AUS DEUTSCHER GESCHICHTE

So entstand das DEUTSCHE REICH

Eine Kurzdarstellung
von
Rolf Schiebler

ARMIN DER CHERUSKER war der erste Germanenfürst, dem die Vereinigung aller germanischen Stämme zu einem Reich vorschwebte. Doch mitten im Kampf ermordeten kleinmütige Männer seiner eigenen Sippe den erst 36-jährigen. Deutsches Schicksal?

Die Kriegsgegner der Germanen waren die Römer, deren Ziel es war, nach der Eroberung von Spanien, Gallien und England, nun auch Germanien, vorerst bis zur Elbe, ihrem Reich einzuverleiben. Die ARMINSCHLACHT im Teutoburgerwald vom Jahre 9 n.d. Ztw. vereitelte nicht nur diese Pläne, sondern leitete die allmähliche Auflösung des Römischen Reiches ein.

Zur Zeitenwende war das Gebiet zwischen Maas und Memel bzw. von der Nord- und Ostsee bis zur Donau von vielen selbständigen germanischen Stämmen bewohnt. Wegen eines Klimawechsels in Osteuropa und Asien begann dort etwa 200 n. d. Ztw. eine gewaltige Völkerverschiebung, die auch die Ostgermanen, die an Spree und Havel siedelten, zur Abwanderung nach Süden zwangen.

Das frei gewordene riesige Gebiet war nun bis auf wenige zurückgebliebene Germanen über 300 Jahre fast menschenleer Dann trat ein erneuter Klimawechsel ein, und BALTEN sowie WENDEN gehörten zu den ersten, die d le veränderte Situation zur Neubesiedelung der wieder wohnlich gewordenen nördlichen Landstriche herausforderte.

Schon um 430 n. d. Ztw. begann sich das FRANKENREICH, vom Stammesgebiet der Franken am Niederrhein ausgehend, zu entwickeln. Dieses germanische Großreich erlangte nach dramatischem Auf- und Ab seinen Höhepunkt im Jahre 800 unter Karl dem Großen. Mittelpunkt seines Kaiserreiches war die Stadt Aachen. Es umschloß Germanien, Frankreich, Teile von Spanien, Italien, Österreich und Ungarn bis fast zur Donau bei Budapest.

Die Franken vor KARL konnten sich an der Wiederbesiedelung des Ostens nur wenig beteiligen, weil sie im Westen mit der Festigung ihrer Vormacht voll beschäftigt waren. Erst Karl der Große gründete im Osten eine Anzahl neuer Klöster und ließ von diesen "Stützpunkten" aus das Land besiedeln, kultivieren und damit auch germanisieren.

Karl glaubte, daß der weitausschwingende Mantel des Christentums den Zusammenhalt seiner zahlreichen Völker sichern und auf Dauer zusammenhalten könne, weshalb er das PAPSTTUM entscheidend dadurch aufwertete, indem er mit ihm langfristig bindende Verträge abschloß.

Ferner schrieb die Reichsordnung vor, daß die mündigen Söhne des Kaisers zu gleichberechtigten Königen erhoben wurden, die dann jeder einen Reichsteil zu verwalten hatten. Der Älteste sollte den Kaisertitel bekommen und damit an der Spitze des Reiches stehen.

Aber beide Ordnungsprinzipien funktionierten nicht, wie sich alsbald herausstellte, denn es kam zu Streitigkeiten mit den Päpsten und die Erben zerstritten sich untereinander. Schon 29 Jahre nach Karls Tod wurde mit dem Vertrag von Wirten (Verdun) im Jahre 843 Karls Erbe auseinandergerissen und unter seinen drei Enkeln verteilt. Es entstanden auf diese Weise WESTFRANKEN, MITTELFRANKEN und OSTFRANKEN, woraus sich später die Nationalstaaten FRANKREICH, ITALIEN, und DEUTSCHLAND entwickeln sollten. Bei der Teilung 843 brauchte man auf diese (sich ja erst später entwickelnden) Nationalitätenunterschiede keine Rücksicht zu nehmen. Sprachgrenzen, die die Völker voneinander im Denken und Fühlen unterschieden, beachteten die "Teiler" nicht. Sie teilten das Land unter sich ähnlich auf, wie man eine Torte zerschnitt.

Aus OSTFRANKEN sollte sich im Laufe der Jahre das DEUTSCHE REICH entwickeln. WESTFRANKEN wurde das spätere FRANKREICH.

