Grenzen der Naturwissenschaft

Erkenntnis im Widerstreit zwischen Wahrheitssuche und politischer Notwendigkeit

Von Rolf Wiesenberg

Einige Eingeweihte wissen es schon: Zu bestimmten Fragestellungen sind in der Bundesrepublik Deutschland und in wachsendem Maße auch in anderen Ländern Antworten von der politischen Macht vorgeprägt. Diese Antworten sind die Dogmen der Zeit und sie werden mit Mitteln durchgesetzt, die denen früherer Zeiten auffallend ähneln. Geändert haben sich nur die Inhalte der Dogmen, auf denen die politische Macht gründet. Freiheit der Meinung und der Wissenschaft sind bei diesen Fragen nur eine Illusion. Gründe dafür, weshalb das so ist, in früheren Epochen fast ausnahmslos so war, und – soweit erkennbar – auch künftig so sein wird, werden hier geschildert. Sie ergeben sich aus der Verschränkung zweier Welten.


Einführung

Der Astronom Otto Heckmann und der Soziologe Eduard Baumgarten lehrten an einer Universität. Sie waren befreundet und sprachen miteinander über ihre Forschungsgebiete. Das Gespräch ist überliefert. Es bringt die Dinge auf den Punkt, um die es hier geht. Baumgarten warf Heckmann vor: ihr Naturwissenschaftler wollt die Welt beherrschen. Heckmann erwiderte: ich kenne Sie doch, Sie können über die Menschen nicht reden, ohne böse zu werden und sie bessern zu wollen, haben Sie jemals gehört, daß ich über die Sterne böse werde oder sie bessern will?

Heckmann lehrte über die reale Welt. Die reale Welt, das sind die Sterne, die Erde, die Luft und das Wasser, die Pflanzen und die Tiere und alles was für uns Menschen wichtig ist, wenn wir leben, essen und trinken wollen. Baumgarten lehrte über die soziale Welt. Das sind unsere Mitmenschen, ihr Verhalten, die Freundschaft, Gleichgültigkeit oder Feindschaft, mit der sie uns gegenübertreten. Auch die Maßnahmen der Gerichte gehören zur sozialen Welt.

Die Begriffe "reale Welt" und "soziale Welt" werden im Fortgang dieser Arbeit in diesem Sinne benutzt. Unsere Mitmenschen sind zwar auch real, aber ihr Verhalten ist nach aller Erfahrung oftmals nicht nachvollziehbar. Deshalb sind sie eine Realität von so grundsätzlich anderer Art als die Natur, daß allem, was mit ihnen zusammenhängt, ein besonderer, von der realen Welt im engeren Sinne abgegrenzter Begriff zugeordnet wird, eben der der sozialen Welt.

Das Entstehen und Vergehen von Ordnungen in der realen Welt gehorcht den Naturgesetzen. In der sozialen Welt wird mit Gesetzen der Justiz und politischer Macht immer wieder versucht, Ordnung zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Zu allen Zeiten gab es dabei Schwierigkeiten. Sie haben sich bis hin zu Weltkriegen gesteigert.

Hier werden wichtige Aspekte der sozialen Welt behandelt, jedoch mit der Haltung des Naturwissenschaftlers, der sie als gegeben hinnimmt und darauf verzichtet, sie bessern zu wollen. Die Beziehung wird untersucht, in der die soziale und die reale Welt zueinander stehen. Konflikte zwischen den Naturgesetzen, die möglicherweise von Gott stammen, und den Gesetzen der Justiz, die offenkundig menschlicher Herkunft sind, spielen dabei eine wichtige Rolle. Es geht auch um die Grenzen menschlicher Vernunft, denn eine Vernunft, die ihre eigenen Grenzen nicht erkennt, trägt ihren Namen zu Unrecht.

Über eigene Erlebnisse des Autors wird berichtet und Erkenntnisse von Forschern und Dichtern werden einbezogen, die sich mit der sozialen Welt auseinandergesetzt haben. Besonders wichtige Quellen, aus denen hier dargelegtes Wissen stammt, sind im Literaturverzeichnis aufgelistet.

Außerdem sind Arbeitsergebnisse von Seminaren eingeflossen, die von Professor James David Gill für eine Gruppe von Psychotherapeuten alljährlich in Mexico veranstaltet werden und Einblicke in die griechische Mythologie vermitteln, und eine Zusammenarbeit des Autors mit dem US-Amerikaner Frederick E. Peterman hat Wichtiges beigetragen.

Selbstverständlich gehen alle Irrtümer und Fehlinterpretationen des Gelesenen und Gehörten, die unterlaufen sein können, ausschließlich zu Lasten des Autors.

Geschehnisse

 

 

 

 

¬ Der Mensch: frei in kritischem Denken

 

 

 

¬ Die Amöbe: unfrei, weil nicht kritikfähig

Kurz ehe die heute gültige, verschärfte Form des §130 StGB verabschiedet wurde, habe ich an einen hochrangigen Politiker geschrieben und vorgeschlagen, daß die Politik sich über Forschungsergebnisse informiere, ehe sie Gesetze gegen bestimmte Meinungen erlasse. Ich habe mich zu diesem Vorschlag veranlaßt gefühlt, weil ich besorgt bin um die Katastrophen, die aus Dogmen entstehen können. Wir Deutsche haben die Dogmen der Kommunisten und die der Nationalsozialisten überwunden und wir müssen uns heute fragen, ob wir neue Dogmen dulden dürfen. Denn wenn uns die Geschichte des 20. Jahrhunderts eines lehrt, dann doch wohl dieses: Weltbilder und politisch dogmatische Haltungen verfallen um so schneller und ihr Verfall geht mit um so größeren Katastrophen einher, je einheitlicher und radikaler ihnen zuvor gehuldigt wurde. Und es scheint im Charakter der Deutschen zu liegen, ihre politischen Dogmen gründlich und präzise durch- und umzusetzen. Hüten müssen wir uns also vor allen, die uns absolute und endgültige Wahrheiten in Form von Dogmen einreden oder aufzwingen wollen.

