Der unbekannte Hunger-Holocaust

Über die Ursachen des Massensterbens in Englands Kolonie Indien 1942-1945

Von Wolfgang Pfitzner

Einiges ist bekannt über den von Josef Stalin ausgelösten Hunger-Holocaust in der Ukraine Anfang der 30er Jahre, dem etwa 7 Millionen Menschen zum Opfer vielen. Weit weniger bekannt ist bereits, daß England über Jahrhunderte hinweg in Irland immer wieder einmal eine ähnliche Politik verfolgte, um den Unabhängigkeitswillen der Iren zu brechen. Fast gar nicht bekannt ist hingegen, welche Auswirkungen die britische Besatzungspolitik auf die Ernährungssituation in Indien hatte. Zwar hatte der indische Subkontinent schon immer relativ stark unter Hungerkatastrophen zu leiden, in keinem Zeitabschnitt jedoch waren sie so verheerend wie unter der britischen Besatzungsmacht.


Einführung

Der Hunger war seit jeher ein ständiger Begleiter der indischen Geschichte. Schon im Mittelalter kam es immer wieder zu Hungerkatastrophen, ausgelöst vor allem durch Dürreperioden. Eine drastische Verschlechterung der Lage Indiens ergab sich jedoch mit Beginn der englischen Kolonialzeit. Der Inder M. Alamgir führt dazu aus:[1]

»Während der Kolonialzeit wurde Indien häufiger und heftiger von Hungerkatastrophen heimgesucht, die zudem größere Ausmaße hatten, als zu vorkolonialen Zeiten. [...] Es ist wichtig festzustellen, daß Hunger und Tod sogar dann auftraten, als es eine einheitliche Verwaltungsstruktur und ein weitaus besseres Verkehrssystem gab als etwa zur Zeit des vorbritischen Indiens unter den Moghuln. Zusätzlich zu den üblichen klimatischen Faktoren stellt sich heraus, daß Preismanipulationen durch Lebensmittelhändler, Untätigkeit der Regierung sowie Lebensmittelexport sogar in Zeiten der Knappheit, begleitet von einem graduellen Verfall des Einkommens sowie der Beschäftigungsverhältnisse der bäuerlichen Arbeiter und Kleinbauern die schlechte Lage oft noch verschlimmerten.«

Die grauenhafteste aller Hungerkatastrophen trug sich in Bengalen, der damaligen Kornkammer Indiens, im Jahr 1770 zu, als aufgrund einer Dürre etwa ein Drittel der gesamten Bevölkerung starb - 10 Millionen Menschen! Die britische East India Company, die das Land seit 5 Jahren besetzt hatte, war auf diese Lage völlig unvorbereitet. Es wurde aber auch noch nicht einmal versucht, irgend welche erwähnenswerten Hilfsmaßnahmen einzuleiten, zumal die verantwortlichen britischen Kolonialisten offenkundig nur ein Interesse daran hatten, durch den Handel und Export von Lebensmitteln ihren Gewinn zu maximieren, womit sie die Hungersnot zwar nicht ausgelöst, sehr wohl aber dramatisch verschlimmert hatten.[2]

Bis zur Auflösung der britischen Kolonie im Jahre 1947 kam es zu etwa 30 weiteren Hungerkatastrophen,[3] manchen Quellen sprechen sogar von bis zu 40, je nachdem, wie man eine Hungerkatastrophe definiert.[4] Als Folge dessen verwandelte sich Indiens einstige Kornkammer Bengalen innerhalb von nur zwei Jahrhunderten zum Armenhaus Asiens.

