Geschrieben um der Wahrheit willen

Karl-D. Schönherr  D-83624 Otterfing, 31.10.1999
Berghamer Straße 5F

Bundespräsidialamt
z.Hdn. Herrn Bundespräsident. Johannes Rau 
Spreeweg 1
10557 Berlin

Ihr Besuch der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg - 

Herr Bundespräsident,

wie den Medien zu entnehmen war, haben Sie anläßlich des Festaktes zum 20jährigen Bestehen der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg gesagt, daß „wir Deutsche es dankbar als Wunder ansähen“, daß wieder Juden unter uns leben.

Auch aus Gründen der inneren Hygiene möchte ich hierzu feststellen, daß ich, als Deutscher, keinerlei Anlaß sehe, Ihr prätentiöses „Wir“-Gefühl zu teilen, Sie von mir folglich auch keine Mandat zu einer solchen, mich einschließenden Aussage erhalten haben.

Bekenntnisse abzugeben, worüber oder für was ich dankbar zu sein habe, bin ich, sofern erforderlich, durchaus alleine Mannes genug und benötige dazu weder eines Stellvertreters noch gar eines Souffleurs.

Dies insbesonders dann, wenn, derlei „Dankbarkeit“, und selbstverständlich ohne daß dies explizit kundgetan wird, sozusagen Querbeet und unreflektiert dekretiert wird. Abgesehen davon, daß der Gedanke, ein besonderes Fatum führe automatisch zu einem Berechtigungsschein für Dankbarkeit höchst weltfremd wenn nicht sogar infantil ist (und an dieser Stelle lassen z.B. „unsere“(?) Vertriebenen einmal schön grüßen!), ödet mich die permanent praktizierte Fokussierung von Leid auf das jüdische Schicksal mehr an, als der Sand in der Wüste Gobi. Deshalb möchte ich, wenn überhaupt, meine Dankbarkeit für die Anwesenheit jener, die nicht zu meinem Volke gehören, durchaus auf die, und zwar ungeachtet ihres Glaubensbekenntnisses, beschränken, die sich diese Art von Anerkennung durch ein integres Verhalten hierzulande und, obgleich gewiß eine quantité négligeable, mir gegenüber erworben haben bzw. erwerben.

Dazu gehören aber weder solche, die nicht zuletzt auch unter dem sichernden Schirm eines intentiös gestrickten Glaubenszwangsparagraphen mit fanatischer Besessenheit darum bemüht sind, mir ein „Kainszeichen“ aufzudrücken, „haftungsbedingte Schuld für immer“ aufzuschwatzen für Dinge, deren Nachprüfung mir nur erlaubt wäre, wollte ich mich in die Attitüde eines Kamikaze begeben, noch jemand, der, anstatt sich um eine anständige Erziehung seines Kindes zu kümmern, meint, sich mir gegenüber in der Rolle eines Präzeptors aufspielen zu müssen.

Deshalb, Herr Dr. Rau, sei mir gestattet, in Bezug auf meine Dankbarkeit, Wundern zu entsagen und mich statt dessen an Fakten orientieren.


Quelle: Recht und Wahrheit, Folge 11+12/1999, S. 22.


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