Karl Popper schreibt zur anstehenden Problematik:

»Betrachten wir eine Theorie kritisch unter dem Gesichtspunkt hinreichender Evidenz und nicht pragmatisch, haben wir dann stets das Gefühl völliger Sicherheit in bezug auf ihre Wahrheit wenigstens bei den bestgeprüften Theorien wie der, daß die Sonne jeden Tag aufgeht?«

Er beantwortet seine Frage mit nein und stellt fest, daß die Sonne eben morgen nicht aufgehen könnte, weil sie explodieren könnte. Der Untergang der Dinosaurier war Folge einer Katastrophe ähnlichen Ausmaßes und wir können nicht sicher sein, ob nicht schon im nächsten Moment ähnliches passiert.

An anderer Stelle schreibt er im gleichen Buch:

»Wir suchen nach der Wahrheit, aber wir besitzen sie nicht.«

Die Bedeutung der Wahrheitssuche für unser Menschsein unterstreicht er mit folgendem Beispiel:

»Der Hauptunterschied zwischen Einstein und der Amöbe ist der, daß Einstein bewußt auf Fehlerbeseitigung aus ist. Er versucht, seine Theorien zu widerlegen: Er verhält sich ihnen gegenüber kritisch.«

Wissenschaftliche Arbeit ist nur in freiem Informationsaustausch möglich, in dem die Ergebnisse der Wissenschaftler sich der Kritik anderer Wissenschaftler stellen und gegebenenfalls widerlegt oder bestätigt werden. Der damals in Vorbereitung befindliche und derzeit gültige §130 beschränkt die wissenschaftliche Forschung, weil er den freien Informationsaustausch behindert. Das war damals schon vorhersehbar und die inzwischen erfolgte Rechtsprechung hat es bestätigt. Die Rechtsprechung wirft uns – in der deutlichen Terminologie Poppers gesprochen – bei den anstehenden Fragen zurück auf den geistigen Stand einer Amöbe.

Der oben erwähnte Politiker hat meinen Brief beantwortet. Er hat mir nahegelegt, daß mir der Inhalt meines Briefes inzwischen schon leid tun solle. Ich habe ihm daraufhin gleich wieder geschrieben und mein Interesse an einer sachlichen Antwort bekräftigt. Er hat mich wenige Tage später persönlich angerufen und heftig auf mich eingeredet. Er hat mir das Versprechen abgenommen, mich in den Holocaustmuseen in den Vereinigten Staaten von Nordamerika über die vorliegenden Beweise zu informieren. Das habe ich getan. Ich war Ende 1994 im Simon-Wiesenthal-Zentrum am Pico Boulevard in Los Angeles und im Oktober 1997 im Holocaustmuseum der US-Regierung in Washington D.C. Ich bin in der Erwartung dort hingefahren, Dokumente und Forschungsresultate vorzufinden, die die von Ball vorgelegten Luftaufnahmen alliierter Aufklärungsflugzeuge aus den Jahren vor 1945 in ihrer Aussagekraft widerlegen. Ich habe weiterhin gehofft, in den Holocaustmuseen Informationen zu finden, die die von Leuchter und Rudolf vorgelegten chemischen Analysenergebnisse und die daraus sich ergebenden Schlußfolgerungen als wissenschaftlich irrelevant erweisen oder zumindest weitgehend entkräften. Dergleichen habe ich nicht gefunden. Statt dessen sind mir andere Beweise zugänglich geworden. Um sie zu verstehen, mußte ich den Rahmen der naturwissenschaftlichen Prägung sprengen, die mir in Oberschule und Universität zuteil geworden war. Die Beweiskraft der Dokumentationen der Holocaustmuseen transzendiert die Beweiskraft naturwissenschaftlicher Untersuchungen. Weshalb das der Fall ist, wird nachfolgend erläutert.

In Los Angeles habe ich neben vielen anderen Tafeln und Bildern auch eine Wand gesehen, auf der Hitler, Stalin, Roosevelt und Churchill nebeneinander als Gestalter des 20. Jahrhunderts gezeigt sind. Was mich beeindruckt hat, ist der Verzicht auf die Trennung zwischen den Guten und den Bösen, die in Bildunterschriften einer ähnlichen Darstellung in Deutschland aus Gründen der politischen Korrektheit erforderlich wäre. Hitler wird dort keineswegs als Unperson dargestellt. Noch mehr beeindruckt hat mich der Spruch:

»The effect of intolerance is all around us. Prejudice is prejudging others before you really know them.« (Die Auswirkung der Intoleranz ist überall um uns zugegen. Das Vorurteil beurteilt andere, bevor du sie wirklich kennst.)

Das Museum führt den Untertitel »Museum of Tolerance«. Mit dem zitierten Spruch definiert es seine Zielsetzung, die meiner Meinung nach volle Unterstützung verdient. Leider gibt es die dort definierte Toleranz in Deutschland nicht. Zum Beispiel wirkt Umgang mit Leuten, die pauschal als Rechtsextreme abgestempelt sind, in Deutschland rufschädigend. Unsere Presse bringt oft einschlägige Berichte dazu.

Im Holocaustmuseum in Washington D.C. sah ich unter anderem die Reproduktion eines Bildes von einer Vernichtungsaktion auf einer riesigen, mehrere Meter breiten und hohen Wand. Sie hat mein Interesse geweckt, weil ich eine Echtheitsanalyse zu diesem Bilde kenne, die nach den Kriterien der Wissenschaft von Udo Walendy durchgeführt worden ist. Seine diesbezüglichen Schriften sind verboten und er verbüßt zur Zeit eine Gefängnisstrafe. Ich muß deshalb hier Zurückhaltung üben, indem ich nur feststelle, daß Zweifel an der Echtheit des Bildes zumindest äußerst unerwünscht und wahrscheinlich sogar justiziabel sind. Das mag damit zusammenhängen, daß das Bild im regierungsamtlichen Museum der derzeit unangefochtenen Weltmacht als ein wichtiges Geschichtsdokument gezeigt wird. Im Sinne Poppers bedeutet das, daß das Bild von einem Dogma geschützt ist. Wer die Echtheit bezweifelt, ist ein Bilderstürmer. Bilderstürmer gab es auch zur Zeit der Reformation. Schon damals waren sie Anarchisten. Wer heute kein Anarchist sein will, muß darauf verzichten, die Echtheit dieses Bildes zu untersuchen.

Beiden Holocaustmuseen gemeinsam ist ein Stil, der sie zu einem Ort religiöser Andacht macht. Das ist schwer zu schildern. Wer sich dafür interessiert, der möge hinfahren und die Andachtsatmosphäre selbst erleben. Ich selbst jedenfalls konnte mich dem religiösen Schauer nicht entziehen, der dort beabsichtigt ist.

