Die Juden von Kaszony

Von Carl O. Nordling*

Kaszony (genauer Mezökaszony) ist ein kleiner Marktflecken in der Karpato-Ukraine, eine Provinz, die nach dem Ersten Weltkrieg Teil der Tschechoslowakei, 1938 von Ungarn annektiert und schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg ein Teil der Ukraine wurde. In der Karpato-Ukraine (Podkarpatská Rus) lebten 1938 etwa 800.000 Menschen, darunter 12% Juden. Kaszony hatte damals etwa 2.700 Einwohner, wovon 1940 479 Juden waren. Bereits zu jener Zeit hatte ein Exodus der Juden begonnen, und so lebten bereits damals 295 Juden aus Kaszony in anderen Teilen der Welt, meist in Budapest, aber auch z.B. in den USA und in Palästina. Somit waren 1940 bereits 38% aller in Kaszony geborenen Juden emigriert. 1987 waren nur 3 Juden in Kaszony zurückgeblieben.

Vor einigen Jahren schrieb einer der Juden Kaszonys, Józsi Einczig (Jahrgang 1920), ein Buch des Titels The Jews of Kaszony (Die Juden von Kaszony) als Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen einiger in Israel, den USA und Ungarn lebenden Juden aus Kaszony.[1] Herr Einczig selbst, der in den USA lebt (32 Merrivale Rd., Great Neck, NY 11020) und den Namen Joseph Eden angenommen hat, wurde 1944 von den Sowjets gefangen genommen. Es wurde ihm dann angeboten, in der Tschechoslowakischen Armee zu dienen, die während des Zweiten Weltkrieges durch die UdSSR gebildet wurde. Er schätzt, daß diese Armee zu etwa 60% aus Juden bestand, die es irgendwie fertig gebracht hatten zu überleben. Sein Buch über die Juden von Kaszony war als ein vollständiger Bericht über das Weltkriegsschicksal aller 1938 in Kaszony lebenden Juden gedacht.

The Jews of Kaszony

Leider haben sich die Autoren nicht die Mühe gemacht, die verschiedenen Todesursachen derer zu ergründen, die angenommenerweise in Auschwitz und anderen deutschen Lagern umgekommen sind (was zugegebenermaßen recht schwierig gewesen wäre). Trotzdem enthält das Buch viele Bilder von Personen, von denen im Untertitel behauptet wird, sie seien »in Auschwitz ermordet« worden. Es ist allerdings offensichtlich, daß über das Schicksal dieser Personen nichts weiter bekannt ist als die Tatsache, daß sie nie aus ihrer Internierung in deutschen Lagern zurückkehrten – aus welchen Gründen auch immer. Das Schicksal der einzelnen Überlebenden ist sicherlich besser bekannt, aber es werden in dem Buch nur dreizehn Überlebende beschrieben. Darunter befinden sich vier, die Auschwitz als Kinder überlebten: Cili und Lenke Halpert, Sári Auspitz (die nur ein bis zwei Jahre alt war) sowie Alex Schneider (12 Jahre). Sári lebt heute in Budapest.

Von den Erwachsenen gerieten zwei in Sowjetische Gefangenschaft, aus der sie entkommen konnten: Rózi Ackermann, Weissmann und Józsi Einczig. Als die Rote Armee ungarische Juden gefangen nahm, machte ihr Judentum auf die Russen keinerlei Eindruck. Die Juden wurden zusammen mit Deutschen und Ungarn als Feinde behandelt. Junge Männer konnten sich dafür entscheiden, in der kommunistischen Tschechoslowakischen Armee zu dienen, aber jene, die das nicht wollten oder konnten, landeten wahrscheinlich in irgendwelchen Lagern.

Eine Person, Deszö Rapaport (damals 53 Jahre alt) hat Auschwitz überlebt und kehrte nie wieder in seine Heimat zurück. In dem wichtigen Verzeichnis der Opfer des Holocaust[2] wird er als ein Opfer von Auschwitz aufgeführt. Drei Personen sollen einer Deportation durch die Annahme falscher Identitäten entronnen sein: Siku Klein (als christlicher Priester), Jenö Ackermann und Rezsi Veres. Es würde nicht überraschen, falls noch viele andere neue (nicht-jüdische) Identitäten angenommen hätten, nachdem sie von ihrer Regierung betrogen worden waren und gerade wegen ihrer jüdischen Identität die Härten von Auschwitz haben erleiden müssen. Solche Personen wären 40 Jahre nach ihrem "Abfall" definitiv von keinem Forscher mehr auffindbar.