LUDWIG DER DEUTSCHE wurde der erste König in Ostfranken. Sein Stiefbruder KARL (der Kahle) hatte das westliche Reich bekommen. Der dritte Bruder, LOTHAR, nahm sich das Mittelreich. In diesem Mittelreich, das sowohl von ROMANEN wie von GERMANEN besiedelt wurde, hat sich in seinen Resten bis auf den heutigen Tag wegen der damaligen Teilung ein nicht endenwollender Nationalitätenstreit erhalten. Die Nachkommen dieser Volkststämme müssen teilweise innerhalb von Staaten leben, die von der Mehrheit eines anderen, ihrem Wesen fremden Volksstammes beherrscht und verwaltet werden. Damit ist ihnen in vielen Fällen das Ausleben ihrer IDENTITÄT verwehrt. Die Niederländer, die friesisch- germanischen Ursprungs sind, sind sowohl von den "deutschen FRIESEN" wie von den salisch-fränkischen FLAMEN oder FLANDRERN ausgegrenzt. Alemanische Volksteile sitzen in Lothringen und im Elsaß, also in Frankreich. SUEBEN oder SCHWABEN siedeln gemeinsam mit ALEMANEN, BURGUNDERN (letztere sind ebenfalls germanischen Ursprungs) und ROMANEN in der Schweiz (Schwyz).

Als König LOTHATR vom Mittelreich verstarb, seine drei Söhne folgten ihm bald darauf, kam es zum Krieg zwischen den Ost- und Westfranken wegen des freigewordenen Erbes. Den größten Teil Mittelfrankens, sicherte sich der Ostfrankenkönig, also LUDWIG DER DEUTSCHE, im Vertrag zu Mersen bei Maastricht 870. Hier gelangten erstmals die im Mittelreich befindlichen germanischen Volksteile, also die überwiegend deutsche Bevölkerung, unter die Oberhoheit des ostfränkischen Reiches. Die Westhälfte ging an KARL DEN KAHLEN.

Kaum hatte LUDWIG in Frankfurt am Main für immer die Augen geschlossen, fiel KARL (der Kahle, der Westfranke) ins deutsche LOTHARINGEN ein, um den RHEIN zu seiner Westgrenze zu machen. König LUDWIG DER JUNGERE (der Dritte seines Namens, Sohn Ludwig des Deutschen) schlug mit seinem deutschen Heer 876 bei Andernach die Truppen Karl des Kahlen, so daß die solcherweise verteidigten deutschen Landen fürs erste beim Ostfrankenreich verblieben. Ludwigs älterer Bruder KARLMANN sicherte sich im Jahre 877 Italien mit Rom.

Dieser KARLMANN (er starb 880), ältester Sohn LUDWIG DES DEUTSCHEN, hinterließ einen unehelich geborenen Sohn (aus seiner von der römischen Kirche nicht anerkannten Verbindung mit LIUTSWINDA, einer edlen Bayerin): ARNULF VON KÄRNTEN. Bevor ARNULF in die deutsche Geschichte eintritt, verspielte sein kränklicher, schwacher Oheim KARL DER SANFTE (oder "der Dicke", wie er auch genannt wird), ebenfalls ein Bruder KARLMANNS, Macht und Ansehen sowohl des Ost- wie auch des Westfrankenreichs. Letzteres war ihm nach dem Tode KARLS (der "streitbare Kahle") noch einmal zugefallen. Der "sanftmütige, dicke Karl" machte hauptsächlich mit seiner schwächlichen Entschlußkraft und durch sein inkonsequentes Handeln auf sich aufmerksam. Er war ein Feigling, wie er "im Buche steht"!. Mit ihm, nicht zuletzt an seiner Charakterschwäche, zerfiel das ehemalige Reich KARL DES GROSSEN endgültig in das französische Westreich und das deutsche Ostreich.

