Guido Knopp: Meister der Gehirnwäsche

Schirachs Persönlichkeitsbild verzerrt und verfälscht / Wie dem Zeitgeist Tribut gezollt wird

Von Günter Kaufmann

Am 4.3.1998 (20:45 Uhr) nahm sich der Fernseh-Historiker Guido Knopp im Kultur-Sender Arte im Rahmen der von ihm zusammengestellten TV-Serie »Hitlers Helfer« Baldur von Schirach vor.

Ein bezeichnendes, kleines Beispiel von des Redakteurs demagogischer Handwerkskunst vorab: Knopp berichtet uns Fernseh-Zuschauern, daß sich Baldur von Schirach bei Kriegsende in Schwaz/Tirol aufgehalten habe, »bis ihn die Alliierten fassen«. Da Knopp aus den ihm und seinem Mitarbeiter Hartl übergebenen Unterlagen weiß, wie es sich damals wirklich verhalten hat, macht er sich in der Sendung mit seiner Formulierung einer Lüge schuldig.[1] Die Alliierten hatten Baldur von Schirach nicht »gefaßt«, sondern er hat sich, als eine Rundfunkmeldung durchkam, daß alle HJ-Führer unter automatischen Arrest fielen, am 5.6.1945 beim Ortskommandanten in Schwaz freiwillig zu erkennen gegeben und sich als alleinverantwortlich für alle diese internierten Jugendführer erklärt. Er verlangte, diese freizulassen, und erklärte, sich vor einem alliierten Gericht verantworten zu wollen. Damit war er der einzige von allen der in Nürnberg Angeklagten, der sich freiwillig einer Siegermacht stellte. Einen solchen Sachverhalt wiederzugeben und damit Schirach eine vorbildliche Haltung zuzubilligen, das gestattet der Zeitgeist offenbar nicht und greift darum zur Lüge.

Nicht anders ist die Knopp'sche Behauptung zu werten, Schirachs Jugenderziehung habe »die Ausschaltung des Elternhauses zum Ziel gehabt«. In seinen Büchern (Hitlerjugend - Idee und Gestalt und Revolution der Erziehung) ist genau das Gegenteil nachzulesen. Stets wird die Einheit der Erziehung durch Elternhaus, Schule und Jugendbewegung von Schirach als unverzichtbar proklamiert. Aber es hört sich heutzutage natürlich gut an, einem Helfer Hitlers anzuhängen, er habe das Elternhaus ausschalten wollen. Hätte er so etwas wirklich versucht, hätte ihm die Jugend zweifellos die Gefolgschaft versagt, und die Front hätte nicht in so vielen Jahren durchgehalten. Daß eine derartige infame Unterstellung ausgerechnet von linken Ideologen kommt, die selbst einer Weltanschauung nahe stehen, die sich die Entfremdung des Kindes vom Elternhaus und die Auflösung der Familie zum Ziel gesetzt hat, ist schon unverschämt genug. [2]

Auch die Behauptung ist unwahr und dümmlich, Schirach habe mit seiner Erziehung die Zerstörung des Individuums betrieben. Vielmehr trat er nachweislich ein für »die Selbständigkeit des Gewissens« und erzog Jungen und Mädel frühzeitig dazu, Verantwortung zu übernehmen. Wie anders hätte eine 8-Millionen-Organisation geführt werden sollen?! Nicht »zerstörte Individuen« bauten das Nachkriegsdeutschland einschließlich der Bundeswehr wieder auf, schufen das Wirtschaftswunder unter Mithilfe ehemaliger HJ-Führer in Hunderten von führenden Positionen, denn sie hatten in frühester Jugend gelernt, sich verantwortlich einzusetzen.

