Die Wiege der Zivilisation am falschen Ort?

Von Wolfgang Pfitzner

Wir haben alle gelernt, daß die Wiege der Zivilisation im Nahen Osten stand, aber ein vorgeschichtliches Dorf im Süden Frankreichs deutet darauf hin, daß Europa mit diesem Anspruch konkurrieren kann.

"Kapitell" genannte Steinhütten in der Region Narbonne. Ihr Alter ist unbekannt, aber ihre Grundgeschosse ähneln den Fundamenten einer verblüffenden jungsteinzeitlichen Fundstelle in der gleichen Region.

Im November 1985 leitete Julia Roussot-Larroque, die Direktorin für geschichtliche Forschung an Frankreichs Nationalem Zentrum für wissenschaftliche Forschung CNRS (Centre National de Recherche Scientifique) eine Entdeckung, die sich als aufreibend erweisen sollte. Bei der Ausgrabung einer prähistorischen Fundstätte in der Provence, etwa 50 km nordöstliche von Marseille, wurden die Reste kleiner Steinhäuser ausgegraben, die so angeordnet waren, als ob sie an einer Straße liegen. Die Schwellen der Häuser bestanden aus massiven Platten. Höchst bemerkenswert waren die Knochen domestizierter Schafe, die zusammen mit Getreidekörnern gefunden wurden. Französische Wissenschaftler schlossen daraus, daß die Bewohner ein zuvor unbekanntes Volk waren, das die Megalith-Bauweise begonnen hatte. Die Getreidekörner und Tierreste wurden mit der Kohlenstoff-14-Methode auf 7000-6000 v.d.Ztr. datiert. Roussot-Larroque nannte diese Kultur "Cardial", nach einer Meeresmuschelart, die der häufigste Fund in den Küchenabfallhaufen dieses jungsteinzeitlichen Volkes war.

Anfang 1986 fand dann ein Team des CNRS heraus, daß die Cardial-Bevölkerung um -7000 in beträchtlicher Zahl auch Korsika erreicht und sich dort niedergelassen hatten. Sie hatten ihre Schafe mitgebracht, folglich mußten sie über Boote verfügt haben, mit denen man Menschen und Vieh 200 km über das Meer zwischen Korsika und der Côte d’Azur befördern konnte.

Auch auf Korsika hatten die Menschen des Cardial Megalithen errichtet. Megalith-Häuser und, wie man vermutet, "Tempel" und "Gräber" sind seit langem auf Sardinien, Sizilien, Malta, Kreta und Zypern bekannt. Diese Ruinen waren geheimnisumwoben. Wer hat sie gebaut und wann? Roussot-Larroques Entdeckung legte nahe, daß die Menschen des Cardial auf dem Festland Frankreichs die Megalith-Bauweise begonnen und auf die Mittelmeerinseln gebracht hatten, wie auch an die Atlantik-Küste der Bretagne und Englands. In Nordwesteuropa kulminierte sie ein paar Tausend Jahre später in Stonehenge und Carnac. Aber wer waren die Menschen des Cardial?

Die C-14-Datierungen des Cardial ergaben ein Alter von etwa -7000 und waren störend, weil sie so nahe bei den allerfrühesten jungsteinzeitlichen C-14-Datierungen aus dem Nahen Osten lagen. Getreide wurde in Jericho etwa um 6000-8000 v.d.Ztr. kultiviert. Domestizierte Rinder sind von der Fundstelle Çatal Hüyük in der Süd-Türkei von etwa 7000-8000 v.d.Ztr. belegt. Die frühen Radiokarbon-Daten der Menschen des Cardial machten in den wissenschaftlichen Zeitschriften Furore. Die neuen Daten wurden in die 1987-er Ausgabe der Geschichte Frankreichs von Larousse aufgenommen. Die Cardial-Datierungen verursachten nur deshalb kein dramatisches Aufsehen, weil sie immer noch ein wenig – ganz geringfügig – später lagen als der allgemein akzeptierte nahöstliche Ursprung der "Neolithischen Revolution".

Dann wurde der syrische Fundort bei Jerf el-Ahmar entdeckt und ausgegraben (1996-1998). Die der traditionellen Denkweise verhafteten Archäologen atmeten voller Erleichterung auf: Die C-14-Datierungen von Jerf el-Ahmar lagen beruhigenderweise bei -9000, überstiegen also Jericho und Çatal Hüyük und schoben einen etwas größeren Zeitraum zwischen das Cardial und die nahöstliche Jungsteinzeit.

Aber es gab ein Problem. Jerf el-Ahmar gab auch Piktogramme frei, mit »Botschaften, die mehrere Jahrtausende vor die Erfindung der Schrift zurückgingen«, wie eine CNRS-Meldung vom Januar 1999 besagte. Was spielte sich da ab? Die Archäologen fühlten sich unwohl, aber mit den syrischen C-14-Datierungen konnte die Theorie aufrecht erhalten werden, daß die Menschen des Cardial aus dem Nahen Osten gekommen waren und sich dann auf die Mittelmeerinseln, zur französischen Mittelmeer-Küste und schließlich zur Atlantik-Küste Nordwest-Europas ausgebreitet hatten. Eine CNRS-Landkarte (vom Januar 1999) über die Cardial-Wanderrouten veranschaulichte diese angenommene Route und Richtung. Die entscheidenden Neuerungen des Ackerbaus und der Domestizierung von Tieren und die Begründung der Zivilisation konnten weiterhin dem Nahen Osten zugeschrieben werden.