Den Politiker traf ich bald auch persönlich auf einer Tagung. In einem Gespräch, das ich mit ihm führte, warf er mir vor, einer von denen zu sein, die glauben, die Wahrheit aus Steinen lesen zu können. Zwei wichtige Schlußfolgerungen ergeben sich daraus: Wahrheit nicht aus Steinen und Holocaustgedenken = religiöse Andacht.

Es gibt noch anderen Schriftwechsel, über den zu berichten ist. Der Vorsitzende des Zentralrates der Juden hat mit einem Brief den Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft aufgefordert, sich korrekt zu verhalten. Zur selben Zeit hat sich das Max-Planck-Institut für Festkörperforschung von seinem damaligen Doktoranden Germar Rudolf im gegenseitigen Einvernehmen getrennt. Der seinerzeitige Geschäftsführende Direktor des Max-Planck-Instituts hat damals zu Rudolf gesagt, daß jede Zeit ihre Tabus habe und daß man die achten müsse. So hat er seinem Doktoranden die Notwendigkeit der Trennung erklärt. Immerhin ist es ein Naturwissenschaftler, der im zwanzigsten Jahrhundert, also dreihundert Jahre nach Voltaire und der Aufklärung, festgestellt hat, daß auch unsere Zeit ihre Tabus hat und der sich von seinem Doktoranden trennte, weil dieser sie nicht achtete.

Definitionen

Hier werden die Definitionen der Begriffe Dogma, Tabu, Axiom und Paradigma wiedergegeben, die auch im Fortgang der vorliegenden Arbeit eine zentrale Rolle spielen. Das Wort Dogma bezeichnet einen nicht bewiesenen, autoritativ begründeten Lehrsatz, katholisch ist es eine von Gott geoffenbarte, unfehlbare Wahrheit, evangelisch ist es eine Lehrverpflichtung, nicht jedoch eine Glaubensverpflichtung.

Tabus sind bei Naturvölkern geltende Gebote und Verbote, deren absichtliche oder ungewollte Verletzung als unheilbringend gilt. Dazu gehören unter anderem die Vermeidung bestimmter Handlungen, Gegenstände, Stätten oder Personen. Davon abgeleitet ist die Bezeichnung für die in Gesellschaftsgruppen geltenden, meist ungeschriebenen Gebote, die die Nennung gewisser Dinge oder Personen sowie bestimmter Handlungen verbietet.

Ein Paradigma ist ein Beispiel oder Vorbild in der Grammatik, das zur Veranschaulichung und Einübung beim Erlernen einer Sprache beispielsweise beim Durchdeklinieren oder Durchkonjugieren eines Wortes dient. Im erweiterten Sinne ist es eine Sprachregelung.

Ein Axiom ist nach klassischer Auffassung ein unmittelbar einleuchtender Grundsatz, der keiner Begründung bedarf, und modern eine Aussage, die eine mathematische Struktur festlegt.

In den vergangenen Jahren habe ich Gespräche mit Personen und Persönlichkeiten geführt, denen ich zufällig begegnet bin. Darunter waren auch Bundestagsabgeordnete und ein Länderjustizminister. Es ging mir dabei um die hier anstehenden Fragen der Zulässigkeit von Tabus und Dogmen. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen ist mir von meinen Gesprächspartnern bedeutet worden, daß ich mich mit den falschen Fragen beschäftige. Einige haben mir sogar in dezenter Form ihre Verachtung ausgedrückt. Die Motive für diese Reaktionen meiner Gesprächspartner kann ich nur zu erahnen versuchen. Ich habe den Eindruck gewonnen, daß bei allen ein tiefes Konsensbedürfnis eine wichtige Rolle spielt, dessen sie selbst sich zumeist nicht bewußt sind. Dinge der realen Welt, die den Konsens in der sozialen Welt gefährden, klammern sie vielleicht unbewußt aber radikal aus ihrem Denken aus. Ihr Konsensbedürfnis hat sie zu Ausextremisten gemacht. Das hat Bedeutung, weil wir uns den Konsens unserer Väter mit dem dogmatischen System der Nationalsozialisten heute vorwerfen lassen müssen. Mit dieser Bemerkung vergleiche ich die Systeme nicht. Die Nationalsozialisten hatten andere Dogmen, die, wie für das deutsche Volk ab 1939 zunehmend deutlicher erkennbar wurde, verbrecherische Auswirkungen hatten.

Bei den Gesprächen habe ich auch den schon erwähnten US-Amerikaner Frederick E. Peterman kennengelernt, mit dem ich zusammenarbeite und von dem manche der Gedanken stammen, die ich hier darlege. Peterman hat angeregt, ich solle meine Vorbehalte gegen Dogmen, Tabus und Paradigmen ablegen und er hat mich darauf hingewiesen, daß die Naturwissenschaft auch nicht ohne unbewiesene Vorgaben auskommt. Und in der Tat, die ganze Mathematik fußt auf irrealen Vorgaben wie zum Beispiel dem Punkt und der Geraden. Ein Punkt ist etwas ohne Ausdehnung. Da er keine Ausdehnung hat, gibt es ihn nicht wirklich sondern nur als Fiktion der Mathematiker. Die sind sich bewußt, daß sie ihre ganze Wissenschaft auf Axiome, also auf Fiktionen bauen. Und sie leben gut damit.

Aus den Gesprächen ergibt sich: Menschen brauchen Konsens, der oft nur möglich ist auf der Basis von Axiomen, Dogmen und Tabus. In radikaler Form führt das zu Ausextremismus.

So angeregt wurde der Frage nachgegangen, welche Gründe es geben kann, die dogmatischen Vorgaben, die von den deutschen und den österreichischen Gesetzen mit drakonischen Strafen durchgesetzt werden, zu pflegen statt sie den Kriterien wissenschaftlicher Untersuchungen zu unterwerfen.

