon verbracht. Grund: die festzusetzende Ablauffrist in dem Ultimatum an Deutschland.

Als Sir Alexander Cadogan, nach seinem tags zuvor geführten Telefonat mit Georges Bonnet, die Mitglieder der britischen Regierung unterrichtete, daß Frankreich eine 48 Stunden-Frist brauche und eine Eröffnung der Feindseligkeiten erst am folgenden Tag um 21 Uhr wahrnehmen könne, fielen ihm die Arme vom Leib herunter. Das war wohl ein Fall, mit dem sie nicht gerechnet hatten: daß Frankreich sich nach einer britischen Entscheidung nicht ausrichtet, hatte es seit der Entente Cordiale (1904) nicht mehr gegeben. Eine Revolution!

Damit rechneten sie so wenig, daß sie das Parlament auf 18 Uhr bestellt hatten und die Überreichung um 21 Uhr eines um Mitternacht ablaufenden Ultimatums an Deutschland ankündigen wollten. Welche Figur würden sie dort abgeben? Zumal das britische Parlament, wie entfesselt, blutrünstig war und fürchtete, Chamberlain könnte in Hoffnung auf ein neues München die Dinge in die Länge ziehen oder ziehen lassen. Das Parlament brauchte den Krieg, so bald wie möglich, um so bald wie möglich sicher zu sein, daß es kein neues München geben würde. Alle Zeugnisse, die wir aus dieser Zeit besitzen, lassen erkennen, daß die wenigsten Parlamentarier Großbritanniens anderer Ansicht waren.

In einer solchen Stimmung gelang es Chamberlain nicht ohne Mühe, das Unterhaus davon zu überzeugen, daß er den Wortlaut des Ultimatums an Deutschland nur deshalb nicht verlesen könne, weil er mit Frankreich über den Fristablauf noch uneinig sei. Er erwarte jeden Augenblick die französische Antwort, und wenn das ehrenwerte Unterhaus in eine Vertagung der Sitzung auf den nächsten Vormittag um 11 Uhr — also heute, den 3. September — einwillige, würde er bis dahin zweifellos im Besitz der französischen Antwort sein,

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und beide Staaten könnten dann wie vorgesehen mit vereinten Kräften handeln.

Das hoffte er zumindest. Beim Verlassen des Unterhauses wissen Chamberlain und Lord Halifax indes mit Sicherheit, daß das Kabinett weggefegt würde, wenn sie nicht das Ultimatum in gehöriger Form am 3. September, 11 Uhr, herbeischafften. Leider! Am frühen Morgen haben sie Frankreich dazu bringen können, daß der Fristablauf des Ultimatums auf den 4. September, 5 Uhr morgens, festgesetzt werde.

Frankreich bringt solide Argumente vor: die Mobilmachung kann nicht früher abgeschlossen werden, und sie verzögert sich außerdem infolge der vollgestopften Bahnhöfe und Straßen. Die Zivilisten der Grenzgebiete, aber auch diejenigen, die aus den gefährdeten Großstädten fliehen, müssen evakuiert werden; bei einem Luftangriff stünden ganze Bevölkerungen vor einem Massaker . . .

Chamberlain und Lord Halifax sehen wohl ein, daß Frankreich nicht kneift, sondern vorsorgt. In der Überzeugung, daß das französische Ultimatum innerhalb von vierundzwanzig Stunden folgen wird, beschließen sie, auf eigene Faust zu handeln: Das britische Ultimatum soll Deutschland um 9 Uhr überreicht werden und um 11 Uhr ablaufen. Dieselben Briten, die damals die 24 Stunden-Frist für das Eintreffen eines polnischen Bevollmächtigten für zu kurz hielten, empfinden es als normal, Deutschland nur zwei Stunden für die Antwort zu gewähren: kaum die materielle Zeit, um die Antwort aufzusetzen!

Frankreich wird sein Ultimatum bereits am Mittag überreichen. In letzter Minute informiert General Gamelin Daladier, daß die Mobilmachung besser verlaufe, die Straßen und Bahnhöfe weniger verstopft seien als vorgesehen; daher könnten die Feindseligkeiten bereits am selben Tag, um 17 Uhr, eröffnet werden.

Um 9 Uhr findet sich Sir Nevile Henderson in der Wilhelmstraße ein. Seltene Ungezogenheit: von Ribbentrop läßt ihn von Dr. Schmidt empfangen, wie einen Diener. Der britische

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Botschafter überreicht ihm sein Ultimatum. Schmidt bringt es in das Arbeitszimmer des Führers, der es, in Anwesenheit des Reichsaußenministers, zur Kenntnis nimmt. Sir Nevile Henderson wird sofort auf 11.30 Uhr bestellt, um die Antwort in Empfang zu nehmen.

