Einige Anmerkungen zur NS-Sprache gegenüber den Juden

Von Dipl.-Chem. Germar Rudolf


Als Beweis für die Beschlußfassung zur Vernichtung der Juden durch die Nationalsozialisten wird bisweilen auf die Ausführungen von Felix Kersten, dem Masseur Himmlers, bezug genommen.[1] Yehuda Bauer, Professor für Holocaust-Studien an der Jerusalemer Universität und herausragendster Historiker am Yad Vashem Museum schrieb über diesen Zeugen in seinem Buch Freikauf von Juden? folgendes:

»Die meisten Historiker, die sich mit Kersten beschäftigt haben, halten ihn für einen unzuverlässigen Zeugen. Seine Geschichten seien übertrieben und eitel, die für seine Behauptungen angeführten Beweise wertlos.[…]

Kersten war zweifellos ein Egozentriker, der Kapital daraus schlagen wollte, daß er während des Krieges, ob nun tatsächlich oder nur in seiner Einbildung, das Leben einiger Menschen gerettet hat. Viele von den Dokumenten [in seinen Memoiren] stammen wahrscheinlich gar nicht aus den Kriegsjahren.«[2]

Weiter erläutert er im Anmerkungsapparat:

»In früheren Einträgen in das sogenannte Tagebuch [Kerstens] wird der Mord an den Juden ausdrücklich erwähnt. Am 12. Dezember 1940 (F44/6, S. 16 - dies frühe Datum ist ebenso problematisch wie die sogenannten Kersten-Notizen insgesamt) notiert Kersten eine Äußerung Himmlers: "Wir müssen die Juden ausradieren, das ist der Wille des Führers." Am 18. April 1941 soll Himmler gesagt haben: "Bis Kriegsende müssen die Juden ausgerottet sein. Das ist der eindeutige Wunsch des Führers."«[3]

Als Hintergrund zu diesen kritischen Anmerkungen Bauers muß angemerkt werden, daß Bauer in seinem Buch den schon längst vorher von den Revisionisten geführten Beweis erbringt, daß die NS-Führung zumindest vor Mitte des Jahres 1941 keinerlei Intention hatte, die Juden in ihrem Machtbereich auszurotten. Vielmehr war ihre Politik in jeder Hinsicht darauf ausgerichtet, die Juden durch Auswanderung, Vertreibung und Umsiedlung loszuwerden. Bauers Charakterisierung von Kerstens Aufzeichnungen als »problematisch« heißt daher, daß die vom Ende des Jahres 1940 bzw. aus dem Frühjahr 1941 stammenden von Kersten festgehaltenen Äußerungen, die nicht mit der tatsächlichen NS-Politik und den Äußerungen der damaligen Zeit zusammenpassen, entweder falsch sein müssen, oder daß die Worte »ausradieren« und »ausrotten« lediglich im soziologisch-gesellschaftlichen Sinne zu verstehen sind, nicht aber im Sinne einer physischen Vernichtung, also Tötung. Die letztere Interpretation scheint dabei durchaus nahe zu liegen, da sie sich mit zuverlässig dokumentierten, ähnlichen Ausdrucksweisen deckt, die von verschiedenen hochrangigen NS-Führern benutzt wurden und die eben nur Ausrottung im gesellschaftlichen Sinne bedeutet haben können:

  1. Rudolf Heß, zweiter Mann nach Hitler, führte in einer Rede in Stockholm am 14. Mai 1935 aus:[4]

    »Die nationalsozialistische Gesetzgebung hat gegen die [jüdische] Überfremdung korrigierend eingegriffen.
    Ich sage korrigierend, denn daß im nationalsozialistischen Deutschland das Judentum nicht etwa rücksichtslos ausgerottet wurde, beweist die Tatsache, daß heute in Industrie und Handwerk 33500, in Handel und Verkehr 98900 Juden allein in Preußen tätig sind - beweist weiter die Tatsache, daß bei einem Anteil der Juden an der Bevölkerung Deutschlands von 1% noch immer 17,5% aller Rechtsanwälte Juden sind und zum Beispiel in Berlin noch immer fast 50% Nichtarier zur ärztlichen Kassenpraxis zugelassen sind.«

