Deutschland und seine Neurosen

Hans Wahls im Interview

F:

Verehrter Herr Wahls, von Ihnen wurde im Jahre 1987 durch die Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt eine Studie zur Authentizität des Wannsee-Protokolls publiziert. Wie sind Sie in Berührung zu diesem Thema gekommen?

A:

Anfang 1982 beschaffte ich mir in Ablichtungen eine große Anzahl von Dokumenten, die die Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg zusammengetragen hat. Darin fand ich auch eine Wiedergabe des als »Wannsee-Protokoll« bezeichneten Dokumentes. Einige andere Stücke der Sammlung mit allen Anzeichen der Echtheit nahmen mir damals fast den Mut, mich mit der Authentizität des in Frage stehenden Papiers zu beschäftigen. Wenn ich es tat, so bewegte mich fast die Hoffnung, ich könne meinen Teil zum Nachweis der Echtheit beitragen. Doch war ich schon von manchen Zweifeln geplagt.
Meine zunehmende Beschäftigung mit der Zeitgeschichte, die schließlich zu einer Erweiterung meines bisherigen Wissens aus zweiter Hand geführt hat, wurde verstärkt durch die Presse-Berichterstattung anläßlich des 40. Jahrestages der Wannsee-Konferenz im Januar 1982. Sie war stark. Und sie ist es bis heute - übermäßig an Gefühle appellierend - und erregte daher in mir den Wunsch nach mehr Rationalität. So gelangte ich auf den Weg des Revisionismus, den ich bis heute nicht mehr verlassen habe. Darum der nie endende Versuch, zu den Quellen zu steigen. Der für den Laien verhältnismäßig übersichtliche Gegenstand »Wannsee-Protokoll« bot sich dazu als Möglichkeit an, mich einer solchen Anstrengung zu unterziehen.
Erste Hilfe bot der Jurist Dr. Wilhelm Stäglich mit seinem Buch Der Auschwitz-Mythos/Legende oder Wirklichkeit? (1979), das sich in der Hauptsache mit dem Auschwitz-Prozeß von 1965 beschäftigte. Es schien mir nachprüfbar dokumentiert. In der Folge waren auch Arbeiten von Udo Walendy in seiner Sammlung Historische Tatsachen nützlich. So entstand schließlich die von Ihnen angesprochene Arbeit, die die Zeitgeschichtliche Forschungsstelle Ingolstadt im 10. Band ihrer Veröffentlichungen 1987 veröffentlicht hat.

 

 

F:

Die Quintessenz Ihres Gutachten lautet, daß die Authentizität des Wannsee-Protokolls äußerst fraglich ist. Diese Schlußfolgerung wurde nun schon vor Ihnen und auch immer wieder nach Ihnen von verschiedenen Revisionisten gezogen, ohne daß bekannt geworden wäre, daß die Öffentlichkeit oder auch nur einzelne Historiker diese These aufgegriffen hätten. Haben Sie auf Ihr Gutachten, das doch immerhin von einem halbwegs renommierten Institut publiziert wurde, irgendeine Resonanz erhalten?

A:

Meine Untersuchungen zur Echtheitsprüfung des Papiers beschränkten sich auf dessen Überlieferungsgeschichte. In meiner Arbeit habe ich dargelegt, daß formale Untersuchungen und eine inhaltliche Prüfung des gesamten Textes mangels eigener Möglichkeiten entfallen mußten.
Mir ist nicht bekannt, ob die Öffentlichkeit oder einzelne Historiker sich mit meiner Arbeit beschäftigt haben. Wohl aber ist auf sie in umlaufenden anderen Gutachten unterschiedlicher Qualität zurückgegriffen worden. Auch bei einzelnen Strafprozessen muß meine Arbeit vorgelegen haben.
Die Fachwissenschaft scheint sich nach meiner Kenntnis mit dem Gegenstand nicht nachdrücklich beschäftigt zu haben. Weitere Forschungen, die ihr überlassen werden müssen, habe ich in meiner Arbeit erwähnt. Das mag eines Tages auch von anderen Personen ohne wissenschaftliche Vorbildung aber mit wissenschaftlicher Bemühung geschehen.

 

 

F:

Wie erklären Sie sich, daß weder die Öffentlichkeit noch die Geschichtswissenschaft dieses Thema aufgreift? Liegt es an der mangelnden Qualität der vorgelegten Arbeiten?

