Kriegsgründe: Kosovo 1999 - Westpreußen 1939

Von Wolfgang Pfitzner

Der Beginn der Bombardierung Serbiens durch Luftstreitkräfte der NATO im März 1999 wird bekanntlich damit gerechtfertigt, daß die westliche Wertegemeinschaft nicht untätig zusehen könne, wie die Serben im Kosovo eine Politik der ethnischen Säuberung, also des Völkermordes an der albanischen Minderheit im Süden Restjugoslawiens durchführten. Mit ähnlichen Gründen ließe sich freilich auch die Bombardierung vieler anderer Länder rechtfertigen, und dies nicht nur in der Gegenwart. Nachfolgend soll daher die Entwicklung untersucht werden, die zur heutigen Lage im Kosovo geführt hat, und es wird ein Vergleich gezogen zwischen der Lage der Kosovo-Albaner vor Ausbruch des Krieges 1999 mit der der Westpreußen-Deutschen in Polen 60 Jahre früher, vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1939.


Geschichtlicher Überblick über das Kosovo

Muslimische Bevölkerungsexplosion im Kosovo

Volkszählung

Bevölkerung

davon Albaner in %

Bevölkerung
pro km2

Personen pro
Haushalt

1921

439.010     

-

40,2       

5,71

1931

552.064    

-

50,0      

5,08

1948

733.034    

68,5

67,2      

6,08

1953

815.908    

64,9

74,8      

6,42

1961

963.988    

67,2

88,4      

6,31

1971

1.243.693    

73,7

114,0       

6,61

1981

1.584.440    

77,4

145,3      

6,92

1993

2.100.000    

87,8

192,8      

6,91

Quelle: Kosova Informationszentrum Prishtinë. (www.kosova.de)

Seit 450 vor Chr. war das heutige Kosovo im wesentlichen Teil des illyrischen Königreiches, das 228 v. Chr. von den Römern unterworfen wurde. Erst Julius Cäsar gelingt es aber 48 v. Chr., das gesamte Gebiet nach mehreren Kleinkriegen endgültig dem Römischen Reich einzuverleiben. Nach der Teilung des Römischen Reiches 395 n. Chr. gehört der Balkan kirchlich zwar zu Rom, politisch wird die Region aber von Konstantinopel dominiert. Ab dem 6. nachchristlichen Jahrhundert wandern slawische Gruppen in die Region ein, die die verbliebenen Illyrer majorisieren. Nach dem Bruch mit Rom im Jahr 732 wird der Balkan auch kirchlich dem Patriarchen in Konstantinopel unterstellt. Gegen Konstantinopel wird mehrfach rebelliert (1041/42, 1257/58). Mitte des 14. Jahrhunderts wird Albanien Teil des kurzlebigen Großserbischen Reiches, das Ende des 14. Jahrhunderts unter dem Angriff der Osmanen zerfällt. Mit der Landnahme der Türken beginnt zugleich eine Reihe nicht endender Aufstände gegen die Türkenherrschaft auf dem gesamten Balkan, die zwischen 1430 und 1500 zu einer Art Dauerkriegszustand in diesem Gebiet führen. Der türkische Vormarsch wird bekanntlich im 17. Jahrhundert vor den Toren von Wien zum Stillstand gebracht.

Hexenkessel Balkan 1877/78:
Im Prinzip herrschte dort schon immer Krieg.

