Dr. Joseph Goebbels und die "Kristallnacht"

Von Ingrid Weckert

Einleitung

Seit Jahrzehnten hält sich das Gerücht, Goebbels sei der Urheber der "Kristallnacht", heute "Pogromnacht" genannt, jene Nacht vom 9. zum 10. November 1938, in der Synagogen und jüdische Geschäftshäuser abgebrannt, zerstört bzw. beschädigt worden sind. Bis heute konnte jedoch nie einwandfrei bewiesen werden, wie es wirklich zu diesen antisemitischen Ausschreitungen gekommen ist. Der Urheber und die dahinterstehende Organisation liegen noch immer im dunkeln.

Die Autorin hat vor vielen Jahren einen Deutungsversuch veröffentlicht,[1] der als Anstoß und Aufforderung für die etablierten Historiker gedacht war, sich dieser Frage einmal intensiv anzunehmen und Nachforschungen anzustellen, die einer Privatperson ohne große finanzielle Mittel und ohne Zugangsmöglichkeit zu staatlichen und ausländischen Archiven derzeit nicht möglich sind. Leider hat sich die Geschichtsforschung diesem Ansinnen verschlossen. Dafür hat die staatliche Rechtsprechung gehandelt und das Buch, nachdem es über 15 Jahre im Handel war, beschlagnahmt und eingezogen. Dieser Aktion fiel sogar das Handexemplar der Autorin zum Opfer. Inzwischen ist der Text allerdings im Internet abrufbar.

Es hat nicht an Versuchen gefehlt, Dr. Goebbels als den Alleinschuldigen hinzustellen. Aber die Mittel, mit denen das erreicht werden sollte, sind entweder völlig unzureichend oder geradezu plumpe Fälschungen. Um eine solche handelt es sich offensichtlich auch in dem von David Irving herausgegebenen Tagebuch von Dr. Goebbels aus dem Jahr 1938.[2] Die Eintragungen, die dort unter den Daten vom 9. bis 12. November zu lesen sind, sind voller Widersprüche in sich, wie zu den tatsächlichen Ereignissen. Nachstehend sollen diese Unstimmigkeiten aufgezeigt und kommentiert werden.

Das Problem der Goebbels-Tagebücher

Dr. Joseph Goebbels hat in den 17 Jahren zwischen 1924 und 1941 ständig ein handschriftliches Tagebuch geführt. Ab Juli 1941 bis April 1945 diktierte er seine Notizen vormittags seinem Sekretär, der das Stenogramm anschließend in Maschinenschrift niederlegte. Die Notizen dienten ihm als Erinnerungsgrundlage für später geplante Veröffentlichungen. Aus diesen Veröffentlichungen wurde jedoch nichts, mit einer Ausnahme: Die Niederschriften von Januar 1932 bis Mai 1933 brachte Goebbels im Jahr 1934 unter dem Titel Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei heraus.

Anfang 1945, als sich das Kriegsende abzuzeichnen begann, gab Goebbels den Auftrag, seine Tagebücher zu vervielfältigen und sicherzustellen. Er benutzte dafür ein gerade erfundenes Mikroficheverfahren, wobei die Vorlagen mit einer speziellen Kamera auf Glasplatten kopiert wurden. Die Mikrofichierung wurde von seinem Stenographen Richard Otte überwacht, der später zu Protokoll gab, daß von sämtlichen Tagebüchern, sowohl von den handschriftlichen als auch von den maschinenschriftlichen auf diese Art Kopien angefertigt worden sind. Insgesamt sind so über 1200 Glasplatten im Format 14,5 × 10,5 cm entstanden. Sie wurden auf Befehl von Goebbels in eine Kiste mit Stahlbändern verpackt und in der Nähe von Potsdam, zwischen Caputh und Michendorf, unweit der Autobahn vergraben. Soweit die Aussagen von Richard Otte. Trotz wiederholter Suchaktionen nach 1945, u.a. auch von David Irving, wurde jedoch niemals eine Spur von ihnen gefunden. Die Originale der Tagebücher, in Aluminiumkisten verpackt, nahm Dr. Goebbels mit sich, als er am 22. April 1945 mit seiner Familie in den Bunker der Reichskanzlei zog. Von den maschinenschriftlichen Aufzeichnungen waren jeweils Zweitschriften angefertigt worden. Otte bekam von Goebbels den Auftrag, diese Kopien zu verbrennen. Der Einmarsch der Russen in Berlin geschah aber dann so schnell, daß es ihm nicht mehr gelang, die Vernichtung komplett durchzuführen.

Von all diesen Überlieferungen (handschriftliche und maschinenschriftliche Originale, Kopien der maschinenschriftlichen Aufzeichnungen und Mikrofiches) tauchten nach Kriegsende, überall verstreut, Teile wieder auf. Ein Teil der Fragmente wurde an offizielle Stellen und Institute weitergeleitet, anderes ging für immer verloren. Inzwischen liegt der größte Teil der wiedergefundenen Tagebuchfragmente im Institut für Zeitgeschichte in München. Dort ist Dr. Elke Fröhlich seit vielen Jahren mit der Herausgabe der Tagebücher beschäftigt.[3]

Nach dem Fall der Berliner Mauer waren auch die Moskauer Archive für westliche Historiker zugänglich. Dort entdeckte man eine Sammlung von Mikrofichekopien der Goebbels-Tagebücher, aber auch (von den Sowjets getätigte) Abschriften angeblicher Kopien. Die Originale dazu waren teilweise nicht mehr aufzufinden.

Der bis jetzt vorliegende Bestand wird nach dem Grad der Authentizität in verschiedene "Überlieferungen" eingeteilt.

