Das geteilte Deutschland

1. Die Oder~Neiße-Linie

In Polen hat es schon in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen Bestrebungen gegeben, Deutschland seine östlichen Gebiete zu entreißen. Mit Müh und Not und einer guten Diplomatie konnte es die schwache Weimarer Republik gerade noch verhindern, und ähnlich erging es Hitler in den ersten Jahren des Dritten Reiches. Mit fast fünfzigtausend Quadratkilometern nach dem Ersten Weltkrieg war Polens Heißhunger auf deutsches Land noch nicht gestillt. Schon lange vor Ausbruch des deutsch-polnischen Krieges war geplant, nach einem erfolgreichen Waffengang gegen Deutschland, Ostpreußen, Danzig und ostschlesische Gebiete Polen einzuverleiben und die dort ansässige deutsche Bevölkerung zu „transferieren" Wörtlich

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hieß es in dem geheimen Diplomatenbericht des seinerzeitigen britischen stellvertretenden Unterstaatssekretär im Foreign Office, Sir William Strang und des damaligen britischen Gesandtschaftsrats, Gladwyn Jebb, vom 13. Juni 1939:

„Wiedereinmal verlangt es die Bauern nach einem Gang gegen die Deutschen. Dieses bestätigte der geistig hochgebildete Leiter der Wirtschaftsabteilung im polnischen Außenministerium, Herr Wzelaki, der sagte, daß der Kriegsgeist und die antideutsche Einstellung der Bauern teils auf rassische und teils auf wirtschaftliche Gründe zurückzuführen sei, nämlich Bevölkerungswachstum und daraus folgender Appetit auf deutsches Bauernland."

Daß dieser Appetit der Polen zu einem gehörigen Teil auch seinen Ursprung aus dem Verhalten der Siegermächte von 1918 herleitete, ist wahrscheinlich keinem der Herren Diplomaten eingefallen. Die Posener Zeitung „Dziennik Poznanski" druckte am 26. Juni 1939 eine Karte ab, die polnische Gebietsansprüche gegen Deutschland belegen sollte. Hierbei war die äußerste westliche Grenze Polens etwa mit der Weser identisch, während eine zweite Möglichkeit die Westgrenze Polens an der Elbe verlaufen läßt.

Exilpolnische Kreise in Kanada und in den USA entwickelten ebenfalls weitergehende Pläne für die künftigen Grenzen Polens. So weist eine Landkarte einer exilpolnischen Einheit in Kanada ein Nach-kriegspolen aus, daß im Osten die Westukraine und Westweißrußland einschließt, im Norden Ostpreußen und Danzig umfaßt und im Westen die Oder und die östliche Neiße markiert. Ein Großpolen also darstellt, von welchem der ehemalige polnische Außenminister Josef Beck in vertraulichen Gesprächen mit britischen und amerikanischen Diplomaten im Frühjahr und Sommer 1939 gesprochen hatte.

Auf der zwischen Roosevelt, Stalin und Churchill am 1. Dezember 1943 in Teheran abgehaltenen Konferenz wurde erstmals die Oder-Neiße-Linie als eventuelle Westgrenze Polens genannt. Stalin beharrte auf die den Polen 1939 wieder abgenommenen ostpolnischen Gebiete (Hitler-Stalin-Pakt) und schlug seinen Konferenz-Partnern dafür im Gegenzug die Verschiebung der polnischen Westgrenze bis an die Oder und Neiße vor. Churchill führte diesen Vorgang ganz locker mit

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Die Posener Zeitung „Dziennik Poznanski" vom 26. Juni 1939 druckte diese Karte ab, die polnische Gebietsansprüche gegen Deutschland belegen sollte. Die Zeichenerklärung von oben nach unten: 1. heute ausschließlich deutsches Wohngebiet; 2. weitester slawischer Raum gegen Westen nach der geographischen Feststellung von St. Kozierowski; 3. polnische Westgrenze zur Zeit Boleslaw I. Chrobry nach Professor Wl. Semkowicz; 4. polnische Westgrenze zur Zeit Boleslaw Krzywoustys nach Prof. Semkowicz; 5. heutige polnische Westgrenze.

Aus Gerhard Frey jun.: Polens verschwiegene Schuld, S. 152.

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drei Streichhölzern vor, die er etappenweise nach links verlegte. Mit diesem makaberen Spiel deutete er gleichzeitig die Vertreibung von fünfzehn Millionen Deutschen und die Umsiedlung von 1,5 Millionen Polen in die ostdeutschen Gebiete an.

