DER AUSLANDSBERICHT

Deutschlands Wiedervereinigung von Kanada aus gesehen

von T.K. Hallesmann

»Die osteuropäischen politischen Führer laufen weiter ihren Völkern hinterher um sie zuführen,« sagt Jeffrey Simpson, einer der mehr einsichtsvollen Kommentatoren der zweitgrößten kanadischen Zeitung "Globe and Mail".


Die Ereignisse stürmen schneller vorwärts als irgend jemand vorhersagen konnte. Das zwingt die Führer dazu, Termine vorzuverlegen und auf populäre Forderungen zu reagieren. Das Volk will die alten Regime hinwegfegen. Noch vor einem Jahr war die deutsche Wiedervereinigung nur ein Traum. Sogar, als die Berliner Mauer zu wanken anfing, schien die Vereinigung zwar möglich, aber doch nur in ferner Zukunft. Die Sowjets, nahm man an, würden sich dagegen auf bäumen.

Nun, nachdem Zehntausende für deutsche Einheit in den Straßen Leipzigs und anderer mitteldeutscher Städte demonstrierten, sagt der sowjetische Führer, daß er das Undenkbare für möglich hält. Hans Modrow, der vorläufige mitteldeutsche Staatschef, reagierte auf die Forderungen innerhalb seines Landes nach schnellerem Wechsel mit einer Vorverlegung der Wahlen zur Volkskammer von Mai auf März. »Diese Wahlen werden wahrscheinlich die kommunistische Partei aus dem Amt fegen,« sagt Jeffrey Simpson, und man kann die Genugtuung hinter seinen Worten spüren.

Das Undenkbare ist eingetroffen. Wie nun aber die Menschen von Mittel- und Westdeutschland im einzelnen zusammenkommen werden, ist noch unklar. Es ist sicher, daß sie in irgendeiner Form unter einem politischen "Umbrella" (engl. Sonnenschirm, RuW) vereinigt werden. Wenn Deutschland vereinigt ist, wird es in den Fundamenten Nachkriegseuropas krachen. Schon jetzt scheint es, daß die sorgfältige Planung der Ereignisse nach einem bestimmten Kalender, und auch ein erfolgreicher Abschluß der Besprechungen über den Abbau der konventionellen Waffen veraltet ist. Diese wichtigen Wiener Verhandlungen wollen eine Reduzierung der Rüstung erzielen. Zur Zeit ihrer Beendigung werden die Ereignisse sie jedoch überholt haben.

Die Tchechoslowakei hat schon einseitig erklärt, sie will ihre Truppenstärke um 500.000 Mann verringern. Die Tschechen wollen auch, daß die russischen Besatzungssoldaten nach Hause gehen. Die Polen und Ungarn haben 1000.000 russische Soldaten auf ihrem Boden. Sie machen ähnliche Forderungen geltend. Darüber hinaus haben die Ungarn verkündet, daß sie ihre eigenen Militäreinheiten umgruppieren wollen - »um jedwede fremde Intervention oder irgendeinen Angriff abzuwehren.«

Im sehr viel kleineren Mitteldeutschland sind 350.000 sowjetische Soldaten stationiert. Da nun Gorbatschow erklärt hat, daß er mit einem vereinten Deutschland leben kann, wird der Druck auf ihren Abzug an Intensität gewinnen.

»Dennoch ist es schwer vorstellbar,« sagt Simpson, »daß die Sowjets eine Vereinigung nur nach westlichen Vorstellungen erlauben. Wenn es auch verlockend erscheint, Mitteldeutschland in den Orbit des Westens zu zwingen, das würde das europäische militärische Gleichgewicht gegen die Russen verschieben. Deshalb erfordert die deutsche Vereinigung wahrscheinlich den Abzug aller fremden militärischen Kräfte von deutschem Boden und ein internationales Abkommen über die Größe und Art der deutschen Kräfte. Das wurde ja schon einmal, nämlich in Versailles exerziert. Es sollte auch nicht vergessen werden,« meint Simpson, »daß dies die politische Plattform der sozialdemokratischen Partei nach dem Zweiten Weltkrieg war. Die deutsche Wiedervereinigung zwingt Frankreich in eine unbequeme Lage. Die Franzosen erlauben keine fremden Militärs auf ihrem Boden. Wenn die Amerikaner Deutschland verlassen und einen Ozean weit weg sind und die Briten immerhin einen Ärmelkanal weg, müssen die Franzosen vielleicht doch fremde Truppen zu sich hereinlassen.

Die Wiedervereinigung Deutschlands als Teil einer weitgehenden Demilitarisierung Zentraleuropas, sowie der Zusammenbruch des Warschauer Pakts, und auch die Umformung der NATO, all das wird Kanada bewegen, seine Kräfte aus Europa nach Hause zu bringen. Es würde unverantwortlich und dumm sein, unilateral zu handeln. Aber Kanadas Haushaltssorgen, verbunden mit den rasenden Ereignissen in Europa, bedeuten, daß der Tag der Heimkehr der kanadischen Soldaten früher kommen wird als jetzt angenommen." Soweit Simpson.

Zunehmend werden hier und in den U.S.A. wieder Stimmen laut, die sich - wie nach dem Ersten Weltkrieg - fragen, wie man das deutsche Gesamtvolk trotz seiner zu erwartenden inneren Stärke am Zügel halten kann. Der alte Neid wird von Leuten wie Galinski und Shamir sowie nun auch von dem mitteldeutschen PDS-Führer, Herrn Gysi, geschickt geschürt und auf diesem Kontinent durch die Massenmedien begierig verbreitet und ohne Gegenfrage unterstützt. Diese besagten Herren, wie auch der Herr Kissinger aus Fürth, gelten hier als Fachleute in Sachen Deutschland.

Das PBS Television Network, mit seinem Ruf als unabhängiges Medium, sprach sich in seinem Programm "Washington in Review" mit allen fünf Kommentatoren dafür aus, daß im Falle einer Vereinigung Deutschlands die amerikanischen Besatzungstruppen auf deutschem Boden bleiben müßten, um die deutsche Wiedererstarkung in Schach zu halten..

Der gelbe Schleim der Eifersucht kriecht wieder über die Landschaft. Dagegen kann man nur eines tun: Man muß sich zielbewußt friedlich weiter entwickeln! Und Schewardnaze schlägt eine internationale Konferenz vor, die sich mit der deutschen Frage beschäftigen soll. Ob sich diese Konferenz auch mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker befaßt, hat er nicht gesagt. Und ob dabei auch der fünfundvierzig Jahre andauernde Krieg durch einen Friedensvertrag beendet wird, wurde aus Moskau ebenfalls nicht laut.


Quelle: Recht und Wahrheit, Folge 1+2/1990, S. 26.

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