Sauna ein »Verbrechen«?

Von Dipl.-Ing. Werner Rademacher

In der Welt erschien in der Rubrik »Welt der Wissenschaft« am 7.2.1997 unter der Überschrift »Wenn die Erinnerung eines Zeugen trübt« ein bemerkenswerter Artikel über eine amerikanische Studie über dieses Phänomen. Zur gleichen Zeit befaßten wir uns mit einem Buch von Kraus und Kulka, »Die Todesfabrik«[1], über das Kriegsgefangenenlager Auschwitz-Birkenau und fanden hier auf den Seiten 47/48 eine Bestätigung der genannten Studie. Unser Beispiel, das wir in der Folge vorstellen werden, zeigt, daß auch die Zeitgeschichte mit einfachen Fehlinterpretationen befrachtet ist. Im angeführten Beispiel fehlt den Autoren ein ausreichendes Allgemeinwissen.

Letzteres ist die Ursache dafür, daß unter der Überschrift »Die "finnische Sauna"« das »Steckenpferd« eines Arztes – eine Sauna – unverständlichweise eine falsche Auslegung erfährt. Die Einrichtung zur Gesundheitspflege wird zu einem »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«:

»Die sogenannte wissenschaftliche Arbeit wie überhaupt die ganze Tätigkeit der Naziärzte in den Konzentrationslagern ist bereits von Fachleuten eingeschätzt und von den Gerichten, die über diese Kriegsverbrecher verhandelt haben, verurteilt worden.

Auch ohne Fachkenntnisse wird ein jeder erkennen, daß die Naziärzte in den Konzentrationslagern laufend Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben. Wir können den SS-Offizier, einen Arzt, nicht vergessen, der in Birkenau Anfang 1943 hauste. Sein Steckenpferd war die "Finnische Sauna".

Dieses Bad bestand in Birkenau aus zwei Räumen, die durch eine luftdicht abschließbare Tür voneinander getrennt waren.

Die Häftlinge mußten sich im Korridor ausziehen und ihre Kleidung und Wäsche zur Entlausung übergeben.

Im ersten Raum befand sich ein mächtiger Ziegelofen, in dem mehrere Stunden vor Beginn des Bades große Steine durch starke Hitze zur Weißglut gebracht wurden. An der Wand gegenüber dem Ofen erhoben sich fast bis zur Decke hinauf primitive, stufenartig angebrachte Bänke.

Auf diese Bänke mußten sich die nackten Häftlinge setzen, so eng wie sie sich nur zusammenpressen konnten. Einer saß neben dem anderen, die Gesunden berührten die Kranken, von denen viele ansteckende Hautausschläge hatten.

Dann wurden die erhitzten Steine mit Wasser begossen. Durch den dichten Dampf begannen die abgemagerten, kranken, heruntergekommenen Körper der Häftlinge heftig zu schwitzen. Am meisten schwitzten die Neulinge, die auf die höchsten Bänke hinaufgestiegen waren. Von jedem rann der Schweiß in Strömen, vermischt mit Schmutz und dem Eiter der nässenden Geschwüre.

Wenn einige schon ohnmächtig zu werden begannen, öffnete sich die luftdicht abgeschlossene Tür des zweiten Raumes, in den die nackten Häftlinge mit Geschrei und Stockschwingen durch die aufsichtführenden Häftlinge unter eiskalte Duschen getrieben wurden. Diesem Bad folgte das Abtrocknen. Für diesen Zweck gab es stets für zehn Häftlinge je ein Handtuch.

Im Raum, in dem die Wäsche und die entlausten Kleider ausgegeben wurden, entstand inzwischen ein unbeschreibliches Chaos, wobei in der Regel für den letzten nichts übrigblieb. Auch hierbei entschied das Faustrecht des Stärkeren.