Andere als Überlebende von Auschwitz aufgeführte Personen sind Lea und Jenta Schneider, die in das Lager Zitau verlegt worden waren, und Miska Klein (damals 51) sowie Magda Iczikovics. Für die beiden letzten werden keine näheren Angaben über die Art des Überlebens gemacht.

Diese Beispiele zeigen die verschiedenen Überlebensweisen auf. Offenbar wurden kleine Kinder nicht zu 100% in Auschwitz getötet, da sogar Sári Auspitz überlebte. Es ist außerdem erwiesen, daß sich nicht wenige Personen in sowjetischer Gefangenschaft wiederfanden, noch bevor der Krieg beendet war. Es ist nicht wahrscheinlich, daß es allen gelang, von dort zu fliehen. Einige werden als Kriegsgefangene gestorben sein, und andere werden in irgendwelchen Lagern oder in der Verbannung verschwunden sein. Es ist unmöglich, die Anzahl dieser Fälle zu schätzen. Auch die Praxis, sich falsche Identitäten zuzulegen, scheint weit verbreitet gewesen zu sein. Nicht alle, die sich als Nichtjuden ausgaben, werden sich ihre frühere jüdische Identität nach dem Kriege wieder zugelegt haben. (Einer der zwei in meiner Ortschaft lebenden Juden nahm seinen früheren Namen wieder an, während der andere sein Alias bis zu seinem Tode behielt, obwohl er sich in seinen Memoiren als Jude zu erkennen gab.) Auch hier ist es unmöglich, die Anzahl derer zu schätzen, die ihre jüdische Identität nicht mehr zu erkennen gaben.

All dies bedeutet folgerichtig, daß nicht alle Menschen, von denen man nach der Befreiung nichts mehr hörte, notwendigerweise in den Lagern gestorben sind. Sie können durchaus noch Monate, Jahre oder gar Jahrzehnte nach dem Kriege gelebt haben, ohne daß ihre früheren Nachbarn davon wußten. Wegen dieser Mängel ist die im Buch The Jews of Kaszony wiedergegebene Statistik nicht ganz zuverlässig. Dennoch soll sie hier näher betrachtet werden. Wenn wir jene abziehen, die Europa verließen, dann verbleiben folgende Kategorien:

Tabelle 1: Statistik des Schicksals der Juden von Kaszony, nach J. Eden[1]

 

Summe

"gestorben"
1938-1945

"lebend"
1945

"lebend"
1945 in %

Juden in Europa 1938:

731

518

213

29

Davon: Nach Auschwitz deportiert
 Nicht n. Auschwitz deportiert
Davon: Ungar. Arbeitslager
Anderes

500
231
122
109

401
117
57
60

99
114
65
49

20
49
53
45

1941 wurden 122 Männer in ein Zwangsarbeitslager in Ungarn eingewiesen, d.h. die meisten der Männer zwischen 20 und 45 Jahre. Nur von 53% ist bekannt, daß sie den Krieg überlebten. der Rest ist unter "gestorben" aufgeführt, aber es ist wie gesagt möglich, daß einige dieser vermißten Personen von den Russen gefangen genommen und in Arbeitslager in die UdSSR geschickt wurden. Alle Frauen, Kinder und alte Leute bleiben bis 1944 unbehelligt, zumindest sofern sie in Ungarn lebten. Die erwartete Sterberate unter ihnen (durch natürliche Ursachen) würde sich für den Zeitraum zwischen 1938-1944 auf etwa 60 Fälle belaufen. Im Buch The Jews of Kaszony sind aber nur 26 Todesfälle für diesen Zeitraum aufgeführt. Die wahrscheinlich beste Erklärung für diese Diskrepanz ist, daß die Autoren des Buches nicht in der Lage waren, die Spuren aller Kaszonyer zurückzuverfolgen, insbesondere wenn sich ihre Spuren relativ früh verloren. Dies wirft freilich ein bezeichnendes Licht auf die Zuverlässigkeit dieser Statistik. Wir haben somit einen Grund mehr, die darin angegebenen Zahlen kritisch zu betrachten.

