MEINUNGSFORUM

Ist in Polen nicht schon alles Iängst verloren?

von
Hans M. Retzdorff

Vaclav Havel und Lech Walesa haben sich nach einer Meldung (dpa/ap) vom 19.03.1990 in Spindelmühle über die "Überwindung der Folgen des 2. Weltkrieges" ausgesprochen. Beide würden das Selbstbestimmungsrecht für die Deutschen und ihr Recht auf staatliche Einheit anerkennen. Dies zeigt, der Zweite Weltkrieg ist noch nicht zu Ende, und wir müßten uns eigentlich besorgt darüber zeigen, das über wichtige Angelegenheiten, die das gesamte Deutschland und die Deutschen angehen, in unserer Abwesenheit verhandelt wird. Aber es sind eben nur Worte, die gewechselt wurden. Havel und Walesa müßten schon eine schriftliche Zusage abgeben und erklären wollen, daß ihre Länder die "Feindseligkeiten" gegen die BRD und die "DDR" einstellen werden, und das die Wiedererrichtung eines gemeinsamen Staates der Deutschen keine nachbarstaatlichen Interessen berührt. Aber das verlange mal jemand laut und öffentlich. Das Geschrei rings herum wäre groß. Stalin hatte seinerzeit den Gründern des "Nationalkommitee Freies Deutschland", dem sogenannten "Seidlitz-Kommitee", die Zusicherung abgegeben, daß ein befriedetes Nachkriegsdeutschland das Sudetenland behalten dürfe. Genauso verhält es sich mit der Grenzlinienvereinbarung im Potsdamer Abkommen von 1945, das die östliche Glatzer Neiße als Demarkationslinie zum "polnisch verwalteten" Ostdeutschland vorsah. Undenkbar damals, die von SED-Ministerpräsident Otto Grotewohl verabredete Abtretung östlich Usedom und Ockermünde bis Stettin, Heimat des aus Jasenitz stammenden SED-Politikers und PDS-Ministerpräsidenten Hans Modrow. Ist er dadurch Pole geworden? Bestimmt nicht. Seine Heimat ist auch nicht "polnisch" geworden, sie wird nur polnisch verwaltet. Übrigens, die von Max Reimann auch, er stammt aus Elbing; die von Wilhelm Pieck liegt im jetzigen "polnischen Teil" von Guben. Die Russen kennen die Polen. Die alten Rechnungen zwischen Polen und Russen wurden nie beglichen. Die Russen handelten pfiffig, als sie uns nach Beendigung des Krieges die Polen als Schuldner aufhalsten. Sie hofften, daß sich deren besondere Aufmerksamkeit auf die neue Westgrenze richten und sie von der neuen Ostgrenze ablenken werde. Eine kitzlige Lage für die Polen. Auf der einen Seite wurden sie vom russischen Bajonett am A ... gekitzelt, auf der anderen Seite fühlten sie sich von Little-BRD und Klein-DDR ins Gesangsbuch geschaut. Wo sich kratzen, wen zuerst wegscheuchen? Die Partie ist noch offen. Ob der der russische Schachzug gut war, muß sich noch zeigen. Für uns bleibt er solange ein schlechter Zug, wie Rußland nicht herausgibt, was ihm nicht gehört. Unsere Zwergstaaten jagen dem Roten Riesen keine Angst ein.

Das Verhältnis zwischen Polen und Deutschen im nahen Grenzbereich und in der "DDR" ist, aus beider Sicht betrachtet, außerordentlich mies. Wenn die Polen zur Zeit ein Gewissen haben, so ist es immer nur ein schlechtes. Prügeleien zwischen deutschen und polnischen Jugendlichen in Frankfurt an der Oder machen die Problematik offenbar; mißtrauische Zurückhaltung und offene Ablehnung trifft die einkaufenden Polen in der "DDR". Vor wenigen Tagen wurde ein Rundfunkbericht ausgestrahlt, der davon sprach, daß polnischen Arbeitern und Arbeiterinnen, die im Frankfurter (Oder) Halbleiterwerk tätig sind, bestimmte Mengen von eingekauften Orangen wieder zurückgeben mußten, weil irgendwelche Leute festgestellt haben wollen, daß die Polen am Stand im "Konsum" anstatt 1 Kilo, wie vorgesehen, zwei Kilo der in südlichen Sonnenländern gereiften Orangen gefordert und auch ausgehändigt bekommen hätten.

Zu einem Kuriosum besonderer Art trägt ein westdeutsches Filmaufnahmeteam bei, das für Außenaufnahme zur Serie "Diese Drombuschs" nach Stolp in Hinterpommern reiste, um ein zerstörtes bzw. ein heruntergekommenes Haus filmen zu können. Die "DDR", die über genügend "Kulissen" dieser Art verfügt und ursprünglich für diese Aufnahmen auch vorgesehen war, hatte sich das Filmen mit DDR-Ruinen verbeten. In Stolp bildet ein früheres Warenhaus am Rathaus den erforderlichen Hintergrund. Die Deutschen wurden immer wieder von bettelnden polnischen Kindern an der Arbeit gehindert, die ständig nach "Marka! Marka!" riefen. Einer der Filmer sagte nach seiner Rückkehr aus Pommern: "Da hilft nur noch ein Bulldozer, und alles rein in die Ostsee schieben!"