Als absolut sichere Überlieferung gelten alle Texte, die von Goebbels selbst herausgegeben sind, bzw. in seiner Handschrift vorliegen; ferner alle Texte, die nach seinem Diktat verfaßt und von ihm abgezeichnet bzw. korrigiert wurden. Als wahrscheinlich sicher gelten die maschinenschriftlichen Diktate, die den gleichen Urheber wie die von Goebbels abgezeichneten Seiten haben und in die Tendenz der übrigen Diktate passen. Als fragwürdige Überlieferung gelten alle Abschriften von Aufzeichnungen, deren Urheber entweder nicht feststeht, oder die nach 1945 gemacht wurden, ohne daß eine sichere Überlieferung dazu vorliegt. Als unglaubwürdig werden die fragwürdigen Texte eingestuft, deren Inhalt überlieferten Tatsachen widerspricht oder sonstwie unglaubwürdig ist.

Mit anderen Worten: alle handschriftlichen und maschinenschriftlichen Texte und die davon angefertigten Glasplatten sind absolut glaubwürdig - natürlich nachdem die Authentizität der Handschrift überprüft worden ist. Bloße Abschriften von angeblich vorhanden gewesenen originalen Texten oder Glasplatten, für die es keine andere Überlieferung gibt, sind fragwürdig bis unglaubwürdig.

Die Edition der Tagebücher des IfZ ist von den ehemals vier Bänden auf vier + 15 Bände angewachsen. Die 15 Bände (Teil II der Edition) - Diktate der Jahre 1941-1945 - liegen vor. Die ersten vier Bände (Teil I der Edition, handschriftliche Aufzeichnungen 1924-1941) werden zur Zeit überarbeitet und auf 9 Bände erweitert. Ob es dann noch zeitliche Lücken gibt und weitere Texte auftauchen können, kann man jetzt noch nicht sagen. Wie der noch nicht veröffentlichte Bestand im einzelnen einzustufen ist, kann man auch nicht sagen, da die Entzifferung außerordentlich schwierig und noch im Gange ist. Die Tagebücher des Jahres 1938 wurden noch nicht vom IfZ veröffentlicht.

Die Irving-Ausgabe der Tagebücher von 1938

Irving unternahm 1995, wie bereits gesagt, eine Veröffentlichung des Tagebuches von 1938. In seiner Einleitung schreibt er u.a. folgendes:

»Mit der Veröffentlichung dieser mit Anmerkungen versehenen Übertragung des bisher fehlenden Bandes 1938 der Tagebücher Joseph Goebbels' lege ich dem Leser ein weiteres Bruchstück der Aufzeichnungen dieses bemerkenswerten nationalsozialistischen Chronisten vor. Zum einen möchte ich hervorheben, daß dieses Tagebuch unverfälscht und von einem Zeitgenossen geschrieben ist - damit so etwas wie eine Seltenheit darstellt, in einer Zeit, in der so manche "Tagebücher" zweifelhafter Herkunft sich als von unwiderstehlicher Anziehungskraft für Historiker erwiesen haben.« (S. 5)

Die Behauptung, daß der von Irving dargebotene Text einem »unverfälschten« Tagebuch von Dr. Goebbels entstammt, läßt sich zumindest für die Eintragungen vom 8.- 11. November 1938 leider nicht belegen. Die einzige wirklich authentische Quelle für diesen Zeitraum bilden allein die handschriftlichen Aufzeichnungen von Dr. Goebbels, bzw. die davon angefertigten Glasplatten. Und gerade diese beiden Dokumente fehlten Irving für seine Publikation.

Auch für die übrigen von Irving veröffentlichten Texte sind weder die handschriftlichen Aufzeichnungen noch die Originalglasplatten die Vorlage, sondern eine von sowjetischen Behörden angefertigte Mikroablichtung eines "Bandes" mit dem Titel Tagebücher für Joseph Goebbels vom 11. Februar 1938 bis 16. Oktober 1938 - so jedenfalls die Angaben, die Irving zu seiner Quelle macht (S. 10). Dieses von den Sowjets zusammengestellte "Tagebuch" besteht, lt. Irving, aus 476 handgeschriebenen Seiten.

»Auf der Mikrokopie sind einige Seiten zweimal gefilmt worden, aber einige Seiten sind vom Kamera-Bediener ausgelassen worden; von Wörtern, die auf dem Rand dieser weggelassenen Blätter entdeckt werden können, scheint es nicht so, daß die Auslassungen bedeutsam sind. Leider weiß niemand, wo die Original-Bände sich befinden.« (Irving, S. 10)

Um den Inhalt von nicht vorliegenden Textseiten zu erraten und ihn als bedeutsam oder nicht bedeutsam einstufen zu können, bedarf es allerdings hellseherischer Fähigkeiten, über die Irving kaum verfügen dürfte. Über die Quelle für den Zeitraum nach dem 16. Oktober 1938, der von dem von Irving zitierten Mikrofilmband ja nicht abgedeckt ist, äußert sich Irving in seinem Buch nicht weiter. Der Autorin gegenüber hat er gesagt, daß die Glasplatten »für November« leider fehlen, und dafür nur schlechte verkleinerte Fotokopien vorliegen.[4] Trotzdem behauptet Irving:

»Nach meiner Meinung ist dieses Tagebuch von 1938 echt. Da wir die Original-Papiere nicht gesehen haben, können wir allerdings nicht die Labor-Tests ... durchführen, die das Ergebnis bestätigen würden.« (S. 12)

Auch das Ergebnis von Tests zu bestimmen, die nicht durchgeführt werden können, übersteigt die Fähigkeiten eines normalen Menschen.