Weisheit eines römischen Feldherren

Schon im Heldenzeitalter Roms, in dem richtig und falsch, gut und böse noch nicht durch dickleibige Gesetzbücher und Beschwerdeverordnungen festgelegt waren, hat ein weiser Feldherr seinem siegreichen Sohn, der eine Schlacht gewonnen hatte, vorgeschlagen, den Gefangenen ein Festmahl auszurichten, nur kleine Tributzahlungen zu vereinbaren und die Geschlagenen ohne weitere Schande in die Heimat zu entlassen. Der junge Feldherr war mit solcher Milde unzufrieden und sein Vater schlug ihm nun vor, allen Gefangenen die Köpfe abzuschlagen. Diesen grausamen Rat des Vaters verstand der siegreiche Feldherr erst recht nicht. Um die Feinde Roms, welche den Krieg begonnen hatten, nicht ungeschoren davonkommen zu lassen, wählte er einen Mittelweg: er ließ jeden Zehnten von ihnen köpfen, die anderen unters Joch gehen und verkaufte einige ihrer Frauen in die Sklaverei. »Du bist ein Narr«, hielt ihm sein Vater vor:

»Im ersten Fall hätten Dir die Besiegten Deiner Milde wegen ein Denkmal gesetzt, ihre uns feindlichen Heerführer selbst beseitigt und die andauernde Freundschaft Roms gesucht; im zweiten Fall wären sie auf Generationen keine Gefahr mehr für uns gewesen. Nun aber haben wir sie weder als Freunde gewonnen, noch hast Du sie endgültig vernichtet; in wenigen Jahren werden sie wieder vor Roms Toren stehen.«

Wir können heute feststellen, daß die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg keinen der beiden Ratschläge des weisen Alten ausreichend beherzigt haben. Im Morgenthauplan (Deutschland zum Agrarstaat machen, keine Industrie mehr) und im Kaufmanplan (alle deutschen Männer sterilisieren) gab es Ansätze zu der Konsequenz gemäß Ratschlag zwei. Die Bombardierung Dresdens, die Vertreibung Millionen Deutscher aus ihrer angestammten Heimat und das Verhungernlassen vieler deutscher Gefangener auf den Rheinwiesen waren Schritte in die Richtung konsequenten Verhaltens. Sie haben nicht ausgereicht. Es gibt das deutsche Volk noch immer und statt seiner vollständigen Vernichtung ist die Umerziehung nach einem Konzept von Nizer (Nizer, Louis, What to do with Germany, New York: Readers Book Service, 1944, Overseas Edition for Armed Forces) durchgeführt worden. Revisionistische Geschichtsforschung, durchgeführt im Glauben an die Gültigkeit der Menschenrechte auf informelle Selbstbestimmung und auf Freiheit der Wissenschaft, hat nun Ungerechtigkeiten der Sieger des zweiten Weltkrieges aufgedeckt. Zu solchen Ungerechtigkeiten ist es nach praktisch jedem Kriege gekommen und dem folgten schon oft Rachefeldzüge. Die Frage, die sich uns angesichts der Atomwaffen stellt, ist nun die: Können wir uns eine Fortsetzung des Hin- und Her leisten, das schon der weise Vater eines siegreichen Feldherrn im alten Rom durchschaute? Immerhin sind infolge wachsender Vernichtungskraft der Waffen die Kriege immer grausamer geworden.

Aufklärung über die geschichtliche Wahrheit, die wir zur Zeit nicht kennen können, weil die freie wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ihr verboten ist, würde vielleicht politische Strömungen auslösen, die erneut zu die Machtbalance störenden politischen Verhältnissen führen. Das kann zu einem den Menschen vernichtenden Atomkrieg ausarten. Das Denken in Recht, Unrecht und Vergeltung hat, wie der weise Vater des römischen Feldherren erkannt hatte, schon viel Unheil angerichtet. Sollten wir uns da nicht anstrengen, neue Wege für den Umgang mit Unrecht zu finden?

Wir wollen dazu vermerken: Das Denken in Recht, Unrecht und Vergeltung gebiert seit Menschengedenken immer wieder neue Kriege.

Trägt das Konzept der Vergebung und wenn ja, trägt es zwischen den Völkern auf Erden? Oder ist ewiges Erinnern besser? Woran erinnern wir uns? An tatsächlich Geschehenes oder an mythisch begründete Wahrheiten?

Der Fall Galilei

Es gibt weitere Gründe, die Gesetze zu stützen, die Gegenstand der Volksverhetzung sind. Sie werden im Theaterstück Das Leben des Galilei von Bert Brecht offenkundig. Brecht hat die Problematik dargestellt, die der kirchliche Inquisitor auflösen mußte. Auf der Bühne sagt ein Kleiner Mönch mit Bezug auf die Grenzen, die die Kirche der astronomischen Wissenschaft setzte, zu Galilei:

»Mir ist es gelungen, in die Weisheit des Dekrets einzudringen. Es hat mir die Gefahren aufgedeckt, die ein allzu hemmungsloses Forschen für die Menschheit in sich birgt, und ich habe beschlossen, der Astronomie zu entsagen.«

Dann legt der Kleine Mönch diese Beweggründe dar. Sie gipfeln in den Sätzen:

»Ich bin als Sohn von Bauern in der Campagna aufgewachsen. Es sind einfache Leute. Sie wissen alles über den Ölbaum, aber sonst recht wenig. […] Es geht ihnen nicht gut, aber selbst in ihrem Unglück liegt eine gewisse Ordnung verborgen. Es ist ihnen versichert worden, daß das Auge der Gottheit auf ihnen liegt, forschend, ja beinahe angstvoll; daß das ganze Welttheater um sie aufgebaut ist, damit sie, die Agierenden, sich in ihren großen und kleinen Rollen bewähren können. Was würden meine Leute sagen, wenn sie von mir erführen, daß sie sich auf einem kleinen Steinklumpen befinden, der sich unaufhörlich drehend im leeren Raum um ein anderes Gestirn bewegt, einer unter sehr vielen, ein ziemlich unbedeutender! […] Kein Sinn liegt in unserem Elend. Verstehen Sie da, daß ich aus dem Dekret der heiligen Kongregation ein edles mütterliches Mitleid, eine große Seelengüte herauslese?«

Und weiter unten:

»Es sind die allerhöchsten Beweggründe, die uns schweigen machen müssen, es ist der Seelenfrieden Unglücklicher!«

Brecht hat für den Fall Galilei anschaulich dargelegt, weshalb schon damals der Ordnungsmacht keine Wahl blieb, sie mußte die Lehren unter Verschluß nehmen. Galilei wurde von der katholischen Kirche, die damals die politische Macht ausübte, gezwungen, seine Lehre zu widerrufen und er wurde in Haft genommen, damit er nicht rückfällig werde.