Der Gründe für diese katastrophale Kolonialpolitik, der im Laufe von 182 Jahren ungezählte Millionen Inder mehr zum Opfer vielen, als es die Umstände ohnehin gefordert hätten, sind viele. Im Anfang stand die Auflösung des traditionellen indischen sozialen Systems, in dem die jeweiligen lokalen Herrscher und Landeigner (in Hindu zamindāri) ihren Untertanen in Zeiten der Not Schutz und die lebensnotwendige Verpflegung zukommen ließen. Die Briten ersetzten dieses väterliche Sozialsystem durch das, was später als Manchester-Kapitalismus in Verruf geriet: Die Landeigentümer mußten der Kolonialmacht eine fixe Grundsteuer bezahlen. Die Frage der Miet- und Pachteinnahmen aber wurden dem "freien Markt" überlassen. Rückständige Steuerzahler wurden einfach enteignet, Pächter und Mieter, die ihren Pflichten nicht nachkamen, wurden gefeuert. Der väterliche zamindār wandelte sich in vielen Fällen zum profitgierigen Kapitalisten. Die Folge war die Vernichtung der Lebensgrundlage vieler Kleinbauern und landwirtschaftlicher Tagelöhner. Die Reichen wurden reicher und rücksichtsloser, die Armen ärmer und hilfloser.[5] Analog der dem Manchester-Kapitalismus zugrunde liegenden Ideologie wurde eine Intervention der staatlichen Verwaltung in das Wirtschaftleben generell abgelehnt. Selbst anläßlich der häufigen Hungersnöte unterblieb meist eine wirksame Intervention in den Markt, etwa durch Preisbindungen, Subventionen, soziale Unterstützungsmaßnahmen oder staatlich finanzierte bzw. unterstütze Lebensmitteleinkäufe und -transporte.[6]

Bengalen (Ostindien) war eines der am frühesten von Großbritannien eroberten Kolonialgebiete in Indien. Demgemäß hat es noch heute am meisten unter den Folgen zu leiden.

Verschlimmert wurde die Lage insbesondere seit der letzten Jahrhundertwende durch das immer schnellere Bevölkerungswachstum, das zum Anschwellen der Zahl der mittellosen Tagelöhnern führte sowie zum Ansteigen der Pachtzinsen bis zu 50% des Ernteertrages.[7]

Die Gründe der letzten indischen Kolonialtragödie

Die letzte große Hungerkatastrophe unter britischer Besatzung ereignete sich in Bengalen zwischen 1942 und 1945 (Brahmaputra-Ganges-Delta, heute teils Indien, teils Bangladesh). Neben den zuvor beschriebenen ungünstigen sozialen Verhältnissen kamen weitere Faktoren hinzu, die schließlich die Katastrophe auslösten. Der 1998 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnete Inder Amartya Sen vertritt die These, daß es sich bei dieser Hungerkatastrophe um eine von Menschen gemachte handelt, da es im wesentlichen keine Lebensmittelknappheit gegeben habe,[8] was ihm freilich vehementen Widerspruch einbrachte.[9] Aus der Literatur ergeben sich im einzelnen folgende Gründe für diese Katastrophe, die etwa 4-5 Millionen Menschen das Leben kostete:[10]

