Großterrorismus und die Folgen

Von Dipl.-Chem. Germar Rudolf

Die schrecklichen Terrorangriffe auf das World-Trade-Center und das Pentagon vom 11. September 2001 haben auch die Redaktion der Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung nicht ganz unberührt gelassen. Dies Ihnen darzulegen fühlen wir uns verpflichtet, denn es erklärt nicht nur die Schwierigkeiten, die wir hatten, diese Ausgabe überhaupt herausgeben zu können, sondern wirft auch ein bezeichnendes Licht auf die Welt im allgemeinen, in der wir leben.

Anzeige. Zum Vergößern anklicken

Für diese Ausgabe von VffG waren zwei Beiträge vorgesehen, die über einen interessanten juristischen Fall berichten, der sich zur Zeit in den USA entfaltet. Die Hauptverhandlung dieses Falles sollte Ende September stattfinden, jedoch lief dann schließlich alles anders ab, da aufgrund des Zusammenbruchs des Luftverkehrs Gerichtsdokumente ihr Ziel nicht rechtzeitig erreichten und schließlich sogar Teile des Gerichtspersonals aufgrund massiver Sicherheitskontrollen erst sehr verspätet zum Termin erscheinen konnten. Es kam daher zu einer Vertagung des ganzen Falles, weshalb wir uns veranlaßt sahen, die vor Ihnen liegende, im September bereits im Druck befindliche Ausgabe anzuhalten und die den Fall betreffenden Beiträge auf eine spätere Ausgabe zu verschieben und hier durch andere zu ersetzen. Wir bitten daher um Verständnis, daß diese Ausgabe etwas verspätet bei Ihnen eingeht.

Ich selbst war von den Ereignissen in New York betroffen, was ich zum Anlaß nehmen darf, um die Dinge hier einmal ein wenig unter die Lupe zu nehmen, denn es gibt nicht nur unter Deutschlands "Rechten" Elemente, die offenbar nicht begriffen haben, was sich hier abspielt (vgl. den Beitrag von R.J. Eibicht), sondern auch unter den Revisionisten.

Auf die Frage, ob die Bekämpfung des Regimes von Saddam Hussein durch umfassende Einfuhrboykotte den Tod von einer halben Million unschuldiger irakischer Kinder rechtfertige, beantwortete die damalige US-Außenministerin Madelein Albright einst mit ja:

Frage: »Wir haben gehört, daß eine halbe Million Kinder gestorben ist [als Folge der Sanktionen gegen den Irak]. Ich meine, das sind mehr Kinder als in Hiroshima gestorben sind. […] Ist es diesen Preis wert?«

Albright: »[…] Wir denken, daß es das wert ist.« (US-Polit-Fernsehmagazin 60 Minutes, 12.5.1996).

Die Amerikaner bezeichnen derartige Schäden als »collateral damage«. Nun haben sie das erste Mal in ihrer Geschichte die ersten eigenen derartigen Schäden zu beklagen, zugefügt von einem unsichtbaren und unbekannten Feind.

Es gibt zynische Stimmen, die behaupten, immerhin seien die USA ja eine Demokratie und somit das Volk direkt verantwortlich für die Außenpolitik der USA. Es müsse daher damit rechnen, für diese Politik zur Verantwortung gezogen zu werden. Die Bürger des Irak dagegen lebten in einer Diktatur und könnten sich ihres Führers nicht erwehren.

Diese Argumentation ist verführerisch, aber genauso irreführend, denn die USA sind eine Plutokratie, wo nur Präsident werden kann, wer das "Große Geld" hinter sich weiß. Ohne die Unterstützung durch die im Besitz von Großindustrie und Hochfinanz befindlichen Medien und ohne die Finanzierung des Multi-Millionen teuren Wahlkampfes wird niemand in den USA auch nur ein Präsidentschaftskandidat. Es ist daher zumindest naiv, die Verantwortung für die Politik der Hochfinanz den im World Trade Centers (WTC) arbeitenden Angestellten unterzuschieben.

Doch lassen Sie mich das Problem noch etwas deutlicher machen, indem ich es auf eine persönliche Ebene stelle, wo es hoffentlich alle meine Leser nachvollziehen können.

Eine Freundin von mir, die in einigen Monaten meine zweite Frau sein könnte, stammt aus Manhattan. Ihre Familie lebt nördlich des WTC. Besagte Freundin befand sich am Morgen des Dienstags, dem 11. September 2001, in Manhattan in einem Restaurant, wenige Kilometer vom WTC entfernt. Für den Nachmittag hatte sie mit einer Freundin einen Einkaufsbummel in den Einkaufsetagen des WTC geplant. Aus bekannten Gründen ist es dazu dann nicht mehr gekommen. Noch eine Woche zuvor hatte ich mit dem Gedanken gespielt, sie nach New York zu begleiten. Was wäre nun gewesen, wenn…?