Für wissenschaftliche Ansprüche sind die von Irving angegebenen Quellen seiner Tagebuchausgabe jedenfalls zu dürftig. Nach der oben angeführten Tabelle des Wertes der Überlieferungen ist das von Irving herausgegebene Goebbels-Tagebuch für das Jahr 1938, in der Form, wie es jetzt vorliegt, als "unglaubwürdig" einzustufen. Allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, daß die Fälscher die Originalaufzeichnungen von Dr. Goebbels benutzt und in ihren fabrizierten Text eingearbeitet haben. Falls tatsächlich keine besseren und zuverlässigeren Unterlagen zur Verfügung stehen, verwundert es nicht, daß das Institut für Zeitgeschichte, das die Gesamtausgabe betreut, den Band für 1938 bis heute noch nicht herausgegeben hat.

In der nachfolgenden Tabelle bieten wir in der linken Spalte den von Irving veröffentlichten Text, soweit er sich auf die "Kristallnacht" bezieht, inklusive seiner Anmerkungen. In der rechten Spalte steht unser Kommentar dazu.


Anmerkungen

[1]Ingrid Weckert, Feuerzeichen. Die "Reichskristallnacht". Anstifter und Brandstifter - Opfer und Nutznießer, Grabert Verlag, Tübingen 1981.
[2]Der unbekannte Dr. Goebbels. Die geheimgehaltenen Tagebücher des Jahres 1938, Focal Point Publications, London 1995.
[3]Die erste Textausgabe hat den Titel Die Tagebücher von Joseph Goebbels. Sämtliche Fragmente, Bd. 1-4, K.G. Saur, München 1987.
[4]Schreiben von Irving an Weckert vom 22. August 1992.

Irving-Ausgabe[1]

Kommentar

9. November 1938 (Mi.)

[...]

In Paris hat ein polnischer Jude Grynspan auf den deutschen Diplomaten vom Rath in der Botschaft geschossen und ihn schwer verletzt. Aus Rache für die Juden. Nun aber schreit die deutsche Presse auf. Jetzt wollen wir Fraktur reden. In Hessen große antisemitische Kundgebungen. Die Synagogen werden niedergebrannt. Wenn man jetzt den Volkszorn loslassen könnte!

[...]

 

Die ersten Synagogenbrände fanden in der Nacht 9./10. November statt. Wie konnte Dr. G. darüber am Morgen des 9. November einen Eintrag machen?

10. November 1938 (Do.)

[...]

Das Befinden des von dem Juden angeschossenen Diplomaten Raths in Paris ist weiterhin sehr ernst.

Die deutsche Presse geht mächtig ins Zeug.

Die Rede des Führers im Bürgerbräu feiert im In- und Auslande sehr starkes Echo.

Helldorff läßt in Berlin die Juden gänzlich entwaffnen []. Die werden sich ja auch noch auf einiges andere gefaßt machen können. [...]

 

Vom Rath war zu diesem Zeitpunkt bereits gestorben, nämlich am Tag vorher, den 9. November.

Hitler hielt alljährlich am Abend des 8. November vor den "alten Kämpfern", also Parteiangehörigen der ersten Stunde, eine Rede im Lokal "Bürgerbräu" in München. "Feiert" ist möglicherweise ein Druckfehler. Nach dem ersten Entzifferungsversuch Irvings, der der Autorin vorliegt, lautet das Wort "findet".

In Kassel und Dessau große Demonstrationen gegen die Juden, Synagogen in Brand gesteckt und Geschäfte demoliert. Nachmittags wird der Tod des deutschen Diplomaten vom Rath gemeldet. Nun aber ist es gut.

Ich gehe zum Parteiempfang im alten Rathaus. Riesenbetrieb. Ich trage dem Führer die Angelegenheit vor. Er bestimmt: Demonstrationen weiterlaufen lassen. Polizei zurückziehen. Die Juden sollen einmal den Volkszorn zu spüren bekommen. Das ist richtig.

Diese Darstellung der angeblichen Reaktion Hitlers widerspricht anderen, glaubwürdigen Darstellungen und Zeugenaussagen.[2] Sie widerspricht auch den Anordnungen, die tatsächlich von Hitler getroffen wurden. Auf Befehl Hitlers sandte der Stab des "Stellvertreters des Führers" nachts um 02.56 folgendes Fernschreiben an alle Gauleitungen: "Auf ausdrücklichen Befehl allerhöchster Stelle dürfen Brandlegungen an jüdischen Geschäften oder dergleichen auf gar keinen Fall und unter gar keinen Umständen erfolgen."[3]

Ich gebe gleich entsprechende Anweisungen an Polizei und Partei.

 

 

 

Dann rede ich kurz dementsprechend vor der Parteiführerschaft. Stürmischer Beifall. Alles saust gleich an die Telephone. Nun wird das Volk handeln.

Einige Gauredner[] machen schlapp. Aber ich rufe immer wieder alles hoch. Diesen feigen Mord dürfen wir nicht unbeantwortet lassen. Nun den Dingen ihren Lauf lassen.

Der Stoßtrupp Hitler geht gleich los, um in München aufzuräumen. Das geschieht dann auch gleich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Synagoge wird in Klump geschlagen. Ich versuche, sie vor dem Brand zu retten. Aber das mißlingt.

Unterdeß unterhalte ich mich mit [Franz Xaver] Schwarz über Finanzfragen. Mit [Julius] Streicher über die Judenfrage. Mit Ribbentrop über Außenpolitik. [...]