Die Gerichte der Bundesrepublik Deutschland haben sich konsequenterweise verhalten wie der Inquisitor Galileis, der sich damals weigerte, durch das Fernrohr zu schauen, durch das er die Bewegung der Planeten hätte erkennen können. Für die Justiz von heute ist das vor Jahrhunderten schon erprobte Verhältnis zur Naturwissenschaft von grundlegender Bedeutung und folgt zwingend aus ihrer Aufgabe. Sie hat den öffentlichen Frieden zu wahren. In der Zeit der Globalisierung ist das der weltöffentliche Friede. Wo diese Aufgabe mit Thesen in Konflikt gerät, die, falls sie sich als wahr herausstellen sollten, den Frieden nachhaltig gefährden, hat die Wissenschaft sich der politischen Ordnung zu beugen. Warum sollte das heute anders sein als zu Galileis Zeiten? Im Gegenteil: Wenn die Kirche damals Galilei bei der Verbreitung seiner Thesen hätte gewähren lassen, wäre vermutlich die bindende Kraft der kirchlichen Lehre schlagartig in sich zusammengebrochen. Was das politisch bedeutet hätte und welche grausamen Brandschatzungen und wieviel Mord und Totschlag es ausgelöst hätte, können wir heute allenfalls erahnen. Die geschichtliche Erfahrung lehrt uns jedenfalls, daß in Zeiten des politischen Machtvakuums Verbrechen überhand nehmen und daß dann sogar Leute, die zu normalen Zeiten ganz friedlich sind, entsetzliche Grausamkeiten verüben können.

Wir sehen, daß es ein Naturgesetz der sozialen Welt ist, daß jede Zeit ihre Dogmen braucht.

Dogmen, Auslöser der beiden Weltkriege

Dogmen haben jedoch, obwohl sie notwendig sind und nützliche Anwendung finden können, auch erhebliche negative Auswirkungen in der Weltgeschichte gehabt. Die an vermeintlicher Überlegenheit des Germanentums orientierten Dogmen der Nationalsozialisten sind hinreichend bekannt und brauchen deshalb hier nicht detailliert wiedergegeben zu werden. Ein Dogma der britischen Außenpolitik, das sich zu entwickeln begann, als Bismarck 1871 das Deutsche Reich gründete, ist noch weitgehend unbekannt und soll deshalb geschildert werden. Benjamin Disraeli, der nachmalige Premierminister Großbritanniens sagte damals in einer Unterhausrede, die Balance of Power in Europa sei absolut notwendig für die Erhaltung des Friedens, doch nun sei sie gänzlich zerstört und England habe am meisten darunter zu leiden. Im Jahre 1898 erschienen in der Saturday Review zwei Aufsätze, die mit den Worten endeten »Germaniam esse delendam« (Deutschland ist zu zerstören). Dort wird das Dogma der britischen Außenpolitik ausführlicher formuliert. Es lautet:

»Weil die Deutschen den Engländern so ähnlich sind im Wesen, im religiösen und wissenschaftlichen Denken, im Gefühlsleben und an Begabung, sind sie unsere natürlichen Nebenbuhler. Überall in der Welt, bei jedem Unternehmen, im Handel, in der Industrie, bei sämtlichen Anlagen in der weiten Welt stoßen England und Deutschland aufeinander. […] Wäre morgen jeder Deutsche beseitigt, es gäbe kein englisches Geschäft, das nicht zuwachsen würde. […] Würde Deutschland morgen ausgelöscht, gäbe es übermorgen weltein, weltaus keinen Engländer, der nicht um so reicher wäre.«

Kriege seien geführt worden, um eine Stadt oder ein Thronfolgerecht zu gewinnen. Warum sollten sie nicht Krieg führen, wenn es um einen Handel von 250 Millionen Pfund jährlich geht.

Mit diesen Gedanken wurde eine Prämisse in die britische Außenpolitik eingeführt, die mindestens bis 1945 beherzigt wurde. Das heißt nun nicht, daß die Briten eine Hauptschuld träfe. Im Gegenteil, zum Streiten gehören immer mindestens zwei. Es zeigt aber sehr wohl, daß von einer einseitig feindlichen Haltung nur der Deutschen keine Rede sein kann.

Daß die britische Politik gegenüber Deutschland nur von einem Dogma geleitet war und nicht etwa von politischem Weitblick, zeigt die heutige Lage. Deutschland ist zwar nun viel kleiner, aber das britische Weltreich existiert nicht mehr. Die Vormachtstellung in der Welt ist von Europa an die USA abgegeben. Daß deutsche Firmen schon vor Jahren wichtige Teile der britischen optischen Industrie und kürzlich den Automobilpart von Rolls Royce und den Namen Bentley aufgekauft haben, ist nur eine Erscheinung am Rande. Es zeigt, daß die Wirkung, die sich die Propagandisten des britischen Dogmas erhofft hatten, nicht eingetreten ist. Es hatte eine ganz andere Wirkung als die Politiker ihrer Majestät beabsichtigt hatten. Es hat die Aufmerksamkeit der Strategen so fest gebunden, daß sie die globalen Gefahren für das britische Weltreich und die Rolle Europas nicht rechtzeitig gesehen haben. So sind neue Weltmächte herangewachsen.

Es zeigt sich also, daß Irren menschlich ist, auch beim Siegen.

Eine Parabel über die Ambivalenz der Freiheit

Von zeitloser Aussagekraft dafür, daß Dogmen trotzdem unvermeidlich sind, ist eine Parabel von Franz Kafka. Er schildert in seinem Roman Der Prozeß den Umgang und das Leiden des K. an der Freiheit. K. ist weder frei noch eingekerkert; das Gericht teilt ihm niemals mit, wessen er angeklagt ist; er sollte es von sich aus wissen und daß er es nicht weiß, ist ein weiterer Beweis seiner Schuld; wenn er sich bemüht, dem Gericht eine klare Stellungnahme abzuringen, wird er der Ungeduld und der Aufsässigkeit bezichtigt; wenn er aber versucht, die Autorität des Gerichtes zu ignorieren oder seine nächste Amtshandlung einfach abzuwarten, wird ihm dies als Beweis der Gleichgültigkeit und der Verstocktheit angelastet. In einer der letzten Szenen spricht K. im Dom mit dem Gerichtskaplan, und als er, wie schon so oft, versucht, Klarheit über sein Schicksal zu erlangen, unternimmt es der Geistliche, ihm seine Lage mit folgender Parabel zu erklären:

»Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm den Eintritt jetzt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. Es ist möglich, sagt der Türhüter, jetzt aber nicht. Da das Tor zum Gesetz offensteht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehen. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt, "Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehen. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehen aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr vertragen." Der Mann erhält einen Schemel und darf sich neben der Tür hinsetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Immer wieder versucht er, eingelassen zu werden oder wenigstens eine endgültige Antwort zu erhalten, erfährt aber stets nur, daß er noch nicht eintreten könne. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der langen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich weit hinunterneigen, denn die Größenunterschiede haben sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. "Was willst du denn jetzt noch wissen?" fragt der Türhüter, "du bist unersättlich." "Alle streben doch nach dem Gesetz", sagt der Mann, "wie kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?" Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon am Ende ist und um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: "Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn." Hier ist die Parabel zu Ende.