    Das Wort »ausrotten« kann in diesem Zusammenhang offensichtlich nicht im Sinne von Ermordung gemeint gewesen sein, denn niemand hatte 1935 den Vorwurf erhoben, das Dritte Reich habe die Juden rücksichtslos oder auch nur partiell physisch umgebracht. Diese Annahme war damals dermaßen absurd, daß es undenkbar ist, der zweite Mann nach Hitler hätte eine teilweise physische Ausrottung der Juden mit dieser Stellungnahme quasi dementiert. Heß' Formulierung kann also nur im gesellschaftlichem Sinne gemeint gewesen sein. Die Nationalsozialisten hatten den jüdischen Einfluß in Deutschland noch nicht mit allen Mitteln (rücksichtslos) ausgerottet, sondern sie haben erst begonnen, diesen Einfluß mit moderaten Mitteln zu korrigieren und zurückzudrängen. Es ist offensichtlich, daß diese Zurückdrängung nicht durch Tötung der Juden erfolgte, sondern indem man sie zur Ergreifung anderer Berufe zwang oder sie zur Auswanderung veranlaßte.

  2. Auch Hitlers berühmte Rede vom 30. Januar 1939 ist ein solches Beispiel. Nach einer ausführlichen Beschreibung seiner Politik und Pläne, wie er den Juden in seinem Machtbereich mit den verschiedensten Mitteln eine Auswanderung ermöglichen und sie dazu ermuntern will, prophezeit er die Vernichtung der Juden Europas, falls es ihnen wiederum gelingen sollte, einen Krieg in Europa zu entfesseln.[5] Später bezieht er sich angesichts des jüdischen Schicksals in seinem Machtbereich im Kreis engster Vertrauter auf jene Rede, allerdings nicht im Sinne einer physischen Vernichtung, sondern im Sinne der wenig rücksichtsvollen Deportation der Juden aus Europa hinaus in die russischen Sümpfe.[6] In jenen vertraulichen Gesprächen Hitlers im Kreise seiner engsten Freunde finden sich eine ganze Reihe derartiger Bezüge, die alle von einer Umsiedlung bzw. Deportation der Juden nach Osteuropa und sonstwohin handeln.[7] Es ist auch nicht wahrscheinlich, daß Hitler im Kreise engster Vertrauter Tarnwörter benutzt oder die Dinge nicht beim Namen genannt hat.

  3. David Irving hat bereits 1983 darauf hingewiesen, daß Hitler auch in anderen Fällen den Begriff »ausrotten« nicht im Sinne von einer physischen Eliminierung gemeint hat, sondern im Sinne der Ausschaltung eines Volkes als Machtfaktor. In einem Memorandum zum Vierjahresplan im August 1936 führte er aus, die Wehrmacht und die deutsche Wirtschaft müßten in vier Jahren bereit zur Führung eines Krieges gegen die Sowjetunion sein, denn wenn die Sowjetunion jemals erfolgreich Deutschland erobern sollte, würde dies mit der »Ausrottung« des deutschen Volkes enden.[8] Natürlich kann Hitler hier nicht gemeint haben, die Sowjets würden in einem solchen Falle 80 Millionen Deutsche umbringen. Gemeint war vielmehr, daß Deutschland als ein unabhängiger wirtschaftlicher, machtpolitischer und kultureller Faktor ausgeschaltet werden würde.

