Jagd auf Germar Rudolf, Teil 3

Von Dipl.-Chemiker Germar Rudolf

(Zur vorhergehenden Folge)

Dieser Beitrag über die Menschenjagd auf einen deutschen Dissidenten fügt sich an den im Heft VffG 1/2001 abgedruckten Beitrag an. Auch hier haben wir wieder aus Sicherheitsgründen sowie zur Wahrung der Privatsphäre einige Personen- und Ortsnamen geändert. Den Lesern sei empfohlen, aus dem zuvor wie auch hier geschilderten keine Rückschlüsse auf den momentanen Aufenthaltsort Rudolfs sowie seine momentanen Lebensumstände zu schließen, da alles in ständigem Fluß ist.


Willkommen in Amerika!

Zumindest weiß ich jetzt, daß nichts über mich in den US-Datenbanken vorhanden ist. Man muß immer die positive Seite sehen!

Am nächsten Morgen erhalte ich eine dramatische Email meiner Frau aus Deutschland: Sie hat einen Moralischen, sie hat Heimweh nach England und wünscht sich die Zeit mit mir zurück. Das wirft mich gleich in eine kleine Depression. Zusammen mit unseren Kindern sind es jetzt vier Leute, die Heimweh nach England haben…

Einige Tage danach fahre ich mit Bob Countess zu meinem zukünftigen Einwanderungsanwalt. Wie sich herausstellt, ist er Muslim und persönlich sehr an meinem Schicksal und meiner Tätigkeit interessiert. Allerdings hat er gleich die erste schlechte Nachricht: Ich hatte recht, daß ich meinen Visa-Waiver nicht in eine andere Aufenthaltsberechtigung umwandeln kann. Das wird noch für einige Komplikationen sorgen, aber ich solle mir darum jetzt noch keine Sorgen machen, denn es gibt immer Wege, um derartige Probleme zu lösen.

Mitte Dezember fahre ich dann per Greyhound Bus nach Cincinnati, um mich dort einzurichten und meine Verlagstätigkeit im Rahmen von Castle Hill Publishers wieder aufzunehmen und mit Catherine zusammen den Aufbau des US-Verlages voranzutreiben. Es geht konkret zunächst darum, das Buch Grundlagen zur Zeitgeschichte auf Englisch herauszubringen. Das Buch spukt nun schon seit 1996 auf meiner Festplatte herum, und es wird höchste Zeit, es endlich zu veröffentlichen. Allerdings stellt sich alles als nicht ganz so einfach heraus, denn mein ganzes Hab und Gut ist noch irgendwo in England, denn durch allerlei Kommunikationsschwierigkeiten hervorgerufen, verzögert sich die Verschiffung.

Im Januar wird dann David Irving plötzlich massiv. Er meint gegenüber Catherine, daß er mich für sein anstehendes Gerichtsverfahren brauchen würde, aber daß meine alte Email offenbar nicht mehr gültig sei und es unmöglich sei, mit mir in Kontakt zu treten, da ich auch auf Briefe nicht antworte. Tatsächlich erhalte ich seinen Brief allerdings erst in der zweiten Januarwoche, als sein Prozeß gerade anfängt.

»Er hat seinen Paß verloren und läuft nun irgendwo in Europa herum wie ein kopfloses Huhn« meint Irving. Nun, er muß nicht alles wissen. Allerdings hat sich meine Haupt-Email-Adresse (chp@vho.org) nie geändert, und sie wurde auch nie deaktiviert. Womöglich ist sich David Irving nicht bewußt gewesen, daß www.vho.org und alle damit zusammenhängenden Email-Adressen letztlich mir gehören.

Seine Bitte, über Prof. van Pelts Expertise meine Expertenmeinung niederzuschreiben, nehme ich als willkommene Gelegenheit wahr, etwas Konstruktives zu tun, zumal ich hier in Cincinnati ohne jedewede Unterlagen und nur mit einem Backup meiner Computerdaten sitze. Wie soll ich da die nächste VffG-Nummer zusammenbringen?

Gegen Ende Februar ist mein Visa-Waiver dann abgelaufen, und mein Antrag für ein Arbeitsvisum ist noch nicht einmal eingereicht worden, da noch allerlei Unterlagen fehlen. Ich muß also entweder einen neuen Visa-Waiver bekommen, oder aber ein zeitlich begrenztes Arbeitsvisum bekommen. Solche Visa müssen allerdings im Heimatland beantragt werden, das heißt in meinem Fall Deutschland oder England. Alternativ, so mein Anwalt, könnte man versuchen, es in einem anderen Land zu beantragen, etwa in Kanada oder Mexiko.

