Bücherschau

Versuch einer Ehrenrettung für die deutsche Wehrmacht

Von Werner Rademacher

Walter Post, Die verleumdete Armee. Wehrmacht und Anti-Wehrmacht-Propaganda, Pour le Mérite, Selente 1999, 318, S. gb., DM 49,80

Seit die Anti-Wehrmachtsausstellung der Linksextremisten Hannes Heer und Philipp Reemtsma mit wohlwollendem Presse-Tamtam durch die Lande zog, gab es immer wieder Stimmen, die nach einer sachgerechten und umfassenden Widerlegung dieser Ausstellung riefen. Es kam dann auch zu einigen Veröffentlichungen, jedoch hatten sie entweder eher einen ideologischen Hintergrund, oder sie blieben vielfach nur an der Oberfläche. Das mag einerseits daran liegen, daß das Thema nicht auf die Schnelle abgehandelt werden kann, weshalb Schnellschüsse fehlgehen mußten, andererseits aber auch daran, daß man bei der Behandlung dieses Themas das reich bestückte Minenfeld der politischen Correctness betritt, die nicht Ruhmesblätter verspricht, sondern soziale Ausgrenzung und gar strafrechtliche Verfolgung. Welcher professionelle Historiker, die fast alle am staatlichen Tropf hängen, würde sich darauf schon einlassen?

Dr. Walter Post ist einer der wenigen mutigen und zugleich sachkundigen deutschen Historiker, die als Kandidaten für eine solche Aufgabe in Frage kommen, und er hat unsere Hoffnung nicht enttäuscht.

Nach einer kurzen Einleitung über die Gründe, warum die Geschichtsschreibung über die deutsche Wehrmacht in den letzten Jahrzehnten zunehmend nach links abdriftete (vor allem durch Messerschmidt und seine Anhänger im MGFA), erläutert Post zunächst die wichtigsten Thesen der Anti-Wehrmachtsausstellung, ohne sie selbst zu analysieren.

Als wichtigste und unerläßliche Grundlage jeder Diskussion über die Kriegführung der Wehrmacht legt Post sodann das Kriegsvölkerrecht zur Zeit des Zweiten Weltkrieges dar, ein Faktor, auf den in der öffentlichen wie auch in weiten Bereichen der fachlichen Diskussion entweder aus Unkenntnis oder mit ideologischer Absicht kaum eingegangen wird. Schon diese 16-seitige rechtliche Einführung legt so ziemlich die ganzen Voraussetzungen der Anti-Wehrmachtsausstellung in Trümmer, die praktisch in jeder Handlung der Wehrmacht ein Verbrechen sieht, ohne sich um auch nur eine Sekunde um das Recht zu kümmern.

Nach einer kurzen Darlegung der weithin unbekannten Tatsache, daß die Wehrmacht im wesentlichen sogar von den inquisitorischen Nachkriegs-Schautribunalen der Sieger freigesprochen wurde, widmet sich Post anschließend den Befehlen der deutschen Führung für den Feldzug gegen die Sowjetunion. Hier werden nach einer kurzen Erläuterung zum Grund für diesen Feldzug die wichtigsten Befehle diskutiert, für die die Wehrmacht in der Heer’schen Ausstellung wie allgemein in der Öffentlichkeit und in der Literatur angegriffen wird. Dem Uneingeweihten mag neu sein, daß die meisten dieser Befehle gar nicht im Widerspruch zum Kriegsvölkerrecht waren, daß die harschesten davon von der Wehrmachtsführung nicht beachtet wurden, und daß sie wegen Nichtdurchführbarkeit und negativen propagandistischen Auswirkungen bald zurückgenommen wurden.

Verständlich werden die deutschen Maßnahmen natürlich erst, wenn man sie im Kontext der sowjetischen Kriegführung sieht, was Dr. Post anschließend unternimmt, wobei er es auch nicht unterläßt darzulegen, daß die Westalliierten während des Koreakrieges erkennen mußten, wie falsch sie mit ihrer Beurteilung der deutschen Maßnahmen im Krieg gegen die Sowjetunion lagen, sahen sie sich doch nun selbst einem Partisanenkrieg gegenüber, der sie zu ähnlichen Maßnahmen zwang.

