MEINUNGSFORUM

Das Lostreten einer Lawine

von
Professor Dr. Gerhard Ledig

Seit dem Fall der Mauer kann man in den Zeitungen und auch im Fernsehen über diesen Vorgang völlig widersprüchliche Ansichten lesen und hören. In Presse und Fernsehen wird geredet und geschrieben, im Osten wird vom deutschen Volk gehandelt. Eine einmalige Chance tut sich für das deutsche Volk auf.

Jedoch: anstatt daß Kohl nach Moskau fliegt und sich bedankt, muß er nach Washington fliegen, um sich neue Ratschläge und Befehle zu holen. Von den deutschen Politikern - auch hier im Westen unseres geteilten Vaterlandes - ist keine Hilfe für das deutsche Volk zu erwarten. Das deutsche Volk muß auch hier die Politiker zum Handeln im deutschen Sinne zwingen. Wird es das tun? Kohl hat uns Deutsche jedenfalls schon zum "inländischen" Mitbürger herabgestuft und die Deutschen im Osten nennt er noch immer verschämt "Landsleute" und nicht etwa "deutsche Landsleute".

Es ist an der Zeit, einmal die wahren Hintergründe der geschichtlichen Entwicklung zu beschreiben, die für uns Deutsche (in Ost und West) im Moment so vorteilhaft sind.


  1. Am Anfang steht die Erkenntnis Michail Gorbatschows, daß die technologische Schere zwischen Ostindustrie und Westindustrie immer größer wird.
  2. Westpolitiker reden "A" handeln aber "B". Ihre Reden hat mit ihrem Handeln nichts zu tun.
  3. Gorbatschow meint aber, was er sagt, und das können die Westpolitker nicht fassen und begreifen.
  4. Für aufmerksame Hörer war folgender Satz der springende Punkt: "Wir wollen das gemeinsame europäische Haus bauen, und ich kann mir nicht vorstellen, daß darin die einzelnen Zimmer durch Stacheldraht voneinander getrennt sein können!'
  5. Dann wurde als erstes Testobjekt Ungarn erkoren, das den Stacheldraht beseitigte. Die deutsche Abwanderungsflut setzte (geplant!) ein.
  6. Was sind die wirklichen Gründe Gorbatschows?
  7. Der europäische Binnenmarkt der EG droht. Der Ostblock würde schwerwiegend wirtschaftlich abgeschottet.
  8. Zollpolitisch zählt die "DDR" immer noch zum Inland, Gottseidank!
  9. Das ist der Hebel und die Brechstange, mit welcher sich Gorbatschow den Eintritt nach Westen erzwingt.
  10. Zusätzlich werden die veralteten Planmechanismen beseitigt, die auf Dauer die technologische Lücke immer größer werden lassen, aber die Industrieumstellung erfordert Zeit. Da ist menschlicher Sand im Getriebe, da sind Maschinenpark-Erneuerungen notwendig, da ist die Konvertibilität der Zahlungsmittel notwendig, da sind die Staatsbetriebe in Aktiengesellschaften umzuwandeln, um harte Devisen hereinzubekommen. Das braucht Zeit - 5 bis 10 Jahre.
  11. Das europäische Haus reicht dann von Spanien bis nach Wladiwostok, ein gewaltiger Gedanke!
  12. Zwei Wirtschaftsmächte haben davor Angst und werden zu bremsen versuchen:
    a) USA und Kanada b) Japan
  13. Japan löst das Problem dadurch, daß es sich wirtschaftlich in der "DDR" stark engagiert. Einer der schon erfolgten Schritte: Renovierung des Chemiekombinats Leuna.
  14. Konkurrenz belebt das Geschäft.
  15. Durch den Wirtschaftsaufschwung, auch in der Sowjetunion, wird die Konkurrenzfähigkeit dieses Riesenmarktes besser, gleichzeitig setzt eine enorme Nachfrage im Osten ein.
  16. Auch deshalb ist Gorbatschow ferner für Abrüstung. All diese ungenutzten Menschen- und Materialkräfte sollen in die für die Menschen nützlichen Produktionen fließen.
  17. Wenn Gorbatschow auch russische Ziele verfolgt: Für uns Deutsche fällt eben doch ein großer Brocken ab: Die mögliche tatsächliche Wiedervereinigung, die die "deutschen" Politiker in Bonn mehr fürchten als der Teufel das Weihwasser.
  18. Unverhüllt wiedervereingungsfeindliche Stimmen kommen bisher nur aus Israel. Was uns Deutschen nützt, wird von dort bekämpft.
  19. Von den Feinden der Deutschen wird unterstellt, die Wiedervereinigung aller Deutschen habe etwas mit der Herstellung alter Zustände von vor dem Weltkrieg zu tun. Mit dieser Behauptung soll das deutsche Volk erneut verteufelt werden. Das ist Unsinn. Die wiedervereinigten Deutschen blicken nach vorn, neuen Zukunftsaufgaben zum Wohle des deutschen Volkes entgegen - so, wie das Grundgesetz es will!

Quelle: Recht und Wahrheit, Folge 1+2/1990, S. 15.

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