DAS RECHTE WORT ZUR RECHTEN ZEIT

Die Wiederkehr der Gefangenen

Der 9. November 1989 geht in die deutsche Geschichte als der Tag ein, der unseren deutschen Landsleuten in Mitteldeutschland nach 28-jähriger Einkerkerung hinter den schwarz-rot-gelben Grenzpfählen eines marxistisch-kommunistisches Staatssystems die Befreiung von MAUER und STACHELDRAHT brachte.

Kurz nachdem in den späten Abendstunden des 9. November 1989 die Meldung von der Aufhebung der Reisebeschränkung für unsere Landsleute in Mitteldeutschland über Funk und Fernsehen bekannt gegeben worden war, offenbarten sich die langanhaltenden verzweifelten Klopfzeichen der Gefangenen gegen ihre Gefängnismauern als die allmächtige Kraft eines gewaltigen mitreißenden Überstaues, der seit fast drei Jahrzehnten mit anwachsener Schwere gegen Mauer und Stacheldraht wuchtete. Würde der Damm, besser die MAUER, dem nach Auslaß suchenden Freiheitsdrang unserer Landsleute noch länger widerstehen? In der Tat, wie ein Damm, der dem millionenfachen Druck einer nach freiem Ausfluß drängenden hohen Wassersäule nachgeben muß, brach die Berliner Mauer unter dem Ansturm der nach uneingeschränkter Freiheit sich sehnenden deutschen Menschen ein und gab ihnen den Weg nach Westberlin frei ...

Wurden wir nicht in diesen Augenblicken freudigen Miterlebens an die im Chor gesungenen Worte der Gefangenen in Ludwig van Beethovens FIDELIO erinnert? -:

"O weiche Lust, in freier Luft den Atem leicht zu heben…"

Die Bilder, die uns das Fernsehen von Menschen ins Haus trug, die endlich ihren Fuß auf eine Linie westlich der Berliner Mauer setzen durften, waren von einer Eindringlichkeit, wie sie nur noch von Wochenschaubildern in schwarz-weiß übertroffen werden können, welche uns Ende der fünfziger Jahre die Heimkehr deutscher Soldaten aus russischer Kriegsgefangenschaft nahe brachten. Obwohl uns nur in kleinen Ausschnitten das kaum wiederzugebende Ausmaß an Freude und Befreitsein übermittelt werden konnte, packte uns beim bildlichen Miterleben der gezeigten Situationen tiefe Erschütterung. Die innere Bewegung, die diese deutschen Menschen in diesen Augenblicken höchsten Glückes empfanden, widerspiegelte sich auf deren Gesichter als ein inneres Leuchten und Strahlen. Niemand sollte sich bei diesen zu Herzen gehenden Bildern seiner Tränen schämen. Für jeden deutschfühlenden Menschen erfüllte sich in diesen Stunden ein Teil seines heißen Wollens: Die freie Wiederbegegnung von Deutschen mit Deutschen!

Doch atmen unsere Landsleute in diesem Teil unseres geteilten Vaterlandes tatsächlich "freie Luft'?

Niemand als wir Freiheitlichen weiß besser, daß dies nicht der Fall ist. Die deutsche derzeitige Situation läßt sich am besten mit der Gefangenhaltung von Tieren im Zoo vergleichen: Zuerst hinter Gittern, dürfen sie nun im "Freigehege" herumlaufen.

Der Vergleich mag hart klingen, aber er beschreibt unsere Lage messerscharf.

Die Unverfrorenheit, mit der Kanzler Kohl vor dem Schöneberger Rathaus angesichts der nach Westberlin herüberströmenden Menge tönte: "Dies war das Ziel meiner Politik!" - kennzeichnet wie keines seiner Aussprüche vorher den Charakter dieser einmalig traurigen Politikergestalt, der realpolitische Handlungsergebnisse, die der erklärten Absicht zweier Großmächte entspringen, als seinen Erfolg ausgibt. Kohl sagte auch: "Wir, die wir das Glück hatten nach der Befreiung 1945 die Demokratie geschenkt bekommen zu haben…"

Wenn Herr Kohl von "Glück und Geschenken" redet und mit mahnend erhobenen Zeigefinger in Richtung unserer Landsleute in der "DDR" 'Von vernünftigem Umgang mit der neugewonnenen Demokratie "spricht, dann kann man darauf sein Monatseinkommen verwetten, daß er damit die "Kandarre" meint, mit der er uns "BRD-Bürger" zu lenken glaubt und daß er jenen nicht die Zügel aus der Hand nehmen will, die gerade dabei sind neue "Dressurakte an der langen Leine" beim "Staatsvolk der DDR" - wie Herr Momper die Landsleute im mittleren Teil unseres Vaterlandes zu nennen beliebte - einzuüben.

Von "atmen in freier Luft" kann also nicht die Rede sein. Ebensowenig war das Wort WIEDERVEREINIGUNG aus den Mündern jener "Parteipolitiker im Staatsamte" zu vernehmen, die, machtbewußt hinter Mikrophonen stehend, ihren Landsleuten verschlüsselt aufzufassende "Befehle" und "Drohungen" zuriefen. Soviel steht fest: Weder von denen "hier" noch von denen "dort" war das Wort WIEDERVEREINUNG als die nächstfolgende Forderung nach Normalisierung deutschen Alltagslebens in den Mund genommen worden. Wen wundert's? Soweit scheint die den Deutschen zugestandene "Freiheit' denn nun doch nicht zu gehen.

Zünden wir Fackeln an, Freunde, stellen wir uns längst der Teilungsgrenze unseres Landes dicht an dicht, unseren deutschen Nachbarn die Gesichter zugewendet, in langer Reihe auf. Und laßt dann die Flamme unserer Fackel als symbolisches Licht für unseren Wiedervereinigungswillen solange aufleuchten, wie sie nur brennen mag!

HERZLICH WILLKOMMEN, LIEBE LANDSLEUTE AUS MITTELDEUTSCHLAND!

G.A. Bosse


Quelle: Recht und Wahrheit, Folge 11+12/1989, S. 14

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