Bücherschau

Adolf Hitler, Retter des Abendlandes?

Von Frank Weidenfeld

Viktor Suworow, Stalins verhinderter Erstschlag, Hitler erstickt die Weltrevolution, Verlag Pour le Mérite, Selente 2000, 350 Seiten, DM 49,80

Viktor Suworow, wegen seiner bahnbrechenden Bücher über den deutsch-sowjetischen Krieg bestens bekannt (Der Eisbrecher, Der Tag M) hat wieder einmal zugeschlagen. Er verhöhnt die etablierte Zunft der "Zeitgeschichtler" und versucht die "verbrecherische Politik der Nazi" zu verharmlosen.

Er behauptet, daß nicht Hitler die friedliebende Sowjetunion überfallen hat, nein, er gibt Stalin die Schuld am Zweiten Weltkrieg und behauptet implizit, Hitler habe Europa, das Abendland, ja die ganze Welt gerettet, und der Westen sei ihm bei diesem Rettungsversuch in den Rücken gefallen! Ärger geht es nicht mehr!

Da müßte man ja sein Weltbild revidieren. So ein Machwerk dürfte gar nicht erscheinen, und wenn: es müßte sofort verboten werden. Der Inhalt ist ja "sozialethisch verwirrend" und gegen die Notorität und gar gegen die Offenkundigkeit. Was Suworow schreibt, kann es nicht gegeben haben. Ist das ein Roman? Ähnlich vielen mehr oder weniger eloquenten Büchern, die sich mit der Frage beschäftigt haben, was wäre geschehen, wenn Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätte?

Aber dann siegt die Neugier, man möchte ja sein gesichertes Wissen erproben und sofort das Geschriebene geistig verarbeiten und widerlegen.

Aber: Halt! Je mehr man sich in die Lektüre vertieft, umsomehr kommen Bedenken. Das ist logisch aufgebaut. Das ist nachvollziehbar. Auch für Laien. Wo liegen die offenbar raffiniert versteckten Desinformationen? Schließlich war ja Suworow lange Zeit ein Teil der Elite des Sowjetreiches. Der hat ja auch gelernt zu desinformieren. Aber jeder Desinformant macht Fehler. Bloß wo sind die? Nicht zu finden!

Man grübelt und überdenkt neuerlich und "reflektiert".

Wieso erreichen die Deutschen mit knapp mehr als 3000 technisch unterlegenen Panzern gigantische Anfangserfolge gegen die zehnfache Überzahl technisch besserer sowjetischer Panzer? Wieso fanden sich bei den sowjetischen Truppen Millionen von Karten, die bis ins Elsaß reichten, keine aber von der Sowjetunion? Warum hatten die Sowjets sechs Millionen deutsch-russische Sprachführer (erschienen zwischen 29.5. und 7.6.1941), die nur auf deutschem Gebiet sinnvoll waren (»Wo halten sich deutsche Soldaten versteckt«, »Wo ist die Gendarmerie« usw. wird darin gelehrt)? Warum lagerten Munition und Treibstoff im westlichen Grenzgebiet, eine leichte Beute für einen Angreifer? Warum gab es keine ausreichenden Verteidigungseinrichtungen? Warum wurden eine Million Luftlandetruppen ausgebildet, aber völlig zweckentfremdet eingesetzt? Fragen über Fragen!

Aber Suworow beantwortet sie im Widerspruch zum herrschenden veröffentlichten Geschichtsbild dahingehend, daß in Wahrheit die Rote Armee zum Angriff auf Westeuropa aufmarschiert war und nur ein paar Tage auf den Erstschlag fehlten.

Stalin spekulierte nämlich darauf, daß Hitler sich im Kampf gegen die Westmächte erschöpft, worauf Stalin dann – und dazu brauchte er die eine Million Luftlandetruppen – sich zuerst ganz Europas und dann der Kolonien der europäischen Nationen bemächtigen wollte, womit er sein Ziel der Weltrevolution praktisch erfüllt haben würde.

Wer 1984 von George Orwell gelesen und auch verstanden hat, weiß, daß Orwell diese Pläne gekannt oder erahnt hatte. Wer sonst als das durch Stalin niedergeworfene Europa ist das Eurasien aus 1984, das dann mit Ozeanien Krieg führt?

Aber Hitler schlug vorher zu, und damit war es aus mit Stalins Weltherrschaftsträumen. Auch wenn Hitler den Zweiten Weltkrieg verloren hat, er hat sein Ziel erreicht: Der Bolschewismus erreichte sein Ziel nicht. Er konnte Europa nicht unterwerfen und damit war die Weltrevolution ein für alle Mal gestoppt, der Marxismus war somit ab dem 22.6.1941 im Koma, wie Suworow selbst schreibt. Am Leben erhalten wurde er jedoch bis in Jelzins Zeiten, so Suworow, nur mit Hilfe der "nützlichen Idioten" des Westens.

Stalin wußte, daß Hitler seine Pläne durchkreuzt hatte, und er ahnte, daß Hitler dem Kommunismus den Todesstoß versetzt hatte. Das ist der Grund, warum sich Stalin nach Kriegsende weigerte, in Moskau die Siegesparade abzunehmen, die zu seinen Ehren abgehalten wurde.

Das jedenfalls behauptet Suworow. Ohne die von ihm in seinem Buch reichlich zitierten Quellen zu kennen, kann man dies als Leser natürlich nicht überprüfen. Aber die Steinchen fügen sich zu einem Mosaik. Man kann also glauben oder nicht glauben. Zum Erwerben des Wissens fehlt aber die Möglichkeit der öffentlichen Diskussion, denn da schlügen die Gutmenschen wohl mit der Faschismuskeule und gerichtlicher Verfolgung zu ("Verharmlosung").

Es kann aber derzeit noch niemand daran gehindert werden, sich ein Exemplar des Buches zu beschaffen und nach gründlicher Lektüre und Diskussion im Freundeskreis zu einem Weltbild zu kommen, das möglicherweise der Realität entsprechen kann.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 4(3&4) (2000), S. 438f.


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