Englands Kriegsgründe für den Zweiten Weltkrieg

Von Christian Konrad


Vier Gründe, hört man stellenweise, seien es gewesen, die England dazu bewogen haben, in den zweiten Weltkrieg einzutreten und ihn bis zum bitteren Ende durchzufechten:

1. Europa vor einer aggressiv-dominanten Macht zu schützen.

2. Die Welt von totalitärer Gewaltherrschaft zu befreien.

3. Das deutsche Volk von Hitler zu befreien.

4. Die Juden vor der gänzlichen Ausrottung zu bewahren.

Prüfen wir, ob einer oder mehrere dieser Gründe stichhaltig sind. Dies wollen wir tun, indem wir die Lage vor, im und nach dem Krieg analysieren.

1. Der Schutz Europas vor Deutschland

Bedrohte Hitlers Deutschland vor dem Krieg Europa? Suchte es, Europa durch Aggressionen zu dominieren? Ganz im Gegenteil. Mehr als alle Regierungen der Weimarer Zeit war Hitler zu Zugeständnissen bereit. Er verzichtete endgültig nicht nur auf alle Ansprüche im Westen (Frankreich, Belgien) und Süden (Italien), sondern war auch bereit, mit Polen zu einem sehr polenfreundlichen Kompromiß in der Frage der geraubten Ostgebiete zu kommen. Leider wurde das schlecht belohnt. Denn die einzigen Länder, mit denen es Konflikte gab, waren die Tschechei und Polen. Diese Konflikte beruhten auf dem aggressiven, expansionistischen und chauvinistischen Nationalismus dieser beiden Länder, die ihre nationalen Minderheiten, darunter vor allem aber nicht nur Deutsche, auf brutalste Weise unterdrückten. Der Zerfall der Tschechoslowakei nach dem völkerrechtmäßigen Anschluß des Sudetenlandes an Deutschland ist unter heutiger Perspektive nur zwangsläufig erfolgt, da die CSFR heute wiederum zerfallen ist. Hitler oder Deutschland traf also keine Schuld. Die Besetzung der Resttschechei durch deutsche Truppen mag man zwar für außenpolitisch unklug halten, jedoch erfolgte auch sie im Einklang mit der tausendjährigen Verbundenheit Böhmens und Mährens mit dem Deutschen Reich. Die in den anschließenden Jahren gewährte weitgehende Autonomie dieses Protektorates schließlich hätte Vorbild für so manchen westlichen Staat gegenüber dessen Kolonien oder besetzten Fremdvölkern sein können (z.B. Großbritannien gegenüber Irland oder Indien und Frankreich gegenüber dem Elsaß oder dem Vietkong).

Seit Ende des ersten Weltkrieges gab es zwischen Polen und Deutschland ethnische Konflikte, hervorgerufen durch den auch von England nach dem ersten Weltkrieg abgesegneten Landraub Polens. Bis zuletzt hat sich England geweigert, auf Polen Druck auszuüben, um in den strittigen Fragen zu einer Kompromißlösung zu kommen. Im Gegenteil: England goß gerade im ersten Halbjahr 1939 sogar noch Öl ins Feuer des großpolnischen Chauvinismus, indem man den polnischen Politikern zu verstehen gab, daß diese mit ihrer deutschen Minderheit treiben könnten, was immer sie wollen. Die Polen ließen sich das nicht zweimal sagen. Zusätzlich dazu trieb gerade England Hitler in die Arme Stalins, indem es zuerst mit Stalin verhandelte, um eine neue Einkreisung Deutschlands zu bewerkstelligen. Hitlers anschließende Verhandlungen mit Stalins waren eine Folge dieser britischen Intrige, zu der Deutschland gezwungen war, wollte es eine Einkreisung wie vor dem Ersten Weltkrieg verhindern.