A:

Die breite Öffentlichkeit kann sich unmöglich mit Dingen, die zeitlich so weit zurückliegen, beschäftigen. Sie bleibt allenfalls auf unbestimmte Kenntnisse angewiesen.
Anders die Geschichtswissenschaftler. Aber auch diese können nicht das ganze Feld der Erscheinungen bearbeiten und müssen Schwerpunkte für ihre jeweiligen Forschungen setzen. Es kommt hinzu, daß Arbeiten zum Thema im Umlauf sind, denen es oft an Seriosität mangelt. Eine „Schaum vor dem Munde"-Rhetorik ist der Wahrheitssuche abträglich.

Vorordnungsblatt für das Generalgouvernement Nr. 98, 14.11.1992: »Polizeiverordnung über die Bildung von Judenwohnbezirken in den Distrikten Radom. Krakau und Galizien [...] (1) Juden, die den Vorschriften das § 2 zuwiderhandeln, werden nach den bestehenden Bestimmungen mit dem Tode gestraft.«

Bekanntmachung der SS- und Polizeiführer im Distrikt Warschau, 27.11.1943: »Durch das Standgericht der Sicherheitspolizei sind wegen begangener Straftaten, nämlich wegen Zugehörigkeit zu einer illegalen Organisation, Banditenhilfe, Judenbeherbergung, Waffenbesitz [...] zum Toder verurteilt worden [...]«

Auch ohne industriellem Massenmord kann man die NS-Judenpolitik nur als rücksichtslos brutal bezeichnen. Vergrößern durch Anklicken


F:

Nun steht der Fall des Wannsee-Protokolls ja nicht isoliert da, sondern ist nur herausragendstes Beispiel einer Reihe von z.T. recht radikaler Dokumenten- und Aussagenkritiken von revisionistischer Seite, und auch hier zeigen die Berufshistoriker eine merkwürdige Abstinenz. Macht sich die professionelle Geschichtswissenschaft nicht allgemein unglaubwürdig, wenn sie ihr ureigenstes Feld der Dokumentenkritik dem Laien überläßt?

A:

Ich kann nicht beurteilen, inwieweit „die" Fachwissenschaft Dokumentenkritik betreibt. Überlegungen zur Opportunität werden bei der Auswahl eine Rolle spielen. Für den forschenden Laien gilt Ähnliches. Er muß sich zurückhalten, will er seine bürgerliche Existenz nicht gefährden. Eine solche Zurückhaltung kann nicht von jedermann durchgehalten werden. Solche Männer und Frauen, die sich dazu nicht in der Lage sehen, verdienen hohe Anerkennung und Unterstützung.
Dabei zeigt die Wissenschaftsgeschichte, daß gebildete Laien unterschiedlicher weltanschaulicher Einstellung oft Beiträge zu einschlägigen Forschungen leisten.

F:

Kann es nicht auch negative politische Folgen haben, wenn Verantwortungsträger in Wissenschaft und Politik es mit ihrer Pflicht nicht so genau nehmen?

A:

Es ist eine Binsenwahrheit, daß alle Verhaltensweisen von Verantwortungsträgern im Wissenschaft und Politik Folgen nicht voraussehbarem Ausmaßes haben. Mein in diesem Zusammenhang auf den ersten Blick ungewöhnliche Hinweis auf die „normative Kraft des Faktischen" mag hier erlaubt sein. Faktisch hängt die Anerkennung der Bundesrepublik als zur westlichen Wertegemeinschaft gehörend von dem Bekenntnis zu den „Pfeilern" Alleinschuld und Holocaust ab. Es mag nicht auszuschließen sein, daß viele „Verantwortungsträger in Wissenschaft und Politik" dies auch so sehen, aber dabei innenpolitische Verwicklungen im Interesse einer für notwendig angesehenen Außenpolitik in Kauf nehmen.
Die Tatsache, daß das Faktische von Fiktivem durchsetzt ist, sowie die Forderung nach Anerkennung des Fiktiven als Bestandteil des Faktischen, bringt ganz neuartige Neurosen hervor. Diese Thematik habe ich in meinen Büchern angeschnitten. Es ist klar, daß eine von Neurosen mitbestimmte Politik negative Folgen haben kann.

Faktisch hängt die Anerkennung der
Bundesrepublik als zur westlichen
Wertegemeinschaft gehörend von
dem Bekenntnis zu den „Pfeilern"
Alleinschuld und Holocaust ab.