Anschließend analysiert Dr. Post die Thesen der Anti-Wehrmachtsausstellung, wobei Themen wie der Partisanenkrieg in der UdSSR und Serbien, das Verhältnis der Wehrmacht zu den Einsatzgruppen, die Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen in deutschem Gewahrsam und die deutsche Wirtschaftspolitik in den besetzten Gebieten behandelt werden.

Posts Ausführungen zur Wirtschaftspolitik der deutschen Besatzungsmacht in den besetzten Teil der UdSSR ist dabei mein Lieblingsthema. Bereits 1997 hat Dr. Post dazu einen Beitrag geleistet, der mich schon damals faszinierte, und den ausgeweitet zu sehen mich sehr gefreut hat (vgl. »Die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg«, in Joachim F. Weber (Hg.), Armee im Kreuzfeuer, Universitas, München 1997, S. 125-147).

Die Tatsache allein, daß Deutschland in der UdSSR so etwas wie einen Marshall-Plan zum Wiederaufbau der Ukraine und Rußlands durchführte, ist so wenig bekannt und so aufregend zugleich, daß ich mir hierzu eine ganze Monographie wünschte, die nicht nur auf die wirtschaftlichen Rahmendaten eingeht, sondern vielmehr die gesamte deutsche Besatzungspolitik umfaßt. In dieser Thematik steckt dermaßen viel revisionistischer Sprengstoff, daß sie allein eine ungeheure Wirkung entfalten kann.

Im letzten Teil seines Buches behandelt Dr. Post konkrete Fälle von fehlinterpretierten Schrift- und Bilddokumenten, wie sie in der Anti-Wehrmachtsausstellung gezeigt wurden und womöglich in naher Zukunft auch wieder werden. Der Umfang der Nachforschungen, die von Dr. Post zur Widerlegung und Richtigstellung von Heers und Reemtsmas konkreten Irrtümern und Lügen aufgewandt wurde, ist dabei besonders beeindruckend. Dies macht diesen Abschnitt wahrscheinlich zum wichtigsten im ganzen Buch, lassen sich doch mit Posts Forschungsergebnissen womöglich auch noch die letzten Unwissenden und Verblendeten überzeugen, daß mit Heer und Co. etwas grundlegend nicht in Ordnung ist – wenn sie denn überhaupt überzeugt werden wollen. Aber gegen den ideologischen Triebtäter hilft auch das beste wissenschaftliche Argument nicht, und darin mag die wahre Crux der ganzen Debatte liegen, denn obwohl dieses Buch ein so fundamentales Werk ist, wird es dennoch von den Medien im wesentlichen totgeschwiegen – aus ideologischem bösen Willen.

Dr. Posts Werk gehört zu jenen, die zu Recht die Bezeichnung "Standardwerk" verdienen, verblassen doch all die anderen gegen Heer und Reemtsma in Stellung gebrachten Bücher neben diesem systematisch aufgebauten, wohlfundierten und umfassenden Werk. Wer zum Thema Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg erfolgreich diskutieren und argumentieren will, kann auf dieses Buch nicht verzichten.

Einen Schwachpunkt freilich hat das Buch, und zwar Dr. Posts Behandlung der Einsatzgruppen. Hier schreibt er kritiklos von den Historikern des Establishments ab. Sogar hinsichtlich der angeblichen Massenmorde von Babi Jar, die schon von Dr. Joachim Hoffmann unbeschadet als zweifelhaft bezeichnet wurden, gibt Dr. Post die alten Märchen kritiklos wieder. Wir wissen, daß er es besser weiß. War es wirklich nötig, ohne Not hinter die Linie zurückzutreten, die von Dr. Hoffmann so mühsam erkämpft wurde? Meint er wirklich, er könne sich damit irgend welche Sympathien erkaufen? Oder ist Dr. Posts Verleger weniger mutig als Dr. Fleissner, der Dr. Hoffmanns Buch verlegt?


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(2) (2001), S. 228f.


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