Da kommt mir eine Idee: Bradley Smith von Codoh lebt doch in Mexiko, gerade auf der anderen Seite der US-Grenze. Und nicht weit davon befindet sich ein US-Konsulat. So wird es dann eingerichtet, daß ich einen Flug nach San Diego buche, um im US-Konsulat in Tijuana ein Arbeitsvisum für ein Jahr zu beantragen. Mein Anwalt nimmt mit den zuständigen Beamten bei der US-Einwanderungsbehörde Kontakt auf, um für mich eine Ausnahme zu erreichen, daß ich als EU-Bürger in Tijuana ein Visum erhalten kann, obwohl ich nicht in Mexiko wohne. Er meint, alles sei geregelt und ich solle mir keine Sorgen machen. Er gibt mir den Namen und die Telefonnummer eines Beamten im Konsulat in Tijuana, mit dem ich dort Kontakt aufnehmen soll, damit ich bevorzugt behandelt werde.

So fliege ich denn Ende Februar nach San Diego. Bradley holt mich vom Flughafen ab, und wir fahren beide nach Mexiko. Die Grenze zwischen den USA und Mexiko erinnert mich irgendwie an die ehemalige innerdeutsche Grenze. Doppelte Reihen hoher Zäune, Wachtürme, Streifen, gerodete Flächen dazwischen. Nur Selbstschußautomaten und Minenfelder gibt es hier wohl nicht. Und das Wohlstandsgefälle ist hier noch viel größer. Man kommt quasi vom Paradies in die Hölle. Die Innenstadt von Tijuana selbst ist nicht so übel, aber die Außenbezirke bestehen fast ausschließlich aus Slums. Bisher hatte ich das nur im Fernsehen gesehen. Und dann diese Landschaft: von der Sonne verbrannt, riesige Erosionskrater überall, und Dreck überall. Das ganze Land ähnelt einer einzigen großen Müllkippe.

Das letzte Bild der Familie Scheerer*, wenige Tage vor der Scheidung,
am schwarzen Lava-Sandstrand in Island im August 2000.

Bei Bradley angekommen sieht es dann nicht mehr ganz so übel aus. Er wohnt in einem relativ angenehmen Viertel. Allerdings riecht es überall nach Kohlefeuer.

»Das ist das Erdölkraftwerk hier um die Ecke. Seit zehn Jahren versprechen sie uns, daß endlich Filter eingebaut werden, aber daraus wurde bisher nichts. So spuckt es seinen Qualm und Ruß über die ganze Gegend« erläutert Bradley.

Am nächsten Tag geht es nach Tijuana, aber wir haben beide übersehen, daß dieser Montag ein Feiertag in den USA ist, weshalb wir unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen. Am nächsten Tag stellt sich dann heraus, daß die Vorbereitung meines Anwalts wohl doch nicht so gut war. Den Namen des Beamten, den er mir gab, kennt im Konsulat niemand, und die Telefonnummer ist auch ungültig. Zudem teilt man mir mit, daß man ohne Voranmeldung überhaupt nicht eingelassen wird. Der nächstmögliche Termine liege zudem erst in drei Wochen. Man gibt mir sodann eine Telefonnummer in den USA, von der sich dann herausstellt, daß man sie von außerhalb der Staaten gar nicht anrufen kann.

Das hat mein Anwalt ja fein vorbereitet. Jetzt soll ich also hier drei Wochen warten – mit nur zwei Garnituren Unterwäsche! Ich rufe ihn etwas aufgeregt an und bitte ihn, für mich diese Nummer anzurufen und zu versuchen, so bald wie möglich einen Termin festzulegen. Anschließend gehe ich auf Bradleys Terrasse hinaus. Bradley kommt zu mir.

»Du bist ja aschfahl im Gesicht. Ist Dir nicht wohl?« fragt mich Bradley.

»Ich fühl’ mich beschissen. Ich möchte ja niemanden verletzen, aber der pure Gedanke, daß ich hier unten in Mexiko enden könnte, macht mir Angst. Der Gedanke allein stürzt mich schon in eine tiefe Depression.«

»So schlimm ist es auch wieder nicht. Aber laß den Kopf nicht hängen. Es wird schon alles klappen«, versucht mich Bradley zu trösten.

Mein Anwalt scheint tatsächlich alle Hebel in Bewegung gesetzt zu haben und ruft mich schon eine Stunde später mit guten Nachrichten an. Es ist ihm angeblich gelungen, schon für den kommenden Donnerstag, also nur zwei Tage später, einen Termin für mich zu bekommen.