Im 19. Jahrhundert kommt es wiederum zu einer Art Daueraufstand gegen die türkische Besatzung im Zuge der Erstarkung nationaler Unabhängigkeitsbewegungen der Balkanvölker, in die sich schließlich auch Rußland und Österreich-Ungarn einmischen. Der Berliner Kongreß von 1878 versucht zwischen den Interessen zu vermitteln. Er entläßt Teile des heutigen Rumäniens, Bulgariens, Griechenlands und Serbiens in die Unabhängigkeit, leitet also den Rückzug der Türkei aus dem Balkan ein. Albanien und das Kosovo sowie Teile des heutigen Nordgriechenlands und Südbulgariens bleiben jedoch bis 1912 unter türkischer Herrschaft, wobei es wiederum zu ständigen antitürkischen Aufständen kommt. Der erste Balkankrieg anno 1912/13 führt dann zur Zurückdrängung der Türkei vom europäischen Festland in seine heutige Nordwestgrenze. Albanien wird 1913 selbständig, muß sich jedoch die Entreißung des Kosovos durch einen serbischen Einmarsch gefallen lassen. Sofort kommt es 1913 zu Aufständen gegen die serbischen Besatzer im Kosovo, die auch während des Weltkrieges anhalten. Am Ende des Ersten Weltkrieges wird das Kosovo Teil des südslawischen Kunststaates unter Serbischer Führung. 1931 erläßt Jugoslawien/Serbien ein Kolonisierungsgesetz zur Verstärkung der "Slawisierung" des mohammedanisch geprägten Kosovo. Im Jahr 1937 stellt Vasa Cubrilovic, ein serbischer Akademiker, sein Memorandum Die Vertreibung der Albaner vor, das insbesondere den massiven Transfer von Kosovo-Albanern in die Türkei plante. 1938 kommt es tatsächlich zu einem Vertrag mit der Türkei, demzufolge 40.000 albanische Familien in den folgenden acht Jahren aus dem Kosovo umgesiedelt werden sollen. Der Zweite Weltkrieg verhindert dies jedoch. Unter Hitler wird das Kosovo mit dem albanischen Mutterland zu Großalbanien vereint und unter italienische Besatzung gestellt. Die deutsche Niederlage führt jedoch zur Wiederherstellung des Vorkriegszustandes. 1974 erklärt Jugoslawien den Kosovo zu einem konstitutiven Teil der jugoslawischen Föderation. 1981 wird eine Demonstration von Studenten in Prishtina für eine Autonomie des Kosovo blutig niedergeschlagen. Im Zuge des Zerfalls Jugoslawiens entsendet Serbien anno 1989 Anti-Aufruhr-Einheiten in den Kosovo zur Unterdrückung der dortigen Autonomiebestrebungen und verhängt den Ausnahmezustand. Das Regionalparlament wird gezwungen, die Verfassung aufzuheben. Im Jahr 1990 schließlich marschiert serbisches Militär im Kosovo ein. Auf die Erklärung des Regionalparlaments im Juli 1990, das Kosovo sehe sich als gleichgestellte Teilrepublik Jugoslawiens an, reagiert Belgrad mit der Zwangsauflösung des Parlaments. Radio- und Fernsehgebäude werden von Polizei besetzt. Massenentlassungen der Albaner im Kosovo beginnen. Das Unterrichtsministerium und pädagogische Institute werden geschlossen. Die albanischsprachige Zeitung Rilindja wird verboten. Mit dem Ausbruch des Krieges 1991 verkündet neben Slowenien, Mazedonien und Kroatien auch das Kosovo seine Unabhängigkeit. Wie in den anderen Fällen auch, so reagiert Belgrad auch im Kosovo mit Gewalt, hier allerdings mangels westliche Hilfe erfolgreich. Seit 1993 nimmt daher die schon in der Zwischenkriegszeit anvisierte serbische Politik der ethnischen Säuberung (Völkermord) immer brutalere Formen an. Bis zum Ausbruch der Kriegshandlungen hatten einige zigtausend Kosovo-Albaner ihrer Heimat verlassen.