  4. Eine ähnliche Formulierung wandte Hitler auch am 4.7.1942 anläßlich eines vertraulichen Gesprächs beim Abendessen an, als er über seine Drohung bezüglich der Vertreibung der Tschechen aus Böhmen und Mähren berichtete, die er gegenüber dem Tschechischen Präsidenten Hacha ausgesprochen hatte. Nach dieser Drohung habe sich Hacha einverstanden erklärt, daß alle Personen, die im Protektorat eine pro-sowjetische Politik befürworteten, »ausgerottet« werden müßten. Aus dem Kontext geht klar hervor, daß hierunter Entfernung aus ihren Stellungen und Vertreibung gemeint war.[9]

  5. Am 10. November 1938 äußerte sich Hitler gegenüber der NS-Presse, man müsse die Klasse der deutschen Intellektuellen »ausrotten«.[10] Auch hier kann er unmöglich eine physische Vernichtung der Intellektuellen gemeint haben, sondern nur die Beendigung ihres Einflusses.

  6. Auch eine Analyse der wohlbekannten »geheimen« Posener Rede Heinrich Himmlers anläßlich der SS-Gruppenführertagung am 4. Oktober 1943 zeigt deutlich, daß mit dem Wort »Ausrottung« die »Ausschaltung« des gesellschaftlichen Einflusses der Juden in Deutschland gemeint ist. In den oft zitierten, entscheidenden Passagen führt Himmler aus:[11]

    »Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Das gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. - "Das jüdische Volk wird ausgerottet", sagt ein jeder Parteigenosse, "ganz klar, steht in unserem Programm drin, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir. Ha! Kleinigkeit."« (Original Mitschnitt)

    Es ist allerdings offenkundig, daß in dem Programm der NSDAP kein Programmpunkt enthalten ist, der die physische Liquidierung der Juden fordert. Sehr wohl aber enthält das Programm die Forderung, den gesellschaftlichen Einfluß der Juden in Deutschlands Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur auszuschalten, etwa indem man ihnen die Staats- und Bürgerrechte aberkennt.[12] Und genau darauf hat Himmler in seiner Rede Bezug genommen. Er selbst setzt in seiner Rede sogar die Begriffe »Evakuierung« und »Ausrottung« bzw. »Ausschaltung« und »Ausrottung« ausdrücklich gleich. Wenn er mit der Ausrottung etwas anderes gemeint hätte als die Entfernung bzw. Ausschaltung der Juden aus dem gesellschaftlichen Leben Deutschlands bis hin zu deren Deportation bzw. Evakuierung, insbesondere wenn er die physische Liquidierung der Juden gemeint hätte, so hätte man aus dem Auditorium doch wohl mit Widerspruch rechnen müssen, zumal dort hochrangige NS-Führer saßen, die das Programm der NSDAP sicher kannten. Aber keiner widersprach.
    Auch der Hinweis auf eine spätere Passage Himmlers hilft da wenig, denn es ist durchaus nicht klar, wovon Himmler hier redet:

    »Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Und dies durchgehalten zu haben und dabei - abgesehen von menschlichen Ausnahmeschwächen - anständig geblieben zu sein, hat uns hart gemacht und ist ein niemals genanntes und niemals zu nennendes Ruhmesblatt.« (Original Mitschnitt)

    Spricht er hier von umgebrachten Juden, von getöteten feindlichen Soldaten, von Partisanen, von Opfern alliierter Bombenangriffe oder von den eigenen gefallenen Soldaten? Dies wird aus dem Zusammenhang nicht klar.
    Problematisch hingegen sind die anderen angeblich von Himmler in den Monaten danach gehalten Reden vor diversem hochrangigem Publikum,[13] wobei allein deren Anzahl und die breite Masse der Zuhörer ausschließt, daß die Reden geheim gewesen sein sollen. Die dort erscheinenden inhaltlich ähnlichen Passagen bezüglich der »Ausrottung der Juden« sind wesentlich deutlicher und kaum anders zu interpretieren, als daß Himmler hier vom Judenmord berichtet haben soll. Allerdings gibt es zu diesen Reden keine Tonaufzeichnungen und keinerlei Zeugenaussagen, die bestätigten, daß die Reden tatsächlich gehalten wurden. Außerdem sind die entsprechenden Redemanuskripte noch nicht einmal von Himmler oder sonst irgend jemandem abgezeichnet, so daß durchaus möglich ist, daß diese späteren Reden nachträglich fabriziert wurden.