Um 11.30 Uhr händigt ihm von Ribbentrop eine lange, in heftigem Ton verfaßte Note aus, die mit folgender Erklärung beginnt:

»Die Deutsche Reichsregierung und das deutsche Volk lehnen es ab, Forderungen in Form von Ultimaten von der britischen Regierung entgegenzunehmen, zu akzeptieren, geschweige denn zu erfüllen . . .«

Die Unterredung währt nicht lange: Sir Nevile Henderson sagt lediglich, daß die Geschichte entscheiden werde, auf welcher Seite die eigentliche Schuld sich befinde.

Ribbentrop seinerseits: die Geschichte habe bereits entschieden, niemand habe so verbissen wie Hitler an der Herstellung guter Beziehungen zwischen Deutschland und England gearbeitet, letzteres habe es aber vorgezogen, alle seine durchaus sehr vernünftigen Vorschläge zurückzuweisen.

Darauf sucht Sir Nevile Henderson um seine Pässe nach [330] und zieht sich zurück.

Um 11.15 Uhr verliest Chamberlain im Unterhaus das Ultimatum an Deutschland, und die Versammlung sanktioniert es — in der Begeisterung — einstimmig. Sogar der alte Lloyd George, der seit zwanzig Jahren seinen Pazifismus so oft unter Beweis stellte, unterstützt den britischen Schritt.

Um 11.30 Uhr erklärt Chamberlain im Rundfunk, daß »Großbritannien und Deutschland im Krieg stehen, da die Reichsregierung das englische Ultimatum nicht vor 11 Uhr angenommen hat . . .«

Um 12.30 Uhr wird Robert Coulondre von Ribbentrop persönlich empfangen. Der Reichsaußenminister erklärt ihm von vornherein, daß die verzögerte Beantwortung der um 22 Uhr übergegebenen Note auf die, ebenfalls von französischer Seite begrüßte, italienische Initiative zurückzufüh-

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ren sei; daß England ihm um 9 Uhr ein unannehmbares, bereits zurückgewiesenes Ultimatum überreicht habe und daß er nur bedauern könne, wenn Frankreich sich nach England glaube richten zu müssen.

Darauf antwortet Coulondre:

»Unter diesen Umständen muß ich Sie im Namen meiner Regierung ein letztes Mal auf die schwere Verantwortung hinweisen, welche die Reichsregierung auf sich genommen hat, indem sie ohne Kriegserklärung die Feindseligkeiten gegen Polen eröffnete und den Noten keine Beachtung schenkte, in denen die Regierungen Frankreichs und Sr. Britischen Majestät sie gebeten hatten, jede aggressive Haltung gegenüber Polen einzustellen und sich bereit zu erklären, ihre Streitkräfte unverzüglich aus dem polnischen Gebiet zurückzuziehen. Ich habe den unangenehmen Auftrag, Sie davon in Kenntnis zu setzen, daß ab heute, dem 3. September 17 Uhr, die französische Regierung sich genötigt sehen wird, ihre der deutschen Regierung bekannten vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Polen zu erfüllen«. [331]

Von Ribbentrop antwortet ihm lediglich, daß Frankreich in diesem Fall der Aggressor sein werde. Coulondre: die Geschichte werde selbst entscheiden. Worauf die beiden Männer Abschied nehmen.

Nach den Angaben Dahlerus' habe der schwedische Industrielle zwischen 10 und 11 Uhr einen allerletzten Versuch unternommen, einen Kompromiß mit England, auf der Grundlage einer Einstellung der Feindseligkeiten auf der Stelle, zu erzielen. Göring habe von Hitler die offizielle Erlaubnis bekommen, einen Kompromiß auf dieser Grundlage mit dem britischen Kabinett auszuhandeln. Das Chartern eines Flugzeugs sei sogar angeordnet worden; die britische Regierung habe allerdings geantwortet, sie könne der Anregung nicht Folge leisten und »diesen Vorschlag nicht vor einer schriftlichen Antwort auf das Ultimatum in Erwägung ziehen«. [332]

Die Würfel sind geworfen. Um 13 Uhr unterschreibt der Führer die Weisung Nr. 2 [333] für die Kriegführung . . .

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Anmerkungen

[252] Verrat des Geheimabkommens noch am 23. August 1939, und zwar aus der deutschen Botschaft in Moskau, an Roosevelt, der es wohl an England weitergab. (d. Ü.)

[253] Oberst Beck, Dernier Rapport, aaO., S. 345.

[254] Georges Bonnet, Vor der Katastrophe, aaO., S. 264ff.