Der Anschlag hat Unschuldige getötet, und er hätte auch mich töten können, einen Gegner der US-Außenpolitik und einen Sympathisanten der völkerrechtlich gedeckten Forderungen der arabischen Völker. Wenn also jemand irgendwo Schadenfreude über das empfindet, was in Amerika geschah, so möge er doch bitte darüber nachdenken, was er von jemandem halten würde, der Schadenfreude über eine Gewalttat empfindet, durch die Sohn oder Tochter, Ehefrau oder Ehemann, Freund oder Freundin umkamen. Der grundlegendste menschliche Anstand und die wichtigsten menschlichen Empfindungen sollten eine solche Schadenfreude gar nicht erst aufkommen lassen.

Es ist immer noch ungewiß, wer hinter diesem Anschlag steckt, aber alle Verdachtsmomente weisen auf islamische Fundamentalisten hin. Letztlich kommt es aber gar nicht darauf an, wer die Urheber sind. Wer die unschuldigen Opfer von Dresden und Hiroshima beklagt, darf auch nicht eine Sekunde lang Schadenfreude über die genauso unschuldigen Opfer von New York und Washington verlieren, nur weil er die US-Außenpolitik nicht mag.

Seit dem 11. September geht die Angst um in den USA. Man fürchtet für die Zukunft das Schlimmste: Terroristen könnten eine in einer Yacht eingeschmuggelte Atombombe in New York explodieren lassen, die Staudämme Südkaliforniens unter Anschlägen kollabieren lassen und damit die Metropole Los Angeles austrocknen, oder mit einfach auszuführenden biologischen bzw. Giftgas-Kamikazeangriffen Amerikas Bevölkerung dezimieren und seine Wirtschaft paralysieren. Zu glauben, dies würde die USA zur Änderung ihrer Außenpolitik verleiten, ist aber eine Illusion; das Gegenteil dürfte der Fall sein, denn derartige bestialische Gewalt treibt die Bevölkerung nur in die Arme der eigenen Regierung, wie die deutsche Erfahrung zwischen 1941-1945 beweist. Erst, wenn man die USA derart in die Steinzeit zurückbomben würde, wie diese es im Zweiten Weltkrieg mit Japan und Deutschland getan haben, würden sie wohl ihre Außenpolitik überdenken, und selbst das dürfte zweifelhaft sein. Welche wahnsinnige Kalkulation liegt also hinter der offensichtlichen Eskalationstaktik der Attentäter?

Es ist sicher richtig, daß die nicht immer weise und ausgewogene US-Außenpolitik eine der Ursachen für den Anschlag ist, aber das kann in keiner Weise zur Rechtfertigung der Tat herhalten, noch darf dies dazu führen, daß man sich der notwendigen Solidarität im Kampf gegen den Terrorismus entzieht. Die Ereignisse des 11. Septembers waren nicht lediglich eine Zäsur für Amerika, sondern für die Welt insgesamt. Dieses grauenhafte Beispiel des extrem effektiven und einfach auszuführenden massenmordenden Terrorismus setzt ein Beispiel, das von anderen nachgeahmt werden wird. Islamische Fundamentalisten sind nicht die einzigen Menschen, die zu so etwas fähig sind.

Mann stelle sich nur vor, es gäbe in der Zukunft einst ein anderes, revisionistisches Deutschland, das dann von anderen, entgegengesetzten Terrorgruppen ebenso mit Tod und Vernichtung überzogen würde? Ansätze dazu gab es ja bereits nach dem Zweiten Weltkrieg, als kleine Terrorgruppen in Deutschland einsickerten und Tausende unschuldiger Deutscher ermordeten (vgl. VffG 2/01, S. 228-230).

Wenn man außerdem die Schadensfähigkeit des Terrors vor 100 Jahren mit dem von heute vergleicht, so kann es einem nur grauen vor der gigantischen Vernichtungswut, welche der Terrorismus in weiteren 100 Jahren mit den dann zur Verfügung stehenden Technologien wird freisetzen können. Schon ein einziger religiöser oder politischer Fanatiker mag in einigen hundert Jahren vielleicht in der Lage sein, die ganze Welt zu vernichten.