In seinem TV-Bericht vermittelt uns Knopp das Bild von Hitlers Jugendführer, der die ihm anvertraute Jugend nur zum Sterben für Führer und Vaterland erzogen habe, und wir erleben die Jugendorganisation lediglich bei Schießübungen, Geländespielen, Kundgebungen und Fahnenmärschen. Dabei wird verschwiegen, was ich selbst mitgehört habe und bei Diwald in der Geschichte der Deutschen[3]nachzulesen ist, daß Schirach, als Oberstleutnant Rommel, der Verbindungsoffizier der Wehrmacht zur Reichsjugendführung, versuchte, Unteroffiziere zur vormilitärischen Ausbildung der Hitler-Jugend bereitzustellen, zur Antwort gab:

»Ich erziehe die Jugend für den Frieden, nicht für den Krieg!«

Verdrängt und vertuscht werden die vielen anderen Aktivitäten der Hitler-Jugend, und dadurch wird Schirachs Persönlichkeitsbild verzerrt. Mit keinem Wort wird der jährliche Reichsberufswettkampf erwähnt, nichts über die vielseitige Kulturarbeit, nichts von Theaterwochen, von Spielscharen usw. berichtet. Daß diese Jugenderziehung zur Überwindung von Standesdünkel und Klassengegensätzen führte; daß ein vorbildlicher Jugendgesundheitsdienst eingerichtet und für die Jugend gesetzliche Urlaubsansprüche durchgesetzt wurde; daß Hunderte vorbildlicher Heime und Herbergen gebaut wurden; daß die Jugendkriminalitätsrate in den 13 Jahren Jugendführung unter Schirach die niedrigste des ganzen Jahrhunderts gewesen ist; und daß diese Jugendführung einen dem Frieden dienenden, internationalen Jugendaustausch pflegte - davon kein Wort, weil das alles nicht ins vorprogrammierte negative Bild paßt!

Wenn Knopp verzeichnet, daß Schirach die Reichspogromnacht als Kulturschande bezeichnet hat, so wäre es doch wohl korrekt gewesen, auch zu erwähnen, daß er in der gleichen Nacht durch Rundruf die Beteiligung von HJ-Einheiten an diesen Ausschreitungen verbot. Auch hätte er den Protokollen des IMT in Nürnberg entnehmen dürfen, daß Schirach die Herausgabe einer antisemitischen Sondernummer seiner Zeitschrift Wille und Macht verweigerte, wie das Dr. Goebbels von seinem Chefredakteur verlangte. [4]

Wenn der Zuschauer schon von dem Zusammenstoß des Ehepaars Schirach mit Hitler auf dem Berghof wegen der unmenschlichen Behandlung holländischer Juden erfährt, so fehlt dann doch eine Erklärung dafür, warum Schirach sich zustimmend zur Abschiebung der Juden aus Wien äußerte. Warum verdrängt Knopp in einem Schirach-Porträt den im Nürnberger Prozeß zur Sprache gekommenen Versuch Himmlers, den Wiener Reichsstatthalter vor einem Volksgerichtshof anzuklagen!? Und hätte es bei einem sauberen Persönlichkeitsbild nicht nahegelegen, über Hitlers magische Kraft, andere in seinen Bann zu ziehen, und über die Dauer solcher Faszination zu berichten?

Charakteristisch für Knopps Kunst, Gehirnwäsche zu betreiben, ist die zunächst lobende Erwähnung von Schirachs Bemühen, Wien einer neuen kulturellen Blüte zuzuführen - aber jede Andeutung zu unterlassen, daß diese Bemühungen ihn in Konflikt mit Hitler und Dr. .Goebbels brachten, daß ihm der Führer seine Ausstellung »Junge Kunst in Wien« verbot und ihm vorwarf, eine kulturpolitische Opposition gegen ihn anzuführen. So etwas geschah z.B. mit den Ehrungen von Richard Strauß und Gerhard Hauptmann in Wien, oder durch Aufführungen der im Reich verbotenen Werke von Carl Orff, einer Hindemith-Oper oder Walter Regeny's »Johanna Balk«. Auf die 31 Eintragungen von Goebbels in seinen Tagebüchern, die sich gegen Schirach (»Kein richtiger Nationalsozialist«) richten, habe ich Hartl ausdrücklich aufmerksam gemacht. Doch diese „Widersacher-Rolle" Schirachs paßt nicht ins Bild, ebensowenig wie z.B. sein Eintreten für General Wlassow und seine in Wille und Macht nachlesbare Kritik an der Kriegführung Hitlers im Osten. Wäre es nicht erforderlich gewesen, in einer Serie über Hitlers Helfer einen seiner Mitarbeiter zu erwähnen, in diesem Fall Baldur von Schirach, weil er den Mut hatte, seinem Führer ins Gesicht zu sagen:

»Ich lasse mich auch von meinem Staatsoberhaupt nicht beleidigen !«

Geschichtsverfälschung durch Verschweigen von Tatsachen leistet sich Knopp, indem er mit keinem einzigen Wort an Schirachs Verantwortung für die Kinderlandverschickung erinnert. Wenn jemand Schirach eine TV-Stunde lang vorhält, die Jugend für den Krieg und fürs Sterben erzogen zu haben, dann muß er auch aussagen, daß Schirach mit der Organisation der KLV hunderttausenden Jugendlichen das Leben gerettet hat, indem er sie dem alliierten Bombenterror entzog. Als ich - ein geborener Dresdner - im Gespräch mit Hartl für den Fall meiner Mitwirkung an der Sendung darauf bestand, im Zusammenhang mit der Kinderlandverschickung vom völkerrechtswidrigen alliierten Bombenterror zu sprechen, wurde ich belehrt, daß das nicht zulässig sei.

Die Serie »Hitlers Helfer - Täter und Vollstrecker« wird nicht nur von ARTE und ZDF ausgestrahlt, sondern auch als Buchausgabe vom Bertelsmann-Verlag vermarktet. [5]In letzterer ringt sich der „Historiker" Guido Knopp mit folgendem Satz (S. 88) zu der Erkenntnis durch:

»Baldur von Schirach eignet sich nur schlecht für die Figur des fanatischen Vollstreckers in der Riege der Handlanger Hitlers.«

Offensichtlich bedarf es deshalb der Lüge, Geschichtsfälschungen und des Vertuschens und Verdrängens, um Schirach doch noch in die Gruppe der schrecklichen Täter und Vollstrecker hineinzuproduzieren. Wer vielleicht noch gute und glückliche Erinnerungen an einstige HJ-Zeiten mit sich trägt, dem werden sie jetzt mit Knopps Gehirnwäsche im TV und auf dem Buchmarkt ausgetrieben. Schirachs Persönlichkeit wird hemmungslos zwischen Mengele, Freisler und Eichmann angesiedelt, also Männern offenbar von der gleichen Sorte und ein solches Klischeebild trotz der eigenen Erkenntnis, daß es falsch ist! [6]

6.3.1998


Anmerkungen

[1]Dies scheint bei Knopp pathologisch zu sein, vgl. z.B. die Kritik von G. Rudolf an Knopps falschen Darstellungen zum Fall Rudolf Heß, »Guido Knopp und die historische Wahrheit«, VffG 1(1) (1997, S. 32f.

[2]Vgl. dazu: Helmut Schoeck, Kinderverstörung, die mißbraruchte Kindheit. Umschulung auf eine andere Republik, Mut-Verlag, Asendorf 1987.

[3]4. Auflage, Ullstein/Propyläen, Frankfurt/Main, Berlin 1978, S. 160.

[4]IMT, Band 13-14, S. 464 u. 628.

[5]Guido Knopp, Hitlers Helfer. Täter und Vollstrecker, Bertelsmann-Verlag, Gütersloh 1998.

[6]Richtigstellungen zur Person Baldur von Schirachs und zur Hitlerjugend sind zu finden in: Günter Kaufmann, Ein Jugendführer in Deutschland: Baldur von Schirach; Richtigstellung und Vermächtnis, Selbstverlag, Postfach 1848, Füssen 1993; ders., Jugendbewegung im 20. Jahrhundert; ein Kapitel ihrer Geschichte im Rückblick: Hitlerjugend, Kultur und Zeitgeschichte / Archiv der Zeit, Rosenheim 1997.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 2(2) (1998), S. 140f.
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