Am Donnerstag machen wir uns also wieder auf nach Tijuana, um für mich ein einjähriges Arbeitsvisum zu bekommen. Vor dem US-Konsulat bilden sich schon am frühen Morgen lange Schlangen einwanderungswilliger Mexikaner. Anstatt mich anzustellen, beschäftige ich mich allerdings erst einmal mit dem Formularkram. Erschreckt muß ich feststellen, daß sie auf dem Antragsformular für ein Arbeitsvisum ganz generell nach Verurteilungen zu Gefängnisstrafen fragen. Das kann ja heiter werden!

Aber immerhin scheint diesmal die Organisation zu funktionieren: Mein Name befindet sich auf der Liste derjenigen, die eingelassen werden können, und so bin ich schneller im Konsulat als erhofft. Zuerst macht man von mir ein Bild, und mit dem Bild, meinem Antragsformular und dem Einzahlungsschein der fälligen Gebühr gehe ich dann zum Schalter. So etwas hatte ich doch schon mal. Die Dame nimmt meinen Paß und meine Unterlagen. Sie scheint über die Passage mit meiner Vorstrafe zu stolpern und legt den Antrag erst einmal hin.

»Wohnen Sie hier in Mexiko?«, fragt sie mich.

»Nein, aber ich habe diesen Termin von der INS zugewiesen bekommen, damit ich hier ein Visum erhalten kann.«

»Warten Sie bitte, ich muß das mit meinem Chef klären«, meint sie daraufhin.

Nicht schon wieder!

Sie unterhält sich mit einer Vorgesetzten, ob sie befugt seien, mir als Nichtansässigem in Mexiko überhaupt ein Visum auszustellen. Ihre Chefin verneint es.

»Sie müssen ihr Visum im ihrem Heimatland oder dem Land, wo Sie Staatsbürger sind, beantragen, also in England oder Deutschland. Wir können das hier nicht tun.«

»Sie sind lustig, ich bin jetzt aber hier in Mexiko. Wie soll ich denn mal eben nach England oder Deutschland gehen? Ich habe noch nicht einmal vernünftiges Reisegepäck mit mir«, erwidere ich.

»Als Deutscher brauchen Sie doch noch nicht einmal ein Visum. Sie können doch an der Grenze einfach einen Visa-Waiver bekommen« versucht sie mich zu belehren.

»Ja, aber damit darf ich in den Staaten doch nicht arbeiten.«

Sie bleibt unbeeindruckt und drückt auf der letzten Seite meines Passes ihren Stempel ein. Ich schaue ihr fassungslos zu.

»Lehnen Sie meinen Antrag jetzt etwa ab? Kann ich denn dann überhaupt noch einen Visa-Waiver bekommen?« frage ich sie, bezugnehmend auf die Tatsache, daß man beim Ausfüllen des Visa-Waivers die Frage bestätigen muß, daß einem niemals ein Visumsantrag abgelehnt wurde.

»Nein, nein. Wir können ihren Antrag hier gar nicht bearbeiten. Sie gehen einfach zur Grenze runter und holen sich da einen Visa-Waiver und gehen damit in die Staaten.«

Na das lief ja wie geschmiert! Zurück in Bradleys Haus rufe ich meinen Anwalt an und berichte ihm das Vorgefallene. Er versucht mich zu beruhigen und legt mir nahe, am nächsten Tag einfach zur Grenze zu gehen und dem Rat der Dame vom Konsulat zu folgen. Das sei zur Zeit wohl wirklich der beste Weg, die Sache erst einmal zu bereinigen.

Am Tag darauf packe ich also meine kargen Habseligkeiten und ab geht’s zur Grenze. Bradley und ich diskutieren auf dem Weg zur Grenze, ob wir nicht einfach versuchen sollten, mich ohne alles über die Grenze zu bekommen

»US Bürger haben nämlich keine Ausweispflicht. Die müssen uns selbst dann reinlassen, wenn wir uns nicht ausweisen können.«

»Aber wie unterscheiden die dann US-Bürger von Nicht-US-Bürgern?«

»Zunächst am Aussehen. Europäer und Schwarze sind an der mexikanischen Grenze völlig unauffällig. Und dann kommt es freilich auf den Akzent an.«

»Nein, also laß das mal. Ich möchte auf keinen Fall irgend etwas tun, was illegal ist. Schließlich möchte ich mich in den Staaten ja nicht verstecken, sondern aktiv sein. Da würde es mir überhaupt nicht helfen, wenn ich illegal im Lande wäre.«

Kurz vor der Grenze richte ich dann ein Stoßgebet zum Himmel. Der Grenzer winkt uns durch, ohne auch nur irgend etwas zu fragen. Ich hindere Bradley aber daran, tatsächlich durchzufahren, und mache den Grenzer darauf aufmerksam, daß ich nicht US-Bürger sei, sondern ein Deutscher, der einen Visa-Waiver braucht. Er gibt uns also ein Formular und weist uns in einen Parkplatz ein.