Geschichtlicher Überblick über Westpreußen

Die im westpreußischen Raum siedelnden germanischen Stämme (Goten) überließen das Gebiet nach der Völkerwanderung den von Osten einsickernden baltischen und slawischen Völkern der Pruzzen, Pomoranen und Kaschuben. Zur Ausbildung einer staatlichen Ordnung kam es erst im frühen 13. Jahrhundert, als der wegen Einstellung der Kreuzzüge arbeitslos gewordene Ritterorden mit Zustimmung von Papst und Kaiser den Auftrag des polnischen Herzog von Masowien annahm, die im Norden des damaligen polnischen Königreiches wohnenden aufsässigen heidnischen Pruzzen (Preußen) mit Kreuz und Schwert zu missionieren. In seiner größten Ausdehnung umfaßte das Herrschaftsgebiet des Ritterordens die Gebiete des späteren West- und Ostpreußen sowie Teile des späteren Litauens, Est- und Lettlands. Sämtliche Stadtgründungen in diesem Gebiet erfolgten durch den Deutschen Orden. Eine intensive deutsche Siedlungstätigkeit wie seit dem 11. Jahrhundert in Schlesien fand in Ostpreußen jedoch nicht statt. Die Macht des Ordens wurde durch militärische Niederlagen gegen das vereinigte Königreich Polen-Litauen gebrochen. 1466 kamen Westpreußen und Teile Ostpreußens (Ermland) unter polnische Herrschaft, jedoch behielten die dortigen Städte im wesentlichen ihre wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit bei (Thorn, Elbing, Danzig). Selbst in dieser Zeit, die nicht von nationalistischer Volkstumspolitik der Herrschenden bestimmt war, nahm das Bekenntnis zum deutschen Volkstum insbesondere im Westen und Osten Westpreußens noch zu. Anläßlich des Zerfalls des Polnisch-Litauischen Großreiches kam Westpreußen dann mit der ersten polnischen Teilung im Jahr 1772 wieder unter preußische Herrschaft und blieb dort bis nach der Niederlage des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg. Den in den Provinzen Posen und Westpreußen ansässigen Polen wurde damals ein kulturelles Minderheitenrecht eingeräumt und die Bildung oppositioneller Parteien erlaubt, wenngleich Preußen insbesondere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine forcierte Politik der Assimilation und Konfrontation mit dem aufkommenden polnischen Nationalismus verfolgte, was insbesondere im polnisch dominierten Posen zu Spannungen führte. Im Jahr 1910 bekannte sich die Bevölkerung Westpreußens zu 65% deutsch und zu 35% slawisch (polnisch bzw. zumeist kaschubisch, wobei die Kaschuben im wesentlichen deutschfreundlich gesinnt waren). Dieses Ergebnis spiegelt sich auch in der Wahl zur Nationalversammlung anno 1919 wieder. Entgegen den Waffenstillstandsbedingungen vom November 1918 wurde es der Bevölkerung Westpreußens aber nicht erlaubt, in freier Selbstbestimmung über die staatliche Zugehörigkeit Westpreußens zu bestimmen. Nur einige Randgebiete nahe Ostpreußen und Pommern durften abstimmen, und die damaligen Ergebnisse (92,4% für Deutschland) zeigten, daß sich sogar eine Mehrheit der slawischstämmigen, zumeist kaschubischen Bevölkerung für einen Verbleib bei Deutschland aussprach (ähnlich den Masuren in Südostpreußen, die sich mit 97,8% und mehr für Deutschland aussprachen). In den Jahren zwischen 1919 und 1939 verfolgte Polen in Westpreußen eine Politik der ethnischen Säuberung, die sich immer mehr radikalisierte. Dies beinhaltete eine gezielte Enteignung deutscher Grundbesitzer, die Verdrängung aus öffentlichen Stellungen, die Duldung oder gar Unterstützung einer zunehmend aggressiven Presseberichterstattung, was seinerseits zu zunehmenden tätlichen Übergriffen gegen Deutsche und deren Eigentum führte. Bis Mitte 1939 waren aufgrund dieser Politik etwa eine Million Deutsche aus Westpreußen ins Reich bzw. nach Ostpreußen geflüchtet. Unerträglich wurde die Lage für die meisten Deutschen seit Ende März 1939, als Polen angesichts der britischen Garantieerklärung für den Bestand Polens zunehmend zu offenen Repressalien gegen Deutsche griff, insbesondere auch, was die Rechte der Freien Stadt Danzig anbelangte. Seit dem Sommer 1939 häuften sich zudem gewaltsame Übergriffe bewaffneter polnischer Einheiten auf deutsches Reichsgebiet.

