H o h e  N a c h t

O Mensch,
der Du ein Wandrer bist:
Nur flücht'ger Gast auf Erden,
und immerzu -
gleich einem Wandelstern auf seiner Bahn -,
auf deinem Endlospfad zu eig'nem Werden,
voranstrebst ohne Rast
noch Ruh -:
Halt an!

Gedenke deiner kurzbemessnen Frist hiernieden.

Im Winterwald,
wo überall zu Schneekristall
verzauberte Sekunden säumen
und,
eingebunden
in die schattenlose Einsamkeit der Flur,
der stete Gang der Jahresuhr
in seinem Laufe scheinbar innehält:
Da mache Halt!

Hier, wo die diamant'ne Seinsgestalt
der Stunden
als dünne Rieselspur
von schneebedeckten,Bäumen fällt -
gradso als ob es schneit,
und hie und da
ein kahler Ast
von seiner Last befreit,
nachzitternd leicht erbebt:
Dort halte ein!
Da gönn'Dir Rast!
Gib dich dem Frieden hin,
der dir an diesem Ort beschieden!

Nimm diesen Tag -
den Abschied nun mit Purpur schmückt,
da sich die Dämm'rung ihm vermählt -
als ein Geschenk.

Und wenn dann sacht
ein eis'ger Windhauch Tannenwipfel
leis bewegt;
und irgendwo im Winterhag -
vom Schlaf entrückt -
verhaltner Flügelschlag
im Traum die Schwingen regt-;

wenn vor Dir -
über steiler Berge Wipfel -
ein runder Mond sanft Silberschimmer
in die Bläue webt:

Dann sei des Wunders dieser Nacht -
des hohen Lichts, das Dich umschwebt -
für immer -
ja, für immer eingedenk!

Erspür denn hier,
in tiefem Einssein mit der Stille,
die Dich mit jähem Glücksgefühl belohnt,
daß aller Dinge Drängen nach Erscheinung,
ein hoher Wille innewohnt.

Erkenn' den Sinn!

Enthüllet sich doch schneeig rein,
in dieser Spanne selt'nen Glücks -
heraufbeschworen -
von der Gunst des Augenblicks -
ein einz'ges nur:

Du bist

wie alles Sein in der Natur,
vom Werden an -
auch im Vergehen -,
im Untergang
wie Auferstehen,
weit
vor dem fernen
Erstbeginn der Zeit,
weit
vor den Urbeginn
der Ewigkeit -:

den Sternen zugeboren!

Georg Albert Bosse


Quelle: Recht und Wahrheit, Folge 11+12/1989, S. 8

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