 

Mit [Adolf] Wagner zum Gau. Ich gebe nun ein präzises Rundschreiben heraus, in dem dargelegt wird, was getan werden darf und was nicht.

Wagner bekommt kalte Füße und zittert für seine jüdischen Geschäfte. Aber ich lasse mich nicht beirren.

Unterdeß verrichtet der Stoßtrupp sein Werk. Und zwar macht er ganze Arbeit.

Ich weise Wächter in Berlin an, die Synagoge in der Fasanenstraße zerschlagen zu lassen. Er sagt nur dauernd: "Ehrenvoller Auftrag."

Dr. Joseph Goebbels hatte in der deutschen Regierung die Position des Ministers für "Volksaufklärung und Propaganda". Im Parteiapparat war er der Gauleiter von Berlin. Weder als Minister noch als Gauleiter hatte er Befehlsgewalt über Polizei und Partei im ganzen Reich. Er konnte also gar keine "entsprechenden Anweisungen" geben.

Tatsächlich haben die in München versammelten Gauleiter in ihren Heimatdienststellen angerufen. Sie riefen die dort Verantwortlichen zur Ruhe und Besonnenheit auf, warnten sie, Ausschreitungen gegen Juden und jüdisches Eigentum zuzulassen, bzw., sofern es zu solchen Ausschreitungen bereits gekommen sei, diese sofort zu stoppen. Diese Anrufe sind durch eidesstattliche Erklärungen belegt und wurden nach dem Krieg durch Gerichtsverfahren bestätigt.[4]

Der "Stoßtrupp Hitler" war eine Schutztruppe am Anfang der Bewegung. Sie wurde im Mai 1923 gegründet. Ihre Aufgabe war es, den Schutz Hitlers bei seinen öffentlichen Reden zu übernehmen. Das war in der damaligen Zeit notwendig, da solche Redeveranstaltungen oftmals von politischen Gegnern gestört wurden. Der "Stoßtrupp Hitler" war sozusagen die Urzelle der späteren "Schutzstaffel". Anläßlich des Hitlerprozesses (nach dem "Marsch auf die Feldherrnhalle") wurde am 1.4.1924 im Urteilsspruch nicht nur die NSDAP sondern auch der "Stoßtrupp Hitler" verboten. Das war sein Ende. Als Hitler im Februar 1925, nach seiner Entlassung aus Landsberg, die Partei neu gründete, wurde der "Stoßtrupp Hitler" nicht wieder belebt. Es gab also im November 1938 gar keinen "Stoßtrupp Hitler"! Er war eine kurzfristige und einmalige Erscheinung in der Anfangszeit der NSDAP. Diese Bemerkung hätte Goebbels daher gar nicht machen können.

Mit Julius Streicher kann Goebbels zu diesem Zeitpunkt, also nach dem Abendessen, gar nicht mehr gesprochen haben. Streicher hatte sich nachdem Hitler die Tafel aufgehoben und sich in seine Münchner Wohnung begeben hatte, ebenfalls entfernt und war nach Nürnberg zurückgefahren. Er fühlte sich an diesem Abend nicht wohl.[5] Das war Stunden vor den Synagogenbränden, die erst nach Mitternacht ausbrachen.

Ein solches Rundschreiben von Goebbels ist bisher nirgendwo aufgetaucht. Die Behauptung "Mit Wagner zum Gau" widerspricht überdies dem Text weiter unten.

 

Zum "Stoßtrupp Hitler" siehe oben.

Eine solche Anweisung hätte den völlig anders lautenden Erklärungen und Äußerungen von Dr. Goebbels widersprochen, mit denen er sein Entsetzen über die barbarischen Brandstiftungen zum Ausdruck brachte. S. dazu auch den Abschnitt: "Zeugnis Dr. Naumann".

S.S. Vereidigung vor der Feldherrnhalle. Um Mitternacht. Sehr feierlich und stimmungsvoll. Der Führer spricht zu den Männern. Zu Herzen gehend.

Ich will ins Hotel, da sehe ich am Himmel blutrot. Die Synagoge brennt.

 

 

Gleich zum Gau. Dort weiß noch niemand etwas. Wir lassen nur soweit löschen, als das für die umliegenden Gebäude notwendig ist. Sonst abbrennen lassen.

Der Stoßtrupp verrichtet fürchterliche Arbeit.

Aus dem ganzen Reich laufen nun die Meldungen ein: 50, dann 75 Synagogen brennen. Der Führer hat angeordnet, daß 20-30 000 Juden sofort zu verhaften sind. Das wird ziehen. Sie sollen sehen, daß nun das Maß unserer Geduld erschöpft ist.

Tatsächlich fand an diesem Abend die Vereidigung schon früher statt.[6]

Diese Bemerkung entspricht den wirklichen Tatsachen. Tatsächlich fuhr Dr. Goebbels, nachdem er seine Sachen aus dem Hotel "Bayerischer Hof" geholt hatte, an der brennenden Synagoge vorbei, direkt zum Bahnhof, um mit dem fahrplanmäßigen Nachtzug um 23.50 Uhr nach Berlin zu fahren.[7]

Dieser Absatz widerspricht der Darstellung im vorangehenden Text. Da wußte er bereits von einer brennenden Synagoge, war bereits im "Gau" (d.h. bei der Münchner Gauleitung).

Hier taucht wieder der "Stoßtrupp Hitler" auf, den es damals gar nicht mehr gab.

Wagner ist noch immer etwas lau. Aber ich lasse nicht locker. Wächter meldet mir, Befehl ausgeführt. Wir gehen mit Schaub in den Künstlerklub, um weitere Meldungen abzuwarten. In Berlin brennen 5, dann 15 Synagogen ab. Jetzt rast der Volkszorn. Man kann für die Nacht nichts mehr dagegen machen. Laufen lassen.

