Liebe Leser von »Recht und Wahrheit«!

Schneller als wir es wahrhaben wollen, ging auch dieses Jahr zu Ende. Jeder neue Tag entfernt uns mit unvorstellbarer Geschwindigkeit vom vorausgegangen, versunkenen. Auf diese Weise werden die Tage blitzschnell zu Monaten, und die Monate türmen sich zu einem Jahrberg auf, der aus tausenderlei Wichtigem wie Unwichtigem entstanden ist. Was uns betrifft, so leben wir innerhalb dieser stattgefundenen, von Menschenhirnen ausgedachten, von "Menschenhand" ausgelösten Ereignisse als unmittelbar betroffene Leidertragende; ich kann auch sagen, als zur stillhaltenden Passivität verurteilte Zuschauer. Wir gehören nicht zu den Drehbuchautoren, zu jenen also, die Hand in Hand mit ausgewählten Regisseuren inszenierte Vorgänge mit auserwählten Hauptdarstellern auf die Bühne stellen durften. Wir sind höchstens Kulisse. Man nimmt uns nicht ernst. Wir sind weniger noch als Kleindarsteller. Als einflußnehmende Mitwirkende bei den Bühnenstücken, die sich Bonner Theaterdirektoren für ihr Publikum haben einfallen lassen, betrachtet man uns gewiß nicht. Damit sind wir bei der Feststellung angelangt, was wir für die Bonner "Kulissenschieber" wirklich sind: Wir sind nichts weiter als eine an den Rand des Geschehens gedrängte, abfällig als Masse bezeichnete Zuschauermenge. Wir bezahlen Eintritt für das vorgeführte Bonn-Theater - dürfen auch Applaus spenden - haben aber im übrigen die Vorführungen der Macher stumm über uns ergehen zu lassen.

Die erfolgreichsten der mehrheitlich publikumsunwirksamen Stücke, die man uns im Laufe dieses Jahres vorführte, trugen Titel wie: Betriebsstillegung, Arbeitslosigkeit, Konkursanmeldung, Ausländerzuwanderung, Teuerung, höhere Staatsverschuldung, Kriminalitätszunahme, Geburtenrückgang (bei den Deutschen), nicht aufhörende Bußfertigkeit (bei Bonner Spitzenpolitikern), Kultur- und Sittenverfall...

Nachdem der Ausverkauf unseres nationalen materiellen Besitzstandes unter dem Oberbegriff Privatisierung stattgefunden hat, bemächtigte man sich nunmehr unseres geistigen Erbes. Durch pausenlos auf uns einwirkende Medienbeeinflussung sollten wir nunmehr erfahren, daß Hitler ein cholerisch-unbeherrschter "Teppichbeißer" und der "Alte Fritz" ein menschenverachtender "Leuteschinder" gewesen ist. Den ehrwürdigen Weimarer Geheimrat Goethe, aller Welt als galanter Frauenverehrer bekannt, outeten linke Neinsager in diesem Jahr gar als Schwulen. Kaum glimpflicher kommt der Bonner Ludwig van Beethoven bei ihnen weg. Adalbert Stifter, den lebensuntüchtigen Selbstmörder, erklärten sie schon vorher für "geistig krank", und den in Deutschland gerngelesenen Peter Rosegger bewerteten österr. "Literaturkritiker" als egomanischen, unterdurchschnittlichen Schreiberling - des (An)Lesens nicht wert. Der begnadete Dichter Josef Weinheber, unser Zeitgenosse, wird als "Nazi" beschimpft. Ein anderer deutschbewußter Österreicher, Ottokar Kernstock, muß nach dem Willen moderner "Saubermänner" als Namensgeber von diversen Straßenschildern verschwinden, und unser Wolferl - gemeint ist unser Wolfgang Amadeus Mozart, der Liebling der Götter (auch das jubelte man uns unter) - liebte gar nicht so recht das "Hehre und "Reine", wie es in seiner Musik aufklinge - der habe sich fern seiner Komponistentätigkeit eher abartig aufgeführt und eine Vorliebe für Fäkalsprachworte gehegt: Ein rotzbübiger Lümmel eben - kein Genie.

Was wir Deutsche vom peitschenschwingenden, dem "Herrenmenschen" Herrenmoral predigenden Friedrich Nietzsche, vom grantigen Pessimisten und Weiberfeind Arthur Schopenhauer, vom zu "klein geratenen", mickrigen Königsberger, dem Immanuel Kant, zu halten haben, das alles wurde inzwischen von "streng wissenschaftlich" vorgehenden Monographen aufgearbeitet und unter das Volk gestreut. Man möge sich, bitte schön, abwenden von Vorbildern, die in Wirklichkeit gar keine sind, so diese modernen "Bilderstürmer", die uns nahelegen, einen Heinrich Böll oder einen Deutschenfreund wie Günter Grass zu "inputieren", Verzeihung, zu lesen.

In diesem Zusammenhang wundern die Ausschreitungen gegen kulturelle Gedenkstätten, die dem Andenken deutscher Geistesgrößen gewidmet sind - wie beispielsweise der im März ds. Jhrs. stattgefundene Anschlag auf die Offenhausener Dichtersteinanlage - nicht mehr. Um unsere Jugend von dem kultur- und geschichtsbewußtseinfördernden deutschen Dichterwort fernzuhalten, scheut man keine Anstrengung. Es wird gelogen, verfälscht, mies gemacht, in den Dreck gezogen in der Absicht, für wertlos zu abzutun, was vorbildhafte deutsche Denk-Weise uns zum Erbe hinterlassen haben. Es ist eine unsichtbaren Front, an der ein Krieg gegen unserer Kulturerbe tobt. Schon hat der Feind alles Deutschen zu einem Frontalangriff auf unsere Sprache, sprich die deutsche RECHTSCHREIBUNG, befohlen. Auch an dieser Front stellt sich »Recht und Wahrheit« dem Feind im geistigen Abwehrkampf entgegen.

Zum Abschluß meiner gewohnten Ansprache an dieser Stelle, so vermute ich mal, erwarten Sie von mir ein hoffnungsvolles Wort für 1998?

Nun, nehmen Sie dies mit auf Ihrem Weg ins neue Jahr: Niemals resignieren - jeden Angriff des Gegners parieren!

In diesem Sinne Frohe Weihnachten und ein gesundes Jahr 1998 - das wünscht Ihnen von Herzen
Ihr
Georg Albert Bosse


Quelle: Recht und Wahrheit, Folge 11+12/1997, S. 3

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