BISMARCK UND DIE DEUTSCHE EINHEIT

von
Dr. Gert Sudholt

Es mag eine Ironie des Schicksals oder einer jener Geniestreiche der Geschichte sein, daß in dem Jahr, in das der 175. Geburtstag Otto von Bismarcks und der 100. Jahrestag seiner Entlassung fällt, die deutsche Frage wieder auf dem Tisch der Weltpolitik liegt.

Hatte noch anläßlich des 100. Jahrestages der Reichsgründung der damalige Justizstaatssekretär Horst Ehmke (SPD) sagen können,- an Bismarck erinnere nichts mehr außer der Name des Herings, und hatte noch nicht einmal vor Jahresfrist der 'Bonner Bundeskanzler vollmundig erklären können, die Wiederauflage eines neuen Nationalstaates im Stile Bismarcks stehe außerhalb jeder Diskussion, so werden heute beide eines Besseren belehrt. Jeder, der sich mit der deutschen Frage heute befaßt, muß sich gefallen lassen, mit der Elle des großen Kanzlers gemessen zu werden, dem es ebensowenig wie Kohl oder Modrow in die Wiege gelegt worden war, die deutsche Frage zumindest für sein Zeitalter zu lösen. Sicher wissen wir, daß der junge Bismarck unter dem Einfluß des großen Theologen der Befreiungskriege, Schleiermacher, stand, der ihn auch in der Berliner Dreifaltigkeitskirche konfirmierte.

Aus den Wirren der Befreiungskriege, den Scherben der 48er Revolution und dem deutsch-österreichischen Dualismus hat Bismarck einen deutschen Nationalstaat inmitten Europas durchsetzen können. Voraussetzung war zunächst einmal der Wille, ein deutsches Staatswesen, das über Preußen hinausgriff, zu schaffen. Zum anderen wußte er als ehemaliger Gesandter in Paris und Petersburg, wie kritisch die ausländischen Mächte die "querelles allemandes" verfolgten. So konnte er nicht mit "Blut und Eisen", wie seine Gegner immer wieder glauben diesen deutschen Staatsmann zitieren zu müssen, sondern mit überlegener Diplomatie, mit politischer Zurückhaltung, aber auch mit kraftvoller Entschlossenheit der Traum vom größeren Deutschland verwirklicht werden.

Otto von Bismarck kannte seinen Weg und wußte um sein Ziel. In jener Zeit, in der das Wünschen und Wollen eines Politikers und einer Politik noch nicht auf dem Marktplatz der Medien ausgetragen wurde, war es gewiß nicht so schwierig, unpopuläre Entscheidungen in die Tat umzusetzen. Bismarck ist seinen Weg zur deutschen Einheit über viele Jahre lautlos, aber unbeirrt und beweglich gegangen. Ihm war klar, daß die Straße, die zu einem deutschen Zusammenschluß führen sollte, holprig und beschwerlich sein würde. Sie dennoch gegangen zu sein, war weniger des Königs als vielmehr sein Entschluß. Daß der spätere Kaiser diesen Weg stets mitgegangen ist, verdient Anerkennung und verleiht ihm jene Größe, die den Nachfahren nicht gebührt.

Gewiß wird in diesem Jahr der unnötige Streit wieder ausbrechen, ob Bismarck eine kleindeutsche Lösung hätte durchsetzen dürfen oder ob er das Haus Habsburg hätte mit einbeziehen müssen. Nach der Entsagung der deutschen Kaiserkrone 1804 hatte sich Habsburg aus der Anwärterschaft für eine neuerliche Führungsrolle selbst ausgeschlossen. Es hatte einen Sonderweg beschritten und im Südostraum unseres Kontinents Leistungen vollbracht, die auch heute noch nicht ausreichend gewürdigt worden sind. Ohne jene Kulturleistungen im Südosten wäre die Neubesinnung der betroffenen Völker, vor allem derjenigen im Donauraum, heute nicht möglich.

Bismarck gelang es, daß an den Tisch der Großmächte England, Frankreich, Rußland und Österreich-Ungarn auch der deutsche Stuhl herangerückt wurde. Im Laufe der bald 125 Jahre, die seitdem vergangen sind, hat sich mit den USA eine außereuropäische Macht am Tisch der Großmächte breitgemacht und hat in zwei Weltkriegen sowohl die Deutschen, die Engländer als auch die Franzosen verdrängt. Sich heute gegen beide Weltmächte, die ihre besten Jahre längst hinter sich haben, und gegen das halbe Dutzend von Mittelmächten politisch durchzusetzen, ist gewiß schwieriger als zur Zeit Bismarcks.

Das Bismarck-Reich zerbrach nicht am Unvermögen der Nachfolger oder am persönlichen Regiment Kaiser Wilhelm 11. Das Reich scheiterte an seiner wirtschaftlichen Kraft, die den Nachbarn unheimlich wurde. Auch der 2. Weltkrieg wurde, wie die letzten Tagebuchaufzeichnungen des todkranken US-Präsidenten Roosevelt beweisen, nicht gegen Adolf Hitler, sondern gegen Deutschland und seine aufstrebende Wirtschaftskraft geführt. Auch heute ist es eine fromme Mär, wenn man vom militärischen Sicherheitsbedürfnis der östlichen und westlichen Nachbarn spricht, wenn sich kritische Stimmen zur deutschen Einheit melden. So wie vor 120 Jahren neidet man uns Deutschen zwischen Alpen und Ostsee, zwischen Oder und Mosel unseren Fleiß und unsere Tüchtigkeit und fürchtet weniger den "furor" als vielmehr den "ingenius teutonicus".

So wenig wie zu Bismarcks Zeit wollen gewissen Engländer und Franzosen, gewisse Russen, Italiener und Amerikaner, daß sich das europäische Herz wieder erholt und kraftvoll schlägt.

Es bleibt das einzigartige Verdienst Otto von Bismarcks, daß er den deutschen Traum verwirklichen und damit eine der längsten Friedenszeiten in Europa politisch gestalten konnte. Ob seine Mittel und Wege auch heute noch Bestand haben, ist eine andere Frage. jedenfalls wären die Weizsäcker, Kohl und Modrow gut beraten, Bismarcks "Gedanken und Erinnerungen" ständig zur Hand zu haben.


Für die freundlich genehmigte Wiedergabe dieses Beitrags, der als Erstabdruck in Heft 1, Januar 1990, NATION EUROPA - DEUTSCHE MONATSHEFT'E erschien, bedankt sich "RECHT und WAHRHEIT" bei Verlag und Verfasser.


Quelle: Recht und Wahrheit, Folge 1+2/1990, S. 7.

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