"Der Türhüter hat also den Mann getäuscht", sagt K. zu dem Geistlichen. Denn die Tür war ja nur für ihn gemacht. Er durfte also durchgehen. Doch nun beweist der Geistliche ihm sorgfältig und überzeugend, daß den Türhüter keine Schuld trifft, ja, daß er weit über seine Pflicht hinausging, dem Manne zu helfen.

In der weiteren Diskussion äußert K. seine Zweifel am Gesetz. Zum Schluß sagt er zum Geistlichen, der hier die Ordnungsmacht vertritt, die an Schärfe nicht zu übertreffenden Worte: "Trübselige Meinung, die Lüge wird zur Weltordnung gemacht."«

Dieser Satz, daß die Lüge zur Weltordnung gemacht werde, hat unmittelbaren Bezug zum Thema dieser Arbeit. Kafka benutzt das Wort Lüge hier in einem Sinne, der auch die Axiome der Mathematik einschließt und sie als Lügen erscheinen läßt. Er hatte sein Buch schon geschrieben, ehe das spezielle Wahrheitsproblem auftauchte, das hier behandelt wird. Mit dem Wort Lüge meint er die Vorgaben, die für menschliches Denken und Erkennen unerläßlich sind, wenn unser Geist seinen Dienst tun soll und wir nicht im Wahnsinn versinken wollen. Daraus ist zu entnehmen, daß es sich bei den Gesetzen zur Unterscheidung von Wahrheit und Lüge um ein älteres Problem handelt als der konkrete Anlaß vermuten läßt.

Dogmen sind die älteren Brüder der Axiome. Beide werden gebraucht.

Man muß die vom Staate gesetzlich verordnete Wahrheit über die jüngste deutsche Geschichte nur für notwendig halten, wenn man mit dem Gesetz in Einklang bleiben und in Frieden leben will. Solche Haltung der Bürger war zu allen Zeiten gefordert, um die politische Ordnung zu erhalten. Denn es geht hier um die Fundamente des Systems. Axiome zu bezweifeln, bedeutet, eine andere Mathematik zu fordern. Die vom Staate gesetzlich gesetzten Wahrheiten zu bezweifeln, bedeutet, eine andere politische Ordnung zu wollen. Die Bundesrepublik Deutschland, so ergibt sich aus den dargelegten Zusammenhängen, kämpft mit den einschlägigen Paragraphen des Strafgesetzbuches um die Grundfesten ihrer politischen Ordnung. Wir müssen ihr als loyale Bürger dabei helfen. Loyalität ist eine wichtige Bürgerpflicht.

Die Pflicht der Demokraten

Aber wir müssen auch aufpassen. Es handelt sich, wie Kafka gezeigt hat, um eine fragwürdige Situation.

Die Fragwürdigkeit rührt daher, daß es keine absoluten Wahrheiten und keine absolute Gerechtigkeit geben kann.

Mit Loyalität allein ist unsere bürgerliche Verantwortung also nicht erschöpft. Die Geschichte in Deutschland lehrt uns unmißverständlich, daß die Axiome der Politik, die Dogmen und Paradigmen sich ändern können. Die gegenwärtige Rechtspraxis impliziert etwas sehr Schwerwiegendes: Wir Deutsche sind in bezug auf unsere jüngste Geschichte auf den Entwicklungsstand einer Amöbe reduziert, weil wir unsere Geschichte nicht in freier Forschung erkennen und anerkennen dürfen.

Das ist nicht nur ein unbefriedigender, nein es ist ein unhaltbarer Zustand, den zu akzeptieren verantwortungslos wäre. Wie verantwortungslos Akzeptanz gegenüber diesem Zustand wäre, ergibt sich aus Erkenntnissen Paul Watzlawick's. Er setzt sich mit der Frage der Gültigkeit von Dogmen auseinander und erteilt der Berechtigung, absolute Wahrheiten endgültig festzuschreiben mit den folgenden Worten die ihr zukommende Abfuhr:

»Die Geschichte der Menschheit zeigt, daß es kaum eine mörderischere, despotischere Idee gibt als den Wahn einer "wirklichen" Wirklichkeit (womit natürlich die eigene Sicht gemeint ist), mit all den schrecklichen Folgen, die sich aus dieser wahnhaften Grundannahme dann streng logisch ableiten lassen. Die Fähigkeit mit relativen Wahrheiten zu leben, mit Fragen, auf die es keine Antworten gibt, mit dem Wissen, nichts zu wissen, und mit den paradoxen Ungewißheiten der Existenz, dürfte dagegen das Wesen menschlicher Reife und der daraus folgenden Toleranz für andere sein.«

Wahrheiten sind relativ und immer offen. Dogmen können Wahrheit vernichten.

Es ist also festzustellen, daß die Verabsolutierung der Dogmen der Gegenwart ein Zeichen für erneute menschliche Unreife in der politischen Führung Deutschlands sein kann. Das kann wieder mit Verfolgung und Massenvernichtung Unschuldiger enden.

Gegenmittel

Aber es gibt mindestens einen Ausweg aus dem Dilemma zwischen erforderlichen Dogmen und den ihnen innewohnenden Gefahren. Er wird nachfolgend gezeigt.

Das Ziel der Überlegungen muß sein, die Fähigkeiten der Politik den Anforderungen anzupassen, die durch die Vernichtungskraft der Kernwaffen gesetzt worden sind. So, wie die Physiker gelernt haben, die Kernkräfte zu entfesseln und den Politikern damit ungeheuerliche Waffen in die Hand gegeben haben, so müssen nun die Politiker und die Völker einen neuen Umgang mit der Macht erarbeiten. Es geht dabei um die Beziehung zwischen der realen und der sozialen Welt, die einleitend erwähnt wurde.