Die Rechtfertigung zum Kriege: Zweierlei Maß

Völkerrechtlich kann kein Zweifel bestehen, daß die kriegerischen Handlungen der NATO in Serbien ohne Mandat der UNO einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg darstellen. Man bekommt von seiten der NATO-Offiziellen dazu auch keine gegensätzliche Stellungnahme. Als Gründe erfährt man von der NATO lediglich, daß man dem Völkermord dort nicht weiter zusehen könne. Zudem gäbe es keine Gefahr der Eskalation, da Rußland gar nicht handlungsfähig sei.

Gregor Gysi ist meines Erachtens der einzige gewesen, der im Deutschen Bundestag auf die völkerrechtliche Unhaltbarkeit derartiger Argumentation hingewiesen hat. Tatsächlich wäre man wohl als NATO gezwungen, fast jeden Staat dieser Welt früher oder später zu bombardieren, wollte man ethnische Säuberungen mit Gewalt verhindern. Der einzige Streit dürfte sich daran entzünden, ab welchem Grad der Säuberung man Bombern werfen darf bzw. hätte werfen dürfen, etwa in folgenden Fällen?: die Türkei wegen Zypern; Kasachstan, Irak, Iran und die Türkei wegen Kurdistan; Polen wegen Ostpreußen, Schlesien und Hinterpommern; die Tschechei wegen des Sudetenlandes; China wegen Tibet; Israel wegen Palästina; Nigeria wegen der Ibo;...

Man erkennt hoffentlich, daß dies ins Uferlose führt. Die Frage dürfte schon unbeantwortbar sein, ab wann man ein Vorgehen einer Besatzungsmacht bzw. eines Staates gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen als Völkermord bezeichnen kann und ob und ab welchem Umfang dies den Eingriff dritter Mächte erlaubt. Und zudem darf man gewiß sein: Selbst wenn die Türken alle Kurden peu à peu umbringen, oder selbst wenn die Israelis alle Palästinenser Stück für Stück "ethnisch säubern", so würde dies in keinem Falle zu einer Kriegserklärung seitens der (restlichen) NATO-Staaten führen. Serbien hat einfach nur das Pech, kein Mitglied des zur Zeit mächtigsten Militärbündnisses zu sein.

Polen 1939: 10.000 ermordete Volksdeutsche waren 10.000.000 ermordete Deutsche zu wenig.

Bild: Der Tod sprach polnisch, Arndt, Kiel 1999

Es dürfte kein Zweifel bestehen, daß Polen zwischen 1919 und 1939 quantitativ gesehen wesentlich größeres Unrecht an den Deutschen in seinem Machtbereich beging, als die Serben bis vor Kriegsausbruch an den Kosovo-Albanern begingen. Zudem war Deutschland 1939 nicht an ein UNO-Völkerrecht gebunden, das es womöglich verboten hätte, dieses bilaterale Problem unter Einsatz von Waffengewalt zu lösen, ganz abgesehen davon, daß Deutschland damals in gewisser Weise einen Akt der Notwehr in eigener Sache beging, während die NATO sich als unbeteiligte Partei in den Streit Dritter einmischt. Eigentlich müßte daher die Lehre aus der von der NATO heute gezeigten "Moral" sein, daß Deutschland 1939 mehr als moralisch legitimiert war, gegenüber Polen zu den Waffen zu greifen.

Ist Hitler also nicht nur ein "historischer Verbündeter" der NATO im Krieg gegen die Serben, sondern auch in der Verhinderung ethnischer Säuberungen auf europäischem Boden? Die retrospektiven Rechtfertigungen der NATO-Befehlshaber lauten freilich wieder einmal ganz anders, denn Hitler kann in deren Augen immer nur eine Rechtfertigung im Bösen sein: "Wir müssen im Kosovo verhindern, was wir in Auschwitz nicht verhindert haben", so lautet mehr oder weniger der Tenor aus Brüssel.