ARNULF VON KÄRNTEN, der zu einer der wichtigsten, nicht aber zu einer der strahlendsten Figuren der deutschen Geschichte werden sollte (er war der Vorletzte karolingischen Geblüts, er hatte einen Sohn, LUDWIG DAS KIND, der nur 18 Jahre alt wurde), löste auf Wunsch von "Kirche und Adel" den gebrechlichen "sanftmütigen Karl" ab. Sie erhofften sich in ihm einen "starken Mann", der sich der NORMANNEN erwehren konnte, unter deren Einfällen die deutschen Landen von der "Nordsee bis zu den Alpen" allesamt litten und ächzten. ARNULF wurde 887 in Frankfurt am Main zum Könige berufen. Einen besseren, einen fähigeren und willensstärkeren Mann konnten sich die germanischen Länder zu dieser Zeit kaum wünschen. Er erfüllte dann auch alle in ihn gesetzten Hoffnungen. Er besiegte, seinem Heer an der Spitze voranstürmend, die NORMANNEN gründlich und endgültig bei Löwen an der Dyle 891 und räumte mit deren Raubzügen auf, die sie an die 100 Jahre immer wieder nach Mittelfranken ziehen und sogar TRIER erobern ließ. Aber ARNULF war nicht nur ein glänzender Soldat und Feldherr. Er verfügte über ein ebenso großes diplomatisches Geschick. Es gelang ihm die leicht aufsässigen Herzöge von Sachsen, Thüringen, Bayern und Alemanien, daneben noch zahlreiche Grafen, zu "loyalisieren." Mit größtmöglicher Machtfülle ausgestattet, zog ARNULF nach Italien, wo er sich zunächst die EISERNE KRONE DER LOMBARDEI aufs Haupt setzen ließ. Danach huldigten ihm auch die übrigen Provinzen des fränkisch-italienischen Besitzes. Im Jahre 896 wurde er von jenem Papste zum KAISER gekrönt, zu dessen Befreiung aus Gefangenschaft er mit seinem ostfränkischen (alemanischen) Heere eigens herangeeilt war. Das zerbrochene karolingische Reich vermochte er nicht wiederherzustellen. Viel zu früh, im Jahre 899, verstarb dieser großartige deutsche Mann: ARNULF VON KÄRNTEN, König der Deutschen, erster KAISER dieses Hochmittelalterlichen Deutschen Reiches. Leider enthält sich die vergangene wie die gegenwärtige Geschichtsschreibung einer dieser Persönlichkeit wohlanstehenden Würdigung.

Die KAISWERWÜRDE stand in Europa von nun an nur den deutschen Königen zu. ARNULFS Erstkrönung zum König der Lombarden wurde fortan zur Regel. Zuerst ließen sich die deutschen Könige in PAVIA zum Lombardischen König krönen, ehe sie sich in Rom vom Papst die Kaiserkrone aufs Haupt setzen ließen. Als Gegenleistung forderten die Päpste, daß die Kaiser ihren persönlichen Schutz und den der christlich-katholischen Kirche zu übernehmen hatten.

Nach dem Tode ARNULFS herrschte im kaiserlosen Reich 12 Jahre lang eine Art Interregnum, was die UNGARN im Südosten, die sich zu einer ernstzunehmenden Kriegsmacht entwickelt hatten, zu ständigen Raubzügen nach Deutschland ermunterte. Die WENDEN im Norden taten es ihnen gleich. Das führte zu unerträglichen Zuständen im Reich.

Außerdem lockerte sich die innere Reichsordnung bedenklich. Die deutschen STAMMESHERZOGTOMER hatten sich herausgebildet! Die Herzöge handelten zumeist selbstsüchtig und taten was sie in ihrem Machtbereich für richtig hielten, ohne Rücksichtnahme auf das Ganze.

Einer die ihren wurde in Forchheim im Jahre 911 schließlich zum König der Deutschen ernannt: Herzog KONRAD VON FRANKEN oder, wie sein Königsname lautete, KONRAD 1,

Nach nur sieben Jahre andauerndem Königstum erkrankte KONRAD I. schwer. Auf dem Totenbett schlug er zum Nachfolger, anstelle seines erbberechtigten Bruders, den energischen Herzog HEINRICH VON SACHSEN vor, wohl ahnend, daß nur dieser über die dringend notwendige Energie und Klugheit verfügte, das Reich aus seiner Not zu befreien.

König HEINRICH 1 war klug genug seine persönliche Wünsche hinter die dringenden Erfordernisse des Reiches zurückzustellen. Er konnte die Stammesherzöge davon überzeugen, daß zuerst einmal die äußeren Feinde des Reiches bezwungen werden müßten. Er verzichtete sogar auf die Kaiserwürde, um sich nicht zu sehr über seine Mitherzöge zu erheben. Lothringen, das unter KONRAD I. den Reichsverband verlassen hatte, konnte er zur Rückkehr ins Reich wiedergewinnen. Er verlieh dem Grafen von Lothringen die Herzogenwürde. Das damalige FRANKREICH konnte diesen klugen Schachzug Heinrichs nicht verhindern, weil es sich in noch ärgerem Zustand befand als Deutschland.