Ausgrabungen stein- und bronzezeitlicher Siedlungen in Südfrankreich.

http://www.avcommunication.fr/lapartens.htm

Aber das gilt nicht mehr. Im August 1999 erfolgte eine Entdeckung, die noch so neu ist, daß sie noch nicht in den wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht wurde, ganz zu schweigen von der allgemeinen Presse. Ein CNRS-Team grub einen vorgeschichtlichen Fundort bei Viols-le-Fort aus, etwa 60 km Luftlinie nördlich von Narbonne. Sie fanden die bereits bekannten Kardial-Steinhäuser mit Eingängen im Megalith-Stil und kultiviertes Getreide und Schafsknochen. Das Alter? 2000 Jahre vor jeglichem Anzeichen der Jungsteinzeit in Kleinasien oder Palästina: 10.000 v.d.Ztr. Diese Neuigkeit wurde der Welt durch Gérard Bardon mitgeteilt, dem Herausgeber des L’Almanach du Languedoc, der über die Viols-le-Fort-Ausgrabungen berichtete und der enge Beziehungen zu dem CNRS-Team unterhielt. Bardon erhielt rechtzeitig die Bestätigung der C-14-Datierungen, um sie in die 2000-er Ausgabe seines L’Almanach du Languedoc aufnehmen zu können, der im Oktober 1999 in Druck ging.

Blockbauweise der Jungsteinzeit, hier etwa 4000 vor Christi Geburt.

Steinbauten mit derselben Art Grundriß wie in Viols-le-Fort sind noch in Rennes-le-Château in der gleichen Gegend erhalten, und werden von der örtlichen Bevölkerung als "Kapitell" bezeichnet. Ihr Alter ist unbekannt.

Im Juni 2000 war eine CNRS-Erklärung über die Datierung des Fundorts von Viols-le-Fort geplant, sie wurde aber verschoben. Wenn die Datierung öffentlich bestätigt wird, muß die herkömmliche Auffassung über die Entwicklung der Zivilisation dramatisch geändert werden. Anstelle der üblichen "Ex Oriente Lux"-These über Anfang und Ausbreitung der Zivilisation legt Viols-le-Fort nahe, daß viel, oder womöglich sogar das meiste Licht der Zivilisation aus dem Westen gekommen sein könnte.

Archäologen vom CNRS haben jetzt entdeckt, daß die erstaunliche jungsteinzeitliche Cardial-Kultur ursprünglich anscheinend in einem Radius von 100 km um Narbonne verbreitet war. Diese Region, die als Narbonnais bekannt ist, bildet ein fächerförmiges Tiefland um das Mittelmeer. Im Norden und Westen ist das Schwarze Gebirge und das Zentralmassiv. Im Süden liegen die zerklüfteten und unwirtlichen Pyrenäen. Sie drängen das Flußsystem von Garonne und Aude bei Carcassonne zusammen, von wo aus sich das Narbonner Tiefland bis zur Mittelmeerküste ausbreitet.

Auch die Fundorte Pech Maho und Ensérune liegen im Gebiet Narbonne. Sie wurden zwischen 1954 und 1979 ausgegraben und auf 600 v.d.Ztr. datiert, weil an beiden Stellen Buchstaben-Schriften entdeckt wurden. Zwar waren sowohl die Schrift wie auch die Sprache von Pech Maho und Ensérune zuvor unbekannt, aber das "Ex-oriente-lux"-Dogma war so stark, daß jede frühe Schrift in Westeuropa automatisch einer Zeit um 600-800 v.d.Ztr. zugeordnet wurde. Je näher sie dem Nahen Osten war, um so älter durfte sie sein (bis höchstens -1600). Jetzt werden aber alle diese Schriften sorgsam "von neuem untersucht". Möglicherweise gehen diese seltsamen alphabetischen Inschriften bis -9000/-10.000 v.d.Ztr. zurück, angesichts der nahegelegenen Cardial-Fundorte und der geheimnisvollen, auf -9000 datierten Schrift von Jerf el-Ahmar.

Stammen die jungsteinzeitlichen Errungenschaften des Ackerbaus, der Tierhaltung und des Lebens in Siedlungen aus Westeuropa? Könnte sogar die Buchstaben-Schrift aus dem Westen kommen? Wenn ja, dann wird in den nächsten Jahren unsere Vorstellung über die Frühgeschichte durch eine grundlegende Neubewertung der westlichen Zivilisation erschüttert werden.


Basierend auf einem Bericht der National Post vom 5.7.2000


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(2) (2001), S. 203f.


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