DER AUSLANDSBERICHT

Verlockungen

von

T.K. HALLESMANN

Der Einfluß der Massenmedien, besonders des Fernsehens auf die Einstellung der in Mitteldeutschland lebenden Landsleute und auf ihre Flucht aus der DDR beleuchtet der kanadische Kommentator Richard Gwynn in "THE TORONTO STAR". Gwynn hielt sich in Bonn auf.'

Für ihn war es eine überraschende Entdeckung, daß aus den Tausenden von Interviews mit den in Westdeutschland eingetroffenen Flüchtlingen hervorging, wie stark sie "schizophrenisch" durch das westdeutsche Fernsehen gemacht worden waren.

"Jahrzehntelang war es den meisten Ostdeutschen (Gwynn benutzt den Terminus "Ostdeutsche" anstatt MITTELDEUTSCHE, d. V.) möglich gewesen, westdeutsches TV zu empfangen, zunächst mit illegalen Antennen, danach aber ganz frei. Nur ihnen unter den kommunisten Staaten war das tägliche westliche Medienprogramm zugänglich gewesen.

Die Experten haben seit langem angenommen, daß westdeutsches TV magnetische Anziehungskraft auf Ostdeutsche ausgeübt hat. Ihnen wurde die Fülle der Konsumgüter auf der anderen Seite der Mauer vorgeführt.

Die Wirkung des westlichen TV ist immer ein bißchen gemischt gewesen. Viele, die in den vergangenen Jahren entkamen, sprachen von dem Reiz der Wohlhabenheit und der Fülle 'da drüben'.

Merkwürdigerweise jedoch kamen die meisten Flüchtlinge aus den Gegenden Ostdeutschlands wie Dresden, die außerhalb der Reichweite der westdeutschen Sender lagen. Westliches TV, so schien es, machte den größten Eindruck, wenn die Wunder wiedererzählt wurden, nicht, wenn sie direkt empfangen wurden.

In der Tat, westdeutsches Fernsehen stieß ebenso ab, wie es anzog. Die Einwirkung der Fernsehreklame war verheerend. Da sah man die glitzernden Güter, die den Westdeutschen selbstverständlich waren. Die Ostdeutschen, dank der raffinierten Reklametechnik, entwickelten eine Sehnsucht zum Besitzen. Gleichzeitig wußten sie, daß sie diese Sehnsucht nicht erfüllen konnten.

Auch die Wirkung der Nachrichten über öffentliche Angelegenheiten war verheerend. In Westdeutschland wie überall im Westen, sind Nachrichten immer schlechte Nachrichten. Wir wissen das ja alle, aber die Ostdeutschen wußten es nicht.

Abend für Abend waren da endlose Verkehrsunfälle, Feuer, Katastrophen, Mord und Raub. Die Bürger dieser gewalttätigen Gesellschaft schienen viel Zeit darauf zu verschwenden, gegen vieles, das ihre Regierung tat, zu protestieren. Kernwaffen, Verschmutzung, Außenpolitik, Einwanderung und Abtreibung waren die Themen.

Die ostdeutschen Fernsehbeobachter sahen täglich westdeutsche Politiker ihre eigene Regierung beschimpfen wegen Unfähigkeit oder Korruption. Den Westdeutschen ist das ja, wie auch uns in Kanada, nur Hintergrundlärm. Ostdeutsche, zu Disziplin und Gehorsam der Obrigkeit gegenüber erzogen, finden das erstaunlich.

Warum denn flohen so viele plötzlich zu dieser gewalttätigen, anarchischen Gesellschaft? Weil die Ostdeutschen den Unterschied entdeckten zwischen dem Westdeutschland" wie es wirklich ist und dem Land, wie es im Fernseher dargestellt wird. Neben den alten Pensionären sind ja zwei Millionen gewöhnliche Leute im letzten Jahr zu Besuch in Westdeutschland gewesen.

Sobald sie die Grenze überschritten, fanden sie nicht nur, daß die Straßen sicher und daß Morde und Krawalle seiten waren, sondern auch, daß freie politische Debatte und Kritik Teile demokratischer Politik sind und nicht anarchische Verirrung.

Ostdeutsche wollen nicht als Kindern von ihrer Regierung behandelt werden, darum kommen sie herüber"

Soweit die Ansichten des kanadischen Journalisten Richard Gwynn.

Er schrieb dies v o r Öffnung der Mauer am 9. November 1989. Natürlich enthalten seine Ausführungen in bezug auf Westdeutschland eine Reihe von Fehleinschätzungen, wie jeder weiß. Mord und Krawalle sind nicht selten! Die Eigentumsdelikte haben einen schier unfaßbaren Umfang angenommen. Es gibt in Westdeutschland ein ansteigende Drogenkriminalität. Andersdenkenden ist jedwede "freie Meinungsäußerung" entgegen seines schönfärberischen Demokratieverständnisses, das ihn zu der Annahme verführt, daß "freie politische Debatte und Kritik Teile demokratischer Politik sind und nicht anarchische Verwirrung", strengstens untersagt. Es herrschen Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und hohe Verschuldung. Bei der deutschen Jugend hat sich Zukunftsunsicherheit eingenistet. Eine rücksichtslose "Ellbogenpolitik", von "gewählten Volksvertretern" den Westdeutschen aufgepfropft, zwingt "Ausländer und Asylanten" in deutsche Dörfer und Städte. Ganze Berufsstände werden ausgerottet: Das "Bauernlegen" hält an; Werften sterben; Kohlengruben werden stillgelegt; der Mittelstand sieht sich mehr und mehr ins wirtschaftliche "Aus" gedrängt. Die monatliche Teuerungsrate bei den Lebenshaltungskosten überholt die Rentenanpassung für den Durchschnittsrentner. Die europäische Währungsunion und der ab 1992 wirksam werdende EG-Wirtschaftsverbund schmälern den tatsächlich erwirtschafteten Wert deutschen "Bruttosozialproduktes" und lassen die Nettoeinkünfte der deutschen Volkswirtschaft auf den Stand des "ärmsten" EG-Partners absinken. Wenn Herr Gwynn sich genauer mit den sogenannten "Spielregeln der Demokratie" befaßt, dann wird er alsbald herausfinden:

Das Volk ist nichts, das System ist alles!

Den Lesern von "RECHT und WAHRHEIT" wünschen meine kanadischen Freunde und ich

Friedliche Weihnachten und ein gutes neues Jahr!


Quelle: Recht und Wahrheit, Folge 11+12/1989, S. 25

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