Leidendes, aber auch glückliches Rußland

Wolfgang Strauss, Unternehmen Barbarossa und der russische Historikerstreit, Herbig, München 1998, 208 S., DM 39,90.

Wolfgang Strauss gilt ohne Zweifel als einer der besten Kenner des heutigen Rußlands. Er selbst wurden 1950 mit zarten 19 Jahren wegen seiner Widerstandstätigkeit in der DDR bis 1956 in den GULAG geschickt. Doch selbst diese schlimme Erfahrung nutzte er noch gewinnbringend aus, indem er seine Russischkenntnisse festigte. Trotz aller Unbill, die er dort erlitt, ließ er sich seine Zuneigung zu Rußland und dem russischen Volk nicht nehmen, was von einem starken, aufrechten Charakter zeugt.

Wolfgang Strauss ist uns insbesondere in den letzten Jahren durch seine lebhaften und einfühlsamen Berichterstattungen über die politischen und gesellschaftlichen Vorgänge in Rußland bekannt. Seine Beiträge in den Staatsbriefen beispielsweise bilden meiner Auffassung nach die crème de la crème in diesen Heften, insbesondere seit er sich der in Rußland immer mehr um sich greifenden geschichtsrevisionistischen Bewegung zugewandt hat (28 seiner dort erschienen Beiträge können im Internet angesehen werden: vho.org/D/Staatsbriefe).

Wem diese Beiträge alle bekannt sind und wer insbesondere die historische Fachdebatte um das »Unternehmen Barbarossa« seit Jahren verfolgt - genannt seien hier etwa die Werke von Autoren wie Becker, Hoffmann, Maser, Post, Suworow, Topitsch -, dem wird das vorliegende Buch womöglich wenig Neues enthüllen. Man kann es als eine überarbeitete, aktualisierte und systematisch neustrukturierte Zusammenfassung der vielen in den letzten fünf Jahren erschienenen Beiträge von Strauss bezeichnen.

Wärmstens empfohlen sei dieses Buch dem Einsteiger in diese Materie sowie dem, der angesichts der Fülle des inzwischen erschienenen Materials eine didaktisch geschickte und stilistisch geschmeidige Zusammenfassung für sich oder als Einführung für Dritte sucht und sich dabei nicht mit einem für manche abschreckenden Wust wissenschaftlicher Primärquellen und akribischer Detailuntersuchungen abgeben will. Das Buch ist auch für jene interessant, die den Kontakt zur politischen und gesellschaftlichen Bedeutung dieses wahrhaft revolutionären Prozesses der Geschichtsrevision nicht verlieren möchte.

Die Intensivität und Tabulosigkeit, mit der in Rußland alte Geschichtsmythen gestürzt werden, ist dabei für uns zumeist leider tabuhörige Deutsche ebenso faszinierend wie die Liberalität und Toleranz, mit der die Russen abweichenden geschichtlichen wie politischen Auffassungen gegenübertreten. Zwar herrscht im wesentlichen Einigkeit darüber, daß der

»Kommunismus das blutigste Mördersystem in der Geschichte der Menschheit [ist], der "Schrecken der Schrecken", die grausamste Tyrannei, die die Welt je entstellt hat« (S. 33, sich auf S. Courtois beziehend).

»Daraus den Schluß zu ziehen, daß alle noch lebenden Kommunisten mit Berufsverbot, Parteiverbot, Druckverbot, gesellschaftlicher Ächtung oder polizeilicher Verfolgung bestraft werden müßten, ist so absurd, daß der Gedanke daran nicht einmal in der kontroversen Medien-Diskussion auftaucht. Daß der Gulagismus das Böse an sich war, verleitet weder Antikommunisten noch Revisionisten dazu, in jedem Kommunisten den Bösen an sich zu sehen. Das post-kommunistische Rußland kennt weder Verfassungsschutzämter noch Verfassungsschutzberichte. Das Delikt "Gulaglüge" existiert nicht, folglich gibt es auch keine politische Justiz, politische Gefangene gehören der Vergangenheit an, Zensur und Indizierung finden nicht statt. Eine polizeigeschützte Staatsreligion bilden weder der Antistalinismus nach der Antifaschismus.« (S. 21)

Die ganze russische Vergangenheitsbewältigung und Geschichtsaufarbeitung verlaufe ohne jene »psychopathologischen Exzeßmethoden« (S. 20), wie wir sie leider in Deutschland gewohnt sind. Während es in Rußland nicht nur keine politischen Gefangenen gibt, sondern zudem Millionen politischer Urteile aufgehoben sowie die Opfer rehabilitiert werden und man die Heimkehr so manches russischen Exilanten und Flüchtlings feiert, hat es allein in den Jahren 1996/1997 in Deutschland 17.842 politische Strafverfahren gegen "Rechte" gegeben, eingeleitet von Staatsschutzdezernaten der Kriminalpolizei und durchgeführt von politisch gedrillten und selektierten Richtern und Staatsanwälten vor den sogenannten Staatsschutzkammern (Innere Sicherheit, Nr. 3/98, S. 7). Als Folge dessen schmachten zur Zeit über 200 politische Gefangene in deutschen Gefängnissen, und die Anzahl der ins Ausland geflüchteten Deutschen wächst jährlich. Familien werden zerrissen, Existenzen zerstört. Und dabei handelt es sich bei den Opfern dieser psychopathologischen Verfolgungswut in der überwiegenden Mehrheit noch nicht einmal um Nationalsozialisten (was die Verfolgung keineswegs rechtfertigen würde), sondern schlicht um Patrioten, die am geistigen Elend ihres Volkes und Vaterlandes leiden.