»Hast Du das gesehen? Wir hätten tatsächlich ohne weiteres einfach so in die Staaten fahren können!« meint Bradley verwundert.

»Ja, aber das hilft mir halt kein Stück weiter.«

Ich fülle also meinen Visa-Waiver Antrag aus, und ein anderer Grenzbeamter stempelt ihn mit sichtlichem Desinteresse ab und gibt uns den Passierschein, um den Parkplatz zu verlassen.

»Das war’s! So einfach lösen sich Probleme!« ruft Bradley in euphorischem Ton aus, womit er meine Stimmung auf den Punkt bringt.

Zurück in Cincinnati holt mich Catherine vom Flughafen ab. Wir setzen mit einer Fähre über den Ohio, und diese romantische Szenerie läßt in mir eine Gefühl der Heimkehr nach einer langen Odyssee aufkommen. Cincinnati ist wahrlich keine schöne Stadt, aber was für ein Paradies, verglichen mit Nordwestmexiko!

Anfang März stellt sich heraus, daß meine Freunde in England mein Hab und Gut immer noch nicht auf den Weg gebracht haben. Das darf nicht wahr sein! Ich beschließe also, mir hier einen neuen Computer zuzulegen, um überhaupt etwas Anständiges auf die Beine stellen zu können.

Ende März hat mein Anwalt dann einen glorreichen Einfall: Er möchte von so vielen Akademikern, Verlegern, Autoren und anderen profilierten Persönlichkeiten wie möglich Empfehlungsschreiben haben, die mich wegen meiner Fähigkeiten als Verleger/Lektor/Herausgeber preisen. Er hofft, damit die Einwanderungsbehörde beeindrucken zu können. Und das alles teilt er mir nur wenige Tage vor dem anvisierten Einreichungstermin meines Antrages mit. Großartig! Nun heißt es, aus meinem Schneckenhaus hervorzukriechen und wenigstens einigen meiner Freunde und Unterstützer meine Pläne mitzuteilen, damit sie entsprechende Empfehlungsschreiben verfassen können. Im Zuge dessen nimmt Andrew Allen, ein Freund und Immobilienanwalt aus San Fransisco, mit mir Kontakt auf und legt mir nahe, doch in die USA zu kommen und dort um politisches Asyl zu bitten.

»Dies wäre die einzig sichere Möglichkeit für dich, um eine zukünftige Auslieferung zu verhindern, und es kann auf keinen Fall schaden. Dein Fall ist so glasklar ein gravierender Menschenrechtsbruch, daß sie Dir Asyl geben müssen, wenn Sie ihrem eigenen Recht treu bleiben wollen.« schreibt er mir in einer Email. Ich antworte ihm, daß ich bereits in den Staaten sei.

Wasserfall im Innern Islands, August 2000.
Ein letztes Durchatmen für die Seele

»Um so besser! Dann laß uns beide daran arbeiten! Ich würde Dich in jeder Hinsicht kostenlos unterstützen.«

»Ich traue aber den Behörden nicht über den Weg« erwidere ich ihm. »Du glaubst doch nicht ernsthaft, daß die mir Asyl zugestehen würden. Die USA haben schließlich zwei Weltkriege geführt, um Deutschland dazu zu zwingen, genau das zu machen, was es jetzt macht. Es ist doch niemand anderes als das alles dominierende Ostküsten-Establishment, das mit Argus-Augen darüber wacht, daß Deutschland pariert. Du verlangst von denen, daß sie ihre eigene Außenpolitik der letzten 85 Jahre mit einer Entscheidung über den Haufen werfen.«

»Verwechsle nicht die USA mit Deutschland. Sicher, Du hast recht mit dem Ostküsten-Establishment. Aber die werden die Entscheidung über Deinen Asylantrag ja nicht fällen. In den USA ist die Justiz allen Unkenrufen zum Trotze noch relativ unabhängig, und die können hier nicht einfach ihren Ersten Zusatz zur Verfassung in Sachen Redefreiheit über Bord werfen, nur weil Dich vielleicht ein paar Politiker in New York, Washington oder Los Angeles nicht ausstehen können«, versucht mich Andrew zu überreden.