Dazu ist es dienlich, eine Grenze menschlicher Erkenntnisfähigkeit zu erfahren. Das Grenzerlebnis wird von dem Bild Dalis, das den Titel trägt Die verschwindende Büste Voltaires vermittelt.

Salvador Dali, Die verschwindende Büste Voltaires

Es zeigt Figuren in mittelalterlicher Kleidung und das Gesicht Voltaires. Es bedarf einer bewußten Konzentration, das Gesicht Voltaires zu erkennen und es bedarf einer anderen Konzentration, die Figuren zu erkennen. Ich gehe davon aus, daß es meinen Lesern ebensowenig wie mir gelingt, beide Sichten gleichzeitig aufzunehmen, obwohl beide gleichzeitig vorhanden sind. Ich gehe weiterhin davon aus, daß sie spüren, wie sie ihrem Sehsinn ganz aktiv eine Vorgabe geben müssen, wenn sie die eine oder die andere Sicht erkennen wollen. Die Vorgaben für den Sehsinn spielen bei der Erkennung der im Bilde gezeigten Ansichten die gleiche Rolle, wie die Vorgaben der in Rede stehenden Paragraphen des Strafgesetzbuches für das Erkennen der politischen Ordnung der Gegenwart.

Dies ist eine kühne These, die möglicherweise Protest herausfordert. Ehe sie als absurd verworfen wird, gilt es zu bedenken, daß es bei der Friedenserhaltung um die Sicht geht, in der die Völker die Welt interpretieren. Es gilt also, Vorgaben zu machen, die von Völkern verstanden werden. Das sind nicht unbedingt Vorgaben, die für alle Individuen einleuchtend sind. Es besteht der Eindruck, daß besonders in Deutschland die Gefahr sehr groß ist, daß die Erfordernisse der politischen Ordnung verkannt werden. Es wird heilsam sein, wenn die Deutschen sich dem Nachdenken über ihre Axiome, Dogmen und Tabus öffnen. Es ist eben kein Zufall, daß das deutsche Volk beide Weltkriege zumindest wesentlich mitzuverantworten hat und daß heute der Verfassungsschutz gegen aufkeimenden Rechtsextremismus hart kämpfen muß. In den Jahren 1994 bis 1997 mußten 17202 Prozesse wegen Gedankenverbrechen (sogenannte Propagandadelikte, Angaben laut Bundesverfassungsschutzbericht, 4.2.1998) geführt werden, viele davon gegen Autoren und Verleger, die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeiten verbreitet haben.

Verschränkte Welten

Ob wir es wollen oder nicht, wir alle leben zugleich in der realen und der sozialen Welt. Diese beiden Lebenswelten sind ineinander verschränkt, wie im Bild dargestellt.

Naturwissenschaftler sind der realen Welt verhaftet, Sozialwissenschaftler, Politiker und in hohem Maße auch Juristen der sozialen. Beide Parteien treten einander in der Regel mit wenig Verständnis gegenüber. Deshalb werden die beiden Welten wie von einem Graben getrennt wahrgenommen.

Diejenigen, die sich in ihrer Denkweise fest in der sozialen Welt verankert haben, sind zugleich der realen Welt unterworfen. Wenn es zum Beispiel nichts mehr zu essen gibt, weil soziale Utopien wie der Kommunismus die Nahrungsmittelproduktion ins Hintertreffen gebracht haben, dann haben die Anhänger der sozialen Weltsicht ebensowenig zu essen wie die Denker der realen Welt. Und umgekehrt sind die Wissenschaftler, die sich in ihrer Denkweise fest in der realen Welt verankert haben, zugleich der sozialen Welt unterworfen. Wenn es Kriege gibt, weil die soziale Welt instabil geworden ist, dann sterben auch die Naturwissenschaftler im Kugelhagel der Geschütze und im Strahlenkegel der Kernwaffen.

M.C. Escher, Bildergalerie

Die beiden Welten sind auch im philosophischen Sinne ineinander verschränkt wie in der Zeichnung von Escher die Bildergalerie mit ihrem Betrachter.

Der junge Mann, der die Galerie betrachtet, ist eine Figur in einem Bilde derselben Galerie, die er betrachtet. Er steht in einem Gang, der in ein Haus führt, das neben vielen anderen Häusern in dem Bild abgebildet ist, das der junge Mann betrachtet und dessen Rahmen im oberen linken Teil von Eschers Zeichnung zu erkennen ist. Wir Menschen sind Figuren in der realen Welt und leben zugleich in der von uns geschaffenen sozialen Welt, die mit der realen Welt verschränkt ist, wie der junge Mann mit der Bildergalerie. Und etwa in der Mitte sieht man eine unstrukturierte kreisförmige Fläche. Escher mußte diese Fläche unstrukturiert lassen, damit er sein Bild überhaupt malen konnte. Sie spielt für sein Bild die gleiche Rolle, wie die Dogmen in der sozialen Welt und die Axiome in der Mathematik. Die Struktur der Verschränkung bedingt einen strukturlosen Einschluß, der die verschränkten Teile trennt. Er wird in Willkür mit Dogmen, Axiomen und Paradigmen ausgefüllt und das System erhält seine Stabilität durch Tabus. Anders würde Wahnsinn Platz greifen. Die Verschränkung der realen und sozialen Lebensbedingungen um willkürlich gesetzte Vorgaben herum ist zu allen Zeiten zugleich Chance und mögliches Verhängnis im Schicksal der Menschen gewesen.

Dies ist eine wichtige Erkenntnis der großen Religionsstifter, Theologen, Philosophen und Psychologen, die es gab und gibt. Themistokles, Gaius Julius Cäsar, Abraham Lincoln, George Washington, Friedrich der Große, Bismarck und John F. Kennedy wußten auch darum und sie sind verantwortlich mit ihrem Wissen umgegangen. Helmut Kohl weiß es ebenfalls und es gibt Anlaß zu hoffen, daß er mit seiner Politik die kriegerische Zwietracht unter den europäischen Völkern ein für alle mal beendet hat. Andere Politiker haben ihr Wissen eingesetzt, um Schindluder mit den Völkern zu treiben, die sich ihnen anvertraut hatten. Das geschieht heute noch. Aber das ist ein anderes, weitergehendes Thema, das zu behandeln nicht nur aus Platzgründen unterbleiben muß.