Der dadurch möglich gewordene und ausgelöste regionale Konflikt Deutschlands mit Polen mußte nicht zwangsläufig zu einem Weltkrieg führen, wenn Polen, Großbritannien und Frankreich nur auf der Grundlage des Völkerrechts verhandlungsbereit gewesen wären. Diese schlugen allerdings zu jeder Zeit des Krieges alle Verhandlungsgesuche Deutschlands aus und beharrten auf ihrer Kriegserklärung an Deutschland. Sogar das Angebot der Reichsregierung, Polen und die Tschechei zu räumen und in die Unabhängigkeit zu entlassen sowie sich mit dem Westen gegen die Sowjetunion zu verbünden, wurde von den Westmächten ausgeschlagen.

Und nach dem Krieg? Churchill, der größte Massenmörder nach Stalin, Roosevelt und Pol Pot, erkannte seine vollkommen falsche Kriegsstrategie, als er bemerkt haben soll: »Wir haben das falsche Schwein geschlachtet!« Denn die Sowjetunion, von Hitlers Deutschland frühzeitig als die aggressive und menschenverachtende Macht erkannt, die sie war, strebte nun für alle sichtbar mit aggressiven Machtmitteln nicht nur nach der Herrschaft über Europa, sondern nach der über die ganze Welt. Das verdroß Großbritannien natürlich, das für sich allein den Anspruch auf seine gewaltsame Herrschaft über mehr als die halbe Welt aufrecht erhalten wollte.

Wenn also Europa hätte geschützt werden müssen, dann primär vor dem sowjetischen Bolschewismus und vor der britischen Überheblichkeit und Dummheit.

2. Die Befreiung der Welt von Totalitarismus und Gewaltherrschaft

Im Prinzip kann man sich jede Erörterung dieses Punktes sparen, da nie eine Nation auf der Welt eine dermaßen große Gewaltherrschaft ausgeübt hat, wie das britische Empire gegenüber gut der Hälfte der gesamten Welt, die es gewaltsam unterwarf, kolonialisierte, versklavte und ausbeutete. Aber selbst, wenn die Briten den Balkenwald im eigenen Auge nicht gesehen haben, so hätte ihnen zu allererst der Balken im Auge des sowjetischen Kommunismus auffallen müssen, und nicht der Splitter im Auge Deutschlands.

3. Die Befreiung des deutschen Volkes von Hitler

Bis in das Jahr 1938 vernahm man von britischen Politikern Lobeshymnen auf die deutsche Regierung. Dies änderte sich erst, als Deutschland daran ging, einen Teil seiner ihm zustehenden völkerrechtlichen Titel einzufordern. Seither mußte das deutsche Volk von seiner Regierung und besonders von seinem Führer befreit werden, auch wenn es gar nicht davon befreit werden wollte. Das nennt man „Selbstbestimmungsrecht der Völker" aus britisch.

Aber wie war es denn, als der Widerstand in den deutschen militärischen und politischen Reihen in Großbritannien anklopfte, um milde Bedingungen für Deutschland zu erhalten, wenn man nur den Führer loswerde? Man ließ sie im Regen stehen und proklamierte statt dessen den totalen Krieg bis zur bedingungslosen Kapitulation gegen Deutschland und gegen das deutsch Volk. Die Kriegführung sah dementsprechend aus. Die Parole lautete, daß nicht genug deutsche Zivilisten umgebracht werden könnten. Jeder Deutsche also ein Hitler; jeder Deutsche ist erst dann frei, wenn er von sich selber befreit ist. Genau das sahen dann auch die alliierten Nachkriegspläne für Deutschland vor: Volksvernichtung durch Sterilisierung (Kaufmann), Verhungern (Morgenthau) oder Völkervermischung (Nizer und de facto).

4. Bewahrung der Juden vor der gänzlichen Ausrottung

Bis zum Jahre 1947 hat sich Großbritannien, Hüter seiner kolonialen Anrechte, geweigert, Palästina für die Zuwanderung durch Juden zu öffnen. Die Auswanderung der Juden aus Deutschland und dem im Krieg von Deutschland besetzten Teil Europas, die im gleichen Maße durch die deutsche Regierung wie durch die zionistischen Organisationen gewünscht wurde, wurde gezielt durch die britische Politik verhindert. Mehr noch: Man sorgte dafür, daß die z.T. mit Hilfe Deutschlands durchgeführten illegalen Transporte nach Judäa zur Not gewaltsam verhindert wurden: Man versenkte u.a. Schiffe mit jüdischen Zuwanderern.