»Also, im Moment möchte ich diese Option lieber nicht wählen. Immerhin würde ich mich damit ganz den Behörden ausliefern. Laß uns diese Option bitte nur als letzten Strohhalm betrachten. Zudem wäre es mir lieb, wenn Du herausfinden könntest, welche Auswirkungen die Ablehnung eines Asylantrags haben würde, insbesondere was andere Versuche anbelangt, in die USA einzuwandern. Außerdem wüßte ich gerne, wie sie hier Asylbewerber behandeln. In Europa wird nämlich ein Staatsangehöriger aus einem EU-Land sofort verhaftet, wenn er in einem anderen EU-Land um Asyl bittet, denn die EU-Staaten haben vor Jahren bereits ein Abkommen geschlossen, demzufolge sie sich gegenseitig als Nichtverfolgerstaaten einstufen, weshalb es per definitionem in Europa keine politische Verfolgung gibt. Jeder, der mit seinem Asylantrag dennoch das Gegenteil behauptet, wird daher als flüchtiger Krimineller festgenommen und ausgeliefert. Ich habe das selbst 1996 in Spanien erlebt, als mir eine solche Behandlung in Aussicht gestellt wurde, falls ich dort um Asyl bitten sollte. Ich würde doch gerne verhindern, daß mir so etwas in den Staaten zustößt, denn Deutschland ist dort sicher auch als "Nichtverfolgerstaat" eingestuft.«

Ein konkretes Beispiel für eine solche Behandlung habe ich freilich nicht, aber die europäische Rechtslage sieht wohl ungefähr so aus. Das jedenfalls behauptete Gerd Honsik mir gegenüber im Frühjahr 1996, als ich auf meiner Flucht aus Deutschland bei ihm eine Nacht verbrachte. Er meint, dies sei die Art und Weise, wie die Spanier ihrer Rechtslage folgend einen Asylbewerber aus Deutschland behandeln würden.

In den folgenden Monaten kommt Andrew immer wieder auf dieses Thema zurück, aber er stößt damit bei mir auf taube Ohren.

Im April, nachdem mein neuer Rechner eingerichtet ist, fange ich dann mit der nächsten Ausgabe von VffG an, ohne daß ich auch nur auf eine einzige Unterlage zurückgreifen kann. Ende April kommt mein Hab und Gut dann endlich an. Aber die neue VffG-Ausgabe ist schon so gut wie fertig. Inzwischen häufen sich Kundenbeschwerden, daß ich Briefe und vor allem Faxe nicht schnell genug beantworte. Es dauert manchmal bis zu zwei Monate, bis mich Kundenbriefe und -faxe erreichen. Aber was kann ich schon als Entschuldigung angeben?

Das wertvollste Gut des Transportes hat schwer gelitten: Mein Bett ist teilweise in Brüche gegangen. Und beim Ausprobieren des zweitwertvollsten Gegenstandes, meines Rennrades, stellt sich nicht nur heraus, daß ich in den letzten sechs Monaten meine Form fast völlig verloren habe, sondern auch, daß die Straßen in Cincinnati in einem fürchterlichen Zustand sind. Dank der vielen Bodenwellen und Schlaglöcher bockt mein Drahtesel manchmal so stark, daß er mich abzuwerfen droht, und ich fürchte schwer um meine Felgen.

Ende Mai läuft mein Visa-Waiver wieder aus, und ich brauche wieder einen neuen. Ich schließe mich mit meinem Anwalt kurz und erkläre ihm, daß dies das letzte Mal sein wird, daß ich dieses Theater mitmache. Ich möchte nicht den Zorn der US-Behörden auf mich herabrufen, indem ich die Visa-Waiver mißbrauche, um mich ständig in den USA aufzuhalten. Es müsse daher eine andere Lösung gefunden werden. Aber wie kann er mir schon helfen?

Ich nutze die Gelegenheit der Ende Mai in Los Angeles stattfindenden IHR-Konferenz, um wieder einmal nach San Diego zu fliegen und das ganze Spiel noch einmal durchzuspielen, allerdings diesmal ohne den Teil mit dem Konsulat. So sitze ich denn am Abend wieder bei Bradley.

»Im Februar habe ich noch geglaubt, es wäre ein Alptraum, wenn ich hier unten landen würde und nicht mehr rauskomme. Aber weißt Du was? Langsam denke ich, daß es vielleicht die bessere Lösung wäre, hier in Mexiko darauf zu warten, bis meine Arbeitsgenehmigung von den Einwanderungsbehörden genehmigt wird«, taste ich mich an Bradley heran.

»Wie meinst Du das denn?« fragt er zurück.

»Ich kann doch nicht über Jahre einen Visa-Waiver nach dem anderen beantragen. Irgendwann wird selbst dem blödsten Grenzbeamten auffallen, daß ich zig Stempel in meinen Paß habe, alle fein säuberlich im Abstand von 3 Monaten. Schließlich ist es ja nicht ganz legal, die Visa-Waiver dazu zu benutzen, sich ständig in den USA aufzuhalten.« erwidere ich.