Dies ist das Menetekel von New York, nicht die Frage, ob die Nahost-Politik der USA gerecht ist oder nicht. Wer sich daher der Solidarität im Kampf gegen den Terrorismus entzieht, entzieht sich jeder politischen Verantwortung im Angesicht eines kaum zu überschätzenden Risikos für jede einzelne Nation wie für die Menschheit insgesamt.

Es herrscht wieder einmal Krieg, weltweit. Zu hoffen ist, daß er nicht eskaliert und weitere Unschuldige zu Opfern macht, auf beiden Seiten. Notwendig wäre in der Tat ein Überdenken der US-Außenpolitik im Nahen Osten, allerdings scheint nun gerade das Gegenteil der Fall zu sein, denn im Schatten von New York hat Israel in den letzten Wochen eine rücksichtslose Politik der "ethnischen Säuberung" und der Unterdrückung der Intifada in Palästina durchgeführt, und die USA scheinen nun noch eher bereit zu sein, im Nahen Osten auf alles einzuschlagen, was nicht pariert.

Gab es vor dem 11. September für Israels Aggressionen massive Schelte, so schweigen die Medien nun. Anti-Arabismus und -Islamismus machen sich im Westen breiter denn je, in den USA kommt es sogar zu Übergriffen gegen Menschen arabischer Herkunft. Der Sache der Palästinenser und aller Araber und Moslems wurde durch die Terroranschläge ein ungemein großer Schaden zugefügt, und damit auch all jenen, die irgendwie mit diesen Gruppen sympathisieren. Dazu gehört auch der Holocaust-Revisionismus, der mindestens seit der Affäre Abbé Pierre/Roger Garaudy eine sich stetig verbessernde Beziehung zu arabischen Intellektuellen aufgebaut hat (vgl. dazu VffG 1/97 und 1/01, 2/01).

Der Frage "Wem nützt es" folgend, kommt es daher nun besonders in den arabischen Ländern und Gemeinden in der Diaspora zu wilden Spekulationen, ob nicht vielleicht der Mossad selbst hinter den Anschlägen stecken könnte. Solche Spekulationen haben kaum eine Basis, aber sie zeigen, wie alle Beteiligten bzw. Betroffenen nun Schuldvorwürfe gegeneinander erheben, wie man sich mehr und mehr von einer friedlichen Verständigung entfernt, sich entfremdet.

Die Anschläge vom 11. September haben aber darüber hinaus noch weitere Schäden verursacht, nämlich im Bereich der Menschen- und Bürgerrechte, und das wird womöglich auch dem Revisionismus noch Schaden zufügen.

In Kriegszeiten tendieren alle Staaten dazu, die Bürgerrechte "aus Sicherheitsgründen" einzuschränken. Es ist aber ebenso eine Regel, daß diese Einschränkungen nach Beendigung des Krieges fast nie aufgehoben werden. Man erinnere sich nur an die Notstandsgesetzgebung Westdeutschlands im Kalten Krieg. Auch Terror dient oft als Rechtfertigung von Gesetzesverschärfungen mit einhergehenden Einschränkungen der Menschenrechte, so etwa in den 70er Jahren im Zuge des Baader-Meinhof-Terrors und des in den 80er Jahren eskalierenden Terrors der organisierten Kriminalität. Leider lehrt die Geschichte, daß es erst zu staatlichen Exzessen gegen Unschuldige kommen muß, bevor derartige übermäßige Einschränkungen der Menschenrechte wieder rückgängig gemacht werden, oft sogar erst durch den Kollaps des ganzen Staates bzw. zumindest seines politischen Systems. Deutschland hat dafür ja leider eine traurige Reihe schlechter Erfahrungen.

Die USA und mit ihr ihre Verbündeten befinden sich nun auf dem gleichen Kriegspfad. Bisher gab es in den USA beispielsweise weder eine Melde- noch eine Ausweispflicht für US-Bürger. Das soll nun geändert werden, zusammen mit einer ganzen Reihe von Spielraumausweitungen im Einwanderungs- und Polizeirecht. Parallel dazu wird wohl nun das Auslieferungsrecht in der EU ganz abgeschafft und durch einen europaweit geltenden Haftbefehl ersetzt werden, der zwar zunächst auf den Terrorismus beschränkt bleibt, aber ein weitergehender Entwurf liegt dem Europarat bereits vor. Es mag also nur eine Frage der Zeit sein, bis Revisionisten vom Schlage Carlo Mattognos oder David Irvings mit einem von Hans-Heiko Klein unterzeichneten Haftbefehl in ihren Heimatländern verhaftet und in ein deutsches Gefängnis deportiert werden.

Schöne Neue Welt!


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 5(3) (2001), S. 242f.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis