Liebe Leser von »Recht und Wahrheit«!

Dieses letzte Jahr vor der Jahrhundertwende - dieses schon begonnene 1999, das mit seinem Zuendegehen in ein neues Millennium überleitet - möge den betroffenen Völkern schon jetzt die lebensrettende Einsicht schenken, daß ihr Weiterbestehen in den kommenden Jahrtausenden von der Bewahrung ihrer Eigenart abhängt.

Die Zeit, in der supranationale, namenlose Mächte dem deutschen Volke diktierten, was es denken darf und was nicht, geht ihrem Ende entgegen. »Der Charakter der Wahrheit bedarf keiner Waffen, um sich zu verteidigen. Sie braucht sich nur zu zeigen, und sobald ihr lebhaftes Licht die Wolken zerstreut hat, worin sie verhüllt war, so ist sie ihres Triumphes sicher. « sagt Friedrich 11. von Preußen (Friedrich der Große).

Die Wahrheit, dessen bin ich mir sicher, wird über die Lüge obsiegen. Aber zu ihrer Durchsetzung bedarf die eine, die unwandelbare Wahrheit des Mutes und der Kampfesfreudigkeit jener, die bereit sind, selbst, wenn es ihr Leben kostete, für den Sieg der Wahrheit unbeirrbar einzureten.

Die Wahrheit, von der ich spreche, ist aller Lebensgesetzlichkeit innerster Kern. Es gibt nur diese eine Wahrheit. Sie ist die Triebkraft, die Galaxien entstehen und Planeten um ihre Sonne kreisen läßt.

Wir vielgeschmähten Nationalisten, die wir die heimattreuen Erben eines von unseren Vätern auf uns überkommenen Kernlandes sind, für das sie gestritten, gelitten und für dessen Unversehrtheit sie ihr Leben in eisernen Kriegen ließen, wir lassen nicht ab von unserer Liebe zu diesem unseren Land. Wir halten unserem Lande die Treue. Und weil wir in tiefer, unverbrüchlichen Liebe zu unserm Lande erfüllt sind, leben wir "menschengerecht".

Um nicht länger für uns vorgeworfene Untaten bis in alle Ewigkeit büßen zu müssen, regt sich schon seit langem bei vielen Deutschen Widerstand gegen die uns auferlegte seelische Fesselung. Und dies nicht erst mit Herrn Walsers Rede in Frankfurt am Main, anläßlich seiner Rede zur Überreichung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Paulskirche am 11. Oktober 1998. Regte sie sich auch bei ihm

Widerstand gegen die unablässige Verunglimpfung seiner deutschen Landsleute? Wollte er das mit seiner Rede öffentlich machen?

 

Walser wird von denen, die verlegen, drucken und buchhändlerisch vertreiben, was er niederschreibt zu einem (deutschen) Literaten von Rang hochgelobt. Anders als Heinrich Heine, der deutsch schrieb, weil er deutsch sprach - schreibt Walser deutsch, weil er deutsch denkt. Mehr zeichnet Walser nicht aus - auch nicht weniger. Walser, Angehöriger des Geburtsjahrgang 1927 und laut Exkanzler Kohl mit dem Attribut der "Gnade der späten Geburt" beschenkt, schloß sich gleich nach Kriegsende der Gruppe 47 an, der Böll und Graß als deren namhafteste Vertreter angehörten. Als schon damals kommunistisch Engagierter wurde Walser (1955) zu einem der ersten Erzähler-Preisträger der Gruppe 47 gekürt. Heute besteht diese "Sprachreinigungsvereinigung" nicht mehr. Wer Graß kennt - eine der Leitfiguren dieses ehemaligen Literatenklubs - weiß, welche politische Richtung die Gruppe 47 bevorzugte. Walser selber war zeitweilig Mitglied der KPD.

Walsers Abkehr vom realpolitischen Kommunismus muß nicht bedeuten, daß er seine 68er-Träume fahren ließ. Wenn dem so wäre, müßte er sich von seinem literarischen Werk trennen und es verleugnen. Das kann er und will er auch nicht. Dann hätte er auch den Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausschlagen müssen. Literarisch betrachtetet besteht oder bestand Deutschland für Walser aus einer mittelmäßig strukturierten, vielschichtig schillernden Deformiertheit - die sich zu keinem eigenständigen Handeln aus selbstgewonnener Einsicht aufraffen kann. Nun will er uns weismachen, daß er selber sich eines solchen "inneren Wandels" für fähig hält.

