Bücherschau

Israels Rückfall ins tiefste Mittelalter

Von Lennard Rose

Israel Shahak, Norton Mezvinsky, Jewish Fundamentalism in Israel, Pluto Press, London/Sterling, VA, 1999, 176 S. pb, $17,95

Israel Shahak hat wieder einmal zugeschlagen! Schon sein erstes Buch zeichnet sich durch einen Tabu-Bruch ungeheurer Tragweite aus, da darin die unmoralischen jüdischen Religionsgesetze angeprangert und als eine wichtige Ursache für den Jahrtausende alten Antisemitismus genannt werden (vgl. die Besprechung in VffG 1/2000, S. 105ff.).

Sein zweites Buch ist wesentlich aktueller, den es widmet sich der Frage, inwieweit die in seinem ersten Buch besprochene jüdische Amoral die heutige israelische Gesellschaft beeinflußt. Ursache dieser Studie von Shahak und Mezvinsky war der Mordanschlag auf den seinerzeitigen israelischen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin, der das Problem des jüdischen Fundamentalismus für kurze Zeit ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit rückte.

Religiöser Fundamentalismus ist ein soziales Phänomen, daß durchaus nicht auf das Judentum beschränkt ist, wie die Autoren richtig bemerken. Der fundamentalistische Islam eines Ayatollah Khomeini steht in seiner Intoleranz gegenüber anderen Religionen und Kulturformen dem jüdischen Fundamentalismus nicht weit nach, und auch der staatlich verordnete mittelalterliche christliche Fundamentalismus war nicht gerade zurückhaltend, wenn es um die Verfolgung von Heiden, Juden und Häretikern ging.

Das besondere des israelisch-jüdischen Fundamentalismus ist aber, daß er in einer äußerlich westlich-modernen Gesellschaft existiert, und daß er sich – im Gegensatz zu anderen Religionen – zumindest partiell rassisch definiert. Im Mittelalter konnte ein Moslem der Verfolgung durch die Christen entgehen, indem er konvertierte, und genauso können heute Christen im Iran der Unterdrückung entfliehen. Ein in Israel lebender arabisch-islamischer Palästinenser allerdings wird von den meisten jüdischen Fundamentalisten nie als Jude akzeptiert, da diese das Judentum auf die Abstammung zurückführen, was eine Konvertierung ausschließt.

Shahak und Mezvinsky bringen in ihrem neuen Buch erneut viele Beispiele archaischer Moralvorstellungen, wie etwa daß ein nichtjüdisches Kind, daß einen Juden mit einem Stein bewirft, getötet werden müsse (S. 77) – daher die SKKK = serienmäßige koschere Kinder-Killer –, daß das Töten von Nichtjuden kein Mord sei (S. 99f.) usw. Ich gehe hier nicht weiter ins Detail dieser unglaublich perversen jüdisch-fundamentalistischen Moralvorstellungen, über die sich Shahak und Mezvinsky selbst ausgiebig erzürnen.

Wichtiger jedoch als diese Feststellungen ist die Frage, welchen Stellenwert und Einfluß der Fundamentalismus in Israel hat. Den Autoren folgend bekennen sich etwa 10-15% aller israelischen Juden zu der einen oder anderen Form dieses Fundamentalismus, und weitere 35-40% sind zwar keine praktizierenden orthodoxen Juden, sind deren Ansichten und Forderungen jedoch mehr oder weniger sympathisch gesonnen. Dem gegenüber stehen die säkularisierten Juden, die dem Fundamentalismus skeptisch oder gar feindlich gegenüberstehen. Sie machen etwa die Hälfte der israelischen Juden aus. Demgemäß stehen sich in Israel etwa zwei gleich starke, antagonistische Gruppen gegenüber. Shahak bezeichnet sie als Israel A und Israel B.

Besorgt sind die beiden Autoren über den wachsenden Einfluß, den die jüdische Orthodoxie ihrer Ansicht nach in Israel erringt. Dies erfolgt einerseits durch den gezielten Ausbau von Bildungseinrichtungen, mit denen diese Gruppen ihren Nachwuchs sicherstellen und streng ideologisch ausrichten, und andererseits durch die ungeheure Disziplin und Zielstrebigkeit, mit der sie ihre gesellschaftlichen und politischen Ziele verfolgen, wodurch sie sich einen überproportionalen Einfluß sicherstellen.

Erschreckend sind die Enthüllungen der beiden Autoren über die Solidarität, die der Orthodoxie praktisch von allen Seiten des politischen Spektrums und von praktisch allen Medien zuteil wird, selbst wenn es sich um himmelschreiendes Unrecht handelt. Dies fängt bei der Verteidigung des Ausbaus der jüdischen Siedlungen in palästinensischem Land an und endet bei der Bewunderung für den Massenmörder Baruch Goldstein, der am 25.2.1994 in Hebron 29 unbewaffnete, betende Moslems in einer Moschee kaltblütig von hinten erschoß, frei nach dem Motto, daß es sich bei Nichtjuden ja nicht um Menschen, sondern um Dreck handele:

»Mir tun nicht nur tote Araber leid, sondern auch tote Fliegen« (S. 100)

Israels Präsident Weizmann stellte sicher, daß das Begräbnis Goldsteins ehrenvoll vonstatten ging, daß die Armee einen Begräbnisumzug durch das arabische Viertel von Hebron absicherte, und die israelische Armee stellte sogar eine Ehrenwache für Goldsteins Grab, das sich zu einer Art Wallfahrtstätte entwickelt hat (S. 101).

Sollte sich Israel weiter auf diesem Pfad hin zum Fundamentalismus entwickeln, so befürchtet Shahak, daß dieser Staat bald in eine totalitäre Theokratie nach dem Muster des Iran umgewandelt wird, in der die Juden der Juden schlimmste Unterdrücker sind, wie sie es schon einmal waren in den selbsterrichteten Ghettos in Osteuropa unter der Knute tyrannischer Rabbis im späten Mittelalter bis hin ins frühe 19. Jahrhundert.

Interessant sind auch Shahaks Ausführungen, die er seinem Buch anstatt einer Bibliographie beigefügt hat, wo er erläutert, warum die oben genannten Dinge im Westen praktisch unbekannt sind: Zwar gibt es in Israel eine ganze Menge Literatur, die sich kritisch mit dem jüdischen Fundamentalismus auseinandersetzt, jedoch wird diese kaum in westliche Sprachen übersetzt. Die wenigen Übersetzungen, die angefertigt werden, sind oft so gehalten, daß alles, was dem Ansehen Israels oder der Juden schaden kann, ausgelassen oder umgeschrieben wird. Nicht anders verhält es sich mit genuin westlicher Literatur. Auch diese blendet die für den jüdischen Staat und insbesondere für die jüdische Orthodoxie unbequemen Fakten überwiegend aus oder verschleiert Ursachen und Zusammenhänge. Dies erfolgt entweder aus falsch verstandener Solidarität gegenüber dem jüdischen Staat und den Juden allgemein (schließlich muß man gegenüber den Opfern von damals ja Milde walten lassen…), oder schlicht aus Angst, man könne des Antisemitismus bezichtigt werden.

Auch dieses Buch verdient es, ins Deutsche übersetzt zu werden.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(2) (2001), S. 230f.


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