Und was tat Seiner Majestät Regierung für die Juden? Verhandelt wurde nicht, da man mit Hitler nicht verhandelte. Juden gegen Geld oder Lastwagen war nicht im Sinne einer erfolgreichen Kriegführung und so ließ man die entsprechenden Verhandlungen platzen. Eine gezielte Bombardierung der angeblichen Stätten der Massenvernichtung wurde natürlich auch nicht erwogen. Man wußte es schließlich besser.

Was bleibt?

Großbritannien ist heute nur noch ein Schatten seiner selbst. Wenn ein Land im Zweiten Weltkrieg am meisten verloren hat, so ist es Großbritannien. Es verlor gut 9/10 seines Herrschaftsgebietes, seinen Ruf als Hüter der „Balance of Power", seine Weltmachtstellung und seinen einstigen Reichtum. Geblieben war bei Kriegsende ein jämmerliches Häuflein Elend im Nordwesten eines verwahrlosten Europas, das zerstört wurde durch die Auslieferung an die alliierten Bomber und russischen Besatzer. Zerstört und ruiniert durch die Folgen der wahnwitzigen, sinn- und ziellosen Zerstörungs- und Vernichtungslust eines Churchill. Es gibt nur wenige Repräsentanten, die diesen Staatsmann an Irrwitz übertreffen: Es sind die deutschen Politiker, die Churchill wegen seiner Verdienste um Europa auch noch den Karls-Preis verliehen haben.

Bibliographie


The Washington Post
Ein unnötiger Krieg?
Von Patrick J. Buchanan
11. Oktober 1999

In meinem Buch A Republic, Not An Empire, beziehe ich kontrovers Stellung: Ich werfe Jefferson die Abrüstung der Marine vor, verteidige Polks Krieg gegen Mexiko, beklage die Annexion der Philippinen durch die U.S.A. und unterstütze Hardings Washingtoner Marinevertrag.

Aber all das wurde niedergetrampelt von den hysterischen Reaktionen auf zwei meiner Aussagen: Daß Englands Kriegsgarantie an Polen ein monumentaler Fehler war und daß Deutschland nach seiner Niederlage in der Luftschlacht um England keine strategische Gefahr für die USA darstellte.

Warum war Englands Garantie falsch? Weil England weder den Willen noch die Macht besaß, sie einzulösen. 1939 hätte nur eine Nation Polen vor Hitler retten können: Rußland. »Ohne Rußland«, erklärte Lloyd George, »sind unsere [polnischen] Garantien die verantwortungsloseste Verpflichtung, die ein Land jemals eingegangen ist. Ich gehe sogar noch weiter, sie waren wahnsinnig.«

Indem England Hitler wegen Polen Krieg androhte, wurde er gezwungen, sich mit Stalin zu einigen. Ergebnis: Die Vernichtung Polens, Stalins Serienvergewaltigung von Finnland, Litauen, Lettland und Estland, so wie Hitler Dänemark, Norwegen, die Niederlande und Frankreich schluckte.

Mitte 1940 kontrollierte Hitler Westeuropa und Stalin Osteuropa. Die Briten waren in Dünkirchen verjagt worden und in einen Krieg verstrickt, der 400.000 Engländern das Leben kostete und das Weltreich zerstörte.

Und dennoch wurde Polen dadurch nicht gerettet! Was also hat die Garantie bewirkt? Und warum wäre es für England unmoralisch gewesen, Hitlers Angriff vom Westen abzulenken und auf Stalins Sklavenreich zu richten, damit sich die beiden Monster gegenseitig auffressen, wie Harry Truman anriet?