Das Resultat dieses Bades waren tödliche Lungenentzündungen, und das war auch der Zweck, den der SS-Arzt verfolgte.«

Es wird hier über Begebenheiten berichtet, die sich 1943 ereigneten. Nach unserem bisherigen Wissen gab es im Kriegsgefangenenlager Birkenau nur ein Gebäude, das eine Sauna enthielt. Es befand sich im Bauabschnitt B Ia und wurde als BW 5a. bezeichnet. Eine Bauzeichnung der Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei in Auschwitz liegt mit der Plan-Nr. 1715 vom 25.9.1942 vor. [2] Zum besseren Verständnis fügen wir diesen Plan als Abbildung bei, vgl. oben. Der beigefügte Text läßt auch die Vermutung zu, daß dieser Bau gemeint ist.

Bauplan Entlausungsgebäude Birkenau

Die falsche Auslegung zeugt davon, daß den Autoren Kraus und Kulka unbekannt war, was eine Sauna ist. Dem heutigen kritischen Leser, der eine Sauna in der Regel kennt, erscheint die von den Autoren beschriebene Sauna als völlig normal, so daß die seltsame Interpretation durch die Autoren etwas grotesk wirkt.

Saune im Entlausungsgebäude Birkenau

Ausschnittsvergrößerung aus obigem Plan.

Sauna ist der finnische Name für ein Schwitzbad. In Finnland hatte selbst jeder Einödhof eine solche Einrichtung. Weniger geläufig ist die Tatsache, daß im Mittelalter auch in Deutschland unter der Bezeichnung »Badstube« diese Form des Bades bekannt war. Sie verschwand unter dem Einfluß der katholischen Kirche.

Erst wieder in Rußland, insbesondere aber in den baltischen Staaten, lernte der deutsche Soldat diese ihm fast unbekannte Badeart kennen und schätzen. Hierauf ist zurückzuführen, daß die Sauna für die Gesundheitspflege erneut Bedeutung erlangte.

Durch Merkblätter, herausgegeben von höchsten Kommandostellen, wurden die Sanitätsdienststellen aufgefordert Saunen zur ständigen Nutzung durch die Truppe zu bauen. Jedem Stellungswechsel folgten Neubauten, meist von russischen Hiwis als "Kenner" durchgeführt. Es gab zwei Hauptbauweisen, nämlich eine ohne und eine mit Kaminabzug. Wenn unsere Annahme stimmt, dann war die gegenständliche Anlage in Birkenau eine solche mit Kaminabzug.

Ein solches Merkblatt der Wehrmacht aus dem einschlägigen Bereich konnten wir für diese Veröffentlichung beschaffen.[3] Es kann wohl davon ausgegangen werden, daß der Umbau des Gebäudes BW 5a hierauf zurückzuführen ist. Schon die Überschrift des militärischen Merkblattes, »Bedeutung und Anwendung der Sauna für Abhärtung und Gesunderhaltung der Truppe«, macht deutlich, wie die Verfasser Kraus und Kulka die geschilderten hygienischen Maßnahmen mißverstanden haben. Da gerade die Vorsorge gegen Krankheiten und deren Heilung eine wesentliche Einwirkung der Sauna ist, geben wir diesen Text wörtlich wieder:

»Behandlung von Krankheiten in der Sauna.