Während das russische Volk rehabilitiert wird, wird das deutsche dort, wo es deutsch sein will, genau und nur deswegen im eigenen Land von den eigenen Landsleuten kriminalisiert. Oh, glückliches Rußland.

Freilich hat Rußland für diese Rückgewinnung der Freiheit, für die größte aller Revolutionen, nämlich die ungehemmte Entfaltung der Wahrheit, einen teuren Preis bezahlt und bezahlt ihn immer noch. Strauss legt uns auch diese Facette des Revisionismus dar: Der in Rußland wütende Raubtier-Kapitalismus, die Grenzenlosigkeit von organisiertem Verbrechen und Korruption, der Niedergang jeglicher staatlicher Ordnung schreit nach einer radikalen politischen Reform, die nur in einer Abwendung vom internationalen Kapitalismus erfolgen kann.

Ergreifend ist dabei insbesondere die Schilderung Strauss' über die Wiedergeburt des monarchischen Gedankens, der russischen tiefgläubigen Orthodoxie. Ergreifend auch die Vision einer tiefgehenden Aussöhnung zwischen dem deutschen und dem russischen Volk, aufbauend einerseits auf der Erfahrung der Verbrüderung zwischen Fronteinheiten der deutschen Wehrmacht und den zu Millionen zu den Deutschen übergelaufenen Völkerscharen der damaligen Sowjetunion. Andererseits aber auch auf der Erkenntnis, daß der damalige Konflikt mit seinen bis heute anhaltenden katastrophalen Folgen das größte Unglück darstellt, das beiden Völkern jemals widerfuhr, insbesondere wenn man dem die fruchtbare Zusammenarbeit beider Völker während der letzten Jahrhunderte gegenüberstellt.

In seiner politischen und materiellen Not sendet Rußland bereits heute unüberhörbare Signale an Deutschland, ihm doch zu Hilfe zu kommen. Aber Deutschland, gelähmt durch die Geister der "Vergangenheitsbewältigung", ist unfähig zu reagieren. Bezeichnend für diesen Zustand ist das Ergebnis einer Umfrage einer russischen Fernsehmannschaft in Deutschland zur Frage der von Viktor Suworow formulierten Präventivkriegsthese, durchgeführt unter deutschen Prominenten aus Politik und Publizistik. Die Russen erhielten als Antwort,

»daß, selbst wenn Viktor Suworow recht hätte, und Hitler Stalin nur um Wochen zuvorgekommen wäre, dies nicht gesagt werden dürfe, weil damit Hitler ja entlastet würde.« (S. 45)

Angesichts der auch in anderem historischen Zusammenhang immer wieder in Medien, Justiz, Politik und Wissenschaft anzutreffenden ähnlichen Argumentationsstrukturen wird man nicht fehl gehen anzunehmen, daß diese Auffassung durchaus repräsentativ ist - und leider nicht nur in Deutschland. Das heißt aber eben nichts Anderes, als daß besonders die deutsche "Elite" aus ideologischer Borniertheit permanent lügt und fälscht. Nichts Neues im Prinzip, werden unsere Leser sagen, die dies ja hinreichend gewöhnt sind, jedoch stellt sich dies aus russischer Perspektive betrachtet noch ein wenig anders dar, wie Dr. Joachim Hoffmann ausführte:

»Um seine Meinung dazu befragt, antwortete Dr. Hoffmann darauf sinngemäß, daß die Reaktion bezeichnend wäre für die in der Bundesrepublik verbreitete Unmoral. Die Deutschen in ihrem Egoismus [besser: Sado-Masochismus] merkten schon gar nicht mehr, was sie hier von den Russen eigentlich verlangten. Denn das hieße doch nichts anderes, als die Meinung, die Russen könnten ja ruhig mit den stalinistischen Propagandalügen weiter leben, wenn nur sie, die Deutschen, ein Alibi in Hitler hätten. Die negative Erscheinung Hitler aber bräuchten sie, um der Welt - und das auf Kosten der Russen - zu demonstrieren, was für gute und edle Menschen sie doch heute geworden sind.« (S. 45f.)

Wie weit aber muß es um diese "guten und edlen Menschen" bestellt sein, wenn sie dieses zurechtgefälschte Schreckbild Hitlers nötig haben, um im Kontrast dazu der Welt als "gut und edel" zu erscheinen? Die ganze dahinter stehende Psychologie ist, wie Strauss zu recht anmerkt, pathologisch, d.h. krankhaft. Mit anderen Worten: Der deutsche Normalbürger - und zwar je intellektueller, desto schlimmer - ist durch die immerwährende "Vergangenheitsbewältigung", die ja gar keine ist, psychisch krank geworden. Ich fürchte daher, daß zuerst Rußland mit seinem enormen geistigen Potential Deutschland aus seiner seelischen Not befreien muß, bevor Deutschland überhaupt in der Lage ist, einzugreifen.

Was fehlt, ist ein geistiger Austausch zwischen unseren Völkern, um einander überhaupt erst sensibel zu machen für die jeweiligen Probleme des anderen. Die einseitige Fixierung der alten wie leider auch der neuen Bundesrepublik Deutschland auf den Westen und die damit einhergehende völlige Vernachlässigung der osteuropäischen Sprachen erweisen sich daher heute als fatal. Wolfgang Strauss kämpft gegen diese Einseitigkeit, und es ist zu hoffen, daß er darin mehr und mehr Unterstützung findet.

Ernst Gauss


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(2) (1999), S. 227-229.


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