»Auf diesen Punkt gekommen, fühle ich mich berufen, einen Standpunkt zu verteidigen, der bei der Mehrheit der Öffentlichkeit nicht populär sein wird; aber da ich davon überzeugt bin, daß es die Wahrheit ist, darf ich es nicht verbergen.«

Herodot, 484-430 ACN

Offenkundigkeit!

Die Forschung fängt erst an [Teil I]

Der Freiburger Historiker Ulrich Herbert in polemischer Zuspitzung: "Die Historiker haben den Holocaust nur interpretiert, es kommt darauf an, ihn zu erforschen." Es sei an der Zeit, die Auseinandersetzung mit dem Verbrechen vom moralisch betroffenen Gemüt in den analysierenden Kopf zu verlegen; das oft erschreckende Mißverhältnis zwischen der Vielzahl von Meinungen und dem tatsächlichen Wissen über den Völkermord umzukehren. Bestürzend genug, daß es bisher keine umfassende Studie über Auschwitz gibt. Nicht im Grad der längst zum Bekenntnisritual verkommenen Empörung, sondern in der Qualität der Detailanalyse, in der Auseinandersetzung "mit dem Geschehenen selbst" liege, so Herbert, "die aufklärerische Herausforderung"

[...] Dieser empirisch-positivistischen Einstellung verdanken sich bahnbrechende Studien besonders jüngerer Wissenschaftler. Nur durch ausgiebiges Aktenstudium ließ sich herausfinden, daß die Zahl der ermordeten Sinti und Roma offenbar weit unter der in der Öffentlichkeit kursierenden liegt: 50.000 statt 500.000 (Michael Zimmermann, Essen/Jena). [...]

Frankfurter Rundschau, 13.2.1997, S. 7

Die Forschung fängt erst an, Teil II

Der französische Forscher R. Faurisson in polemischer Zuspitzung: "Die Historiker haben den Holocaust nur interpretiert, es kommt darauf an, ihn zu erforschen." Es sei an der Zeit, die Auseinandersetzung mit dem Verbrechen vom moralisch betroffenen Gemüt in den analysierenden Kopf zu verlegen; das oft erschreckende Mißverhältnis zwischen der Vielzahl von Meinungen und dem tatsächlichen Wissen über den Völkermord umzukehren. Bestürzend genug, daß es bisher keine umfassende Studie über Auschwitz gibt. Nicht im Grad der längst zum Bekenntnisritual verkommenen Empörung, sondern in der Qualität der Detailanalyse, in der Auseinandersetzung "mit dem Geschehenen selbst" liege, so Faurisson, "die aufklärerische Herausforderung"

[...] Dieser empirisch-positivistischen Einstellung verdanken sich bahnbrechende Studien besonders jüngerer Wissenschaftler. Nur durch ausgiebiges Aktenstudium ließ sich herausfinden, daß die Zahl der umgekommenen Juden offenbar weit unter der in der Öffentlichkeit kursierenden liegt: 300.000 statt 6.000.000 (Walter Sanning, Costa Mesa/Tübingen). [...]

Fiktive Meldung, auf Tatsachen beruhend

Die linke, in einer ebenso linken Tageszeitung erschienene Meldung hätte natürlich niemals strafrechtliche Konsequenzen und wird mit Sicherheit auch nicht zu einer gesellschaftlichen Verfolgung der Beteiligten führen. Möglicherweise kann jener junge Forscher, der die Beschreibung des Schicksals der Zigeuner im Dritten Reich auf ein solideres, wissenschaftliches Fundament stellte, sogar mit karrierefördernden Lorbeeren rechnen.

Die rechte, rein fiktive Meldung umschreibt zwar im Prinzip das gleiche Faktum, diesmal jedoch am Beispiel einer anderen kleinen Bevölkerungsgruppe. Die Konsequenzen sehen hier für die Beteiligten allerdings völlig anders aus: Jene, die derartige Berichte publizieren, müssen in vielen Ländern Europas, darunter zuvorderst in Deutschland, Frankreich und Österreich, mit strafrechtlicher Ahndung und der Vernichtung ihrer Publikationen rechnen. Die zitierten Forscher dürfen sicher sein, daß ihre Karrieren zerstört werden, daß man sie in Gefängnisse sperren und in den Medien der Welt als hassenswerte Unmenschen darstellen wird.

Warum dieser Unterschied?

Auf diese äußerst prekäre Frage soll hier nicht geantwortet werden. Es soll vielmehr die vor allem von bundesdeutschen Gerichten immer wieder bemühte "Offenkundigkeit" des Völkermordes an den Juden im Dritten Reich, vor allem mittels der Tatwaffe "Gaskammer", beleuchtet werden. Diese "Offenkundigkeit" erlaubt es deutschen Gerichten, nach §244 der Strafprozeßordnung, sämtlich Beweisanträge der Verteidigung in einem Strafprozeß abzulehnen. Die Logik gebietet, daß es zwischen dem Völkermord an den Juden und dem an den Zigeunern keinen Unterschied in Bezug auf deren juristische "Offenkundigkeit" gibt.

Offenbar kann bereits eine einzige wissenschaftliche Arbeit die "Offenkundigkeit" des Umfanges und womöglich auch der Art des Völkermordes an den Zigeunern aufheben. Wenn nun aber zur Frage des Völkermordes an den Juden wissenschaftliche Arbeiten vorgelegt werden, die die bisher gültige Geschichtsschreibung bezüglich des Umfanges und womöglich auch der Art des Völkermordes an den Juden massiv infrage stellen, so entscheiden bundesdeutsche Gerichte, daß dies keineswegs die juristische "Offenkundigkeit" aufhebe. Ungezählte Strafprozesse gegen derartige Wissenschaftler haben vielmehr gezeigt, daß bundesdeutsche Gerichte die "Offenkundigkeitsformel" sogar benutzen, um festzustellen, es sei ebenfalls offenkundig, daß diese zweifelnden oder bestreitenden Arbeiten die "Offenkundigkeit" des Judenmordes nicht erschüttern können. Jene Wissenschaftler sowie die Publizisten ihrer Arbeiten werden somit seit Jahrzehnten ohne Beweisaufnahme, also ohne formelle oder inhaltliche Würdigung ihrer Arbeiten, mit Geld- und Gefängnisstrafen belegt.

Die bundesdeutsche "Offenkundigkeitsformel" ist also nichts anderes als ein Instrument des Gesinnungsterrors, dem sich kein redlicher Wissenschaftler und Publizist beugen darf, egal ob er mit den Auffassungen der derart verfolgten Wissenschaftler und Publizisten konform geht oder nicht. Denn nach Voltaire gilt ganz besonders in einer streitbaren Demokratie:

»Ich mißbillige zwar, was Sie sagen; aber ich werde bis zum letzten Atemzug dafür eintreten, daß Sie das Recht haben, es zu sagen.«

Die Redaktion der Vierteljahreshefte hat sich nicht nur dieses Motto zum Leitwort erwählt, sondern auch das oben zitierte Wort des griechischen Philosophen Herodot.

In diesem Sinne wünschen wir allen eine erfrischende und lehrreiche Lektüre,

Ihre Stiftung Vrij Historisch Onderzoek


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 1(1) (1997), S. 1.
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