Nur ganz kurz kann hier erwähnt werden, daß das Saunabad auch z u r   H e i l u n g   v o n   v i e l e n   E r k r a n k u n g e n im Felde mit Erfolg angewandt wurde. Im Vordergrund stehen alle Leiden, die von alters her mit Schwitzprozeduren behandelt werden. Dazu gehören zunächst Erkältungskrankheiten und Katarrhe der oberen Luftwege, der Stirn- und Kieferhöhlen und hartnäckige Blasenkatarrhe. Ferner fast alle Formen des Rheumatismus, darunter besonders Muskelrheuma, Hexenschuß und Ischias. Gute Heilerfolge wurden bei Kranken mit Magenkatarrhen und Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren beobachtet, soweit es sich nicht um frische, blutende Geschwüre handelt. Für den Magenkranken ist zur Heilung eine stärkere Durchblutung der Körperoberfläche und eine bessere Hautreaktion ganz besonders erwünscht; ein Ziel, das gerade in der Sauna vollkommen erreicht werden kann. Unter den ungünstigen hygienischen Verhältnissen des Ostens haben uns weiter die Erkrankung der Haut und ihrer Anhangsgebilde in größerem Umfange zu schaffen gemacht. In dieses Gebiet fallen die Furunkulosen, Grind- und Eiterausschläge, Krätze, Schweißdrüsenabszeß und juckende Hautausschläge infolge Ungeziefers, alles Hautkrankheiten, die durch sachgemäßen Gebrauch der Sauna geheilt oder zumindest in ihrem Heilverlauf neben der Verordnung anderer Mittel außerordentlich günstig beeinflußt werden. Neben Hitze, Schweißbildung, vermehrter Blutzirkulation und Birkensaft spielt bei den Heilungsvorgängen sicher noch der keim- und bakterientötende Rauch eine Rolle. Daher schreibt der finnische Arzt gerade der primitiven RAUCHsauna eine stärker heilende Wirkung zu, und bei den finnischen Bauern wird auch heute noch die völlig keimfreie Rauchsauna als Wochenstube mit bestem Erfolg benutzt. Bei richtiger Bedienung kann auch die Kaminsauna vom Raucharoma des verbrannten Holzes durchströmt
werden, wenn die obere Ofentür über den heißen Steinen während des Bades geöffnet wird. Es fehlt nur die s t ä n d i g e rauchige Imprägnierung des Baderaumes einer Sauna ohne Kaminabzug.

Soll das Schwitzbad zur Krankenbehandlung eingesetzt werden, muß nach vorheriger Untersuchung vom zuständigen Truppenarzt ein genauer Heilplan aufgestellt werden. Das Saunabad löst tief eingreifende Reaktionen im Organismus aus, bedeutet immer eine Wohltat für den Gesunden, ist aber für den Kranken nicht ohne weiteres anwendbar und nur unter ärztlicher Verantwortung bei bestimmten Erkrankungen ein Heilmittel.

Wenn wir nun noch die wichtigsten Merksätze aus diesem Merkblatt als Auflistung wiedergeben, so wird die unterschiedliche Beurteilung noch erkennbarer:

Abschließend:

Diese Arbeit kann nicht abgeschlossen werden ohne einen Hinweis darauf, daß nicht nur Kraus und Kulka falschen Rückschlüssen anheimgefallen sind. Ebenso erging es einer Zeugin, Marcha Ravin, deren ähnliche Aussagen der Apotheker Jean-Claude Pressac in seinem Buch[2] auf Seite 53 wiedergibt.

So kam es, daß aus mangelndem Allgemeinwissen eine Maßnahme zur Gesunderhaltung bzw. Heilung der Häftlinge, nämlich ein üblicher Saunagang, völlig unverständlich zu einem »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« gemacht wurde.

Dieser Vorgang schildert, wie sehr Zeugenaussagen subjektiv verzerrt sein können und wie sehr die Realitäten in Birkenau, wo man sich offenbar sehr um das Wohl der Häftlinge kümmerte, diesen Aussagen entgegenstehen können. Er zeigt zudem einmal mehr, daß noch erheblicher Forschungsbedarf besteht.


Anmerkungen
[1]O. Kraus, E. Kulka, Die Todesfabrik, Kongress-Verlag, Berlin 1958.
[2]J.-C. Pressac, Auschwitz:Technique and Operation of the Gas Chambers, Beate Klarsfeld Foundation, New York 1989, S. 57.
[3]W. Hangarter, Bedeutung und Anwendung der Sauna für Abhärtung und Gesunderhaltung der Truppe, Berlin 1942.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 1(4) (1997), S. 245ff.
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