  1. Ab 1940 wurden alle in Aussicht gestellten Verfassungsreformen zurückgestellt, um Indien voll in den Dienst der Kriegsanstrengungen Englands gegen Deutschland einzubeziehen. Daraufhin entzog die Congress Partei, Indiens größte nationale Partei (jener von M. Ghandi) der Regierung jede Kooperationsbereitschaft, was zu erheblichen innenpolitischen Spannungen führte. Aufgrund der sozial angespannten Lage kam es ab 1940 in Bengalen immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Kolonialbehörden und Unabhängigkeitskämpfern. Da man den Golf von Bengalen als möglichen Ort einer japanischen Landung ansah, war die dortige starke Unabhängigkeitsbewegung für die Briten inakzeptabel, weshalb man im Oktober 1942 eine militärische Strafaktion durchführte, während der 193 Lager und Gebäude der Congress Partei zerstört und ungezählte Menschen inhaftiert wurden. Zwischen August 1942 und Februar 1943 alleine wurden 43 Personen durch die britischen Besatzungspolizei erschossen. Außerdem kam es von seiten der britischen Truppen in bisher unbekanntem Ausmaße zu Vergewaltigungen und Plünderungen u.a. von Lebensmitteln.
  2. Im Mai 1942 fiel die britische Kolonie Burma, die bisher Lebensmittel nach Indien exportiert hatte, in japanische Hände.
  3. Außerdem verlor Großbritannien im Sommer 1942 für etwa ein Jahr die Seeherrschaft über den Golf von Bengalen, was zum Zusammenbruch jedes zivilen Schiffsverkehrs führte. Ein Export von Bengalens Hauptexportprodukt Jute über den Seeweg war unmöglich geworden wie auch der Import von Lebensmitteln.
  4. Schließlich wurde Bengalen mit Flüchtlingen aus den zeitweise verlorenen britischen Kolonien angefüllt sowie mit den sich von dort zurückziehenden Soldaten. Allein im März 1942 etwa 2.000 bis 3.000 britische Soldaten und Zivilisten täglich in Kalkutta und Tschittagong an, und im Monat Mai alleine waren es dann insgesamt 300.000. Da diese Menschen nicht alle in den Städten untergebracht werden konnten, richtete man auf dem Lande provisorische Lager ein, bevor man in der Lage war, diese Menschen ins indische Binnenland weiterzutransportieren. Tausende von ihnen starben zwischenzeitlich an Malaria und Cholera, und aufgrund der massiven staatlichen Lebensmittelaufkäufe schossen die Preise auf dem Lande in den Himmel.
  5. In Erwartung einer japanischen Landung im Golf von Bengalen beschlagnahmten die britischen Besatzungsbehörden im Rahmen des »Boat-Denial Scheme« alle Boote und Schiffe im Golf von Bengalen, die mehr als 10 Personen zu befördern n der Lage waren, und zwar nicht weniger als 66.500 Boote. Als Folge dessen brach im Gangesdelta der Binnenschiffsverkehr völlig zusammen, die Fischerei war praktisch gar nicht mehr möglich und viele Reis- und Jutebauern konnten ihre Ware nicht mehr verschiffen. Die Wirtschaft brach daher insbesondere im unteren Gangesdelta völlig zusammen.
  6. Die Landenteignung im Zuge militärischer Befestigungs- und Baumaßnahmen (Landeplätze, Militär- und Flüchtlingslager) hat ab 1942 etwa 150.000 bis 180.000 Menschen von ihrem Land vertrieben und obdachlos gemacht.
  7. Lebensmittellieferungen von anderen Teilen des Landes nach Bengalen wurden von der Regierung verweigert, und zwar einerseits, um die dortige Unabhängigkeitsbewegung zu schwächen, und andererseits, da man im Zuge des im Frühjahr 1942 durchgeführten »Rice Denial Scheme« für eine künstliche Verknappung der Lebensmittel in Bengalen gesorgt hatte, um bei einem eventuellen Einfall der Japaner deren Lebensmittelversorgung unmöglich zu machen. Im Zuge dieser Politik hatte die Regierung freie Händler ermächtigt, auf Regierungskosten Reis zu jedem Preis aufzukaufen und in Lebensmittelspeicher der Regierung abzuliefern.
  8. Dieser Blankoscheck der Regierung mit der dadurch ausgelösten Inflation führte freilich dazu, daß einige Händler die aufgekauften Lebensmittel nicht etwa bei der Regierung ablieferten, sondern zu Spekulationszwecken horteten, um sie angesichts der sprunghaft steigenden Preise später mit Gewinn wieder zu veräußern, was zu einer weiteren Verknappung der Lebensmittel und zu weiteren Preissteigerungen führte.
  9. Im Zuge militärischer Überlegungen legte die Regierung wert darauf, daß die Lebensmittelversorgung der Soldaten, Regierungsangestellten und Arbeiter in der Rüstungsindustrie auf jeden Fall und zu jedem Preis sichergestellt wurde. Zusätzlich zu dem dadurch ausgelösten Inflationsschub sorgten die massiven militärischen Aktivitäten in Bengalen - finanziert durch Überstunden der Geldnotenpresse - für einen allgemeinen Inflationsschub, der die verarmte Landbevölkerung besonders hart traf.[11]
  10. Im Zuge eins Hurrikans überschwemmte am 16. Oktober 1942 eine 5 m hohe Flutwelle das gesamte untere Gangesdelta, vernichtete die dortige Winterernte, versalzt eine gigantische Landfläche, tötete etwa 14.500 Menschen und 10% des dort lebenden Viehs. Holz für die Kremierung der Leichen war nicht mehr vorhanden, und so sorgten die verwesenden Leichen für die Verseuchung des Trinkwassers und letztlich für den Ausbruch von Cholera und anderer Infektionskrankheiten.
  11. Im Zuge der nach der Sturmflut eingeleiteten Hilfsmaßnahmen sandte die Regierung im Herbst/Winter 1942/43 lediglich etwa ein Drittel der zuvor aus Bengalen abgezogenen Lebensmittel wieder zurück. Weitere Lebensmittel wurden erst im nächsten Frühjahr in anderen Teilen Indiens aufgekauft, als die Hungerkatastrophe in Bengalen bereits in vollem Gange war. Auch dies führte wiederum zu einem allgemeinen Preisanstieg für Lebensmittel.
  12. An eine gesetzlich erzwungene Preisbindung für Grundnahrungsmittel dachte die Regierung nie.
  13. Da militärische Transporte absolute Priorität hatten, war das indische Verkehrssystem kaum in der Lage, größere Mengen an Lebensmittel nach Bengalen zu schaffen.
  14. Obwohl das britische Gesetz in Indien vorsah, im Falle von Hungerkatastrophen eine Notstandsgesetzgebung in Kraft setzen, wurde die Hungerkatastrophe in Bengalen nie als solche offiziell anerkannt, es wurde kein Notstand erklärt und dementsprechend wurden auch keine drastischen Maßnahmen zu dessen Abwendung eingeleitet. Erst im Oktober 1943 nahm die britische Regierung offiziell Notiz von dem Notstand, ohne aber die notwendigen Maßnahmen einzuleiten.

