Liebe Leser von »Recht und Wahrheit«!

Der in der letzten Folge auf Seite 30 erschienene Artikel »Der andere Goethe« forderte den einen oder anderen RuW-Leser zu Mißfallensäußerungen heraus.

Wer den Beitrag des Autorenpaares Burgwedel/Reyer sorgfältig las, wird auf keinerlei polemisch aufzufassende Ausführung gestoßen sein, die etwa das dichterische Werk Goethes schmähten.
Es geht den Autoren darum - selbstverständlich auch mir, der ich über Goethes Geistes- und Charakterhaltung seit meiner Jugend Kenntnis habe - darzulegen, daß Intellekt und Charakter eines hochbegabten Menschen nicht unbedingt miteinander im Einklang stehen. Auf Goethe trifft mitnichten das Herder-Wort zu (Herder: wie Goethe auch Illuminat): »Eine schöne Menschenseele finden, ist Gewinn...«

Die Kritiker jenes o.e. Aufsatzes, die meinen, das umfangreiche Werk des Politikers (Geheimrat) Johann Wolfgang von Goethe müsse losgetrennt von seiner Person gewertet und betrachtet werden, irren hierin. Eines Kunstschöpfers Werk verlangt danach, aus seiner Ganzheit heraus betrachtet (und richtig verstanden) zu werden. Eine solche überperspektivische Betrachtensweise will Geist, Lebensführung, Lebensauffassung und Charakterhaltung in eine Werke-Beurteilung miteinbezogen sehen.

Der Mensch Goethe, der als »Statthalter des Geistes auf Erden« gefeiert wird, von jenen belobigt, denen er „hammerführender Vorsitzender“ in ihrer Loge war: »unser einziger Wohltäter, der uns durch Wort und Tat Weisheit lehrt«, muß es sich sehr wohl gefallen lassen, von seinen Nachgeborenen, denen das Wohlergehen der DEUTSCHEN NATION am Herzen liegt, auf seine Sinneshaltung in Sachen PATRIOTISMUS unter Kritik gestellt zu werden. Um es ohne Umschweife frei herauszusagen: Goethe gibt nach meiner persönlichen Auffassung kein nachahmenswertes Vorbild für nationaldenkende Deutsche ab. Ja, der Weltmann („Weltbürger“) Goethe will selber gar kein „Deutscher“ (in unserem Sinne) sein! Weshalb ihn also zu einem „deutschen Patrioten“ unbedingt machen wollen? 

Goethe: »Überhaupt ist es mit dem Nationalhaß ein eigenes Ding. Auf der untersten Stufe der Kultur werden Sie ihn immer am stärksten und heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet und wo man gewissermaßen über den Nationen steht, und man ein Glück oder Wehe seines Nachbarvolkes empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet. Diese Kulturstufe war meiner Natur gemäß und ich hatte mich lange darin befestigt, ehe ich mein sechzigstes Jahr erreicht hatte.« (Curt Englert-Faye, »Vom unbekannten Goethe«, Basel 1984, S. 238)

Wie sieht Goethe sich selber?

Seine Begabung betrachtet er als sein alleiniges „Eigentum“, an der kein anderer teilhabe; aber es stehe den Deutschen durchaus zu, ihm, bitte schön, wegen seines Talents zu huldigen. 

Dem Volke, der „Nation“ schenkte er seine Werke nicht. Das heißt, er schrieb sie nicht zu dem „Zwecke“, des „Volkes Seele“ zu erbauen. Ich könnte an dieser Stelle meiner Feststellung leicht ins Polemische abgleiten und Goethes Überheblichkeit Schillers Edelgesinntheit gegenüberstellen, aber das verkneife ich mir. Friedrich Schiller wird in einer der kommenden Folgen im Jahr 2000 in »Recht und Wahrheit« angemessen Würdigung finden.

Gegenüber dem russischen Grafen Alexander Grigorevitch Stroganoff äußerte Goethe einmal: »Sinn und Bedeutung meiner Schriften und meines Lebens ist der Triumph des rein Menschlichen. Darum entschlage ich mich dessen nie und genieße, was mir das Glück an Ruhm geboten, aber die süßere Frucht ist mir das Verstehen der gesunden Menschheit. Darum schätze ich sogar den Widerspruch derer höher, welche die rein menschliche Bedeutung der Kunst erfassen, als den kränklichen Enthusiasmus der überschwenglichen Dichter unseres Volkes, welche mich mit Phrasen ersticken; darum auch mag ich Ihnen gern die Wahrheit Ihrer Behauptung, daß Deutschland mich nicht verstanden, in bedingter Weise zugestehen. Es waltet im deutschen Volke ein Geist sensueller Exaltation, der mich fremdartig anweht...« (a.a.O., S. 14)