Es ist somit klar, daß die Anzahl der Kaszonyer Juden, die in Auschwitz starben, nicht 401 ist. Das Wort "Auschwitz" in der Tabelle steht als Platzhalter für alle deutschen Konzentrationslager. Doch selbst wenn 500 Juden tatsächlich nach Auschwitz deportiert worden wären, würden sie früher oder später in andere Lager überführt worden sein – vorausgesetzt natürlich, daß sie noch lebten. Es ist allgemein bekannt, daß die Sterblichkeitsrate in allen deutschen Lagern in den letzten Monaten des Krieges (als das Lager Auschwitz bereits aufgegeben worden war) extrem hoch war. Als z.B. das Lager Dachau befreit wurde, lebten noch 32.000 Insassen, während 13.158 während der letzten vier Monate gestorben waren, was einer Sterberate von 29% für diesen Zeitraum entspricht. Die 99 Kaszonyer Juden, deren Rückkehr aus deutschen Lagern bekannt ist, haben sowohl Auschwitz als auch das darauf folgende Lager überlebt. Eine bestimmte Anzahl wird sogar die abschließende Evakuierung von Auschwitz mit ihrer erschreckend hohen Opferzahl überlebt haben. (Elie Wiesel erwähnt in seinem Buch La Nuit, daß von den 100 Insassen seines Eisenbahnwaggons 12 überlebten.[3]) Allein auf Grund der Überlebenden könnte man durchaus schließen, daß in Auschwitz etwa 300 bis 400 Kaszonyer umgebracht wurden. Aber nach allem, was wir wissen, könnten die 99 bekannten Überlebenden auch nur eine Minderheit aller Überlebenden sein. Und 200 oder gar 300 der ursprünglich 500 Deportierten können ebenso die Opfer von Fleckfieberseuchen, Erfrierungen, Hunger und von (gelegentlich) alliierten Bombenangriffen sein.

Vor einigen Jahren wurden die Sterbebücher der Jahre 1941 bis 1943 von Auschwitz in Moskau freigegeben. Darin sind etwa 66.000 Sterbefälle dokumentiert.[4] Es ist wahrscheinlich, daß im Jahr 1944 weitere 30.000 bis 40.000 Menschen umkamen. Diese Sterbefälle beziehen sich auf etwa 406.000 insgesamt in Auschwitz registrierte Internierte. Es gab also mit anderen Worten für diejenigen Gefangenen, die einige Zeit im Lager blieben, eine 25%ige Wahrscheinlichkeit, dort zu sterben. Unter der Annahme, daß dies auch für die internierten Juden Kaszonys gilt, und vorausgesetzt, daß sie alle registriert wurden, daß also keiner bei der Ankunft vergast wurde, dann würden etwa 125 von ihnen auch so dort gestorben sein. Nehmen wir weiterhin an, daß weitere 125 von ihnen nach einem vorübergehenden Aufenthalt in Auschwitz in andere Lager verlegt wurden. Sie würden dann in den letzten Wochen des Krieges einer außerordentlich hohe Sterblichkeit von geschätzt 25% ausgesetzt gewesen sein. Dies würde weitere 31 Tote vor der Befreiung bedeuten.

Nun haben wir hypothetisch noch 250 in Auschwitz lebende Juden Kaszonys, bevor am 18. Januar 1945 die Evakuierungen beginnen. Wir werden hier die von Elie Wiesel genannte Todesrate als Ausnahme ansehen und daher nicht anwenden. Statt seiner 88% nehmen wir eher eine Rate von 35% als mögliche Todesrate für die 250 evakuierten Juden Kaszonys an. Dies ergibt weitere 87 Tote. Nun haben wir in den im allgemeinen völlig überfüllten anderen deutschen Lagern 163 Juden aus Kaszony, die durch den fortwährenden Hunger zunehmend ausgezehrt sind. Wieder muß die Todesrate enorm gewesen sein. Wir gehen von 25%, also 41 weiteren Toten aus. Somit würden insgesamt 284 Juden Kaszonys durch Epidemien, Hunger und gelegentlicher Gewalt umgekommen sein. 216 hätten überlebt. Das Buch The Jews of Kaszony nennt 70 Namen von damals in Auschwitz internierten Juden, die noch 1987 in der freien Welt lebten. Unter der Annahme normaler Todesraten für den Zeitraum zwischen 1945 und 1987 müssen es im Jahre 1945 etwa 150 gewesen sein. Von diesen müssen in den 42 Jahren seit Kriegsende etwa 80 Personen gestorben sei, so daß 1987 nurmehr 70 übrig blieben. Im Buch wird allerdings für den Zeitraum zwischen 1945 und 1987 nur der Tod von 29 ehemaligen Auschwitz-Häftlingen aufgeführt (29% Todesrate). Es ist also offensichtlich, daß die Autoren längst nicht über alle Auschwitz-Überlebenden Informationen besitzen. Auf Seite 85 des Buches lesen wir:

»Das Kriegsende bedeutete nicht das Ende jüdischen Leidens. Viele starben an Erschöpfung, unheilbaren Erkrankungen oder Unterernährung in Krankenhäusern in Deutschland, in Österreich, in den Lagern für Displaced Persons oder auf ihrem Weg auf der Suche nach einer neuen Heimat in Palästina, Ungarn, der Tschechoslowakei, den Vereinigten Staaten oder irgend einem anderen Land der Welt, das sie aufzunehmen bereit war.«

Es dürfte klar sein, daß viele Überlebende in den Vierzigern unter diesen schrecklichen Umständen umkamen. Allerdings findet man nur ein einziges derartiges Schicksal in dem behandelten Buch. Der Name dieses Opfers ist Magda Veres, die sich nach der Befreiung in der Karpato-Ukraine niederließ und dort vor 1950 starb. Selbst unter normalen Umständen würde man für den Zeitraum zwischen 1945 und 1950 mit 10 bis 15 Toten zu rechnen haben. Im gebeutelten Nachkriegseuropa würden wir die doppelte Menge erwarten. Auch die Anzahl der in den Fünfzigern und Sechzigern Verstorbenen (vier Fälle) ist viel zu niedrig, um glaubwürdig zu sein. Die reine Wahrscheinlichkeit sagt uns, daß etwa 150 Juden Kaszonys die deutschen Lager überlebten und sich nach der Befreiung irgendwo in Israel, den USA, Ungarn, der Tschechoslowakei oder in der Karpato-Ukraine niederließen. Da etwa ein Drittel dieser Gruppe bereits innerhalb der ersten 25 bis 30 Jahren gestorben wäre, müssen die meisten der früh verstorbenen Auschwitz-Überlebenden von den Autoren 1987 übersehen und statt dessen als Opfer gezählt worden sein.

Es ist auffallend, daß 45% derjenigen, die die ungarischen Zwangsarbeitslager überlebten, bis zum Jahr 1987 verstorben waren, auch wenn nur wenige von Ihnen im Jahr 1944 älter als 40 Jahre gewesen sein können. Die anderen Kaszonyer, die auch wesentlich älteren Altersgruppen angehörten, sollten somit eine wesentlich höhere Todesrate gehabt haben (insbesondere, wenn alle 109 Kinder bereits tot waren, wie das Buch angibt). Tatsächlich aber berichtet das Buch für die deportierten Kaszonyer nur von einer Todesrate von 29%. Eine weitere auffallende Diskrepanz besteht zwischen der berichteten Todesrate von 54% (1945-1987) für die leicht auszumachenden Überlebenden, die sich in Budapest und der Karpato-Ukraine niederließen, und der Rate von nur 24% für die über alle Welt verstreuten Kaszonyer Juden. Diese Diskrepanz trifft auch auf andere Kaszonyer zu. Es ist offensichtlich, daß viele der Überlebenden, die emigrierten und innerhalb einiger Jahrzehnte verstarben, in der Schlüsseltabelle auf Seite 82 von The Jews of Kaszony unachtsamerweise unter der Rubrik »in Auschwitz gestorben« klassifiziert wurden.

Tabelle 2: Statistik des Schicksals der Juden von Kaszony, revidiert

   

tot

lebend

Mai ’44: Deportation der Juden von Kaszony nach Auschwitz:

500

   

davon 25% Sterberate der im Lager Gebliebenen:

 

125

 

Verlegung in andere Lager im Jahr 1944:

125

   

davon 25% Sterberate/75% Überlebensrate vor Kriegsende:

 

31

94

In Auschwitz verbliebene am 18.1.1945:

250

   

davon 35% Sterberate während der Evakuierung:

 

87

 

In provisorische Lager Evakuierte:

163

   

davon 25% Sterberate/75% Überlebensrate bis zur Befreiung:

 

41

122

Summe Tote und Überlebende 1944-1945

 

284

216

Davon: womöglich in Gewalt der UdSSR befindlich
womöglich in Deutschland niedergelassen
womöglich woanders niedergelassen und früh verstorben
aufgefunden und in The Jews of Kaszony aufgeführt