»Aber Du machst ja auch nichts Illegales. Was können die also schon machen?«

Bradleys Naivität in Einwanderungssachen ist süß. Viele Amerikaner können nicht nachvollziehen, wieso es ein Problem sein sollte, wenn ich in den Staaten lebe, schließlich hat ja die überwiegende Mehrheit der Amerikaner eine ethnische Abstammung wie ich, und deren Vorfahren sind auch irgendwann einfach so hierher gekommen.

»Ganz einfach: Sie können mir zum Beispiel morgen den Visa-Waiver einfach verweigern und irgendeine dumme Bemerkung in den Paß schreiben, die es mir in Zukunft unmöglich macht, noch solche Visa-Waiver zu bekommen. Und das möchte ich doch vermeiden. Wenn es schon abzusehen ist, daß ich früher oder später Ärger bekommen werde, dann möchte ich den Zeitpunkt doch bitte selbst bestimmen und alles fein säuberlich planen.«

»Und was planst Du?« fragt Bradley nun neugierig.

»Wäre es nicht zum Beispiel eine Option, wenn ich hier irgendwo in Deine Gegend ziehe und hier in Mexiko warte, bis mein Antrag durch ist? Ich würde einen von mir selbst geplanten ordentlichen Rückzug nach Mexiko doch einer abrupten und erzwungenen Aussperrung durch die US-Behörden vorziehen.«

»Da fällt mir ein« meint Bradley, »daß unsere Nachbarn ein zweites, kleines Haus auf ihrem Grundstück errichtet haben. Sie haben es in den letzten Monaten renoviert. Leider sind Sie zur Zeit nicht da, aber sie werden wohl nächste Woche zurück sein. Ich werde sie dann mal fragen.«

»Eine kleine Wohnung gleich neben Deinem Haus, das wäre perfekt. Ich glaube, der Gedanke gefällt mir.«

»Mach Dir aber keine allzu großen Illusionen. Ich selbst habe das Häuschen schon gesehen, und es ist gewiß nicht sehr groß.

»Auch, daß macht nichts, solange ich mein Bett, meine Regale und meinen Schreibtisch irgendwo unterkriege.«

So ist es denn ausgemacht. Am Tag drauf geht es dann zur Grenze, und wir werden wie üblich auf den Sonderparkplatz verwiesen. Ich geben dem Beamten am Schalter meinen Paß und bitte ihn, mir ein Visa-Waiver Formular zu geben.

»Wir können es überhaupt nicht ausstehen, daß ihr Kerle die Visa-Waiver nutzt, um damit auf unbestimmte Zeit bei uns zu bleiben«, werde ich am Schalter vom Grenzbeamten angefahren.

»Wie bitte?« frage ich verdutzt.

»Welche Nationalität?« fragt er mich

»Deutsch.«

Der Beamte geht zu einem Computer und gibt anscheinend meine Paßnummer ein. Er kommt zurück, gibt mir meinen Paß zurück, reicht mir ein deutschsprachiges Formular und fährt mich wieder an:

»Lesen Sie sich dieses Formular ja genau durch und antworten sie der Wahrheit entsprechend. Wir werden uns dann erst noch überlegen, ob wir Ihnen einen Visa-Waiver ausstellen.«

Was ist denn bloß in den gefahren? Bradley ist sichtlich konsterniert über die Aggressivität dieses Beamten. Womöglich hat er die Schnauze voll von den vielen illegalen Einwanderern, die hier von Mexiko in die USA eindringen, und läßt seine schlechte Laune nun an mir aus. Jedenfalls hat er mir Angst gemacht, und ich fange an, alle Fragen auf dem Formular wirklich genau zu lesen. Das ist das erste Mal, daß ich ein solches Formular in deutscher Sprache habe.

Island, August 2000: Nicht nur die Kontinente driften an dieser Spalte auseinander

»Mist. Was soll ich denn nun auf die Frage wegen einer Straftat antworten?« frage ich Bradley, der gelassen neben mir steht. »Irgendwie schien mir die Frage auf Englisch immer eindeutig gewesen zu sein, und ich habe immer guten Gewissens mit "Nein" geantwortet. Auf deutsch hört sich das nun ganz anders an.«

»Also, wenn Du bisher mit "Nein" geantwortet hast, und es hat funktioniert, dann mach es doch jetzt auch« meint Bradley.