Der Goethe-Forscher Curt Englert-Faye, a.a.O., S. 10: »Und so blieb Goethe einsam groß nach seinem Tode, wie er im Leben verlassen gewesen, sich selber treu, sich selbst genug. Schon der Einunddreißgjährige hatte der Freundin geschrieben:

„Ich stehe vor der ganzen Nation ein für allemal ab, und alle Gemeinschaft, die man erzwingen will, macht was halbes, indes führ ich mich so leidlich auf als möglich.“«

Englert fährt fort: »Dem deutschen Volke fremd. Der „größte“ Mann der Nation war nicht „national“«.

Goethe gehörte einer Welt an, die e r erschaffen hat. Englert: »Seine Welt wollte man nicht. Denn wo der Deutsche sie betrat, er wäre Mensch geworden. „Deutsch“ sein und bleiben war leichter getan.«
Meint „man“ immer noch, wir sollen Goethe als unseren „Erzieher“ - als einen Erzieher der Deutschen anerkennen?

»Ich will nichts davon hören, weder von dem Publikum noch von der Nachwelt, noch von der Gerechtigkeit, wie sie es nennen, die sich einst meinem Bestreben widerfahren lassen. Ich verwünsche den Tasso bloß deshalb, weil man sagt, daß er auf die Nachwelt kommen wird; ich verwünsche die Iphigenie, mit einem Worte, ich verwünsche alles, was diesem Publikum irgend an mir gefällt. Ich weiß, daß es dem Tag, und daß der Tag ihm angehört; aber ich will nun einmal nicht für den Tag leben ... weil ich fest entschlossen bin, auch nicht eine Stunde mit Menschen zu verlieren, von denen ich weiß, daß sie nicht zu mir, und daß ich nicht zu ihnen gehöre. Ja, wenn ich es nur je dahin noch bringen könnte, daß ich ein Werk verfaßte - aber ich bin zu alt dazu - daß die Deutschen mich so ein fünfzig oder hundert Jahre hintereinander recht gründlich verwünschten und aller Orten und Enden mir nichts als Übles nachsagten; das sollte mich außer Maßen ergötzen. Es müßte ein prächtiges Produkt sein, was solch Effekte bei einem von Natur gleichgültigen Publikum, wie das unsere, hervorbrächte. Es ist doch wenigstens Charakter im Haß, und wenn wir nur erst wieder anfingen und in irgend etwas, sei es, was es wolle, einen gründlichen Charakter bezeigten, so wären wir auch wieder halb auf dem Wege, ein Volk zu werden. Im Grunde verstehen die meisten unter uns weder zu hassen noch zu lieben. Sie mögen mich nicht! Das matte Wort! Ich mag sie auch nicht! Ich habe es ihnen nie recht zu Danke gemacht!« (a.a.O., S. 11)

Es sei von mir hier wiederholt, Goethes Begabung steht außer jedem Zweifel. Niemandem fiele es ein, seine literarische Hinterlassenschaft herabwürdigen zu wollen. Aber wenn jemand Kritik an einem „Deutschen“ üben darf, doch dann wohl nur ein Deutscher! Mich kümmern nicht die Personalien von Engländern: von Lord Byron, O. Wilde oder M. S. Maugham (um nur einige zu nennen) - das ist Sache der Engländer. 
Aber Goethe geht mich etwas an: Warum sollen wir in die überschwenglichen Lobhudelein derer mit einfallen, die J.W. Goethe für (hoch)würdig erachten, ihm eine eigene Briefmarke zu widmen?

Müßte es nicht jeden Deutschdenkenden nachdenklich stimmen, daß ausgerechnet dieses Gesellschafts- und Politsystem [das System, in dem wir leben (müssen)], daß dieses System - das nicht bereit ist, wahrhafte, erinnerungswürdige historische Leistungen Deutscher anzuerkennen -, daß dieses System einem Manne eine Briefmarke stiftet - nun gut, es ist dieses Mannes 250ster Geburtstag - womit ein weltbekannter Freimaurer und - Verzeihung! - übler Schürzenjäger Würdigung finden soll? 

Es ist „denen“ gar nicht so sehr daran gelegen, Goethes Werk in den Augen der Nachwelt aufzuwerten; es geht ihnen vielmehr darum, ihn für seine volksferne Tätigkeit in der allgefälligen Freimaurerei postmortal zu belobigen!