Nanu? kann man da nur sagen. Aber "Marka" und Marka" sind nicht dasselbe. Deutsche aus der "DDR" sind in Hinterpommern keine so gern gesehene Urlaubsgäste-. Ein übergesiedelter Mitteldeutscher berichtete mir, daß er in der Gegend von Stolp offen als "Faschist" beschimpft worden sei. Als ich ihm gegenüber erwähnte, daß in Polen nun allgemein von "Selbstverwaltung" gesprochen werde, aber niemand weiß, was darunter zu verstehen ist, weil man nicht genügend informiert sei, was wiederum daran liege, sich keine teure Zeitung leisten zu können - Essen einkaufen wäre wichtiger -, da antworte mir dieser ehemalige "DDR"-Bürger: »Die Polen haben doch noch nie Interesse für ihren Staat gehabt, Nationalismus und Vaterlandsliebe ja, diese Worte tragen sie ständig auf der Zunge. Aber Motivation für weitergehende Dinge fehlt ihnen.«

Ein rätselhaftes Volk, diese Polen. Wahrscheinlich streben sie nur deshalb nach einem Land größeren Ausmaßes, um in der Größe eines solches Landes eine "Heimat" zu suchen und sie dennoch nicht finden zu müssen. Eine Widerspruch, der sich dann auflöst, wenn die auf solche Weise erlangte (gefundene) "Heimat" ihnen dennoch als dauernde Bleibe ungeeignet scheint, weil Heimat eine verpflichtende Aufgabe darstellt, die es für die eigenen Nachkommen zu bewahren gilt. Heimat muß gehegt, gepflegt und geschützt werden. Ich kenne kaum jemanden anderen, der sein "Eigentum" derart verkommen und verludern läßt, anstatt es pfleglich zu behandeln, wie die Polen.

"Echte" Polen, mit denen ich in Berührung gekommen bin und die jetzt hier bei uns in der BRD leben und arbeiten, möchten gern "Deutsche" sein. Sie suchen die Nähe zu uns Deutschen, bleiben aber halb ihrem Polenland zugewendet. Sie fahren dann und wann nach Bromberg oder Krakau, um dann wieder nach Köln oder Braunschweig zurückzukehren. Ihre Liebe zu Polen haben sie mir noch nicht gezeigt. Sie lieben ihr "Deutschsein". An Polen erscheint ihnen nichts wichtig. Von ihrem Polentum habe ich zu keiner Zeit irgend etwas gemerkt. Von denen, die in Polen leben, hört man nur von ihrem Polentum im Radio. Von denen, die hier [eben, hat sich noch keiner zu seiner Heimat Polen nachdrücklichst bekannt. Fahre ich aber mal nach Polen, dann reden die Polen dort unaufgefordert mit mir Deutsch…

Die Polen wollen "Reparationen". Sie sollten besser "Reparaturkosten" sagen. Ich bin gern dazu bereit, solche "Reparaturkosten" mitzufinanzieren, damit beispielsweise Neujasenitz restauriert wird, auch Kleinmölln und Bauernhufen, wo ehedem die Künstler aus der Reichshauptstadt Berlin Urlaub machten, unter ihnen Heinrich George. Ich stelle mich auch zu "Aufräumarbeiten" in Hinterpommern zur Verfügung, wenn die "Unsrigen" dort keine "Drombuschs" mehr drehen. Die Bulldozer müssen nicht sein! Also nichts wie hin, aufräumen, aufbauen, Farbe ins Bild bringen, (Farbe bekennen?), Heimat erstehen lassen. Dem, der aufbaut; dem, der instand hält; dem, der liebt, was er geschaffen, dem sei das Wiedererstandene Heimat. Die Angstträume des Korporals Walesa und seines Generals Jaruselski verflüchtigten sich im Nu - vielleicht. Der Bundesdeutsche Helmut Kohl hat euch Polen erst vor wenigen Monaten den Friedensgruß entboten, zusammen mit Herrn Masowietzki. In einer Messe, die beide besuchten. Was ging in ihren Köpfen vor? Haben sie geheuchelt?

Betrachten wir's mal so: Hinterpommern und Schlesien, die Neumark und Masuren, dazu das schöne Danzig - alles "umsonst" (kostenlos!) von Stalin geschenkt bekommen. Vielleicht ist's das! Denn was man geschenkt bekommt, ist häufig nicht viel wert: man bekam es ja "umsonst'. "Umsonst" ist immer "umsonst = vergeblich".

Natürlich hätten die Polen unsere "Reparaturkosten" gern umsonst und zur freien Verfügung. Es gibt eine Lösung die beiden Seiten hülfe: Kaufen wir die unter polnischer Verwaltung verwahrlosten deutschen Häuser doch einfach auf -basta!


Es gibt gedungene Mörder der Wahrheit und Aufklärung;
so sehr sie sich verhüllen und bemänteln, erkennt man sie.

Arthur Schopenhauer


Ich habe es satt, immer wieder zu hören,
daß zwölf Männer hingereicht haben, das Christentum zu begründen;
ich habe Lust zu beweisen, daß einer genug ist, es zu zerstören.

François Marie Arouet VOLTAIRE


Quelle: Recht und Wahrheit, Folge 1+2/1990, S. 24f.

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