   

39
39
39
99

Aber der frühe Tod wird nicht der einzige Grund dafür sein, daß Überlebende übersehen wurden. Es ist auffallend, daß die aufgeführten Auschwitz-Überlebenden fast gänzlich (94%) in nur fünf Ländern leben, obwohl ehemalige Kaszonyer im allgemeinen in elf Ländern der Welt zu finden sind. Abgesehen von 93 Überlebenden, die sich in Israel, den USA, Budapest, der Karpato-Ukraine und der Tschechoslowakei niedergelassen haben, wird nur von zwei jeweils in Canada, Australien und österreich ansässigen berichtet, d.h. keiner in der UdSSR, England und Frankreich. Insbesondere ist bemerkenswert, daß The Jews of Kaszony niemanden kennt, der sich in Deutschland niedergelassen hat. Dies mag man mit Seite 429 aus Eichmanns Biographie vergleichen:[5]

»Fast 5 Jahre habe ich mich nach dem Krieg in Westdeutschland aufgehalten und viel gesehen, u.a. auch, daß es überall ungarische Juden gab […] in der Lüneburger Heide. Überall roch es nach Knoblauch. Ich habe dort mit den Juden Holz und Eier gehandelt und mir gesagt: "Donnerwetter, die sollen wir alle umgebracht haben?"«

Es scheint, daß die Autoren des behandelten Buches es als selbstverständlich ansahen, daß sich kein Auschwitz-Überlebender in Deutschland niederlassen würde – wie sehr es dort auch »nach Knoblauch riechen« mag. Und dennoch ist es eine Tatsache, daß viele Überlebende nach dem Kriege in Deutschland blieben. Die Einreise nach Palästina war verboten und eine Einwanderung in die USA beschränkt. Man sollte nicht davon ausgehen, daß diese und andere fremde Länder für jeden erreichbar waren. Vor die Wahl gestellt, in die sowjetische Karpato-Ukraine zurückzukehren, mögen sich viele dazu entschlossen haben, in Westdeutschland zu bleiben. (Nur 14 entschlossen sich zur Rückkehr.) Womöglich gibt es in Deutschland noch Juden aus Kaszony, wo sie sich mit neuem Namen als Nichtjuden ausgeben. In diesem Falle würden sie sich kaum als frühere Juden aus Kaszony zu erkennen geben. Nach der Tortur von "Auschwitz" mögen sich viele gedacht haben "Ich werde nie mehr an Jahweh glauben" oder vielleicht "Ich werde nie mehr in Europa (Ungarn, Tschechoslowakei) leben", und sie hatten ohne Zweifel die Möglichkeit, diese ihre Gedanken jedem mitzuteilen. Aber jene, die mit der Überzeugung reagierten "Ich werde nie mehr als ein Jude in Erscheinung treten", haben auf ewig beschlossen, der Welt von ihrer Entscheidung nichts mitzuteilen. Als Juden sind sie für die jüdische Gemeinschaft virtuell "tot" – so sehr wie die Tochter, die in dem Roman Fiddler on the Roof einen Nichtjuden heiratete.[6] Aber selbst wenn sie nicht mehr als Juden existieren, sollten sie nicht unter der Rubrik »ermordet in Auschwitz« gezählt werden.

In Tabelle 2 ist die hier vorgestellte Hypothese in Tabellenform dargestellt. Diese völlig hypothetische Version dessen, was geschah, setzt sich aus nichts anderem als wahrscheinlichen Zahlen und Verhältnissen zusammen. Sie zeigt, daß es im Falle der Anwendung dieser Zahlen und Verhältnisse auf die anfänglich 500 deportierten Juden ganz natürlich ist, wenn man in einer Arbeit 42 Jahre nach Kriegsende 99 Überlebende identifizieren kann. Und wie wir zeigen konnten, bedeutet diese niedrige Rate von lediglich 20% identifizierten Überlebenden von 500 ganz und gar nicht, daß der Rest ermordet wurde, noch daß auch nur eine kleinere Gruppe davon tatsächlich ermordet wurde. Nach Tabelle 2 würden 57% der deportierten Juden gestorben sein, in ähnlichem Umfange also wie jene 51% der nicht deportierten, die angenommenerweise starben – und zwar ohne jeden Massenmord! Die durchschnittliche Todesrate für alle Juden aus Kaszony betrüge damit etwa 55%. Tatsächlich ist es sehr wahrscheinlich, daß gut die Hälfte der Juden aus Kaszony an Krankheiten, Hunger, Unterkühlung, gelegentlichem Mord oder durch Feindeinwirkungen im Zweiten Weltkrieg starben. Dieser Anteil ist vergleichbar mit dem Blutzoll von Leningrad, Dresden und Hiroshima. Das Schicksal der Juden von Kaszony ist sicherlich eine der vielen großen Tragödien des Zweiten Weltkrieges.