Opfer des britischen Hungerholocaust 1942-1945 in Bengalen während ihrer Kremierung.

Die britische Verantwortung

Aus den statistischen Daten Bengalens geht hervor, daß es in den Jahren 1942-1944 theoretisch nie eine wirkliche Lebensmittelknappheit gegeben hat, die eine derartige Hungerkatastrophe hätte auslösen können. Die durch Krieg und Flutkatastrophe hervorgerufenen Umstände alleine wären nicht in der Lage gewesen, etwa 4 Millionen Menschen in den Hungertod zu treiben, darunter etwa in Drittel der gesamten landlosen Bevölkerung. Tatsächlich war es eine Kombination mehrerer vor allem durch die britische Besatzungsmacht zu verantwortender Faktoren, die die Katastrophe auslösten, nämlich:

a) die durch den britischen Manchester-Kapitalismus hervorgerufene Verarmung breiter Bevölkerungsschichten und die Zerstörung des traditionellen Notstandshilfesystems;

b) die Unterdrückung der indischen Unabhängigkeitsbewegung und der Unwille der Briten, den leidenden rebellischen Indern zu helfen;

c) die rücksichtslos auf dem Rücken der unteren Bevölkerungsschichten ausgetragenen Militärpolitik, die streckenweise der stalinistischen Politik der "Verbrannten Erde" glich;

d) der Unwille und die Unfähigkeit der Kolonialherren, die Hungerkatastrophe als solche zur Kenntnis zu nehmen und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Eine europäische Parellele

Die durch den britischen Imperialismus ausgelösten Katastrophen sind nicht auf den indischen Subkontinent beschränkt. Die Leidensgeschichte Irlands gleicht in vielerlei Hinsicht der Indiens, wenngleich die Iren sicherlich weitaus länger und schrecklicher unter den Engländern zu leiden hatten als die Inder. James Mullin schrieb hierzu in der in den USA erscheinenden Zeitung The Irish People:[12]

»[...] Es scheint so, als hätten die britischen Kolonialbeamten in Indien eine ähnliche Hungersnot herbeigeführt, wie sie dies ein Jahrhundert zuvor in Irland bewerkstelligt hatten. [...]«

Eine außerordentliche Eigenschaft dieser erschreckenden Liste von Völkermorden und weltweiten Massenmorden, ausgelöst durch den britischen Imperialismus (durch Krieg, Seuchen und Hungersnöte), sei zudem die völlige Abwesenheit jeder öffentlichen Zurkenntnisnahme.