Um keinen Irrtum aufkommen zu lassen: Die ostpolnischen Gebiete bis an die sogenannte Curzon-Linie waren bis 1921 russisch und wurden in jenem Jahr von den Polen erobert und sich einverleibt. Die polnische Bevölkerung in diesem Gebiet machte etwa nur ein gutes Drittel der Gesamtbevölkerung aus. Stalin dachte bei dieser geplanten Verschiebung Polens nach Westen erst in zweiter Linie an eine Kompensation. In erster Linie war es ihm wichtig, daß der sowjetische Einflußbereich nicht nur bis zur Oder, sondern bis zur Elbe reichen würde. Stalin war seinen Partnern, dem siebzigjährigen Churchill und dem kranken Roosevelt, weit überlegen und sah deshalb auch viel weiter voraus. Die ostdeutschen Gebiete, die Polen wider allen Völkerrechts von Deutschland erhalten sollte, waren wohl kleiner als die von Stalin beanspruchten ostpolnischen Gebiete, aber etwa zehnmal wertvoller. Es sei festzuhalten, daß weder in Teheran noch in Jalta im Februar 1945 eine neue deutsch-polnische Grenze festgelegt worden ist. Denn auf der im Juli 1945 in Potsdam stattgefundenen Konferenz erklärte Stalin definitiv, die Grenzfrage sei noch offen.

Churchill mußte auf dieser Konferenz in Teheran darauf aufmerksam machen, daß er keine Vollmacht vom britischen Parlament habe, und seines Wissens ebensowenig Präsident Roosevelt vom amerikanischen Kongreß, sich mit Grenzfragen unter Gewährung von Garantien zu befassen.

Die nach der deutschen Besetzung Polens in London gebildete polnische Exilregierung unter Ministerpräsident Sikorski erhob ebenfalls schon während des Krieges Gebietsansprüche auf ostdeutsches Territorium. Diese Forderungen bewegten sich aber noch nicht in den Größenordnungen, zu denen es dann später kam. Aber bereits am 2. Dezember 1942 präzisierte General Sikorski in zwei Denkschriften der polnischen Regierung, die er während eines USA-Besuchs Roosevelt überreichte. In der ersten heißt es:

„Die Oder mit dem Stettiner Haff und ihren Nebenflüssen bis hinunter zur tschechischen Grenze bildet für Polen eine natürliche

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Sicherheitslinie gegenüber Deutschland, da sich östlich dieser Linie die preußischen Basen für einen Angriff auf Polen befinden, insbesondere Ostpreußen, der schlesische Keil und das preußische Pommern."

In der zweiten Denkschrift wird die militärische Besetzung aller von Deutschland abzutrennenden Gebiete vorgeschlagen, welche Aufgabe im Osten Polen übernehmen sollen, und zwar „bis zum linken Ufer der Oder einschließlich Stettins und entlang dem linken Ufer der Lausitzer Neiße."

Damit war die verbrecherische Idee der Oder-Neiße-Linie, wie sie heute noch existiert, geboren. Die Heimat von fast zwanzig Millionen Nichtpolen, einem Land, das um die Zeitenwende fünf Jahrhunderte vom deutschen Stamm der Silinger kolonisiert wurde und, seit 1163 ununterbrochen deutsch, zu hoher kultureller Blüte gelangt, sollte einfach so an Polen fallen. Diese Maximalforderungen waren im Osten, wie im Westen, bevölkerungsmäßig völlig ungerechtfertigt. Im Vorfeld der Jalta-Konferenz und dann in Jalta selbst machten jedoch die westlichen Politiker bei der Oder-Neiße-Linie Bedenken geltend. Sie einigten sich schließlich auf die Curzon-Linie als Ostgrenze Polens und darauf, daß Polen im Norden und Westen beträchtlichen Gebietszuwachs erhalten müsse. Ebenso wurde auch schon in Jalta beschlossen, daß eine endgültige Regelung der polnischen Grenzen der Friedenskonferenz vorbehalten sei.

Doch schon am 5. Februar 1945, einen Tag nach Beginn der Jalta-Konferenz, hatte Boleslaw Bierut, der Präsident des polnischen Lan-des-Nationalrats, verkündet, daß „ohne Rücksichten auf die Ansichten der internationalen Konferenz" eine polnische Verwaltung in den Gebieten bis an die Oder und die Lausitzer Neiße errichtet werde. Zu diesem Zweck war bereits Ende 1944 in Lublin ein „Büro für die Wiedergewonnenen Gebiete" errichtet worden.