Es wäre sicherlich ein lohnendes Forschungsgebiet, einmal die Sprache der NS-Führer eingehend zu untersuchen, um vorschnelle Fehl- oder Überinterpretationen zu vermeiden.


Anmerkungen

[1]Das Nizkor-Projekt zur Bekämpfung des Revisionismus im Internet führte ihn beispielhaft in einer Erwiderung auf die Frage Nr. 26 des IHR an.
[2]Jüdischer Verlag, Frankfurt/Main 1996, S. 166f.
[3]Ebenda, S. 425,  Anmerkung 7/10.
[4]Zitiert nach einer Publikation der Rudolf Hess Gesellschaft, »Dokumentation Nr. 9: Rede von Herrn Reichsminister Hess am 14. Mai 1935 in der Deutsch-Schwedischen Gesellschaft in Stockholm«, Postfach 11 22, D-82141 Planegg.
[5]Oft als Beweis für Hitlers Vernichtungswillen angepriesen, sieht J. Bauer in dieser Passage, die dem Rest der Rede inhaltlich diametral entgegensteht, wenig mehr als eine affektbeladene, unkonkrete Drohung, aaO. (Anm. 2), S. 61f.
[6]Dr. Henry Picker, Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier, Seewald, Stuttgart 1963, 25.10.1941.
[7]Ebenda, 8.-11.8.; 17.10.; 19.11.1941; 12.-13.1.; 25.1.; 27.1.; 4.4.; 15.5.; 26.6.1942.
[8]Vgl. W. Treue in Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ) 1955, S. 184f.
[9]H. Picker, aaO. (Anm. 6), S. 435; diese beiden Beispiele 3. und 4. erstmals in: D. Irving, »On Contemporary History and Historiography«, The Journal of Historical Review 5(2-4) (1984), S. 277; auch Beispiel Nr. 5 verdanke ich dem Hinweis von D. Irving.
[10]Bundesarchiv, NS 11/28, S. 30-46; vgl. H. von Kotze, H. Krausnick (Hg.), Es spricht der Führer, Gütersloh 1966, S. 281; VfZ 1958, S. 188; dieses Beispiel sowie exaktere Angaben zu den beiden vorgenannten Fällen wurden mir dankenswerterweise von D. Irving zur Verfügung gestellt; vgl. die Gegenmeinung zum NS-Sprachgebrauch bei M. Shermer, »Proving the Holocaust«, Skeptic, 2(4) (1994), S. 44-51; vgl. ders., Why People Believe Weird Things, Freeman & Co., New York 1997, S. 211-241.
[11]IMT-Dokument 1919-PS, IMT, Nürnberg 1948,  Band XXIX, S. 110-173; ob die verbreitete revisionistische These, diese Rede sei eine Fälschung, richtig ist, könnte eine Stimmanalyse der Tonbandaufzeichnung ergeben. Daß es derartige Aufzeichnungen gibt, beweist im übrigen schon, daß die Rede unmöglich geheim gewesen sein kann; vgl. U. Walendy, »Lügen um Heinrich Himmler, Teil 1«, Historische Tatsache, Nr. 45, Verlag für Volkstum und Zeitgeschichtsforschung, Vlotho 1991, S. 21-27.
[12]Punkt 4 des Programms: »Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtsnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.«
[13]Reden vor den Gauleitern, 6.19.1943; vor den Befehlshabern der Kriegsmarine, 16.12.1943; vor Generälen, 5.5., 24.5. und 21.6.1944 (ob die im Frühjahr/Sommer1944 nicht Besseres zu tun hatten?); B.F. Smith, A.F. Peterson, Himmler - Geheimreden 1933-1945 und andere Ansprachen, Frankfurt/Main 1974; vgl. U. Walendy, aaO. (Anm. 11), S. 27ff.; auch ders., Nr. 47, ebenda.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 1(4) (1997), S. 260f.


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