1. Wer begann mit Luftangriffen auf offene Städte?

Kein ernstzunehmender Luftkriegs-Historiker stellt heute noch die Behauptung auf, daß die Bombardierung Warschaus und Rotterdams eine vorsätzliche Terrormaßnahme gegen offene Städte gewesen sei. Tatsächlich aber war Warschau eine verteidigte Festung mit einer Besatzung von über hunderttausend Mann. Nach wiederholten ergebnislos gebliebenen Übergabeforderungen und der Nichtbeachtung von Flugblättern mit der Aufforderung an die Zivilbevölkerung, die Stadt zu verlassen, begannen die Deutschen am 18. September erneut die Stadt zu beschießen und aus der Luft zu bombardieren. So heißt es denn auch folgerichtig in der von der Bundesregierung herausgegebenen Sammlung „Dokumente deutscher Kriegsschäden": „Der deutsche Luftangriff auf Warschau, der von der gegnerischen Propaganda als ,Terrorangriff bezeichnet wurde, war in Wirklichkeit ein kriegsrechtlich einwandfreier taktischer Angriff zur Unterstützung der Erdtruppen. Die Reste des polnischen Heeres leisteten in der Stadt wie in einer Festung erbitterten Widerstand und hatten mehrmalige Aufforderungen zur Kapitulation abgelehnt."

Am 14. Mai 1940 gingen deutsche Bomben auf Rotterdam nieder. Der Bombenangriff auf Rotterdam galt lange Zeit nach dem Krieg (und für die Extrem-Umerzieher noch heute) als Musterbeispiel eines „Terrorangriffs auf eine offene Stadt". Dreißigtausend Tote hätte die deutsche Attacke gefordert, wurde behauptet. Heute jedoch sprechen selbst holländische Historiker nur noch von einem „tragischen Unfall", der zwischen sechshundert und neunhundert Todesopfern zur Folge hatte. Der Stadtkommandant des militärisch verteidigten Rotterdam, Oberst Scharroo, verzögerte aus taktischen Gründen die Kapitulation der Stadt, und ein zunächst befohlener Luftangriff konnte von deutscher Seite nicht mehr gebremst werden, weil die Funker der anfliegenden Maschinen ihre Schleppantennen bereits eingefahren

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hatten. Vom Boden aus abgefeuerte rote Leuchtkugeln wurden wegen Nebel nur von einem Teil der Piloten bemerkt, worauf sie mit ihren Maschinen abdrehten. Die anderen luden ihre tödliche Fracht ab, und das Verhängnis nahm seinen Lauf.

Der Oxford-Historiker A. J. P. Taylor notierte: „Die britische Initiative (zum Luftkrieg) ist völlig klar. Die deutsche Bombardierung von Warschau und Rotterdam war Teil eines militärischen Feldzuges, eine Ausdehnung vorausgegangener Artilleriebeschießung verteidigter Städte. Der Blitz (die deutschen Luftangriffe auf London) begann erst, nachdem die Briten schon fünf Monate lang deutsche Städte bombardiert hatten."

Die englische Stadt Coventry, Rüstungsschmiede des Empire, ist zum Symbol für deutschen „Luftterror" geworden. Sehr häufig wird behauptet, der deutsche Angriff auf die Stadt am 15. November 1940 sei der Erstschlag des Bombenterrors im Zweiten Weltkrieg gewesen. Die folgenden angloamerikanischen Attacken seien demzufolge nur Repressalien gewesen.

Liddell Hart schrieb in seinem Werk „The Revolution of Warfare": „Als Churchill an die Macht kam, gehörte es zu den ersten Entscheidungen seiner Regierung, den Bombenkrieg auf das Nichtkampfgebiet auszudehnen." Das war ein halbes Jahr vor Coventry. Der Inspektor des deutschen Brandschutzwesens und Luftkriegsexperte Hans Rumpf bemerkt in „Das war der Bombenkrieg": „Als Datum der Eröffnung des uneingeschränkten Luftkrieges muß nach dem fundierten Zeugnis zuverlässiger Forschung die Nacht vom 10. zum 11. Mai 1940 gelten. In dieser Nacht griffen RAF-Bomber unter anderem die Außenbezirke von Mönchengladbach an."