»Ich weiß nicht. Ich trau dem Kerl nicht. So aggressiv, wie der war. Vielleicht hat der irgend etwas in seinem Computer vorliegen und wartet nur darauf, daß ich falsch antworte. Ich erinnere mich, daß Ernst Zündel einmal berichtet hat, wie er beim Grenzübertritt von Kanada in die Staaten festgehalten und eingehend verhört worden ist. Er wurde während des Verhörs auch gefragt, ob er vorbestraft sei, was er wahrheitsgemäß mit "ja" beantwortet hat. Die Beamten haben ihm dann wohl mitgeteilt, daß ihn seine Aufrichtigkeit gerettet hat, denn hätte er mit "nein" geantwortet, wäre ihm wegen falscher Angaben auf Lebenszeit die Einreise in die USA verboten worden. Da seine Vorstrafe aber von den USA nicht anerkannt wird, hat man ihn dann passieren lassen. Ich möchte also auf keinen Fall wissentlich falsche Angaben machen. Sonst sperren die mich noch auf Lebenszeit.«

»Was stand denn auf dem englischen Formular?« fragt Bradley.

»Wenn ich das nur wüßte. Vielleicht sollte ich mir ein englisches holen?«

»Oder du läßt es einfach offen und fragst, was damit gemeint sei« schlägt Bradley vor.

»Großartig! Damit mache ich den Kerl dann auch gleich noch darauf aufmerksam, daß es da ein Problem mit mir gibt.«

Nach kurzem Zögern entschließe ich mich dann, diese Frage tatsächlich offen zu lassen und im Falle, daß mich der bearbeitende Beamte auf das Fehlen dieser Antwort aufmerksam macht, ihn einfach zu fragen, was das bedeute. Zurück am Schalter stellt sich heraus, daß der aggressive Beamte nicht mehr da ist. Seinen Platz hat nun eine nette junge Dame eingenommen, und ich fange sogleich ein nettes Gespräch mit ihr an. Derart abgelenkt schaut sie sich mein Formular noch nicht einmal an, sondern macht nur ihren Stempel drauf und gibt uns den Passierschein, um den Parkplatz gen USA zu verlassen.

»Nichts wie raus hier, bevor sie etwas merkt!« zischt mir Bradley zu. Ich habe ihn selten sich sputen gesehen. Dies ist einer der seltenen Momente!

Während der Busfahrt von San Diego nach Irvine zur IHR-Konferenz wird dann der Bus tatsächlich von den Einwanderungsbehörden gestoppt, und alle Insassen müssen sich ausweisen. Wie beruhigend, daß ich meinen Visa-Waiver habe…

Zurück in Cincinnati gilt es dann, meinen Exodus nach Mexiko vorzubereiten, bevor mein Visa-Waiver wieder ausläuft. Ich plane also, gegen Ende Juli das Land wieder einmal zu verlassen, diesmal aber mit einem Kleinlaster und all meinem Hab und Gut. Zuvor aber muß VffG 2/2000 druckfertig gemacht und der Vertrieb von Dissecting the Holocaust, also der englischen Ausgabe der Grundlagen zur Zeitgeschichte, bis ins kleinste Detail vorbereitet werden. Catherine war mir bei der Herstellung dieses Buches eine große Hilfe. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, daß es das Buch ohne sie nicht geben würde. Aber jetzt muß der Verlag Theses & Dissertations Press, der ausschließlich von mir finanziert wird, das Anstellungsverhältnis mit ihr auflösen, da ich mein Geld nun wieder einmal beisammen halten muß. Es kommt ihr aber auch nicht ungelegen, meint sie, da sie ohnehin eine andere Stelle anvisieren möchte.

Am 22. Juli ist es dann soweit: Es geht zunächst von Ohio über Kentucky nach Alabama zu Bob Countess, wo ich kurz Halt mache. Am nächsten Tag fängt dann die große Reise an, mitten in der Sommerhitze: quer durch Alabama, Louisiana, Texas, New Mexico, Arizona nach Kalifornien. Zweimal muß mein Mietlaster unterwegs wegen diverser Schäden ausgetauscht werden, aber ich brauche dennoch nicht mehr als drei Tage.

Straße ins Innere Islands, August 2000:
Wohin geht meine Reise?

In Chula Vista, südlich San Diego, treffe ich dann wieder einmal Bradley Smith, diesmal aber, um ihm nicht mehr so schnell vom Pelz zu rücken. Mit Hilfe eines mexikanischen Freundes organisiert er die preiswerte Überführung meiner Möbel nach Mexiko, und schon am gleichen Tag ziehe ich in mein neues Zuhause ein.

Mein Versuch, in meiner neuen Heimatstadt Rosarito mein Rennrad einzusetzen, scheitert kläglich. Lediglich die Hauptstraße des Ortes ist geteert, und alle hundert Meter befindet sich eine Stoppkreuzung, so daß man praktisch gar nicht zum Fahren kommt. Alle anderen Straßen verdienen den Namen nicht. Sie bestehen nur aus Staub und Dreck. Die Landschaft selbst gibt das gleiche Bild ab: kein Grün, keine Vegetation, nur Staub, Dreck, Unrat und Sperrmüll. Der mexikanische Sinn für Ästhetik ist mir absolut unzugänglich: Die Hotel- und Vergnügungszeile in Strandnähe protzt nur so mit provozierend kontrastreichen, grellen, ätzenden Farbkombinationen und absurd-kindischen Gemälden. Sogar die Menschen hier sind in meinen Augen häßlich (verzeiht mir diese Aussage, die Gesichter sind einfach nicht meinem Geschmack entsprechend).

