Aus der Forschung

Falsche Erinnerungen im Disneyland

Von Ronald Reeves

Wie einfach man Menschen falsche Erinnerungen einpflanzen kann, haben jüngst wieder einmal drei Forscher aus den USA demonstriert. Und um es dem etwas einfacher veranlagten amerikanischen Otto Normalverbraucher auch klar zu machen, nahm man als Kulisse das allseits beliebte Disneyland. Der folgende Bericht dazu wurde dem Internet entnommen:[1]


Etwa ein Drittel der Personen, denen eine gefälschte Druckanzeige vorgelegt wurde, in denen ein Besuch im Disneyland beschrieben wird und wie sie dort Bugs Bunny trafen und ihm die Hand gaben, sagten später, sie erinnerten sich daran oder wüßten zumindest, daß es geschah. Das in der Anzeige beschriebene Ereignis fand niemals statt, da Bugs Bunny eine Zeichentrickfigur von Warner Bros. ist, die niemals auf irgendeinem Gelände der Walt Disney Co. dargestellt würde, so die Gedächtnisforscher Jacquie Pickrell und Elizabeth Loftus von der Universität Washington. Pickrell trug zu diesem Thema am 17. Juni 2001 während des Jahrestreffens der American Psychological Society (APS, Amerikanische Psychologische Gesellschaft) in Toronto vor und am 13. Juni 2001 bei der Society for Applied Research in Memory and Cognition (Gesellschaft für angewandte Gedächtnis- und Erkenntnisforschung) in Kingston, Ontario.

Pickrell, ein Psychologie-Doktorand an der Uni Washington, führte dazu aus:

»Das Erschreckende an dieser Studie ist, daß sie nahelegt, wie einfach eine falsche Erinnerung geschaffen werden kann. Es geht nicht nur um Personen, die zum Therapeuten gehen und dort eine falsche Erinnerung implantiert bekommen können, oder um jene, die einen Unfall miterleben und deren Gedächtnis anschließend verzerrt werden kann. Erinnerungen sind verletzlich und formbar. Die Leute sind sich oft nicht dessen bewußt, was sie aufnehmen. Diese Studie zeigt die machtvolle Wirkung, die subtile Assoziationsänderungen auf das Gedächtnis haben.«

Diese Untersuchung ist ein Nachfolgeprojekt einer bisher unveröffentlichten Studie von Frau Loftus, Professorin für Psychologie an der Uni Washington, die am 17.6.2001 von der APS deren William-James-Fellow-Preis für psychologische Forschung erhielt, zusammen mit Kathryn Braun, einer Gastdozentin der Harvard Business School, Rhiannon Ellis, einer vormaligen Studentin der Uni Washington und jetzigen Doktorandin an der Uni Pittsburgh. In der Originalstudie dachten 16% der Personen, denen zuvor eine Anzeige von Disneyland mit einer Bugs-Bunny-Figur darauf gezeigt wurde, daß sie diese Zeichentrickfigur wirklich gesehen und getroffen hätten.

In dem neuen Projekt unterteilten Pickrell und Loftus die 120 Versuchspersonen in vier Gruppen. Allen wurde gesagt, sie sollten eine Anzeige auswerten, einige Fragebögen ausfüllen sowie Fragen über einen Besuch im Disneyland beantworten.

Im dritten Fall, also der Bugs Gruppe, gaben 30% aller Versuchspersonen an, sie erinnerten sich oder wüßten zumindest, daß sie Bugs Bunny trafen, als sie das Disneyland besuchten, und von den Versuchspersonen aus der Doppeleinwirkungsgruppe waren es 40%. Prickrell erläutert:

»"Erinnern" bedeutet, die Person hat tatsächlich eine Erinnerung an dieses Treffen und an das Händeschütteln. "Wissen" heißt, daß sie keine wirkliche Erinnerung daran haben, sich aber sicher sind, daß es geschah, so wie sie ja auch keine Erinnerung daran haben, wie ihre Nabelschnur nach der Geburt durchschnitten wurde, aber auch diesbezüglich wissen, daß es geschah.