Der britische Publizist und Jurist F. J. P. Veale schreibt in seinem Buch „Der Barbarei entgegen": „Der Flug der englischen Whitley-Bomber in der Nacht 10./11. Mai 1940 zum Angriff gegen westdeutsche Städte wendete ein wichtiges Blatt in der Geschichte und setzte den Schlußpunkt hinter eine Epoche, die zweieinhalb Jahrhunderte angedauert hatte." Sechs Wochen nach jenem 10. Mai 1940, am 20. Juni, griffen deutsche Bomber erstmals - allerdings rein militärische - Ziele in England an. Erst vier Monate nach dem 10. Mai 1940, am 7. September, nachdem zahlreiche deutsche Städte, darunter allein Berlin achtmal,

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angegriffen worden waren und Warnungen nicht genutzt hatten, erfolgte der deutsche Gegenschlag mit einem schweren gezielten Tagesangriff auf die Markt- und Lagerhallen, Güterbahnhöfe und Docks, den „Bauch" Londons.

„Hitler hat während der Zeit, in der er überlegene Macht in der Luft besaß, bemerkenswert gezögert, sie voll gegen die feindlichen Städte zu entfesseln. Er versuchte wiederholt, während er sich auf dem Gipfel seiner Macht befand, einen Waffenstillstand in der Bombardierung von Städten zu erreichen." (Zitat des britischen Militärschriftstellers Liddell Hart, zitiert von Erich Schwinge in seinem Buch „Bilanz der Kriegsgeneration", 15. Auflage, Seite 68.)

Der britische Politiker, Historiker und Churchill-Biograph Emrys Hughes schildert die Geschichte des Dechiffrierbeamten Tyler Kent an der amerikanischen Botschaft in London. Dieser „wurde von der Art und Weise alarmiert, in der Churchill und Roosevelt insgeheim die USA in den Krieg hineinmanövrierten, und machte Kopien von ihrem Schriftwechsel, um diese in die USA zu schicken, wo sie Staatsmännern von Nutzen sein konnten, die sich den Interventionsplänen Roosevelts widersetzten.

Kent wurde ertappt und mußte für sein Vergehen fünf Jahre in einem englischen Gefängnis sitzen. Der amerikanische Botschafter Kennedy verzichtete auf Roosevelts Drängen hin, Kents Immunität als Mitglied des Diplomatischen Korps zu wahren; man mußte sicher sein, daß dieser Mann während des Krieges schwieg. Dann wurde ein Gesetz angenommen, das es Kent verbot, den Inhalt dieser geheimen Botschaften nach Kriegsende zu enthüllen." (Hughes, „Winston Churchill", Seite 181.) Zum Thema Luftkriegsschuld notiert Hughes: „Die Propaganda sprach von den Grausamkeiten des Feindes und war blind für die eigenen. Führende britische Experten haben offen zugegeben, daß es eher die Briten als die Nazis waren, die mit dem Bombenkrieg gegen Zivilisten und nichtmilitärische Ziele begannen. Die Entscheidung darüber hatte das britische Luftfahrtministerium bereits 1936 getroffen. Der erste Angriff dieser Art wurde von achtzehn britischen Whit-ley-Bombern in der Nacht des 11. Mai 1940 gegen Westdeutschland geflogen. Bis dahin waren lediglich militärische Ziele oder belagerte Städte mit Bomben angegriffen worden.

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Hitler bemühte sich wiederholt, eine Übereinkunft darüber zu erlangen, daß Zivilisten und nichtmilitärische Ziele nicht angegriffen werden sollten, erhielt aber immer von britischer Seite eine eiskalte Abfuhr.

Britische Autoritäten wie Luftmarschall Sir Arthur Harris (in seinem Buch ,Bomber Offensive', 1947), der Generalsekretär des Luftfahrtministeriums, J. M. Spaight (in ,Bombing vindicated', 1944) und Liddell Hart (in ,The Revolution in Warfare', 1946) geben diesen Sachverhalt offen zu." (Hughes, Seite 178 f.)

