Bücherschau

Eine Dokumentation sowjetischer Willkür

Von Angela Schneider

Brigitte Oleschinski, Bert Pampel, "Feindliche Elemente sind in Gewahrsam zu halten". Die sowjetischen Speziallager Nr. 8 und Nr. 10 in Torgau 1945-1948, Schriftenreihe der Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer politischer Gewaltherrschaft, Band 3, Gustav Kiepenheuer, Leipzig 1997, 207 S. Pb, DM 25,-

Die nationalsozialistische Diktatur habe einen »beispiellosen Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen das umliegende Europa« geführt, der mit dem »Überfall auf Polen« begonnen und neben den sechs Millionen Juden auch »eine halbe Million Zigeuner« ermordet, die »propagandawirksame Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse« des Dritten Reiches habe »auf der Rüstungskonjunktur« beruht und »eine neue Phase« des Zweiten Weltkrieges habe »mit dem Überfall auf die Sowjetunion« begonnen. Die Wehrmachtsstrafjustiz, oft gescholten wegen ihrer angeblichen Untätigkeit bei von deutschen Soldaten begangenem Unrecht, bekommt hier Prügel von der anderen Seite, da sie »immer drakonischer« wurde. Torgau ist Symbol für diese Justiz, denn das Reichskriegsgericht hatte seinen Sitz dort, und die größten Wehrmachtsgefängnisse lagen ebenfalls in der Nähe der Stadt. Daß die Verurteilungen dieser Justiz in aller Regel nach Recht und Gesetz erfolgten und im Vergleich zu anderen kriegführenden Staaten sogar milder waren, findet keine Erwähnung. Die Verurteilten dieser Justiz hingegen – Deserteure, Partisanen, Saboteure, Wehrkraftzersetzer und Kriegsdienstverweigerer – werden zu unschuldigen Opfern hochstilisiert. (S. 12ff.)

Wer es schafft, über eine derart mit linker, verzerrender Propaganda gefüllte Einführung des hier besprochenen Buches hinwegzukommen, der dringt schließlich zu einer detaillierten Dokumentation sowjetischen Unrechts in Mitteldeutschland vor, die in ihrer Gründlichkeit und Sachlichkeit kaum etwas zu wünschen übrig läßt. Dieser sowjetische Vorposten zum GULag auf deutschem Boden, einem unter vielen, wird im ersten Teil unter verschiedenen Aspekten analysiert. Im zweiten Teil des Buches werden die Ereignisse dieses Lagers chronologisch aufgelistet und in den Kontext der damaligen Ereignisse eingewoben.

Der letzte Teil schließlich ist wahrscheinlich auch der beste, denn er enthält eine Reihe von Häftlingsschicksalen, dargestellt anhand von Dokumenten und kurzen autobiographischen Berichten der Häftlinge, die das Leiden in Torgau nach dem Kriege der Anonymität entreißen.

Politisch freilich will dieses Buch keinerlei Bewußtseinsänderung beim Leser hervorrufen, denn dem historischen Antikommunismus wird nicht nur mit dem Vorwort die Spitze genommen. Symptomatisch ist auch die Aussage des ehemaligen Häftlings Otmar Püschel, der am 31.5.46 als 16-jähriger Flüchtling aus Schlesien auf der Straße verhaftet wurde und zwei Jahre in sowjetischem Gewahrsam blieb. Sein Fazit könnte als politisches Testament dieses Buches angesehen werden (S. 162):

»Ich habe damals auf dem Standpunkt gestanden: die Deutschen haben Rußland überfallen. Und was die da drüben alles kaputtgemacht haben, die deutschen Soldaten und die SS. Und wenn die nachher bei uns dasselbe machen – wobei sie das nicht einmal getan haben – da ist das nicht mehr als recht und billig. Ich meine, wir leben noch. Die Millionen, die die Deutschen da drüben in Rußland totgemacht haben, die ganzen Gefangenen, die sie hier im KZ umgebracht haben – da sind wir ja noch glimpflich weggekommen.«

Alles selber schuld also? Püschel selbst war nicht im Krieg, und seine spätere Karriere im System der "DDR" offenbart, daß er dessen ideologischer Propaganda erlag, die offenbar auch das Weltbild der beiden Autoren des besprochenen Buches dominiert.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(2) (2001), S. 224.


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