Hätte England keinen Krieg erklärt, so hätte Hitler den unvorbereiteten Stalin 1940 angegriffen. Das Ergebnis dessen hätte sehr gut die Befreiung des Gulag mit seinen 12 Millionen Seelen sein können, die Vernichtung des Bolschewismus in Rußland und China, kein Kalter Krieg, kein Korea und kein Vietnam. Statt der sechs Jahre des blutigen Weltkrieges hätten wir vielleicht nur sechs Monate eines Hitler-Stalin Krieges gehabt, der mit dem Tod des einen und der Verkrüppelung des anderen geendet wäre.

Aber, ertönt der Schrei, Hitler wollte doch die »Weltherrschaft«. Nach Rußland hätte er Westeuropa besetzt, England und dann seinen Endangriff auf uns. Aber hätte er das wirklich getan? Dem Historiker A. J. P. Taylor folgend war die »östliche Expansion der primäre Zweck von Hitlers Politik, wenn nicht sogar die einzige«. Und dem Staatsmann der Labor Party Roy Denman gegenüber: »Die Angst, nach Polen würde Hitler England angegriffen haben, war eine Illusion... England wurde in einen unnötigen Krieg hineingezogen.«

Am 11. August 1939 führte Hitler gegenüber dem Danziger Hochkommissar des Völkerbundes aus: »Alles, was ich unternehme, richtet sich gegen Rußland. Wenn der Westen zu dumm oder zu blind ist, das zu verstehen, so werde ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verständigen, den Westen zu zerschlagen, und nach dessen Niederlage gegen die Sowjetunion vorzugehen …«

Dies, so Henry A. Kissinger, »war sicherlich ein genaue Wiedergabe von Hitlers Prioritäten: Von England erwartete er, daß es sich aus dem Kontinent heraushält, und von der Sowjetunion wollte er Lebensraum. Es war zum Teil Stalins Errungenschaft, daß Hitler seine Prioritäten umkehrte...«

Ja, und gleichermaßen Englands großer Fehler.

Kritiker, die meine Behauptung angreifen, die U.S.A. seien nach 1940 strategisch nicht bedroht gewesen, zitieren Nazi-Pläne für einen »Amerika-Bomber«. Berlin, sagen sie, habe »in einen Feldzug investiert, um Basen in Afrika und auf den Kanarischen Inseln zu bekommen als Teil dessen, was... Außenminister Joachim von Ribbentrop ein „großes Programm... von anti-amerikanischem Charakter" genannt hat.«

Aber das ist Comicbuch-Geschichte. Nicht nur, daß die englische Luftwaffe 1940 die Lufthoheit errungen hat, die englische Marine hat ihre Hoheit nie verloren, wie die Franzosen haben lernen müssen, als Churchill seiner Flotte befahl, die französische Flotte in Mers el-Kebir Mitte 1940 zu versenken, um sie nicht Hitler in die Hände fallen zu lassen.

Im November 1940 wurde die italienische Flotte in Taranto versenkt. »Durch diesen einzigen Schlag«, frohlockte Churchill, »hat sich die Machtbalance der Marinestreitkräfte im Mittelmeer entscheidend verändert.« Im Frühjahr 1941 wurde Hitlers mächtiges Schlachtschiff Bismarck auf seiner Jungfernfahrt versenkt; die Graf Spee wurde schon 1939 vor Montevideo versenkt.

Zur Zeit von Pearl Harbor hatte Hitler seine Streitkräfte bereits überdehnt und wurde im Ärmelkanal und Atlantik von der Englischen Luftwaffe und Marine blockiert, und vor Moskau und Leningrad durch die Rote Armee. 1942 war er in Afrika erledigt.

Die Idee, Hitler könne ohne Überwasserschiffe, ohne Transportflotte, ohne Landungsgerät und ohne Seeleute, die jemals auf einem Flugzeugträger gedient hatten, in Afrika oder auf den Kanaren Schiffe bauen, die die USA auf der anderen Seite eines Ozeans bedrohen, der von der U.S.- und der britischen Marine seit Trafalgar kontrolliert wird, ist eine viel zu absurde Annahme, als daß man sie widerlegen müßte.


Pat Buchanan, Autor von A Republic, Not an Empire, war Kandidat für die US-Republikaner zur Nominierung zum US-Präsidenten.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(1) (2000), S. 74-76.


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