In seiner Rede in der Paulskirche zu Frankfurt sagte er (u.a.): » ... Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird (…) Ich habe es nie für möglich gehalten, die Seite der Beschuldigten zu verlassen. Manchmal, wenn ich nirgends mehr hinschauen kann, ohne von einer Beschuldigung attackiert zu werden, muß ich mir zu meiner Entlastung einreden, in den Medien sei auch eine Routine des Beschuldigens entstanden. Von den schlimmen Filmsequenzen aus Konzentrationslagern habe ich bestimmt schon zwanzigmal weggeschaut. Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien die Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, daß sich in mir etwas gegen diese Dauerpräsentation unserer Schande wehrt. Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Ich merke, daß ich versuche, die Vorhaltung unserer Schande (der Verfasser dieses Editorials fragt sich bereits zum wiederholten Male, wessen " Schande " Walsers Schande ist, die er als die " unsrige " bezeichnet?) auf Motive hin abzuhören, und ich bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, daß öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten! Aber doch Instrumentalisierung …«

Walser ist sich irgendwann im Verlauf seines 72jährigen Lebens seines Deutschtums bewußt geworden. So ohne weiteres vermag er dieses Signum seiner Geburt - sich ähnlich verhalten könnend wie eine sich häutende Schlange - nicht abzustreifen. Aber ihn ärgert - immerhin besteht für ihn die "Schande" nach wie vor als ein geschichtlich gesichertes Faktum - daß er als einer, der doch "die Gnade der späten Geburt" genießt, unaufhörlich den Gebetmühlen lauschen soll und muß, die "unsere Schande" (beileibe nicht "seine" Schande, aber die der anderen) in alle vier Winde verbreiten. Walser will Absolution - für sich allein. Er bettelt geradezu darum, nicht länger Mitträger einer Last sein zu wollen, die ihn als "unsere Schande" "mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa" unaufhörlich belästigt und plagt.

Walser gebrauchte der Worte viele, um seinen Zuhörern kenntlich zu machen, warum er aus "unserer Schande" aussteigen will, warum er gegen das geplante Holocaustdenkmal in Berlin, gegen den "fußballfeldgroßen Alptraum", gegen die "Monumentalisierung der Schande" ist. Und es klingt ehrlich, wie er das sagt. Aber meint er es auch so? Dies bei einem Alt-68er zu hinterfragen, nachdem er in diesem "System" Preise, Ehrungen und viel Geld abgesahnt hat, muß erlaubt sein. Walser aber nun gleich mit einem Bruderkuß auf beide Wangen in die Riege der "Rechten" aufzunehmen, dies halte ich denn doch für eine abartige Entgleisung intellektuell vereinsamter Rechter - abgesehen davon, daß Walser dies nicht zuließe. Schon eher geziemte es sich, den weitaus mutigeren Worten des Parteipolitikers Gerhard Schröder Beifall zu zollen, der, von Herrn Aust am 1. 11. 1998 in der Sendung "Talk im Turm" zu der Äußerung Walsers befragt, antwortete: »Ein Schriftsteller wie Walser muß sowas in der Öffentlichkeit sagen dürfen, ein deutscher Bundeskanzler nicht. Für mich ist diese Aussage gleichbedeutend mit einer Zustimmung, nur sind wir in Deutschland wohl noch nicht soweit, dies auch öffentlich aussprechen zu dürfen. «

Wir werden Martin Walser nicht von uns weisen, wenn er ehrlich bekennen würde: Freunde, ich habe mich dreiundfünzig Jahre lang in meiner Auffassung von deutscher Schuld geirrt -!

Dieses schlichte Herzensbekenntnis - gleichwohl von verstandesmäßiger Wahrheitserkennung begleitet - haben wir von Herrn Walser aber noch nicht vernommen.

Beginnen wir das Neue Jahr damit, kritisch die Sinninhalte jener Wortaussagen zu prüfen, die "unsere Schuld" eingestehen, aber schon immer "dagegen" gewesen sind, daß man sich hierzulande nicht dazu bereit zeigt, "uns" "unsere Schuld" nach angemessener Zeit zu "vergeben". Hier ist Mißtrauen angesagt, Der Zug nach "Wahrheitshausen" ist langsam angefahren. Ich sehe eine Masse von "Klugscheißern" an der Bahnsteigkante stehen, die ihre Zeit für gekommen halten, schnell noch aufzuspringen!

Bis zum nächsten Mal!

Ihr
Georg Albert Bosse


Quelle: Recht und Wahrheit, Folge 1+2/1999, S. 3f.


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