 

 

F:

Sie haben in ihrem Buch Geschichtsklitterung als Staatsräson die These aufgestellt und begründet, daß die Staatsräson der Bundesrepublik neben der Westbindung, den Rechtsnormen und dem Grundgesetz auch die Anerkenntnis der Alleinschuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg beinhaltet. Warum findet man bei Ihnen den Holocaust als zentrales Geschichtsereignis bundesdeutscher Identitätsstiftung und damit als Fundament bundesdeutscher Staatlichkeit nicht?

A:

In meiner Schrift Geschichtsklitterung als Staatsräson hat auch das Thema »Holocaust« seinen angemessenen Platz. Dies übrigens im gleichen Sinne auch schon in meinem Buch Die Drachensaat (1989). Doch habe ich wohl nicht hinreichend genug meine Auffassung deutlich gemacht, daß die schon erwähnten „Pfeiler" zur gegenwärtigem nationalen Existenzsicherung gehören. Das mag bei einer evtl. Überarbeitung des Buches geschehen.
Auch mit der naturwissenschaftlichen Seite des Problems habe ich mich beschäftigt. Leider war der Hinweis im Sachregister zu den Begriffen »Naturgesetze« und »Naturwissenschaft« fehlerhaft. Sie finden sich tatsächlich auf Seite 141 des Buches.

 

 

F:

Als Angehöriger der älteren Generation haben Sie selbst den Zweiten Weltkrieg erlebt. Haben Sie, um mit von Weizsäcker zu sprechen, gewußt, daß die Deportationszüge rollten und daß deren Zweck die Vernichtung der Juden war? Was haben Sie diesbezüglich damals erlebt und gewußt?

A:

Als Soldat auf vielen Urlaubsreisen habe ich Güterwagen mit durch Stacheldraht versehenen Fenstern beobachtet, hinter denen ich Menschengesichter sah. Es waren Züge, die auf den Strecken zwischen dem Westen und dem damaligen Generalgouvernement verkehrten. Die generelle Bemerkung des Altbundespräsidenten halte ich aber für leichtfertig, und dient nicht dessen Ansehen.
Dagegen kann ich von Erlebnissen berichten, die fest in meinem Gedächtnis bewahrt sind. Es war jene Episode, als bei der Umstellung eines Ghettobezirkes meine Einheit beteiligt war, bei der in der Morgendämmerung die Menschen zu einem Sammelplatz getrieben wurden, um sich die Arbeitsausweise vorzeigen zu lassen. Vor meinen Augen hat ein schwarz gekleideter Teufel einen alten Herren durch einen Kopfschuß niedergestreckt, der ihm nicht schnell genug von der Stelle kam. Eine Frau versuchte, sich weinend über den Leichnam zu beugen und wurde gnadenlos weitergetrieben.
Unter uns Kameraden gab es angesichts dieses Einsatzes unterschiedliche Auffassungen. Die einen meinten, wir seien doch keine Henker, anderen war es wohl schnuppe.
Auf dem Fliegerhorst, dem meine Kompanie zugeteilt war, befand sich eine Kraftfahrzeug-Instandsetzungswerkstatt. Für die Elektrik war eine Anzahl von jüdischen Fachleuten zuständig. Eines Tages verschaffte sich ein Fahrzeug Eingang auf das Gelände des Fliegerhorstes. Die Besatzung lud die Männer, wie sie standen und lagen, auf und fuhren fort.
Der Kommandant des Fliegerhorstes, mit dem ich fast täglich dienstlich zu tun hatte, und ich verstanden uns unausgesprochen. Unter den Kameraden lief die These um, »laß uns erst einmal den Krieg gewinnen, mit den „Goldfasanen" werden wir dann schon fertig«.

 

 

F:

Was haben diese damaligen Erlebnisse damals in Ihnen bewirkt?

A:

Um in einem Bilde zu sprechen: ich rief die Nemesis an: »Diesen Krieg dürfen wir nicht gewinnen.«

 

 

F:

Wie beurteilen Sie diese Ihre Erlebnisse heute? In welchem Gesamtzusammenhang ordnen Sie sie ein?

A:

Damals konnte ich nicht ahnen, daß die Göttin zu den Kriegsalliierten gehörte. Auch konnte ich zu dieser Zeit nicht wissen, was sie mit diesen zusammen den Deutschen zugedacht und schließlich verwirklicht hat.

