Das Rudolf Gutachten auf http://www.vho.org/D/rga/rga.html

2.4.5. Langzeittest


In einem 21 Jahre andauernden Umweltbeständigkeitstest in dem westlich von London gelegenen Industrieort Slough wurde neben anderen Pigmenten die Farbfestigkeit von Eisenblau getestet[150
]. Die mit einer Oxidschutzschicht versehenen Aluminiumflächen wurden abwechselnd in eine K4[Fe(CN)6]3-Lösung und eine Fe(NO3)3-Lösung getaucht, wobei das sich bildende Pigment auf der Oxidschicht adsorbiert wurde.
Da der Versuch u.a. die korrosionsschützende Wirkung der Pigmente für die Aluminiumtestflächen zeigen sollte, wurden einige Proben anschließend in siedendem Wasser bis zu 30 min. behandelt, z.T. mit geringen Konzentrationen von Chromat, Vanadat oder Molybdat versehen, um die Wirkung einer dadurch eventuell besseren Porenschließung durch das Pigment zu überprüfen. Die gefärbten Testflächen aus Aluminiumblech wurden auf einem Gebäudedach, im 45°-Winkel nach Südwesten geneigt, aufgestellt.
Während eines mittelfristigen Vorversuches verlor die einzige Probe mit Eisenblau nach 5 ½ Jahren fast vollständig ihre Farbe. Im sich anschließenden Langzeitversuch vieler Pigmente über 21 Jahre, darunter 8 Eisenblau-Proben, zeigte nun ganz besonders das Eisenblau neben dem Eisenocker (Fe2O3) nach dieser Zeitspanne nur minimale Veränderungen. Sowohl vom Eisenblau wie vom Eisenocker wurde jeweils nur eine Probe nach 10 bis 11 Jahren entfernt. In der Literatur ist diese Eisenblauprobe allerdings nicht wie die anderen als Prussian Blue aufgeführt, da es damals für andersartiges Turnbulls Blau oder ferrous ferricyanide gehalten wurde. Alle übrigen Proben hatten noch ein intensives Blau, unabhängig davon, ob sie mit heißem Wasser behandelt wurden oder nicht. Die Hälfte der sieben verbliebenen Eisenblauproben erhielt den Wert 4 auf der maximal 5 Punkte für beste Qualität enthaltenden, dort benutzten Grauskala zur Bestimmung von Farbänderungen. Es fanden also nur geringe Veränderungen statt. Negativ machten sich zumeist dem Versiegelungsprozeß beigegebene Übergangsmetalloxide (Vanadat, Chromat, Dichromat) bemerkbar. Eine Erklärung hierfür kann sein, daß Übergangsmetalle wie Molybdän, Chrom oder Vanadium auf das Pigment zersetzend wirken; für Titan gibt es dafür eine Untersuchungsreihe[148
].
Die Exponate waren damit über 21 Jahre den Umweltbedingungen eines stark industrialisierten Gebietes ausgesetzt mit voller Wirkung des Niederschlages, direkter Sonneneinstrahlung und der Winderosion. Bei intensiver Sonneneinstrahlung und Windstille im Sommer wird die Temperatur des dunkelblau gefärbten Aluminiumbleches stark angestiegen sein (Eisenblau ist nur bis ungefähr 140°C stabil[112
,151,152,153]). Schnee, Frost, Hagel, Sturm und feinster, durchdringender, saurer Nieselregen haben offensichtlich das Pigment ebensowenig intensiv schädigen können wie die direkt einfallende UV-Strahlung der Sonne.
Bemerkenswert ist, daß zur Feststellung des Zerstörungsgrades des Pigments keine nichtexponierten Proben verwendet wurden, da diese in den 21 Jahren verloren gingen, sondern daß Stellen auf der Oberfläche der Exponate, die durch den Rahmen und durch Gummiringe an den Verschraubungen einigermaßen von direkten Umwelteinflüssen geschützt waren, als Vergleichsproben dienten. Diese zeigten annähernd keine Veränderungen.
Im Vergleich zu den Umweltbedingungen, die hier von Interesse sind, handelt es sich bei diesem Langzeitversuch um wesentlich härtere Bedingungen, da hier das extern gebildete, »lösliche« Eisenblau nur oberflächlich adsorbiert wurde. Dennoch überstand das Pigment dies hervorragend. Die deutliche Abweichung der Vorversuchsreihe von dieser Serie (Ausbleichung schon nach 5 ½ Jahren) ist nicht erklärt worden, kann jedoch auf Fehler bei der Herstellung zurückzuführen sein (falsche Stöchiometrie).
Unter den betrachteten Bedingungen ist eine Halbwertzeit der Pigmentkonzentrationserniedrigung von rund 30 Jahren anzunehmen. D.h., daß nach 30 Jahren immer noch 50% der ursprünglichen Pigmentmenge auf einer freien Oberfläche vorhanden sind.

Eine weitere Gegebenheit beweist die außerordentliche Langzeitstabilität des Eisenblaus. Es fiel in früheren Jahrzehnten bei der Stadtgaserzeugung an, da man die im Kokereigas enthaltene Blausäure vor der Einspeisung des Gases in das Stadtgasnetz mittels Eisenhydroxidwäschern entfernte. Endprodukt dieser Wäsche ist das Eisenblau. Die Stadtgaswerke entsorgten dieses Produkt häufig, indem sie Teile davon zur Unkrautbekämpfung auf ihr Werksgelände verteilten (nebenbei: Eisenblau zeigt als Herbizid kaum Wirkung). Die Böden unserer alten Stadtgaswerke enthalten auch heute noch, viele Jahrzehnte nach ihrer Stillegung, hohe Mengen an Eisenblau. Es wurde weder zersetzt, noch von Regenwasser aufgelöst oder fortgespült, da es unlöslich ist. Zumal es aufgrund dieser Stabilität aber eben auch physiologisch unbedenklich ist, gelten stark Eisenblau-haltige Böden nicht als belastet.[154]


Anmerkungen

  1. J.M. Kape, E.C. Mills, Trans. Inst. Met. Finish. 1958, 35, S. 353-384; ebenda, 1981, 59, S. 35-39.

  2. S. Barbezat, J. Réch. Cent. Nat. Réch. Sci. 1952, 4, S. 184ff.

  3. E. Gratzfeld, Färg och Lack 1957, 3, S. 85-108.

  4. E. Herrmann, Farbe und Lack 1958, 64, S. 130-135.

  5. D. Maier, K. Czurda, G. Gudehus, »Das Gas- und Wasserfach«, in: Gas · Erdgas, 1989, 130, S. 474-484.



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