So ergebe beispielsweise die Analyse von Schriften über die britische Geschichte, daß darin die irische Hungersnot der Jahre 1845-47 höchstens mit einigen Zeilen bedacht werde. Und es kann kaum überraschen, daß die Hungersnot von Bengalen darin überhaupt nicht erwähnt werde.

Prof. Dr. Amartya Sen, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften 1998, hat sich in seinem Lebenswerk außerordentlich stark für die Bekämpfung des Hungers in der Dritten Welt eingesetzt und wesentlich zur Erforschung der Gründe der bengalischen Hungersnot im Zweiten Weltkrieg beigetragen. Dennoch wird sein Werk in Indien kaum gewürdigt.

Obwohl Indien in der Vorkriegszeit etwa 1,8 Millionen Tonnen Getreide eingeführt habe, hätte England im Kriege dafür gesorgt, daß Indien im Steuerjahr 1942/43 einen Reisexportüberschuß auf Rekordniveau zu verzeichnen hatte.

»Die schlimme Lage in Bengalen wurde im britischen Unterhaus während einer Sitzung diskutiert, an der nur 10% aller Abgeordneten teilnahmen.

Wiederholte Bitten für Lebensmittelimporte nach Indien (400 Millionen Menschen) führten dazu, daß in den Jahren 1943 und 1944 etwa eine halbe Million Tonnen Getreide geliefert wurden. Im Gegensatz dazu betrug der Nettoimport nach Großbritannien (50 Millionen Menschen) allein in der zweiten Hälfte des Jahres 1943 10 Millionen Tonnen.

Churchill widersetzte sich wiederholt allen Lebensmittelexporten nach Indien, und das angesichts der Tatsache, daß etwa 2,4 Millionen Inder im Zweiten Weltkrieg in britischen Einheiten dienten.

Der indische Nobelpreisträger Amartya Sen hat als neunjähriger Junge die Hungerkatastrophe in Bengalen selbst erlebt. Wie aus dem nichts, so berichtet er, seien unglaublich viele hungernde, sterbende Menschen plötzlich aufgetaucht. Nach Professor Sens Ansicht werden immer nur autokratische Systeme von Hungerkatastrophen heimgesucht, niemals aber Demokratien, denn die müßten auf das Volk Rücksicht nehmen.

Im kolonialen Indien und Irland hingegen regierten die Briten selbstherrlich. Sie hatten die absolute Macht, und das korrumpiert bekanntlich absolut. Korrupte Regierungen aber haben kein Interesse daran, eine Hungersnot aufzuhalten. Sowohl in Irland als auch in Indien hat es Lebensmittel gegeben, aber es gab keinen moralischen Antrieb, dieses gerecht zu verteilen.

Alles in allem war die britische Kolonialpolitik darauf ausgerichtet, die jeweilige Kolonie nach Möglichkeit soweit auszubeuten, wie es die jeweilige Bevölkerung zuließ, ohne daß es also zu größeren Aufständen kam.