War die Handlungsweise der von Moskau ins Leben gerufenen „provisorischen polnischen Regierung" rechtens, oder war es die bekannte polnische „Politik der vollendeten Tatsachen", die hier vielleicht in geheimer Absprache mit den Sowjets zum Tragen kam? Diese polnischen selbständigen Anmaßungen waren dann doch im wahrsten Sinn des Wortes ein „Raub" der deutschen Ostgebiete! Denn in den fol-

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genden sechs Monaten bis Potsdam hatten die Polen im Gefolge der Roten Armee sich in den deutschen Ostgebieten sofort als die „neuen Herren" aufgeführt, wozu sie doch rechtmäßig gar nicht befugt waren. Diese rechtswidrige Handlungsweise der Polen erregte dann in Potsdam den Unwillen der Angloamerikaner, mußte aber angeblich hingenommen werden, da die polnischen „vollendeten Tatsachen" nicht mehr umkehrbar waren.

„Jalta - ein Symbol internationaler Unanständigkeit." So schreibt US-Publizist George Crocker in seinem Buch „Roosevelt Road to Russia": „Als Roosevelt, Churchill und Stalin im Februar 1945 an der russischen Küste des Schwarzen Meeres zusammenkamen, faßten sie in der Schlußrunde so unmoralische Entschlüsse - wie die Einführung von Zwangsarbeit, die gewaltsame Zurückführung von Flüchtlingen (in Stalins Reich, was den sicheren Tod bedeutete), die Vertreibung von Millionen Menschen von Haus und Hof, den Bruch des Versprechens des Rechtes auf Selbstbestimmung und ähnliche Unmenschlichkeiten -, daß Jalta mit jedem Jahr mehr zu einem Symbol internationaler Unanständigkeit geworden ist." („Rufmord", Seite 123.) Der polnische Heißhunger auf ostdeutsches Land wurde von Stalin geschickt in seine „Theorie von den Kompensationen" eingeordnet. Da er unbedingt die 1939 erbeuteten bzw. zurückgeholten ehemaligen russischen Gebiete behalten wollte, bestärkte er die Polen in ihren Wünschen nach deutschem Land. Die in den ostpolnischen Gebieten lebenden Polen, man sprach von einer unwahren verdreifachten Zahl von vier bis fünf Millionen, sollten in die deutschen Ostgebiete umgesiedelt werden. Wegen dieser Menschen wäre aber das deutsche Land zwischen deutsch-polnischer Grenze und Oder und Lausitzer Neiße als Beute gar nicht nötig gewesen, da es in Wahrheit nur eineinhalb Millionen polnische Umsiedler waren, die ohne Schwierigkeiten im dünn besiedelten Polen untergekommen wären und auf keinen Fall ein Viertel von Deutschland benötigt hätten, wo, abzüglich der Sudetendeutschen, zwölf Millionen Ostdeutsche zu Hause waren. Erleichternd hierfür wäre der Umstand gewesen, daß ja auch die Deutschen in Altpolen vertrieben, ermordet und in KZ-Lager inhaftiert worden sind. Trotz der von den Sowjets und Polen geschaffenen „Realitäten" bis zur Konferenz von Potsdam kann der spezielle Anteil der Westalliier-

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ten an der Entstehung der Oder-Neiße-Linie und dem Plan der totalen Austreibung der deutschen Bevölkerung nicht geleugnet werden. Schon sehr früh erklärten sie sich mit einer Abtretung Ostpreußens an die Sowjetunion und Polen und Teilen Pommerns und Schlesiens an Polen einverstanden. Völkerrechtswidrig wurde hier Polen auf Kosten eines Dritten, nämlich Deutschlands, und zwölf Millionen Menschen, mit einem zehnfachen Wert für ein unterentwickeltes Gebiet entschädigt, das Polen 1921 von Rußland raubte und das die Sowjets nun wieder zurückhaben wollten.

In der von Roosevelt und Churchill am 14. August 1941 vereinbarten „Atlantik Charta" hieß es noch: 2. „Sie wünschen, daß keine territorialen Veränderungen zustande kommen, die nicht mit den frei geäußerten Wünschen der betroffenen Völker übereinstimmen." (Vertrags-Ploetz II, 4, aaO, Seite 200.) Am Ende des Krieges gab es dann für Deutschland ein Super-Versailles mit einem bis heute nicht abgeschlossenen Friedensvertrag.


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