[255] Ebenda; siehe auch Jean Montigny, Complot contre la paix, aaO.

[256] Es soll ein Bild existieren, das Beck als Sieger vor dem Brandenburger Tor in Berlin darstellt. (d. Ü.)

[257] Siehe oben, S. 258.

[258] Warum unterrichtete Roosevelt, der schon am 23. August 1939 über den deutsch-sowjetischen Geheimvertrag durch Verrat aus der deutschen Botschaft Bescheid wußte, nicht Beck? Ein Hinweis hätte Beck wohl aus seinen Illusionen gerissen, ihn verhandlungsbereit gemacht und die Ursache für den Kriegsbeginn am 1. September aus der Welt geschafft. (d. Ü.)

[259] »Die Kraftprobe schlägt zu unseren Gunsten aus. Aus sicherer Quelle erfahre ich, daß . . . die Parteigrößen schwankend geworden sind und die Berichte von einer wachsenden Unzufriedenheit in der Bevölkerung sprechen . . . Der Fisch hängt am Haken . . . Wir müssen fest bleiben . . .«

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[260] Britisches Blaubuch.

[261] Französischer Staatsanzeiger, parlamentarische Debatten, 3. September 1939.

[262] Britisches Blaubuch, S. 169.

[263] R. E. Sherwood, Roosevelt und Hopkins, aaO.

[264] Siehe oben, S. 262.

[265] The Forrestal Diaries, aaO., S. 122.

[266] Siehe oben, Anmerkung 238.

[267] Sir Nevile Henderson, Fehlschlag einer Mission, Berlin 1937 bis 1939, Zürich 1953, S. 295ff, sowie Anhang II, S. 347ff.

[268] Antwortschreiben des Reichskanzlers an den britischen Premierminister, dem Botschafter Seiner Majestät am 23. August 1939 eigenhändig überreicht, Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D, Bd. 7, Dok. Nr. 201, S. 181ff.

[269] Britisches Blaubuch, Dok. Nr. 122.

[270] Akten zur deutschen Auswärtigen Politik, Bd. 7, Dok. Nr. 179.

[271] Britisches Blaubuch, Dok. Nr. 124 und 125, S. 226ff.

[272] Antwort des Präsidenten Moscicki an Roosevelt vom 25. August 1939, Polnisches Weißbuch, Dok. Nr. 90, S. 133f.

[273] Siehe oben, S. 248.

[274] Brief Hitlers an Mussolini vom 25. August 1939, Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D, Band 7, Dok. Nr. 226, S. 239.

[275] Siehe die Antwort des polnischen Staatspräsidenten, S. 276.

[276] Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Bd. 7, Dok. Nr. 287, S. 248.

[277] Internationaler Militärgerichtshof, Bd. 9, Sitzungsbericht vom 19. März 1946: Aussage von Birger Dahlerus, S. 515 f.

[278] Oberst Beck, Dernier Rapport, aaO., S. 349, sowie Britisches Blaubuch, Dok. Nr. 19, S. 46ff.

[279] Schreiben Mussolinis an Hitler vom 25. August 1939, um 18 Uhr von Attolico übergeben, Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D., Bd. 7, Dok. Nr. 271, S. 238f.

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[280] Graf Galeazzo Ciano, Tagebuch aaO., S. 131f., Eintragung vom 26. August 1939.

[281] Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D, Bd. 7

[282] Der britische Botschafter hält sich zu diesem Zeitpunkt in London auf.

[283] Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D, Bd. 7. Dok. Nr. 326, S. 277.

[284] Dahlerus' Erklärung unter Eid in Nürnberg, Internationaler Militärgerichtshof, Bd. 9.

[285] Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D., Bd. 7. Dok. Nr. 307, S. 262f.

[286] Ebenda. Siehe auch Walther Hofer, Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges, Frankfurt/M.—Hamburg 1960, S. 258f.

[287] Französisches Gelbbuch, Dok. Nr. 253, S. 336f.; Deutsches Weißbuch, Dok. Nr. 460.

[288] Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D, Bd. 7. Dok. Nr. 267.

[289] Birger Dahlerus, Der letzte Versuch, München 1948, S. 61f.

[290] Protokoll der Sitzung im Foreign Office vom 27. August 1939, an der der Premierminister, Lord Halifax und Birger Dahlerus teilnahmen.

[291] Britisches Blaubuch. Siehe auch Michael Freund, Geschichte des 2. Weltkriegs in Dokumenten, Bd. 3, Dok. Nr. 108, S. 298ff

[292] Deutsches Weißbuch, Bd. 2, Dok. Nr. 461.

[293] Peter Kleist, Zwischen Hitler und Stalin, Bonn 1950.