Ich hoffe, damit einen Beitrag dazu geleistet zu haben, daß die dogmatischen Vorgaben der Justiz der Bundesrepublik Deutschland für notwendig gehalten werden und Unterstützung finden. Ich möchte zudem anregen, die Bundesregierung aufzufordern, ihre Vorgaben offen zu den Dogmen der Zeit zu erklären. Wie die Mathematiker den axiomatischen Charakter ihrer Grundsätze kennen und ihre Axiome inhaltlich konkret formuliert haben, so sollten die Politiker den dogmatischen Charakter der Grundlagen der Politik dem ihnen anvertrauten Volk bewußt machen. In einer Demokratie ist solche Offenheit offenkundig unerläßlich, sonst wäre es keine Demokratie. Die Politiker sollen die Dogmen der Politik konkret festlegen. Es ist gegenwärtig zum Beispiel völlig unklar, ob auch der Wahrheitsgehalt von Berichten über solche unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangene Handlungen den Dogmenschutz des Gesetzes genießt, die nach den Naturgesetzen betrachtet ähnlich einzustufen sind, wie Christi Wandeln auf den Wassern. Die Bevölkerung ist aufzufordern, entschlossen für die Dogmen der Zeit einzutreten, wenn sie offen und konkret so deklariert sind. Das wird die Stabilität des Staatswesens sichern, die derzeit von vorläufigen wissenschaftlichen Erkenntnissen gefährdet ist.

Die Forschungsergebnisse lassen sich mit den Machtmitteln der Justiz nicht aus der Welt schaffen. Die geforderte Offenheit schafft Abhilfe und löst zugleich den Konflikt mit den in der Charta der Vereinten Nationen verbrieften Rechten auf Freiheit der Wissenschaft und der Meinung. Dogmen sind ihrer Natur nach wissenschaftlicher Überprüfung nicht zugänglich, weil sie dagegen immun sind. Als Dogmen sind die notwendigen Paradigmen gegen jegliche Infragestellungen aus sich heraus geschützt. Die Freiheit der Wissenschaft wird auf dieser Basis verfassungsgemäß gewährt werden können.

Zusammenfassung

Ich fasse zusammen:

– Wir leben in zwei miteinander verschränkten Welten, der realen und der sozialen. Naturwissenschaft setzt sich mit der realen Welt auseinander, Sozialwissenschaft, Justiz und Politik gestalten und ordnen die soziale Welt. Verständigung zwischen den beiden Welten ist bei einigen wichtigen Fragen bisher äußerst schwierig.

– Die kriegerischsten Zeiten gab es regelmäßig dann, wenn Glaubensdogmen durch neuere Erkenntnisse widerlegt wurden und andere an ihre Stelle traten.

– Es gibt auch heute Glaubensdogmen mit hoher politischer Bedeutung, auf die nicht verzichtet werden kann.

– Die Kriege sind seit der Aufklärung und der Begründung der Naturwissenschaften durch die unermeßlich gewachsene Vernichtungskraft verfügbarer Waffen immer grausamer geworden.

– Die im Sinne der politischen Erfordernisse sozial Denkenden auf der einen und die im Sinne der Naturwissenschaft real Denkenden auf der anderen Seite trennt eine tiefe Schlucht. Die Sozialen und die Politiker erwarten von der Gegenseite politisch korrekte Ergebnisse. Die kann sie nicht liefern, weil sie der Objektivität verpflichtet ist und weil sie die reale Welt nicht ändern kann. Die in naturwissenschaftlichem Denken Verhafteten erwarten von der Gegenseite eine dogmenfreie Politik. Die kann es nicht geben, weil Dogmen für die Politik so notwendig sind, wie Axiome für die Mathematik.

– Die geschichtswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Geschehnissen aus der Zeit der Herrschaft der Nationalsozialisten ist durch die gegenwärtige Rechtsprechung der Bundesrepublik Deutschland stark eingeschränkt und bei bestimmten Fragen unmöglich gemacht. Nach den Kriterien der Wissenschaft betrachtet ist uns deshalb die Wahrheit zu diesen Fragen verschlossen. Es handelt sich bei den gesetzlich geschützten Wahrheiten um die Dogmen der Zeit.

– Wenn wir künftige Katastrophen vermeiden wollen, gilt es, eine politische Kultur zu schaffen, in der schon während der Gültigkeit der Dogmen der jeweiligen Gegenwart ein friedlicher Umgang mit einem möglichen Dogmenwechsel vorbereitet wird. Das kann geschehen, wenn die Vorgaben der Gegenwart offen als Dogmen verstanden und konkret formuliert werden, so wie die Mathematiker ihre Vorgaben offen als Axiome behandeln und sie von Anfang an inhaltlich konkret definiert haben.

– Dabei ist ein Rechtsverständnis dienlich, das das Element der Vergeltung ausschließt. Das bedeutet auch, daß Reparationen, die gezahlt wurden, nicht zurückgefordert werden können und daß für Ungerechtigkeiten, die dem Verlierer widerfahren sind, keine Wiedergutmachung gefordert werden kann.

Schlußwort

Das Bundesverfassungsgericht hat am 11. Januar 1994 unter Aktenzeichen 1BvR 434/87 verkündet:

»Der demokratische Staat vertraut grundsätzlich darauf, daß sich in der offenen Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Meinungen ein vielschichtiges Bild ergibt, dem gegenüber sich einseitige, auf Verfälschung von Tatsachen beruhende Auffassungen im allgemeinen nicht durchsetzen können. Die freie Diskussion ist das eigentliche Fundament der freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft.«

Albert Einstein hat im gleichen Zusammenhang festgestellt, daß die Theorie bestimmt, was wir beobachten können. Mit der verfassungsgerichtlichen und mit der einsteinschen Haltung stehen die Erkenntnisse im Einklang, die hier dargelegt sind. Daraus folgt auch, daß Irrtümer unterlaufen sein können. Es wurde ein Weg gewiesen, um aus dem Meer des Irrtums aufzutauchen, in dem das Deutsche Volk nach Meinung qualifizierter Beobachter zu ertrinken droht. Wieviel vom Dargelegten bedenkenswert ist und wo Fehler vorliegen, mögen die Leser selbst beurteilen.

Literatur


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 3(3) (1999), S. 298-307.


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