Schaub ist ganz in Fahrt. Seine alte Stoßtruppvergangenheit erwacht.

Vgl. zu dem ganzen folgenden Text den Abschnitt "Zeugnis Dr. Naumann".

 

 

Als ich ins Hotel fahre, klirren die Fensterscheiben. Bravo! Bravo! Wie alte große Hütten brennen die Synagogen. Deutsches Eigentum ist nicht gefährdet.

Im Augenblick ist nichts besseres mehr zu machen. Ich versuche, ein paar Stunden zu schlafen.

Morgenfrüh kommen die ersten Berichte. Es hat furchtbar getobt. So wie das zu erwarten war. Das ganze Volk ist im Aufruhr. Dieser Tote kommt dem Judentum teuer zu stehen. Die lieben Juden werden es sich in Zukunft überlegen, deutsche Diplomaten so einfach niederzuknallen.

Und das war der Sinn der Übung. [...]

Auch das ist eine Wiederholung. Im obigen Absatz ist er schon einmal ins Hotel gefahren.

11. November 1938 (Fr.)

Gestern: [Georg Wilhelm?] Müller erstattet Bericht über die Vorgänge in Berlin. Dort ist es ganz toll vorgegangen. Brand über Brand. Aber das ist gut so.

Ich setze eine Verordnung auf Abschluß der Aktionen auf. Es ist nun gerade genug. Lassen wir das weitergehen, dann besteht die Gefahr, daß der Mob in die Erscheinung tritt. Im ganzen Land sind die Synagogen abgebrannt. Diesen Toten muß das Judentum teuer bezahlen.

 

Alle Eintragungen vom 11. November beziehen sich auf den 10. November. An diesem Tag war Goebbels aber bereits in Berlin.

Im Laufe des Vormittags erließ Goebbels einen Aufruf, den er zunächst persönlich über den Deutschlandsender sprach. Der Text lautete: »Die berechtigte und verständliche Empörung des deutschen Volkes über den feigen jüdischen Meuchelmord an einem deutschen Diplomaten in Paris hat sich in der vergangenen Nacht in umfangreichem Maße Luft verschafft. In zahlreichen Städten und Orten des Reiches wurden Vergeltungsmaßnahmen gegen jüdische Gebäude und Geschäfte vorgenommen. Es ergeht nunmehr an die gesamte Bevölkerung die strenge Aufforderung, von allen weiteren Demonstrationen und Aktionen gegen das Judentum, gleichgültig welcher Art, sofort abzusehen. Die endgültige Antwort auf das jüdische Attentat in Paris wird auf dem Wege der Gesetzgebung bzw. der Verordnung dem Judentum erteilt werden.«[8]

In der Osteria erstatte ich dem Führer Bericht. Er ist mit allem einverstanden. Seine Ansichten sind ganz radikal und aggressiv. Die Aktion selbst ist tadellos verlaufen. 100 Tote. Aber kein deutsches Eigentum beschädigt.

Mit kleinen Änderungen billigt der Führer meinen Erlaß betr. Abbruch der Aktionen. Ich gebe ihn gleich durch Presse heraus. Der Führer will zu sehr scharfen Maßnahmen gegen die Juden schreiten. Sie müssen ihre Geschäfte selbst wieder in Ordnung bringen. Die Versicherungen zahlen ihnen nichts. Dann will der Führer die jüdischen Geschäfte allmählich enteignen und den Inhaber dafür Papier geben, die wir jederzeit ...en können. Im Übrigen hilft sich das Land da schon durch eigene Aktionen. Ich gebe entsprechende Geheimerlasse heraus. Wir erwarten nun die Auswirkungen im Ausland ab. Vorläufig schweigt man dort noch. Aber der Lärm wird kommen. [...]

Die "Osteria Bavaria" war ein Lieblingslokal Hitlers in München. Hitler war im 9. November in München geblieben, weil für den 10. November eine Konferenz mit ausländischen Pressevertretern angesetzt war. Da Goebbels aber in Berlin war, konnte er Hitler gar nicht in der "Osteria" Bericht erstatten.

 

 

 

 

 

 

 

 

"Geheimerlasse" - jedem Historiker sträuben sich die Haare, wenn er einen solchen Unsinn liest und ihn für bare Münze nehmen soll!

Im Hotel weitere Arbeit. Ich gebe noch ein paar Rundrufe heraus. Damit, glaube ich, ist die Judenaktion vorläufig erledigt. Wenn nicht noch ein paar Nachspiele kommen.

"Im Hotel" war Goebbels zu dieser Zeit gar nicht, sondern in Berlin in seinem Amt.

Die Juden sind am Ende doch sehr dumm. Und sie werden ihre eigenen Fehler teuer bezahlen.

Ich telefoniere mit [Reinhard] Heyderich [sic]. Auch der Polizeibericht aus dem ganzen Reich entspricht meinen Informationen. Es ist somit alles in Ordnung. Nur in Bremen ist es zu einigen unliebsamen Exzessen gekommen. Aber die tauchen gänzlich unter in der Großaktion. Ich mache mit Heyderich die Zusammenarbeit zwischen Partei und Polizei in dieser Frage aus.

 

Bis zum Abend noch weitergearbeitet. Es kommen Meldungen aus Berlin über ganz schwere antisemitische Ausschreitungen. Jetzt geht das Volk vor. Aber nun muß Schluß gemacht werden. Ich lasse an Polizei und Partei dementsprechende Anweisungen ergehen. Dann wird auch alles ruhig.

