Bücherschau

Verbotene Liebe

Von Ernst Gauss

Ebba D. Drolshagen, Nicht ungeschoren davongekommen. Das Schicksal der Frauen in den besetzten Ländern, die Wehrmachtssoldaten liebten, 2. Auflage, Hoffmann und Campe, Hamburg 1998, 271 S., gb., DM 39,80 / Taschenbuch: Econ-Ullstein-List, München 2000, DM 16,90

Das hier besprochenen Buch ist politisch korrekt. Das muß vorab festgestellt werden. Aber ich habe mich entschlossen, darüber den Mantel des Schweigens zu breiten, denn dieses Buch ist ein gutes, ein notwendiges, ein herzzerreißendes Buch, und das macht mich tolerant und nachsichtig ob der historischen Fehler, die bei einem solchen Buch in unserer Zeit wohl immer zu finden sein werden.

Es ist dies ein Buch über die Liebe, die nicht sein durfte. Es ist ein Buch über die Liebe zwischen westeuropäischen Frauen und gutaussehenden jungen deutschen Männern in schmucken Uniformen. Und es ist dies ein Buch über das Unrecht, daß bei und nach Kriegsende von den "befreiten" Völkern an diesen Frauen begangen wurde, die des Verrats am Volke bezichtigt, öffentlich verhöhnt und über Jahrzehnte, manchmal bis zum heutigen Tage, sozial ausgegrenzt wurden.

Ebba Drolshagen beleuchtet die Nachkriegsschicksale von Frauen, die der "sexuellen Kollaboration" verdächtigt wurden. Sie spricht über das Unrecht an Frauen, die bestraft wurden, weil sie einen deutschen Mann liebten. Sie spricht letztlich im anklagenden Ton einer mitfühlenden Frau über den europaweiten Antigermanismus im engeren, deutschen Sinne. Sie ist eine Revisionistin des Herzens.

War es nicht auch deutschen Frauen in der Kriegszeit streng verboten, mit ausländischen Männern eine Beziehung einzugehen? Haben wir als Deutsche daher ein Recht zu klagen? Sicher, es mußten während des Krieges strikte Regeln herrschen, denn die vielen Millionen deutschen Männer, die an der Front ihr Leben riskierten, wären kaum dazu bereit gewesen, wenn es die deutsche Regierung erlaubt hätte, daß sich die Millionen vereinsamten deutschen Frauen und Fräuleins nun statt dessen mit Fremdarbeitern einließen. Derartige Umstände gab es in den deutsch-besetzen Ländern nicht, und daher ist ein Vergleich unfair (wenngleich er im Buch gemacht wird).

Dieses Buch zeigt eine Lücke in der Geschichtsschreibung auf, und weist zugleich auf eine Amnesie der europäischen Nachkriegsgesellschaften hin. Nicht nur Deutschlands Nachbarländer können dieses Thema immer noch nicht emotionslos betrachten. Deutschland selbst hat es schwer, sich selbst, seine Soldaten und deren ausländische Kriegslieblinge, -bräute und -ehefrauen als Opfer anzusehen. Hierzulande werden die Soldaten fast ausschließlich als vergewaltigende Sexungeheur dargestellt. Dieses Bild stellt die Wirklichkeit nicht nur in bezug auf Westeuropa auf den Kopf, wie Frau Drolshagen aufzeigt, sondern auch in bezug auf Osteuropa, was sie aber noch nicht gelernt hat. Insofern steht sie selbst fassungslos vor dem radikalen Widerspruch zwischen ihren eigenen Forschungsergebnissen und dem ihr vermittelten Bild des deutschen Wehrmachtssoldaten (S. 27f.):

»Warum aber darf nur über das Furchtbare gesprochen werden, das die Deutschen taten, warum nicht darüber, daß in Norwegen oder Dänemark [die zwei hier untersuchten Länder] alte Menschen, selbst jene, die entschieden gegen die Deutschen waren, sagen, die Soldaten hätten sich gegenüber der Zivilbevölkerung "tadellos und korrekt" benommen […]

Das bedrohliche, Unverständliche, Unheimliche an "meinem" Thema ist aber gerade, daß der Zwanzigjährige, der in Dänemark oder auf den Kanalinseln eifrig, aufrichtig und offenbar mit Erfolg bemüht war, bei der Zivilbevölkerung einen guten Eindruck zu machen, sich nur wenige Wochen später in den besetzten Ostgebieten an den allgemein bekannten Verbrechen beteiligen konnte.«

Über die besetzten Ostgebiete aber hat Frau Drolshagen gar nicht geforscht. Sie folgt da nur den üblichen Klischees. Es wäre schön, wenn auch dort jemand über das Verhältnis der Zivilbevölkerung mit den adretten deutschen Soldaten eine Studie durchführte. Die vom NKWD nach der Rückeroberung der Gebiete angefertigten Dokumente sprechen nämlich auch hier eine ganz andere Sprache als die, die man uns immer vormacht (vgl. die Rezension der Bücher von A.E. Epifanow in VffG 1(4) (1997), S. 281).

Milde walten lassend möchte ich daher dieses Buch des sanften Revisionismus jedem ans Herzen legen, denn da kommt es her, und da gehört es auch hin.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(2) (2001), S. 225.


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