Die Überprüfung der Daten des Buches The Jews of Kaszony macht deutlich, daß es in den meisten Fällen unmöglich ist, verläßliche, beispielhafte Untersuchungen über das Kriegsschicksal von Juden aus einem ganzen Dorf oder einer ganzen Stadt durchzuführen. Die Autoren von The Jews of Kaszony haben ohne Zweifel ihr Bestes gegeben, und man sollte ihnen für ihre Mühe herzlich danken. Zugleich müssen wir aber auch feststellen, daß sie anscheinend keine Möglichkeit hatten, alle nötigen Daten über all jene Personen herauszufinden, auf die ihre Untersuchung zielte. Und sie waren, wie so viele von uns, belastet mit der vorurteilsbehafteten Vorstellung, daß Auschwitz eine »Todesfabrik« war und daß nur ein Wunder die Deportierten davor bewahren konnte, dort vergast zu werden.

Wie sich herausstellt, gibt dieses Buch also einen fundamental falschen Eindruck von dem Schicksal wieder, das die bedauernswerten Juden von Kaszony im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs durchleben mußten. Mit Rücksicht auf das Ziel der Völkerverständigung ist es zudem bedauernswert, daß ein Ausdruck wie »The Victims of Hate« (Die Opfer des Hasses) in einem Gedenkband erscheint. Viele Millionen Menschen kamen in diesem Krieg um, aber selbst das vorsätzliche Töten wurde im allgemeinen nicht vom Haß diktiert. Und das Buch The Jews of Kaszony bringt keinen Beweis dafür, daß auch nur ein einziges Opfer vorsätzlich getötet wurde.


Anmerkungen

Carl O. Nordling hat bereits vor einigen Jahren einige hervorragende bevölkerungsstatistische Arbeiten zum Holocaust vorgelegt, auf die wir hier gerne verweisen wollen: Revue d’Histoire révisionniste (RHR) 2 (1990) S. 50-64; engl.: The Journal of Historical Review (JHR) 10(2) (1990) S. 195-209; RHR 4 (1991) S. 95-100;RHR 5 (1991) S. 96-106; engl.: JHR 11(3) (1991) S. 335-344; deutsch vgl. summarisch in G. Rudolf, »Statistisches über die Holocaust-Opfer«, in: E. Gauss (Hg.), Grundlagen zur Zeitgeschichte, Grabert, Tübingen 1994. Dort auch schon mit Hinweis auf die hier nun erstmalig veröffentlichten neueren Arbeiten Nordlings.

[1]J. Eden, The Jews of Kaszony, Subcarpathia, New York 1988.
[2]Ebenda, ab S. 38: The Victims of Hate.
[3]E. Wiesel, La Nuit, Paris 1958.
[4]Sonderstandesamt Arolsen (Hg.), Die Sterbebücher von Auschwitz, Saur, München 1995.
[5]R. Aschenauer, Ich, Adolf Eichmann, Druffel, Leoni 1980.
[6]Das erstmalig 1964 auf dem Broadway inszenierte Musical basiert auf einem Schauspiel von Joseph Stein, Tevje und seine Töchter, 1912, das wiederum auf einer jiddischen Geschichte von S. Rabinovitz (Tevye der Milkhiger, 1894) basiert. Es wurde in New York 3.242 mal und in London 2.030 mal aufgeführt. 1968 war die deutsche Uraufführung in Hamburg. Die Komische Oper Ost-Berlins hatte das Musical von 1970 bis 1985 im Programm. Seit dem 20.9.1997 wird es in Malmö gezeigt und ab dem 11.10. in Stockholm (Spelman på taket, vgl. Svenska Dagbladet, 16. & 21.9.1997). Es handelt von einem rassistischen russischen Juden, der in dem Augenblick zusammenbricht, als seine Tochter einen Nichtjuden (Goy) heiratet.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 1(4) (1997), S. 251-254.


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