Verhinderung von Völkermord mit Waffengewalt

Das Ergebnis der Kriegführung im Kosovo kann nur als katastrophal bezeichnet werden. Anstatt die ethnische Säuberung zu verhindern, haben die Luftangriffe der NATO die Serben soweit gereizt, daß sie nun schon allein aus Rache alle Kosovo-Albaner so schnell und so brutal wie möglich aus dem Land jagen. Selbst die mächtigste Luftstreitmacht der Welt kann diesen Vorgang nicht verhindern. Es wird offen bleiben, wie die Serben reagiert hätten, wäre es nicht zu diesem Krieg gekommen. Womöglich wäre es nicht zu einer derart gewaltsamen und opferreichen Vertreibung der Albaner gekommen. Solange die NATO keine Bodentruppen einsetzt, wird sie dieses Problem jedenfalls nicht lösen können. Es sei denn, es bombt Serbien dermaßen in Grund und Boden, wie die Westalliierten dies mit Deutschland im Zweiten Weltkrieg taten. Dazu wären aber nicht 100 Flugzeuge vonnöten, sondern Zehntausende, und dies käme zudem - wie damals in Deutschland auch - einem Völkermord am serbischen Volk gleich. Man würde also den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

Und hier genau liegt der Hase im Pfeffer: Man rechtfertigt heute den Krieg gegen Deutschland anno 1939-1945 mit der Tatsache, es habe gegolten, den Völkermord an 6.000.000 Juden und noch anderen Minderheiten aufzuhalten. Hierzu hat man sich aber genötigt gesehen, etwa 10.000.000 Deutsche abzuschlachten, ohne daß man in der Lage gewesen wäre zu verhindern, was auch immer "die Deutschen" mit den in ihrer Gewalt befindlichen Juden gemacht haben. Tatsächlich war es ja ganz anders: Die Deutschen hätten wahrscheinlich kaum einem Juden je ein Haar gekrümmt bzw. krümmen können, wäre es erst überhaupt nicht zu diesem Krieg gekommen. Auschwitz - was auch immer sich dahinter verbirgt - war eine Folge der Eskalation des Krieges, und nicht seine Ursache. Die Ursache lag in Polens ethnischen Säuberungen, in Stalins Drang zur Weltevolution und in der angelsächsischen Eifersucht gegenüber der wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Kraft Deutschlands. Durch diesen Zweiten Weltkrieg haben wir also anstatt einiger Hunderttausend entrechteter und vertriebener Juden deren einige hunderttausend tote und zusätzlich dazu 10.000.000 tote Deutsche und 20.000.000 tote Russen - von den Opfern der anderen Staaten ganz zu schweigen. Wenn man nun noch bedenkt, daß es die von der Siegerpropaganda nachträglich als Rechtfertigung vorgeschobenen Opferzahlen von Juden, Polen u.a. Minderheiten auch nicht annähernd gegeben hat, so wird man sich des Schiffbruchs der westlichen Kriegsbegründungs-"Moral" überhaupt erst bewußt. Hat es sich also gelohnt, zum Schutz einiger hundert oder tausend Menschenleben 50.000.000 Menschen aufzuopfern und einen ganzen Kontinent in Schutt und Asche zu legen? "Auschwitz" als Rechtfertigung dieses NATO-Krieges entpuppt sich daher als Propagandalüge.

Doch zurück zum Vergleich des Kosovo mit Westpreußen. Man stelle sich nur einmal vor, was in Polen anno 1939 passiert wäre, wenn sich Hitler in einem Anflug westlicher "höherer Moral" entschieden hätte, keine Bodentruppen nach Polen zu entsenden, sondern nur die polnische Infrastruktur zu bombardieren, um die Polen für Verhandlungen weichzuklopfen. Die polnischen Massenmorde in den ersten Tagen des Krieges (Stichwort: Bromberger Blutsonntag) zeigen sehr deutlich, was passiert wäre: Die Polen hätten über kurz oder lang alle verbliebenen Deutschen - mehr als eine Million! - auf grausamste Weise massakriert. Mit der Rückendeckung Englands hätte Polen in seinem nationalistischen Größenwahn nie verhandelt, genauso wie Milosevic nicht verhandeln wird, solange er China und Rußland hinter sich weiß und nicht damit rechnen muß, daß die NATO zumindest den Kosovo besetzt.