[294] Drahtbericht des deutschen Geschäftsträgers in Paris, Bräuer vom 27. August 1939, Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D, Bd. 7, Dok. Nr. 351, S. 296.

[295] Documents on British Foreign Policy, Bd. 7, Dok. Nr. 430, S. 333.

[296] Ebenda, Dok. Nr. 420, S. 328.

[297] Nevile Henderson, Fehlschlag einer Mission, aaO.

[298] Dahlerus' Erklärung unter Eid in Nürnberg, Internationaler Militärgerichtshof, Bd. 9, S. 519.

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[299] Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D, Bd. 7, Dok. Nr. 418, S. 343

[300] Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D, Bd. 7, Dok. Nr. 421, S. 345ff; siehe auch Documents on British Foreign Policy.

[301] Siehe oben, S. 286.

[302] Documents on British Foreign Policy, Bd. 7, Dok. Nr. 565.

[303] Dahlerus' Erklärung unter Eid in Nürnberg, Internationaler Militärgerichtshof, Bd. 9, S. 519, Sitzungsbericht vom 19. März 1946. — An diesem 29. August 1939 empfahl der britische Botschafter in Warschau, Kennard, Beck, Hitlers Verhandlungsangebot nicht anzunehmen. Siehe Hoggan, Der erzwungene Krieg, Tübingen 131988, S. 716.

[304] Documents on British Foreign Policy, Bd. 7, sowie Britisches Blaubuch, Dok. Nr. 81, S. 174.

[305] Für diese Bedingungen, siehe oben, Anmerkung 238, S. 338.

[306] Benoist-Méchin, Geschichte der deutschen Militärmacht 1918—1946, Bd. 7, Wollte Hitler den Krieg, aaO., S. 486, Anmerkung 8.

[307] Documents on British Foreign Policy, Bd. 7; sowie Britisches Blaubuch, Dok. Nr. 84, S. 175f.

[308] Siehe oben, Anmerkung 240, S. 339.

[309] Das war tatsächlich ein agent provocateur, dessen Name allerdings nicht verraten wurde.

[310] Nevile Henderson, Fehlschlag einer Mission, aaO., S. 314.

[311] Ebenda.

[312] Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Serie D, Bd. 7, Dok. Nr. 473, S. 384.

[313] Dahlerus' Erklärung unter Eid in Nürnberg, Internationaler Militärgerichtshof, Bd. 9, S. 521.

[314] Georges Bonnet, Vor der Katastrophe, aaO., S. 283.

[315] Siehe oben, S. 249.

[316] Dahlerus' Erklärung unter Eid in Nürnberg, Internationaler Militärgerichtshof, Bd. 9, S. 521.

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[317] Georges Bonnet, Vor der Katastrophe, S. 287.

[318] Paul Schmidt, Statist auf diplomatischer Bühne, aaO., S. 460

[319] Deutsches Weißbuch, Bd. 2, Dok. Nr. 469, S. 306f.

[320] Französisches Gelbbuch, Dok. Nr. 343, S. 388.

[321] Die englische Note lautet an dieser Stelle: »die britische Regierung«.

[322] Französisches Gelbbuch, Dok. Nr. 345, S. 390.

[323] Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, Bd. 7, S. 425.

[324] Documents on British Foreign Policy, Dok. Nr. 710.

[325] Es sei an jenes Interview erinnert, das Hitler am 21. Februar 1936, anläßlich der Ratifizierung des französisch-sowjetischen Pakts, Bertrand de Jouvenel gab und erst am 28. Februar in Paris-Midi zu lesen war, nachdem der Vertrag am Tag zuvor gebilligt worden war. — Ähnlich hier wird die französische Presse vom italienischen Vorschlag erst am 3. September berichten, einen Tag nach der Abstimmung in der Abgeordnetenkammer.

[326] Staatsanzeiger, Parlamentarische Debatten, 3. September 1939.

[327] Jean Montigny, Complot contre la paix, aaO.

[328] Documents on British Foreign Policy, Dok. Nr. 718.

[329] Ebenda, Dok. Nr. 728.

[330] Nevile Henderson, Fehlschlag einer Mission, aaO., S. 327.

[331] Robert Coulondre, Zwischen Stalin und Hitler, aaO., S. 469.

[332] Dahlerus' Erklärung unter Eid in Nürnberg, Internationaler Militärgerichtshof, Bd. 9, S. 523.

[333] Text in Walther Hubatsch, Hitlers Weisungen für die Kriegführung 1936—1945, Koblenz 1983, S. 22f.

Der Übersetzer dankt Herrn Dr. Rolf Kosiek für seine wertvolle fachliche Unterstützung.

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