 

 

F:

Nun mag es ja nicht ganz ohne Risiko sein, solche Erlebnisse heute zu veröffentlichen, da man von allen Seiten mit Anfeindungen rechnen muß. Warum sprechen Sie dennoch darüber?

A:

Mein Handeln habe ich, manche Zögerlichkeit hinter mir lassend, unter die Devise »Freimut und Wahrheit« gestellt.

 

 

F:

Sie sind meines Wissens Mitglied in einer Freimaurer-Loge. Welchen Grad habe Sie dort inne und wenn: welche Funktionen bekleiden bzw. bekleideten Sie?

A:

Einer Freimaurer-Loge gehöre ich an. Die, der ich angehöre, heißt »Freimut und Wahrheit«. Die Freimaurerei ist sehr variantenreich, deshalb spreche ich lieber von Freimaurereien. Es gibt solche, die nur einen Grad »bearbeiten« wie wir das nennen. Die gewissermaßen „klassische" Form umfaßt drei Grade. Daneben gibt es auch die sogenannte Hochgradfreimaurerei, die manchmal hybride Züge aufweist. Ich bin in einer in Schweden entstandenen Sonderform der Maurerei zu Hause, die 10 Grade, die wir »Erkenntnisstufen« nennen, umfaßt.
Die abschließende, zehnte Erkenntnisstufe habe ich erreicht. In »Freimut und Wahrheit« habe ich 6 Jahre lang das Amt des »Logenmeisters« versehen. Dieser steht dem »Beamtenrat« vor, der die Verwaltung und die geistige Führung der Loge obliegt.

 

 

F:

Ähnlich wie bei anderen Bünden, so gibt es ja auch bezüglich der Freimaurer die Meinung, es handele sich dabei zumindest auf Führungsebene um verschwörerische Organisationen zur Erringung von Macht auch mit unmoralischen bzw. ungesetzlichen Mitteln. In aller Kürze: Was erwidern Sie gewöhnlich auf solche Vorwürfe?

A:

Das Häuflein der Revisionisten ist bunt. Unter diesen befinden sich auch solche, die Verschwörungstheorien anhängen, in denen nahezu immer auch die Freimaurer im Mittelpunkt stehen. Der Solidität deren zeitgeschichtlicher Forschungen begegne ich daher mit Zurückhaltung. Umgekehrt werden solche Revisionisten auch Freimaurern, die das Geschäft betreiben, nicht trauen. Dabei sind die Möglichkeiten, sich näher zu unterrichten, vielfältig. Am einfachsten ist eine Einsicht in die einschlägigen Nachschlagewerke. Ausführliche Darlegung z.B. auch im dtv Lexikon von 1995. Für mich besteht daher die seltsame Lage, daß meine Tätigkeiten als Freimaurer als erwünschte geistige Beiträge durchaus willkommen sind, andererseits meine revisionistischen Bemühungen strafrechtliche Folgen haben können.

Zur Person: Hans Wahls wurde am 16. März 1913 in Brüssel als Sohn von Auslandsdeutschen geboren. 1914 übersiedelte die Familie nach Deutschland. 1932 legte Hans Wahls das Abitur ab und war in der Folge kaufmännischer Angestellter. Er wurde 1940 zur Wehrmacht eingezogen und kam 1945 als Unteroffizier in britische Gefangenschaft. Dort war er Lehrer in der Lagerschule. 1948 erfolgte seine Entlassung. Nach achtjähriger Tätigkeit im alten beruf wechselte er 1956 zu einer Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft, wo er zuletzt als steuerberater tätig war. Er ging 1978 in den Ruhestand, in dem er sich zunehmend mit zeitgeschichtlicheh Fragen beschäftigte

Publikationen:

1984: Gefechtsfeld Deutschland im Dritten Weltkrieg, Veröffentlichung der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt, Serie Ingolstädter Vorträge, Band 15;

1987: Zur Authentizität des „Wannsee-Protokolls". Veröffentlichung der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt, Band 10;

1989: Die Drachensaat. Das kollektive Unbewußtsein der Deutschen, Universitas;

1994: Geschichtsklitterung als Staatsräson, Haag & Herchen;


Dieses Interview wurde im schriftlichen Verfahren zwischen Herrn Wahls und der Redaktion der Vierteljahreshefte erstellt


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 2(2) (1998), S. 141-144.
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