Bücherschau

Ein Standardwerk über die modernen deutschen Armeen

Von Frank Weidenfeld

Hannsjoachim W. Koch, Die deutschen Armeen im 19. und 20. Jahrhundert, Vohwinckel, Berg am See 1999, 844 S. gb., DM 68,-

»Hinzu kommt das Problem der sogenannten "Vergangenheitsbewältigung". Jene, die wie der Verfasser in den 50er und 60er Jahren glaubten, mit zunehmendem zeitlichem Abstand, 20, 30 oder 40 Jahre, würde sich so manches objektiver und leidenschaftsloser diskutieren lassen, haben sich gründlich geirrt. "Solche Fragen können Sie hier in England stellen" entgegnete dem Verfasser vor nicht allzu langer Zeit ein bekannter deutscher Ordinarius, "aber in der Bundesrepublik liegen die Verhältnisse anders. Glauben Sie, ich möchte beruflichen Selbstmord begehen?" Dem sei ein Zitat aus einer Rezension der Militärgeschichtlichen Mitteilungen, 57, 1998, S. 581 hinzugefügt: "Hätte ein deutscher Historiker das Hohelied auf diesen ,verlorenen Haufen‘ geschrieben, würde man ihn gemäß der obwaltenden Geringschätzung des Militärs und der ,Sekundärtugenden‘ wahrscheinlich als unverbesserlichen Militaristen bezeichnen und in die rechte Ecke stellen. Hier wird nun die ,hommage‘ auf diesen Jagdverband (gemeint ist der JV44 unter Galland) und die durch ihn verkörperten Tugenden von einem Engländer mit anerkennenswerter Differenziertheit des Urteils dargebracht…" Mehr als ein halbes Jahrhundert nach der deutschen Niederlage ist das geistige Klima in Deutschland vergifteter denn je zuvor. Und es ist gesetzlich abgesichert; Volksverhetzung, entwickelt sich zu einem Gummiparagraphen, wie weiland einst jene Gesetze, die der NS-Volksgerichtshof ganz nach Belieben in seinem Sinne interpretierte. Auf breiterer Basis ist jetzt der Wanderzirkus eines als kriminell Vorbestraften, der sich Historiker nennt, finanziell unterstützt von einem Mäzen, der sich wahrscheinlich über sein NS-Elternhaus als vorbelastet fühlt, an seine Heimstätte zurückgekehrt. Trotz verschiedener Falsifikate, besonders im Bereich der Betitelung von Fotografien, ist ihm ein voller Erfolg beschieden gewesen. Was allerdings weniger über die Qualität der Ausstellung aussagt, als über das Niveau ihrer Besucher. Der Deutsche hat, zumindest wird ihm das im Ausland nachgesagt, einen Hang zur Perfektion. Das mag sein, aber es muß auch hinzugefügt werden, daß dieser Perfektionismus leicht zur Übertreibung, und zwar in jeder Hinsicht, führt. Auch in der "Vergangenheitsbewältigung".«

Ein Buch, daß mit einem solchen Paukenschlag beginnt, verspricht, das Herz des aufgeklärten Lesers zu erwärmen. Wer allerdings vor 844 Seiten Kleingedrucktem zurückschreckt (davon 610 S. Fließtext), der sollte es sich noch mal überlegen.

Der Rezensent muß offen gestehen, daß ihm der erste Teil des Buches am besten gefallen hat, nicht nur, weil ich fritzisch gesinnt bin, sondern auch, weil diese Epoche noch voll militärischer Siege war und im wesentlichen frei vom Gift der politischen Lügenpropaganda, jungfräulich eben. An einigen Stellen mußte ich sogar herzerfrischend lachen, so gekonnt geschrieben ist dieses Kapitel über den größten König, den Deutschland je hatte.

Koch schreibt nicht nur Militärgeschichte, sondern auch Kriegsgeschichte, denn es gibt kaum einen Konflikt, den er nicht bis ins Detail beleuchtet. Dabei geht er äußerst detailliert und mit einer erkennbar großen Sachkenntnis zu Werke. Jeder militärische Entscheidung, jede rüstungspolitische Planung, jedes gesellschaftliche Phänomen, das auf das Militär Einfluß hat, wird genauestens beleuchtet. Das Buch ist also etwas für all jene, die es wirklich ganz genau wissen wollen. Allerdings ist die Detailfülle bisweilen derart ausufernd, daß das Buch manchmal etwas ermüdend wirkt. Es bedarf somit der preußisch-militärischen Disziplin, um es mit allen 610 Seiten auf einmal aufzunehmen.

Die Detailfülle und das ausführliche Eingehen auf allerlei politische und gesellschaftliche Ereignisse der jeweiligen Zeit hat freilich auch den Vorteil, daß man zum Beispiel die Gründe, die zum Ersten Weltkrieg führten, wesentlich besser präsentiert bekommt als in so manch anderem Buch, das sich ausschließlich dieser Frage widmet, denn Koch spannt den Bogen sehr weit, stellt intensive Vergleiche mit den Armeen und politischen Entwicklungen und Entscheidungen von Deutschlands Nachbarstaaten an und bringt das alles in den Kontext der verschiedenen politischen und militärischen Ereignisse und Konstellationen der jeweiligen Zeit.

Alles in allem ist dieses Buch der gelungene herkulische Versuch, sich dem seit einem Jahrhundert über den deutschen Armeen ausgeschütteten Unrat entgegenzustellen und die Fakten wieder ans Tageslicht zu bringen und in Erinnerung zu rufen. Da übersieht man auch mal gerne, daß der Satz des Buches nicht gerade perfekt gelungen ist.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(2) (2001), S. 226.


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