Es ist meine ungetrübte durch keinerlei Parteibrille gefärbte Sicht auf den Menschen Goethe, die mich zu dieser Kritik veranlaßt. Man sollte in „nationalen Kreisen“ soviel Anstand aufbringen, die fundierte Ansicht eines „Andersdenkenden“ gelten zu lassen, auch wenn „man“ nicht dazu bereit ist, eine anders ausfallende Beurteilung des Menschen Goethe auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen zu wollen.

Goethe ist kein Halbgott, zu dem wir Deutsche aufzuschauen haben, wie beispielsweise zum „Goldenen Kalb“, das wir auf Geheiß gewisser „Hoherpriester“ täglich betend umtänzeln...

Was bleibt von Goethe? 

Was bleibt, ist die Begabung eines Mannes, die nicht durch Lernfleiß erworben werden kann. Jedes Talent stellt ein Gottesgeschenk dar. Ist das einer der Gründe, weshalb er sein Talent als sein ureigenstes ihm zugeborenes Eigentum betrachtete, eifersüchtig auf andere Talentierte herabblickend, die ihm Konkurrenz zu werden drohten? 

Was uns von Goethe geblieben ist, die wir Heutigen das Bild eines schwankenden, keineswegs in sich gefestigten Charakters vor uns sehen, sind trefflich in Worte gesetzte Alltagsgültigkeiten, ist der Scharfsinn eines Mannes (oder eines „Wissenden“), der auf Grund seines gesellschaftlichen Ranges sich lieber von der Zeitströmung mitreißen ließ - eingedenk der Binsenwahrheit, daß es schon immer leichter gewesen mit dem Strom zu schwimmen! -, anstatt ihm Widerstand entgegenzusetzen. 

Goethes schwankendem Charakter die Züge seiner literarischen Hauptgestalt, des Dr. Johannes Faust, anheftend, möchten seine Verehrer das in des „großen Dichterfürsten“ Wesen rätselhaft hervortretende Zwiespältige als das „Faustische“ in „seiner Brust“ erklärt wissen. 

Sieht Goethe dies selber auch so? 

Schon in seinen jüngeren Jahren sagte er über sich: »Ich gestehe gern, Gott und Satan, Höll und Himmel in mir einem.« 

Als Einundreißigjähriger bekennt er: »Ich bin wie immer der nachdenkliche Leichtsinn und die warme Kälte.« (a.a.O., S. 20)

Goethes Zugehörigkeit zur Maurerei, dem 1776 gegründeten Orden der „Illuminaten“, gibt auch Erklärung ab für seine offen zur Schau getragene Respektlosigkeit vor den zu seiner Zeit in Deutschland immer noch vorhandenen (noch funktionierenden) hierarchischen Gesellschaftsstrukturen, deren höchste Vertreter - der Adel - in Frankreich 1789 seine Köpfe unter die Guillotine legte. Sucht nicht die Freimaurerei [alle Menschen sind vor Gottes (Jahwes) Antlitz gleich] gewachsene, traditionelle Hierarchien gleichmacherisch einzuebnen - ja, zu stürzen?

Goethe, in die heutige Zeit hineingestellt, wäre mit einem Günter Grass zu vergleichen - nicht literarisch, dazu fehlte es Herrn Grass an allen „Ecken und Kanten“ an literarischem Format - aber darin, daß sowohl der eine als auch andere sich dem herrschenden System, das stets einer besonderen Galionsfigur bedarf, geschickt anzubiedern verstand. Für beide gilt: hochgelobt, hochgepriesen, hochdotiert! 

Die Herrschenden brauchen sie, die Goethes und Grass’ dieser Welt, um die eigene moralische Verkommenheit mit den Charaktereigenschaften ihrer Literaten - den ihrigen verblüffend verwandt! - zu überdecken.

