Pseudo-Experten

Meinungssache

Von Ronald Reeves

Zwischen Januar und April 2000 fand in einem Londoner Gerichtssaal ein faszinierendes Gerichtsverfahren statt: Der britische Autor David Irving hatte die amerikanische Professorin Deborah E. Lipstadt wegen Rufschädigung verklagt. Irving mochte nicht als Holocaust-Leugner bezeichnet werden und als ein Autor, der, so Lipstadt in ihrem Buch Leugnen des Holocaust, willkürlich historische Tatsachen verzerre, um sie seinen politischen Zielen dienstbar zu machen. Irving konnte es nicht ausstehen, als „Pseudo-Historiker" bezeichnet zu werden, wie er sich während des Verfahren häufiger ausdrückte.

David Irving hat in der Tat keine Ausbildung als Historiker genossen. Er erwarb sich seinen Ruf als einer der besten Fachleute über Persönlichkeiten der Ära des Dritten Reiches als Autodidakt, durch harte Arbeit. Tatsache ist aber, daß auch die meisten Holocaust-Experten des Establishments keine Historiker sind, so zum Beispiel der angesehenste Fachmann unter ihnen, der Politologe (oder „Pseudo-Historiker"?) Prof. Raul Hilberg.

Frau Lipstadt selbst, die Irving wegen seines Umgangs mit Beweisen in ihrem Buch heftig angreift, ist jüdische Religionswissenschaftlerin, also ebenfalls eine „Pseudo-Historikerin". Sie schwieg während des gesamten Verfahrens und ließ sich durch international angesehene Experten verteidigen. Das britische Gesetz verlangt, daß sie die in ihrem Buch gemachten Behauptungen beweisen muß. Um dies zu erreichen, mußte sie zunächst beweisen, daß der Holocaust selbst in der Weise geschehen ist wie allgemein angenommen. Zudem mußte sie die von David Irving und seinen revisionistischen Helfern vorgebrachten Beweise widerlegen.

Eines dieser revisionistischen „Beweise" ist das sogenannte Leuchter Gutachten, ein Schriftstück, daß von einem amerikanischen Techniker verfaßt wurde, der sich auf die Herstellung und Wartung von Tötungsanlagen zur Vollstreckung der Todesstrafe spezialisiert hat. Da einige Staaten der USA die Todesstrafe immer noch nicht abgeschafft haben, gibt es für einen derartigen Experten eine gewisse Nachfrage. Fred A. Leuchter ist der Mann. Leuchter behauptet in seinem Gutachten, die dokumentarischen und materiellen Beweise zu den früheren Konzentrationslagern Auschwitz und Majdanek belegten, daß Massenvergasungen von Juden in diesen Lagern technisch unmöglich gewesen seien.

Frau Lipstadts Verteidigungsteam hat deutlich dargelegt, daß das Leuchter Gutachten ein sehr schwaches Beweismittel ist. Da Leuchter nie einen Abschluß als Ingenieur, Architekt oder Chemiker erworben hat, muß er bezüglich der angeblichen Technik des Massenmordes als „Pseudo-Fachmann" bezeichnet werden, auch wenn er ohne Zweifel der weltweit einzige – autodidaktische – Experte für die Herstellung und Wartung staatlich überwachter Menschentötungsanlagen ist.

David Irving gab während des Verfahrens im Prinzip zu, daß das Leuchter Gutachten mit Fehlern übersät ist. David Irving wies aber zugleich nach, daß jener Fachmann, den Frau Lipstadt auffahren ließ, um die Mängel des Leuchter Gutachtens bloßzulegen, der kanadische Professor für Architektur Robert J. van Pelt, ebenfalls ein „Pseudo-Experte" ist. Obwohl er den Titel „Professor für Architektur" führt, ist van Pelt tatsächlich ein Kulturhistoriker mit Fachgebiet Architektur, also ein Fachmann für Architektur unter einem künstlerisch-kulturellen Blickwinkel. So, wie es der Verteidigung nicht schwer fiel, die Mängel in Leuchters „Pseudo-Gutachten" bloßzulegen, so fiel es auch Irving nicht schwer, die Fehler in van Pelts „Pseudo-Gutachten" aufzuzeigen.

Aber die „Pseudo-Experten"-Affäre ist damit noch nicht zuEnde. Prof. van Pelt behandelte nämlich nicht nur technische und architektonische Fragen in seinem Gutachten, für die er zumindest gewisse Erfahrungen geltend machen kann, sondern er behandelte außerdem auch chemische Fragen. Die Chemie kommt hier ins Spiel wegen des Giftgases Zyklon B, mit dem laut der etablierten Version des Holocausts bis zu eine Million Juden in Auschwitz getötet wurden. Van Pelt wagte es allerdings nicht, die damit zusammenhängenden Fragen selbst zu behandeln. Er bezog sich diesbezüglich auf Fachleute, die – man darf raten – sich nun ebenso als „Pseudo-Experten" entpuppten.

In den frühen 90er Jahren führte ein Team polnischer Forscher vom Jan Sehn Institut in Krakau Untersuchungen durch, um die von Leuchter aufgestellten Thesen zu überprüfen. Die betroffenen Fachbereiche waren Toxikologie, anorganische und analytische Chemie. Der Leiter dieses Projektes, Prof. Dr. Jan Markiewicz, entpuppte sich als „Spezialist für technische Prüfungen", nicht aber als Chemiker. Das Gutachten dieser Forschergruppe wurde 1995 von einem deutschen Diplom-Chemiker namens Germar Rudolf kritisiert, diesmal ein „richtiger" Experte für anorganische Chemie. Ihm zufolge zeigen die gravierenden methodischen Fehler dieses „Pseudo-Gutachtens" deutlich, daß die Polen entweder nicht die nötigen Qualifikationen oder aber nicht die wissenschaftliche Aufrichtigkeit besaßen, um diese Forschungen durchzuführen. David Irving betonte während des Verfahrens mehrfach ausdrücklich, daß er sich nun auf das Gutachten dieses deutschen Fachmannes berufe, das erst noch einer Enthüllung als „pseudo" harrt…

Nachdem ich all diese Prozeßprotokolle, Artikel und Gutachten im Internet gelesen habe, muß ich gestehen, daß ich ein wenig irritiert bin. Nicht etwa, weil sich herausstellt, daß fast jeder in dieser Tragödie ein „Pseudo-Experte" ist, und auch nicht, weil es nach dieser intellektuellen Tortur annähern unmöglich ist, noch zu wissen, wo denn nun die Wahrheit liegt. Ich kann damit leben, zumal sogar richtige Fachleute nichts mit absoluter Gewißheit nachweisen können.

Was mich wirklich aufregt, ist, daß sich all die wirklichen Experten – Historiker, Ingenieure, Architekten, Chemiker, Toxikologen und wer sonst noch – offenbar überhaupt nicht um diese Schlacht kümmern, die um den Holocaust tobt. Könnten die nicht diese Komödie beenden, in der ein Pseudo-Historiker eine Pseudo-Historikerin verklagt, die sich gegen einen Pseudo-Ingenieur verteidigt, indem sie ihn mit einem Pseudo-Architekten angreift, der sich wiederum auf Pseudo-Chemiker beruft?


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(1) (2000), S. 4.


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