Der britische Physiker und Nobelpreisträger Blacket: „Die Deutschen waren streng genommen im Recht, den Angriff auf London eine Vergeltungsmaßnahme zu nennen." Britanniens Generalmajor J. F. C. Füller: „Hitler schlug zunächst nicht zurück, aber es ist kein Zweifel, daß diese Angriffe auf westdeutsche Städte ihn förmlich darauf hinstießen, nun auch seinerseits zum Angriff überzugehen." Liddell Hart: „Die Deutschen waren vollkommen berechtigt, ihren Angriff auf London als Repressalie zu bezeichnen, zumal da sie vor unserem sechsten Angriff auf Berlin erklärt hatten, daß sie zu einer solchen Handlungsweise übergehen würden, falls wir unsere Nachtangriffe auf Berlin nicht einstellen."

Am 10. September bombardierte die RAF unter anderem das Brandenburger Tor, das St. Hedwigs-Krankenhaus und ein Altersheim in Berlin, am 18. September die Krankenanstalten von Bethel/Westfalen, am 19. September die Heidelberger Arbeitersiedlung Pfaffengrund. Das alles spielte sich zwei Monate vor Coventry ab. Der englische Unterstaatssekretär Spaight, die erste britische Autorität auf dem Gebiet des Luftkriegsrechts, schrieb in seinem 1944 in London erschienenen Buch „Bombing vindicated": „Wir begannen Ziele in Deutschland zu bombardieren, ehe die Deutschen das in England taten. Das ist eine historische Tatsache, die auch öffentlich zugegeben worden ist. Wir brachten London zum Opfer dar, denn die Vergeltung war gewiß. Es ist keine absolute Gewißheit, aber doch sehr wahrscheinlich, daß die Deutschen London und das Industriegebiet nicht angegriffen hätten. Deutschland bemühte sich um ein Stillhalteabkommen im Bombenkrieg, so oft sich dafür die leiseste Chance zu bieten schien."

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Charles de Gaulle schrieb in seinen Memoiren: „Ich sehe Churchill heute noch, wie er eines Tages im August 1940 in Chequers die Faust gegen den Himmel hob und rief: ,Sie kommen also nicht.' ,Haben Sie es so eilig', sagte ich, ,Ihre Städte in Trümmer liegen zu sehen!?' -.Begreifen Sie', erwiderte er, ,daß die Bombardierungen von Oxford, Coventry und Canterbury in den Vereinigten Staaten eine solche Welle der Entrüstung aufpeitschen wird, daß sie in den Krieg eintreten werden'."

Nochmal Füller, britischer General und Historiker in seinem Buch „Der Zweite Weltkrieg": „So war es Churchill, der die Zündschnur in Brand setzte, die einen Krieg der Zerstörung und des Terrors hochgehen ließ, für den es seit dem Einfall der Seldschuken kein Beispiel gibt." Im ersten Band der offiziellen Geschichte der Royal Air Force, verfaßt vom britischen Militärhistoriker Denis Richards, heißt es: „Als das Kriegskabinett am 15. Mai 1940 erneut über die Durchführbarkeit eines Angriffs auf das Ruhrgebiet beriet (die entscheidende Weichenstellung war bereits am 10. Mai 1940 erfolgt), waren die letzten Zweifel gewichen, und man gab dem Luftstab endlich das Zeichen zum Losschlagen", fährt Richards fort. „Von den vielen Vorteilen, die man sich von dieser Entscheidung erwartete, würde der größte die Wirkung auf die deutsche Luftwaffe sein; hatte doch die Luftüberlegenheit die französischen Bodentruppen derart gelähmt, daß es dringend erforderlich war, die feindlichen Bomber abzulenken. Wenn die Royal Air Force das Ruhrgebiet angriff, mit ihren genau gezielten Bomben die Raffinerien vernichtete und mit denen, die danebengingen, die Städte als solche traf, würde der Ruf, Vergeltung an Großbritannien zu üben, unter Umständen zu stark werden, als daß die deutschen Generäle ihn überhören konnten. Hitler selbst würde wahrscheinlich sogar am lautesten schreien. Der Angriff auf das Ruhrgebiet war, mit anderen Worten, eine formlose Aufforderung an die Luftwaffe, London zu bombardieren." (Richards, Seite 122.)

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