In diesen Tagen, da wir uns an den Mauerfall in Berlin erinnern (dieser RuW-Beitrag wurde am 10.11.99 verfaßt), könnte Goethes Meinung zur deutschen Einheit durchaus anhörenswert sein, sofern uns eine solche vorläge. Und tatsächlich, sie gibt es, die Goethe’sche Meinungsäußerung zu diesem Gegenstand. Horchen wir mal hinein: 

»Mir ist nicht bange, daß Deutschland nicht eins werde; unsere guten Chausseen und künftigen Eisenbahnen werden schon das ihrige tun. Vor allem aber sei es eins in der Liebe untereinander, und immer sei es eins gegen den auswärtigen Feind. Es sei eins, daß der deutsche Taler und Groschen im ganzen Reich gleichen Wert habe; eins, daß mein Reisekoffer durch alle sechsunddreißig Staaten ungeöffnet passieren könne. Es sei eins, daß der städtische Reisepaß eines weimarischen Bürgers von den Grenzbeamten eines großen Nachbarstaates nicht für unzulänglicher gehalten werde als der Paß eines Ausländers. Es sei von Inland und Ausland unter deutschen Staaten überall keine Rede mehr, Deutschland sei ferner eins in Maß und Gewicht, in Handel und Wandel und hundert ähnlichen Dingen, die ich nicht alle nennen kann und mag...«

Bis hierhin hört sich alles überaus prächtig an, was der Herr Geheimrat Goethe über Deutschlands „Einigkeit“ zu sagen weiß. Die Einschränkungen folgen auf dem Fuß: »...Wenn man aber denkt, die Einheit Deutschlands bestehe darin, daß das sehr große Reich eine einzige große Residenz habe, und daß diese eine große Residenz, wie zum Wohle der Entwicklung einzelner großer Talente, so auch zum Wohl der großen Masse des Volkes gereiche, so ist man im Irrtum. (...)«

Im nachfolgenden bezweifelt Goethe stark, ob eine Zentralisierung der Regierungsgewalt mit Vorteilen für die Regierten einhergehe und er fragt: »Frankfurt, Bremen, Hamburg, Lübeck sind groß und glänzend, ihre Wirkungen auf den Wohlstand von Deutschland gar nicht zu berechnen. Würden sie aber bleiben, was sie sind, wenn sie ihre eigene Souveränität verlieren und irgendeinem großen deutschen Reich als Provinzstädte einverleibt werden sollten? Ich habe Ursache, daran zu zweifeln.« (a.a.O., S. 232)

Kein Gegenstand wirft Schatten ohne Licht! Oder - wie Goethe seinen Götz von Berlichingen sagen läßt: »Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.«

Goethe ist ein Mensch gewesen, der sicherlich nach den Weisungen der allgefälligen Maurerei „Licht ins Dunkel“ (seiner Welt) getragen hat. Der nie Knecht, immer Herr sein wollte. Aber dem „Dämonischen“ (dem Faustischen) in seiner Natur nicht zu entkommen vermochte.

Was ihn nicht minder einzigartig macht, ist, daß er sich seiner Schwächen bewußt war.

Da er sich zeit seines Lebens von den Deutschen unverstanden oder mißverstanden fühlte, lehnte er seine Landsleute ab. Dafür wurde er auch von ihnen abgelehnt. Aber hat er diese Ablehnung nicht selber durch sein Verhalten hervorgerufen?

Wer als Deutscher in der Reichstadt Frankfurt am Main geboren, einem deutschen Fürsten als politischer Berater dient, in deutscher Sprache dichtet und schreibt und dann daherkommt und die deutsche Sprache verächtlich als der „schlechteste Stoff“ beurteilt, muß sich über seine menschliche Ablehnung nicht wundern.

In den Venezianischen Epigrammen läßt der „Dichterfürst“ mal wieder „den anderen Goethe“ heraus:

»Vieles hab’ ich versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen / Öl gemalt, in Ton hab’ ich auch manches gedruckt, / Unbeständig jedoch und nichts gelernt und geleistet. / Nur ein einzig Talent bracht ich der Meisterschaft nah: / Deutsch zu schreiben. Und so verderb’ ich unglücklicher Dichter / In dem schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.«

Diesem Epigramm des „Dichterfürsten“ stellte Friedrich Gottlieb Klopstock, der Goethe zurechtwies, folgendes Epigramm gegenüber:

Die deutsche Sprache:

»Goethe, Du dauerst Dich, daß Du mich schreibest? Wenn Du mich kenntest, / Wäre Dir dies nicht gram. Goethe, Du dauerst mich auch!«

Ich gehe nicht mit Goethe ins Dritte Jahrtausend! Mein Wegbegleiter sei

Friedrich Schiller!

Alles Gute zum neuen Jahr! | Zum neuen Jahrzehnt!
Zum neuen Jahrhundert! | Zum neuen Jahrtausend!

Es lebe die Freiheit des Geistes!
Lang lebe die Wahrheit!

Ihr
Georg Albert Bosse


Quelle: Recht und Wahrheit, Folge 11+12/1999, S. 3-6.


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