Tatsächlich ist es doch so: Es gibt nur eine "humane" Art der Kriegführung, und das ist der Hitlersche Blitzkrieg: Kurz und schmerzlos für alle Beteiligten, mit einem Minimum an Verlusten unter den Militärs beider Seiten und unter der Zivilbevölkerung. Dies ermöglicht zudem eine politische Lösung der anstehenden Streitfragen, kann sich der Sieger doch großzügig geben und weiß der Verlierer doch angesichts der klaren Kräfteverhältnisse, wie es um ihn steht. Solange die NATO dazu nicht Willens oder in der Lage ist, sollte sie sich also tunlichst aus dem Balkan heraushalten, denn sonst wird wieder alles nur schlimmer, als es ohnehin schon ist, wie anno 1939.

Der serbische Seite der Medaille

Die Politik der ethnischen Säuberung wird von den Serben ja nicht erst seit wenigen Jahren im Kosovo betrieben - sie begann im Geiste bereits in den dreißiger Jahren -, und sie war auch nicht auf das Kosovo beschränkt. Der gesamte, 1991 ausgebrochene Jugoslawienkonflikt war von Anfang an ein Konflikt der ethnischen Säuberungen, bei denen sich die Serben aufgrund ihrer Vormachtstellung besonders rigoros verhielten. Aber auch die Kroaten und Slowenen sowie die verschiedenen Volksgruppen in Bosnien-Herzegowina waren damals nicht gerade zimperlich im Umgang mit den Angehörigen anderer Volksgruppen. Die serbische völkerrechtliche Position in diesem Konflikt nimmt man in den westlichen Medien praktisch nicht zur Kenntnis, rührt sie doch an einem Tabu. In typisch serbischer Chuzpe argumentiert man nämlich wie folgt: Ethnische Säuberungen in großem Umfang wurden von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges als rechtmäßig anerkannt und haben sich als einzig wirksames Mittel erwiesen, um ständige Kriegsherde dauerhaft zu befrieden. Die Serben weisen diesbezüglich auf den deutsch-polnischen Konflikt um Ostdeutschland und den deutsch-tschechischen Konflikt um das Sudetenland zwischen den Weltkriegen hin (und rechtfertigen damit ihren damaligen Mord an den Jugoslawien-Deutschen). Beide kriegsauslösenden Konfliktherde hätten nur dadurch endgültig friedlich geregelt werden können, indem man alle 12 Millionen dort ansässigen Deutsche vertrieben habe. Und wer will dem widersprechen? Herrscht nicht tatsächlich endlich Ruhe an Deutschlands Ostgrenze? Ist es nicht tatsächlich so, daß erst der gigantische Völkermord an den Ost- und Sudetendeutschen eine friedliche Regelung ermöglichte, weil ein Verbrechen derartigen Ausmaßes angesichts der atomaren Bedrohung einfach nur dadurch politisch bewältigt werden kann, indem man es dabei bewenden läßt? Die Vertreibung der Deutschen war von den USA und Großbritannien, den beiden führenden Mächten in der NATO, als beste Lösung der "Deutschen Frage" mitbeschlossen und gutgeheißen worden. Das Ergebnis dieses Völkermordes, sprich: die Herrschaft der Polen und Tschechen über deutsches Land und Eigentum und der Verlust jedes Heimatrechtes der früher dort ansässigen Deutschen - ist heute geltendes Völker"recht". Wer will den Serben nun mit welchem moralischen Recht verbieten, Gleiches im Kosovo zu tun?