Die Schaffung falscher Erinnerungen ist ein Vorgang. Wenn jemand sagt "Ich weiß, daß es hätte passieren können", dann geht er den ersten Schritt zur Schaffung einer Erinnerung. Und wenn man wirklich glaubt, man sei zu Bugs Bunny gegangen, dann hat man eine Erinnerung.«

Laut Pickrell gibt es zudem ein Problem durch die Folgen falscher Erinnerungen, den sogenannten Welleneffekt. Versuchspersonen, die der gefälschten Anzeige ausgesetzt waren, tendierten eher dazu, Bugs Bunny auch noch mit anderen Dingen im Disneyland in Zusammenhang zu bringen, die in der Anzeige gar nicht suggeriert worden waren, wie etwa daß man Bugs zusammen mit Mickey-Maus oder daß man Bugs während der elektrischen Hauptstraßenparade gesehen habe.

Pickrell führte weiter aus:

»Uns interessiert, wie die Menschen ihre autobiographischen Referenzen, also ihr Gedächtnis schaffen. Durch diesen Prozeß verändert sie womöglich ihr eigenes Gedächtnis.

Die nostalgische Werbung funktioniert auf ähnliche Weise. Hallmark, McDonalds und Disney haben alle sehr effektive nostalgische Werbekampagnen, die die Kaufgewohnheiten der Leute ändern können. Zwar mag der letzte Besuch im Disneyland oder bei McDonalds ein gar nicht so großartiges Erlebnis gewesen sein, aber die Werbung mag dennoch den Eindruck schaffen, daß die Zeit wunderbar war, was das Gedächtnis des Betrachters beeinflussen kann. Wenn es Anzeigen möglich ist, den Menschen glauben zu machen, sie hätten ein Erlebnis gehabt, daß tatsächlich nie stattfand, so demonstriert dies deren Macht.

Das Ergebnis unserer Studie ist, daß die gefälschte Anzeige den Unterschied ausmacht. Lediglich beiläufig einen Bugs Bunny Comic zu lesen oder andere zufällige Eindrücke lassen einen nicht glauben, man habe Bugs getroffen. Die Anzeige tut das.«


In früheren Arbeiten hat sich Prof. Loftus noch vorwiegend auf den Einfluß echter oder erfundener traumatischer Erlebnisse auf das Gedächtnis konzentriert.[2] Diese neue Studie zeigt, wie die Erzeugnisse von Medien, die in die eigene Erlebniswelt eingreifen, manipulierend wirken. Offenbar ist die Veränderung des menschlichen Gedächtnisses durch die Medien noch stärker als durch in Interviews suggerierte Ereignisse. Während noch nicht einmal 20% aller Versuchspersonen nach zwei suggestiven Interviews die falschen Informationen als eigene Erlebnisse ausgaben,[3] reichte es im obigen Fall schon, die Probanden einmal ausgiebig einer gefälschten Anzeige einer als seriös angesehenen, allseits bekannten Firma auszusetzen, um 30-40% aller Gedächtnisse zu verformen.

Dies mag das Vertrauen widerspiegeln, das viele Menschen in die Medien haben, worin auch Werbung mit eingeschlossen ist, solange sie von vertrauenswürdigen, allseits bekannten Firmen stammt, zumal ja Werbung heute in vielen Fällen schon den Hauptteil jeder Medienveröffentlichung ausmacht, so etwa in Zeitungen und Zeitschriften.

Was aber, wenn 60 Jahre lang Tausende von "hochseriösen" Medien einen Dauerregen von einseitigen und verfälschten Informationen zum Holocaust auf alle jene herabrieseln lassen, die "dabei" waren? Welche Zuverlässigkeit kann man solchen Zeugnissen dann überhaupt noch beimessen? Was sind daher all jene Projekte wert, die seit einigen Jahren die "Zeugnisse" der "Überlebenden" auf Tonband und Video aufnehmen?[4]


Anmerkungen

[1]http://unisci.com/stories/20012/0613011.htm
[2]Vgl. D. Irving, »Falschzeugen«, VffG 1(1) (1997), S. 41; G. Rudolf »Falsche Erinnerungen überall - nur nicht in der Zeitgeschichte«, VffG 2(3) (1998), S. 214-217.
[3]Vgl. G. Rudolf, ebenda.
[4]Vgl. G. Rudolf, »"Wissenschaftler" am Werk«, VffG 1(3) (1997), S. 190.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(2) (2001), S. 223f.


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