Gegensätzliche Aufmerksamkeiten

Der Nachwuchshistoriker Christian Gerlach hat sich in den letzten Jahren hinsichtlich der Untersuchung der Nahrungsmittelpolitik des Dritten Reiches während des Zweiten Weltkrieges profiliert. In zwei Monographien vertritt er die These, das Dritte Reich hätte angesichts der im Ersten Weltkrieg gemachten Erfahrungen alles daran gesetzt, damit die deutsche Zivilbevölkerung während des Krieges keinen Hunger leiden müsse. Dazu hätte man insbesondere die während des Rußlandfeldzuges zeitweilig unter deutsche Herrschaft gelangten Gebiete im Osten zur Deckung des eigenen Nahrungsbedarfes herangezogen, und zwar unter bewußter Vernachlässigung der Ernährung der ansässigen Bevölkerung. Krieg, Ernährung, Völkermord und Kalkulierte Morde: Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941 bis 1944 betitelt er dann auch konsequent seine zwei Bücher, die im kommunistischen Verlag von Jan Philipp Reemtsma erschienen sind.[13] Sicherlich ist Gerlach recht zu geben, daß die Reichsregierung die Ernährung der kämpfenden Truppe und der eigenen Bevölkerung einen höheren Rang einräumte als der Ernährung im wesentlichen unbeteiligter Bevölkerungsgruppen in besetzten Gebieten. Insofern ähnelt sich die Politik Großbritanniens und Deutschlands in dieser Zeit, und zwar aus rein kriegsbedingten Zwängen. Es gibt allerdings einen feinen Unterschied: Während die Ernährungslage im deutsch besetzten Gebiet der Sowjetunion vor allem durch die Politik der verbrannten Erde Stalins stellenweise katastrophale Züge annahm - einer Tatsache, der Gerlach kaum Aufmerksamkeit schenkt -, war die entsprechende Verknappung und Verteuerung der Lebensmittel im Falle Indiens im wesentlichen eine Folge der britischen Politik.

Leider muß man auch hier konstatieren, daß in der Öffentlichkeit einseitig immer nur tatsächliche oder angebliche deutsche Greuel eine einseitige und verzerrte Aufmerksamkeit erhalten, während eine ausgewogene Darstellung und eine vergleichende Betrachtung mit ähnlichen, aber zeitgleichen Vorgängen anderswo in der Welt tunlichst unterlassen werden. Das könnte ja die Einzigartigkeit deutscher "Schlechtigkeiten" relativieren, und das ist bekanntlich politisch unkorrekt und deshalb unerwünscht.

Anmerkungen

[1]Mohiuddin Alamgir, Bangladesh, Bangladesh Institute of Development Studies, Dacca 1978, S. 48ff.
[2]Mohiuddin Alamgir, Famine in South Asia, Oleschlager, Gunn & Han, Cambridge 1980, S. 59.
[3]C. Walford, »The Gamines of the World: Past and Present«, in: Journal of the Statistical Society, 41(3) (1978), S. 436-442.
[4]A. Loveday, The History and Economics of Indian Famines, Bell & Sons, London 1914, S. 135ff.
[5]Vgl. dazu Paul R. Greenough, Prosperity and Misery in Modern Bengal, Oxford University Press, New York/Oxford 1982, S. 42-61.
[6]Zu den bisweilen katastrophalen Auswirkung der Anwendung der reinen Lehre von der Freien Marktwirtschaft in Indien vgl. S. Ambirajan, Classical Political Economy and British Policy in India, Cambridge University Press, Cambridge 1978, bez. der diversen Hungerkatastrophen bes. S. 59-100.
[7]Vgl. Paul R. Greenough, aaO. (Anm. 5), S. 61-70.
[8]Amartya Sen, Poverty and Famines, Oxford Univ. Press, New York/Oxford 1981, bez. Bengalen vgl. S. 52-85.
[9]Vgl. Peter Bowbrick, How Sen's Theory Can Cause Famines, Quality Economics, Nottingham 1997.
[10]Am besten zusammengefaßt in Paul R. Greenough, aaO. (Anm. 5), S. 86-138, mit weiteren Verweisen dort.
[11]Vgl. dazu Sugata Bos, »Starvation amidst Plenty: The Making of Famine in Bengal, Honan and Tonkin, 1942-1945«, in: Modern Asia Studies 24(4) (1990), S. 699-727, hier S. 715ff.
[12]»British greed, grain exports and callous indifference. The 1943 famine in Bengal, India«, 14.11.1998, daraus das nachfolgende; vgl. http://inac.org/IrishPeople/top/11_14_98/111498famine.html
[13]Hamburger Edition, Hamburg 1998 bzw. 1999.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(3) (1999), S. 274-278.


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