Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben

Von Dipl.-Chem. Germar Rudolf

10 Jahre gewartet…

Vor etwa zehn Jahren gelang es einem unserer Mitarbeiter, das Kriegsarchiv der Waffen-SS auszumachen. Er fand es in einem Prager Sonderarchiv. Bereits damals wurde versucht, die Öffentlichkeit dafür zu interessieren, jedoch ohne jeglichen Erfolg. Zumindest von den Veteranenverbänden der Waffen-SS hätte man vermuten sollen, daß sich dort ein reges Interesse gezeigt hätte, doch weit gefehlt. Offenbar ist niemand daran interessiert, in den Besitz von Aktenkopien zu gelangen, die so mancher Legende um die Waffen-SS ein Ende setzen könnten. Oder haben die Veteranen nicht erkannt, daß in diesem Archiv so manche zeitgeschichtliche "Bombe" liegt, die zur Aufdeckung zeitgeschichtlicher Zusammenhänge und zur Widerlegung falscher Darstellungen außerordentlich dienlich sein können?

Warum sich auch sonst niemand für diese Akten interessierte, ist für uns nicht erklärlich, bieten solche Aktenfunde doch eigentlich immer eine willkommene Gelegenheit – völlig losgelöst vom tatsächlichen Inhalt der Bestände –, erneut eine "Nazi-Sau" durchs Dorf zu treiben, wie es z.B. anläßlich der Öffnung des Moskauer Sonderarchives Anfang der 90er Jahre geschah, wobei bekanntlich die Herren G. Fleming und J.-C. Pressac eine herausragende propagandistische Stellung einnahmen. Aber auch das blieb in diesem Fall aus.

Eine kompletten Kopie des gesamten in Prag befindlichen Bestandes »KdoS RF-SS« von etwa 20-30 Tausend Seiten wurde im Jahre 1992 noch für einen Kaufpreis von DM 6-9.000 angeboten. Da wir jedoch zur Aufbringung dieser Summe damals nicht imstande waren, und da sich damals leider auch kein Spender für diese Akten erwärmen konnte, wurde das Projekt auf Eis gelegt.

Erst während der publizistischen Tätigkeit im Rahmen der Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung sind nun offenbar einige Personen aufgewacht und haben bemerkt, daß der Inhalt derartiger Archive von außerordentlicher Bedeutung für die Zeitgeschichtsforschung ist. Mittlerweile verfügen wir über die damals notwendigen Mittel.

…bis die Chance vorüber war

Mit Entsetzen mußten wir Ende1997 der deutschen Presse entnehmen, daß die Bundesregierung Prag offenbar unter Druck gesetzt hat, ihre SS-Bestände nicht mehr der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Man befürchtet, so die Presse, daß die Bestände von »Rechtsextremisten« verfälscht, durcheinandergebracht oder gar teilweise vernichtet werden könnten. Nun darf man dreimal raten, wer mit »Rechtsextremisten« gemeint ist. Tatsächlich hat sich mit Ausnahme unseres – politisch zudem liberal-konservativ eingestellten – Mitarbeiters bisher niemand für dieses Archiv interessiert, und auch unser Mitarbeiter hat es selbst nie betreten, wäre also zur Vernichtung bzw. Verfälschung von Dokumenten und zur Stiftung von Durcheinander gar nicht in der Lage gewesen.

Somit haben wir hier einen glasklaren Beweis dafür in der Hand, daß die deutsche Bundesregierung zur Behinderung der freien historischen Forschung willens und in der Lage ist, unabhängigen Geschichtsforschern den Zugang zu wichtigen Archiven zu versperren. Um dies zu erreichen, bedient sie sich zudem der Lüge und Verleumdung.

Inzwischen haben wir es Schwarz auf Weiß vom Prager Archiv bestätigt bekommen:

»mit Bezug […] möchten wir Ihnen mitteilen, daß sich unsere Archivnutzung bei einigen Beständen deutscher Herkunft wesentlich geändert hat. Ab Oktober letzten Jahres muß man bei der Sektion für Verteidigungspolitik im Ministerium für Verteidigung eine Sondergenehmigung beantragen, falls man einige meistens SS-Bestände benutzen will. Diese Maßnahme wurde aus Sicherheitsgründen eingeführt. Die Kopiergebühren haben sich nach dem Einheitsarchivtarif erhöht. Pro Seite werden jetzt 9 Kronen bezahlt. Gemäß der Verordnung der Archivverwaltung dürfen von einem Bestand auf einmal nur bis 100 Seiten kopiert werden. […]«

Der Mantel der Geschichte weht vorüber

Freilich lassen wir uns dadurch nicht entmutigen, allerdings ist unsere Arbeit erneut schwieriger und teurer geworden. Wie einfach hat es dagegen die "andere" Seite, die vermutlich jederzeit jene notwendige Sondergenehmigung erhalten kann und über unbegrenzte Mittel verfügt, da sie aus allerlei Öffentlichen (d.h. steuerlichen) und privaten Quellen (à la Reemtsma) unterstützt wird.

Ähnliche Zensur-Entwicklungen zeichnen sich auch woanders ab. So wissen wir, daß die Bundesrepublik Deutschland versucht, neben anderer Kriegsbeute auch sämtliche in russischen Archiven liegenden Akten zurückzubekommen. Mit diesem Begehren ist Bonn allerdings vorerst gescheitert, denn erst kürzlich hat das oberste russische Gericht die Entscheidung der Duma gebilligt, keine Kriegsbeute an Deutschland zurückzugeben. Man mag es bedauern, daß Rußland seine Kriegsbeute aus verletztem Stolz bis heute nicht herausrücken will. Bezüglich der Zugänglichkeit der betroffenen Archive ist dies jedoch ein Glücksfall, stehen diese doch auch der unabhängigen Forschung offen. Daß dies auch dann noch der Fall wäre, wenn die Akten in deutschen Archiven lägen, darf angesichts des Prager Falles bezweifelt werden. Zum Glück läßt sich Rußland bis heute noch nicht von Deutschland diplomatisch unter Druck setzen, so daß wir hoffen, unsere Chancen hier nicht zu verpassen.

Der Mantel der Geschichte weht hier also noch etwas länger an uns vorbei, und wir sollten nicht zögern, ihn mit beiden Händen festzuhalten: Die dortigen Archive bergen wichtige Schlüssel zum Verständnis einer Zeit, die heutzutage aus politischem Kalkül oft einseitig, verzerrt oder gar verfälscht dargestellt wird.

Welch ungeheuer umfangreiche, detaillierte und vor allem zeitgeschichtlich wichtige Studien diese Akten ermöglichen, zeigt insbesondere der in diesem Heft publizierte Artikel über ein oft als »Schlüsseldokument« bezeichnetes Papier über die Kapazität der Auschwitzer Krematorien. Dieser Beitrag ergänzt die Reihe von Artikel, die mit Heft 1/1998 von VffG eröffnet wurde und die sich hoffentlich über viele weitere Ausgaben hinziehen wird. Dazu jedoch benötigen wir Ihre Unterstützung!

Wenn Sie uns finanziell helfen wollen, die Aktenbestände möglichst vollständig für die unabhängige Forschung zu sichern, so zögern Sie bitte nicht, uns zu schreiben!


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 2(3) (1998), S. 165.
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