Empfang des Führers für die Presse im Führerbau. [...]

Am 10. November 1938, auf den sich dieser Eintrag vom 11. November bezieht, gab es keine »ganz schweren antisemitischen Ausschreitungen« mehr, das ist reine Phantasie. Angeblich ließ Goebbels an diesem Tag ununterbrochen "Rundrufe", "Geheimerlasse", "Anweisungen" ergehen. In Wirklichkeit gab es an diesem Tag seinen Aufruf über Rundfunk und Zeitungen und das war's dann auch. Mehr nicht.

Später noch lange mit den Journalisten zusammengesessen. [...]

Um Mitternacht muß ich nach Berlin zurück.

Kann nicht stimmen, da er gar nicht dabei war.

Die Rückreise erfolgte schon in der Nacht davor.

Die ausländischen Sender berichten sachlich über die antisemitischen Aktionen in Deutschland.

Ich übernehme jetzt für Berlin die ganze Gewalt. In solchen Krisenzeiten muß einer der Herr sein. [...]

Goebbels hat weder damals noch sonst irgendwann »für Berlin die ganze Gewalt« übernommen. Er war weder ein griechischer Tyrann noch ein römischer Diktator, denen solches Amt in Krisenzeiten zustand.

12. November 1938 (Sa.)

[...]

Mit Hinkel lege ich eine Verordnung fest, daß die Juden keine Theater und Kinos mehr besuchen dürfen. Saukel [richtig: Saukkel] teilt mir mit, daß auch in Thüringen alles wieder in Ordnung ist. Alle Gauleiter haben Berichte dazu gemacht. Die ganze Frage ist nun ein gutes Stück weitergeführt worden. [...]

 

13. November 1938 (So.)

Gestern: [...] Im Lande herrscht nun absolute Ruhe. Ich gebe Weisung heraus, daß Juden Besuch von Kinos und Theatern verboten ist. Das ist notwendig und zweckmäßig.

Meine Erklärungen vor der Auslandspresse werden in der ganzen Welt groß herausgebracht. Sie fassen alle meine Argumente zusammen. Wir sind schon wieder in der Offensive.

Heyderich [richtig: Heydrich] gibt einen Bericht über die Aktionen. 190 Synagogen verbrannt und zerstört. Das hat gesessen. Konferenz bei Göring über die Judenfrage.

 

Heiße Kämpfe um die Lösung. Ich vertrete einen radikalen Standpunkt. Funk ist etwas weich und nachgiebig. Ergebnis: die Juden bekommen eine Kontribution von einer Milliarde auferlegt. Sie werden in kürzester Frist gänzlich aus dem Wirtschaftsleben ausgeschieden. Sie können keine Geschäfte mehr betreiben. Bekommen dafür nur Schuldbuchverrechnungen zu 6%. Die Schäden müssen sie selbst decken. Versicherungsbezüge verfallen dem Staate.

Noch eine ganze Reihe dieser Maßnahmen geplant. Jedenfalls wird jetzt tabula rasa gemacht. Ich arbeite großartig mit Göring zusammen. Er geht auch scharf heran. Die radikale Meinung hat gesiegt. Ich setze für die Öffentlichkeit ein sehr scharfes Communiqué auf. Das wirkt wie eine Erlösung. Die große Sensation des Tages. Der Tote kommt den Juden teuer zu stehen. [...]

 

Zur Kontribution, die den Juden auferlegt wurde, siehe unten den Exkurs über die »Judenvermögensabgabe«.

 

 

 

 

 

 

Tatsächlich war die Lage zwischen Goebbels und Göring sehr gespannt. Göring schob Goebbels die Schuld an den antisemitischen Ausschreitungen zu und tobte laut gegen ihn.[9]

 

Anmerkungen zur Tabelle

[1]Irvings Fußnoten wurden hier ausgelassen.
[2]z.B. Nicolaus von Below, Als Hitlers Adjutant 1937-45, v. Hase & Koehler Verlag, Mainz 1980, S. 136: »Hitler befahl [...] mit allen Mitteln gegen die Brandstifter und Marodeure vorzugehen, damit dieser "Wahnsinn" unterbliebe.« Below war der Luftwaffenadjutant von Hitler und verbrachte die fraglichen Stunden in seiner unmittelbaren Nähe. Vgl. dazu auch die Darstellung in: Weckert, Feuerzeichen, S. 115ff.
[3]Bundesarchiv Koblenz: AZ: NS 6/231
[4]Vgl. die Ausführungen in: Weckert, Feuerzeichen, S. 87f.
[5]S. seine Aussage im Nürnberger Prozeß, IMT Bd. XII, S. 355.
[6]Persönliche und schriftliche Mitteilung der beiden Teilnehmer an dieser Feierstunde, Dr. Naumann (27.3.1979) und Nicolaus von Below (28.2.1979), an die Autorin. Below hat seine Angabe in seinem Buch (S. 136) vor Erscheinen des Werkes korrigiert. Die Bezeichnung "Für Mitternacht" ist aber irrtümlicherweise stehengeblieben.
[7]S. Abschnitt: "Zeugnis Dr. Naumann".
[8]DNB-Text vom 10.11.1938
[9]Persönliche Mitteilung von Dr. Naumann an die Autorin.


Soweit die wichtigsten Textstellen aus dem angeblichen
Goebbels-Tagebuch, die sich auf die Ereignisse anläßlich der "Kristallnacht" beziehen.

Als Ergänzung des in der Tabelle eingefügten Kommentars lassen wir anschließend einen Augenzeugen zu Wort kommen.