HEINRICH I. ging nun daran, den Einfällen der UNGARN ein Ende zu bereiten. Ein glücklicher Umstand kam ihm zu Hilfe, als ein hochrangiger ungarischer Edler während eines Raubzugs nach Deutschland in seine Hände fiel. Gegen dessen Auslösung handelte HEINRICH einen neunjährigen Waffenstillstand ein, allerdings nur in Norddeutschland. Für Zahlung eines jährlichen Tributs unterließen die Ungarn die Einfälle in THÜRINGEN und SACHSEN.

Krypta der Schloßkirche in Quendlinburg

König Heinrich der I.

Die Krypta der Schloßkirche in Quendlinburg mit der Gruft Heinrichs I., des Großen.

Heinrich der I. schlägt die Ungarn.

Die Hände soweit frei, organisierte HEINRICH Heer und Reiterei nach ungarischem Vorbild und verbesserte beide noch. In den Abwehrkämpfen gegen die wendischen Heweller erprobte er die neue Taktik. 928 siegte HEINRICH in einer Winterschlacht auf den zugefrorenen Havelsee bei BRENNABOR (Brandenburg) entscheidend. Im Jahre darauf, 929, ereilte weiter südlich die SORBEN das gleiche Schicksal. So entstanden die NORDMARK und die thüringische MARK MEISSEN. Als er im gleichen Jahr auch das tschechische Kastell PRAG eroberte, verpflichteten er sämtliche Wendenfürsten zu Tributzahlungen und Anerkennung der Oberhoheit des Reiches - wie bereits zu Zeiten KARL DES GROSSEN.

Im Süden Deutschlands, wo die Ungarn regelmäßig weiter raubten und mordeten, veranlaßte HEINRICH den Bau von Stadtmauern und Schutzburgen. Nach einem Ungarneinfall bis ins schweizer Gebiet von ST.GALLEN - die mit den Ungarn vereinbarte neunjährige Stillhaltefrist war überdies abgelaufen -, verweigerte HEINRICH den noch den fälligen Tribut, womit er bewußt eine Entscheidung heraufbeschwor.

Die Ungarn erschienen daraufhin mit einem großen Heer und zahlreicher Reiterei, und HEINRICH zog ihnen wohlgerüstet entgegen. Im thüringischen Unstruttal bei RIADE kam es 933 zu der berühmt gewordenen SCHLACHT AN DER UNSTRUT in der die Ungarn so gründlich geschlagen wurden, daß nur wenige Kampf und Flucht überlebten.

Zu HEINRICHS Lebzeiten wagten sich die Ungarn nicht mehr über die deutsche Grenze.

HEINRICHS Beschäftigtsein mit den Ungarn veranlaßte im Norden die DÄNEN über den Grenzwall - DANEWERK genannt - nach SCHLESWIG einzufallen. Der König eilte herbei und siegte auch hier so eindeutig, daß die MARK SCHLESWIG zum festen Bestandteil seines Reiches wurde.

Nun erlebte DEUTSCHLAND eine Zeit des friedlichen, kulturellen Aufbaues. Zum ersten Male in der Geschichte der Deutschen herrschte ein Deutscher über ein deutsches VOLKSREICH. DEUTSCHLAND geheißen, der Deutschen Land, dem THIU, dem Schwertgott gehörig. Leider starb HEINRICH I. schon 936 im Alter von 60 Jahren auf seiner Burg in Memleben. Sein Grab befindet sich in der Krypta der Stiftskirche von QUEDLINBURG neben seiner Gemahlin MATHILDE.

Ihrer beider Sohn wurde Kaiser OTTO DER GROSSE.


Quelle: Recht und Wahrheit, Folge 1+2/1990, S. 17ff.

Möchten Sie unsere Zeitschrift abonnieren? Dann klicken Sie hier!


Zurück zur Hauptseite | Zurück zum Archiv | Zurück zum Inhaltsverzeichnis


Senden Sie uns Ihre Meinung: E-Post »Recht und Wahrheit«, Hohensteinstr. 29, D-38440 Wolfsburg
Ruf: (05361) 22 5 76; Fax: (05361) 23 5 96

Haben Sie einen Fehler auf unserer Webside gefunden?
Bitte schreiben Sie unserem Webmeister:
Fehler-E-Post