Der einzige Ort, an dem man es einigermaßen aushalten kann, ist der Strand, aber die ungeklärten Abwässer, die sich hier und da ins Meer ergießen, verderben einem auch daran die Freude. Und über allem hängt der aromatische Geruch des Heizölkraftwerkes im Nordwesten der Stadt, das dank der vorherrschenden nordwestlichen Winde den ganzen Ort mit Ruß besprenkelt und bisweilen in einen grauen Rauchtrauerschleier einhüllt. Ein ortsansässiger US-Amerikaner klärt mich denn auch darüber auf, daß dieser Ort von der UNO zum viertdreckigsten Ort der Welt deklariert wurde. Warum bleibt Bradley bloß freiwillig hier?

Am 8. August gibt es dann aber erst einmal eine Erholungsphase, einen Urlaub mit einem Wiedersehen mit meiner Familie. Mein Versuch, sie zu einer Reise in die Staaten zu überreden, schlug fehl, da die Reise fast 24 Stunden dauern würde, wofür die Kinder einfach noch zu klein sind. So einigen wir uns dann auf Island, ein neutrales Territorium zwischen den Welten. Ich fliege von Tijuana aus über Mexico City und New York nach Rejkjavik. Komplizierter geht es kaum, aber auf diese Weise vermeide ich einen weiteren Grenzübertritt in Mexico und kann in New York als Transit-Tourist sehr einfach einen neuen Visa-Waiver bekommen. Und außerdem nehme ich mir vor, mir genau einzuprägen, wie die Frage nach einer Straftat nun genau lautet.

So himmlisch mein zehntägiges Beisammensein mit meinen Kindern auch ist, es bekommt einen bitteren Beigeschmack: Meine Frau hat nun einen festen Freund und zeigt mir während dieses Urlaubs mehrmals die kalte Schulter. Die bereits technisch vorbereitete Scheidung, die nur wenige Tage nach ihrer Rückkehr aus Island in Deutschland vollzogen werden wird, wird also nicht nur formell durchgeführt werden. Und zu allem Überdruß stellt sich dann auch noch heraus, daß Island wohl das teuerste Land der Welt ist. Diese zehn Tage kosten mich alles in allem 10.000 DM. Gottseidank steuert meine Mutter DM 4.000 dazu bei, sonst würde ich wohl die weiße Flagge hissen müssen. Allerdings kippt sie dann auch gleich wieder etwas Wasser in den Wein: Aus Sorge, daß der deutsche Staat mein Erbe beschlagnahmen können, haben meine Eltern beschlossen, mich zu enterben und statt dessen meine Kinder als Erben einzusetzen. Und trotzdem werde ich ungeheuer melancholisch, als meine Familie schließlich ins Flugzeug einsteigt und wieder einmal auf unbestimmte Zeit am Horizont verschwindet. Seitdem steht Island für mich und auch für meine Kinder für ein verlorenes Paradies…

Zurück in Rosarito, Mexiko, dauert es dann nur wenige Tage, um mich in eine deftige Depression zu stürzen. Nichts scheint mehr zu gehen: Meine Familie ist kaputt, außer dem 75 Jahre alten Bradley keine sozialen Kontakte weit und breit, mein Unternehmen geht langsam aber sicher den Bach runter, weil mangels Infrastruktur von Mexiko aus nichts richtig klappen will, und es gibt scheinbar keinen Silberstreif am Horizont, der mir Hoffnung gäbe, daß ich aus diesem Drecksloch wieder rauskäme. Am 29. August sende ich daher einen Hilferuf per Email an einige Freunde, denn ich komme mir vor, als würde ich im Staub und Ruß von Rosarito versinken.

Doch eines muß ich hier einfügen: Ich bin unendlich dankbar, in dieser Stunde Bradley um mich herum zu haben. Er baut mich auf, vertreibt mir die Zeit, erhält mich richtiggehend am Leben. Ohne ihn als Nachbarn hätte ich mich wohl gänzlich verloren gefühlt.

(Fortsetzung folgt)


*Anm. Juli 2002: Nach der Scheidung von seiner Ex-Frau Scheerer nahm G. Rudolf seinen Geburtsnamen wieder an.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(2) (2001), S. 216-221.


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