Zeugnis von Dr. Werner Naumann

Dr. Naumann war Staatssekretär von Dr. Goebbels und der Chef des Ministeramtes. Er hatte Dr. Goebbels nach München begleitet und war dort ständig mit ihm zusammen. In verschiedenen Briefen und in Gesprächen mit der Autorin hat er zu den Ereignissen am 9. November 1938 Stellung genommen. Aus diesen Zeugnissen wird nachstehend zitiert.

Dr. Naumann erklärte folgendes:[1]

»Ich habe an der Vereidigung vor der Feldherrnhalle selbst teilgenommen und bin anschließend ins Hotel gefahren. Von da ab bis zu unserer Ankunft in Berlin war ich ständig mit Dr. G. zusammen. Wir fuhren direkt vom "Bayerischen Hof" [Hotel] an der brennenden Synagoge vorbei zum Bahnhof und anschließend mit dem fahrplanmäßigen Nachtzug von München nach Berlin zurück. Beim Anblick der brennenden Synagoge war Dr. G. entsetzt, was aus seiner Bemerkung hervorgeht: "Das verstehen also die Münchner unter Nationalsozialismus! Sie sind und bleiben eine NS-Hago[2]." Zum Zeitpunkt unserer Abfahrt aus München war der ganze Umfang der Aktion nicht bekannt. Unterwegs auf den Hauptstationen erhielt der Pressereferent die neuesten Meldungen. Bis wir in Berlin waren, wußten wir von einem erheblichen Umfang der Ausschreitungen einschließlich derer in der Reichshauptstadt.

Als wir morgens in Berlin ankamen, begrüßte uns Görlitzer [der stellvertretende Gauleiter von Berlin] auf dem Bahnhof und berichtete von den Ereignissen der letzten Nacht. Der Doktor war auf das äußerste empört und machte aus seinem Unwillen kein Hehl, was um so unangenehmer war, als inzwischen viele Mitreisende ihn erkannt und sich in seiner Nähe angesammelt hatten. Es gelang mir mit Mühe die beiden miteinander diskutierenden Herren zu bewegen, ihre laute Besprechung im Auto fortzusetzen. - Sie wissen, wieviel Wert Dr. G. darauf legte, daß Berlin als Reichshauptstadt geradezu eine Visitenkarte für Ordnung und Sauberkeit sein sollte. In der von ihm geleiteten Reichshauptstadt sollte es keine Kriminalität, keine Tumulte, keine Unruhen geben; geschweige denn einen mit zertrümmerten Schaufensterscheiben übersäten Kurfürstendamm und geplünderte Luxusgeschäfte. Und selbstverständlich auch keine zerstörten Synagogen.«

Exkurs: Die »Judenvermögensabgabe«

In dem Tagebuchtext wird die Kontribution erwähnt, die der jüdischen Bevölkerung nach der "Kristallnacht" auferlegt wurde. Über diese sogenannte Judenvermögensabgabe wird allerdings in den Sachbüchern kaum wahrheitsgemäß berichtet. Daher bringen wir anschließend eine Klarstellung dazu.

Am 12. November 1938, drei Tage nach den skandalösen Ereignissen der "Kristallnacht", erließ der nationalsozialistische Staat mehrere Verordnungen zuungunsten der betroffenen jüdischen Bevölkerung.

Die »Verordnung zur Wiederherstellung des Straßenbildes« vom 12. November 1938 (RGBl. I,1581), die die Inhaber der zerstörten Geschäfte und Wohnungen verpflichtete, die Schäden auf eigene Rechnung beseitigen zu lassen, war allerdings ein zweischneidiges Schwert. In vielen Fällen waren die Juden, die eigentlich getroffen werden sollten, nicht die Inhaber, sondern nur Mieter der Geschäftsräume und Wohnungen. Dann mußte also der nichtjüdische deutsche Besitzer die Schäden bezahlen. Waren allerdings die Juden selbst die Eigentümer, wurden sie doppelt getroffen, weil ihre Versicherungsansprüche zugunsten des Staates eingezogen wurden.

Die berüchtigtste der neuen Vorschriften war die »Verordnung über eine Sühneleistung der Juden deutscher Staatsangehörigkeit« vom 12. November 1938 (RGBl. I,1579), offiziell »Judenvermögensabgabe« genannt. Mit dieser Verordnung wurde den »Juden deutscher Staatsangehörigkeit in ihrer Gesamtheit [...] die Zahlung einer Kontribution von einer Milliarde Reichsmark an das Deutsche Reich auferlegt.«

Diese Verordnungen sind sicher kein Ruhmesblatt für die deutsche Justiz. Und es nimmt nicht wunder, daß alle Publikationen, die sich mit der nationalsozialistischen Judenpolitik befassen, vor allem diese »Sühnemaßnahmen« (wie es damals hieß) mit Abscheu hervorheben. Diese Empörung ist wohl zu verstehen, weniger allerdings die Leichtfertigkeit, mit der von einzelnen Autoren Gesetzestexte verbogen, falsch ausgelegt und in ihr Gegenteil verkehrt werden.

Als Kommentar dazu liest man in der Regel, daß diese Verordnung die Juden insgesamt an den Bettelstab brachte, sie zumindest aber zu Sozialhilfeempfängern herabwürdigte. »Wirtschaftlicher Ruin, Verlust der Existenzgrundlage, maßlose materielle Schädigung« seien die Folgen gewesen.[3] Viele hätten ihre letzten Einrichtungsgegenstände verkaufen müssen, um die Vermögensabgabe leisten zu können. Außerdem habe das Reich die erstatteten Versicherungsgelder in Höhe von 225 Millionen RM praktisch als zusätzliche Kontribution kassiert.[4] Andere sprechen von einer »Goldmilliarde«, »womit den armen Menschen auch das letzte an Materiellem weggenommen wurde[5]

David Irving in seinem Arbeitszimmer

Diese Darstellung entspricht nicht den Tatsachen. Und sie beruht auch nicht auf dem Unwissen der Autoren solcher Geschichtsbücher, sondern ist eindeutig Geschichtsfälschung. In vielen Fällen werden die Gesetzestexte absichtlich nur auszugsweise zitiert und alles ausgelassen, was der tendenziösen Darstellung des betreffenden Autors widerspricht.[6]

Das Gesamtvermögen der in Deutschland lebenden Juden wurde damals offiziell mit 9 Milliarden RM angesetzt, so daß also ca. ein Zehntel des Vermögens eingezogen werden sollte. Tatsächlich betrug das Vermögen aber einerseits 10 bis 12 Milliarden RM[7], und andererseits wurde die veranschlagte Summe von einer Milliarde nie erreicht.

Die einzelnen Juden wurden aufgrund einer Vermögensanmeldung veranlagt, zu der sie bereits zum 26. April 1938 verpflichtet waren, jedoch unter Berücksichtigung aller Verbindlichkeiten und Änderungen, die sich bis zum November ergeben hatten (DVO zur Judenvermögensabgabe vom 21. November 1938, § 3, Abs. 2).

Die zu überweisende Summe betrug 20 % des angegebenen Vermögens. Dabei wurde der Gesamtwert des Vermögens auf volle 1.000 RM nach unten abgerundet (a.a.O., § 3, Abs. 5). Die Abgabe war in vier Teilbeträgen bis zum August 1939 zu entrichten (a.a.O., § 4, Abs. 1.2).

Nicht von der Abgabe betroffen waren Inhaber von Vermögen bis 5.000 RM und natürlich alle mittellosen Juden (a.a.O., § 3, Abs. 4). 5000 RM hören sich zwar jetzt nicht bedeutend an, aber die Summe entspricht heute immerhin einem Kapital von über 50.000 DM.

Die Entschädigungen, die die Versicherungen geleistet hatten, mußten zwar an das zuständige Finanzamt überwiesen werden, wurden aber voll auf die Vermögensabgabe angerechnet (a.a.O., § 7). In vielen Fällen machten sie bereits den Betrag aus, der zu zahlen gewesen wäre, so daß keine Extrabelastung entstand. Allerdings wurden sie ungerechterweise auch dann voll einbehalten, wenn sie die 20prozentige Kontribution überstiegen.

Der Zweck dieser Verordnungen war, den Juden das Leben in Deutschland so schwierig und unangenehm zu machen, daß sie sich zur Auswanderung entschlossen. Er bestand aber nicht darin, wie viele Autoren meinen, die jüdischen Bürger durch gesetzliche Bestimmungen völlig zu enteignen und sie zu Sozialfällen zu machen. Dann wären die verarmten Juden letzten Endes ja dem Staat zur Last gefallen. Was man wollte, war, die Juden mit aller Macht aus Deutschland vertreiben. Aber ein völlig mittelloser Jude hätte eine Auswanderung gar nicht bewerkstelligen können - und hätte auch gar kein Interesse mehr daran gehabt.

Fazit

Die sorgfältige Lesung der von Irving veröffentlichten Tagebuchtexte hat, soweit sie die "Kristallnacht" betreffen, so viele Fehler und Widersprüche ergeben, daß man sie als Fälschung bezeichnen muß. Die Tatsache, daß es für diesen Zeitraum nur sowjetische Abschriften gibt und keinerlei Originalunterlagen zur Verfügung stehen, unterstreicht diesen Befund noch. Es ist erstaunlich, wie jemand, der sich mit historischen Texten auskennen sollte, auf diese Falsifikation hereinfallen und sie für echt halten konnte. Jedenfalls bedarf es anderer Beweise, um Dr. Goebbels als Initiator der antisemitischen Ausschreitungen vom 9./10. November 1938 identifizieren zu können.


Anmerkungen

[1]Persönliche Mitteilungen Dr. Naumanns an die Autorin, schriftlich festgelegt in Briefen vom 15.1., 24.1. und 27.3.1979.
[2]Mit »NS-Hago« meinte Goebbels die »Nationalsozialistische Handels- und Gewerbe-Organisation« als Inbegriff des organisierten Spießbürgertums, das seinem sozialistisch eingestellten Charakter in tiefster Seele zuwider war. Dieser Begriff stammt aus dem Anfang der nationalsozialistischen Bewegung, als Dr. Goebbels noch einer Anti-Hitler-Richtung unter den beiden Brüdern Strasser angehörte. Die »Münchner«, also Hitler und seine Anhänger, waren ihm damals höchst suspekt.
[3]Walter Hofer (Hg.), Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945, Frankfurt/M. 1957, S. 273.
[4]Avraham Barkai, Vom Boykott zur "Entjudung". Der wirtschaftliche Existenzkampf der Juden im Dritten Reich 1933-1943, Frankfurt/M 1988, S. 151.
[5]Herbert Lewin in: Jude. Materialien zum 40. Jahrestag der Synagogenzerstörungen in Hessen, Frankfurt a.M. 1978, S. 1.
[6]z.B. Wolfgang Scheffler, Judenverfolgung im Dritten Reich, Berlin 1964, S. 31, 76; Hofer, aaO., S. 294f.
[7]Barkai a.a.O., S. 116

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(2) (2001), S. 196-203.


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