Anfang der 90er Jahre wurden derartige serbische Thesen in linksradikalen deutschen Kreisen vertreten. Zumindest in einem Fall wurde daraufhin strafrechtlich gegen die Verantwortlichen wegen Verharmlosung und Rechtfertigung des Völkermordes ermittelt (der Beitrag erschien damals in den linksradikalen Ketzerbriefen). Zugleich gehen deutsche staatliche Kräfte heute gegen die deutschen Vertriebenen vor, wenn diese »Unbelehrbaren« auch heute noch ihr Recht auf Heimat durchsetzen wollen, weil dies angeblich das friedliche Zusammenleben der Völker (also der Deutschen mit den Tschechen und Polen) störe. Man befindet sich also von staatlicher Seite in einem klassischen Dilemma. Wie man das Blatt auch wendet, es kommt nichts Gutes dabei heraus. Denn etwas Wahres ist schon daran: Die persönlich schuldlosen Kinder und Enkelkinder der polnischen und tschechischen Diebe, Räuber und Mörder müssen sich durch derartige Ansprüche tatsächlich bedroht fühlen, und angesichts des osteuropäisch-panslawistischen Nationalismus gäbe es wahrlich keine größere Friedensbedrohung in Europa, als wenn Deutschland Gebietsansprüche gigantischen Ausmaßes gegen Polen und die Tschechei stellte. Indem man aber die Polen und Tschechen gewähren ließ und läßt, gibt man heute den Serben und morgen Weiß-Gott-Wem einen Freibrief für ähnliche Völkermorde. Die wahnwitzige serbische Position im Kosovo-Konflikt zu widerlegen bedeutet also nichts weiter, als den Hauptmächten der NATO jede historische, moralische und militärische Legitimation zu entziehen, sich in Fällen ethnischer Säuberungen als die Retter der Menschheit aufzuspielen. Und genau deshalb wird dieses Thema in den westlichen Medien gemieden, wie der Teufel das Weihwasser meidet.

Fazit

Die moralischen Gründe der NATO zur Führung eines Krieges gegen Serbien - Verhinderung der ethnischen Säuberung - sind nicht völlig von der Hand zu weisen. Allerdings rechtfertigt man damit nachträglich Hitlers Feldzug gegen Polen, und man verurteilt die 1945 beschlossene alliierte Politik des Völkermords am deutschen Volk. Beides ist eine sicherlich nicht gewollte historisch-politische Revision ungeheuren Ausmaßes. Die NATO verbirgt dies, indem man zur Rechtfertigung wieder einmal lügenhaft auf die "Auschwitz-Keule" zurückgreift. Dabei wird bewußt verheimlicht, daß man 1939 bzw. 1941 nicht wegen "Auschwitz" in den Krieg zog, sondern daß "Auschwitz" erst durch den Krieg hervorgerufen wurde.

Die selektive Anwendung dieser "neuen Moral" der NATO auf lediglich schwache, feindlich gesonnene Staaten wirft das Völkerrecht zudem auf eine archaische Stufe zurück, wo sich der Stärkere immer erlauben kann, gegen den Schwächeren aufgrund irgend welcher vorgeschobener moralischer Gründe mit Gewalt vorzugehen.

Die "neue Moral" der NATO ist allerdings weit entfernt, sich mit der "alten Moral" Adolf Hitlers messen zu können, denn Hitlers Feldzüge, die sich allesamt mit den gleichen Argumenten rechtfertigen lassen, mit denen die NATO nun ihren "Balkanfeldzug" rechtfertigt, waren immer darauf angelegt, größere Verluste unter der Zivilbevölkerung und unter den Militärs zu verhindern. Hitlers Taktik der Blitzkriege und sein Verzicht auf Massenvernichtungswaffen - seinen es strategische Bomber, A-, B- oder C-Waffen - lassen ihn in Sachen Kriegführung als oberste moralische Instanz der Menschheitsgeschichte erscheinen. Ob das die westlichen Führer mit ihrer Politik beabsichtigen? Der Kosovo-Konflikt jedenfalls legt das moderne Völkerrecht in Trümmer.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(2) (1999), S. 127-130.


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